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Agenturgründer zieht nach einem halben Jahr Corona-Zwischenbilanz

Nach fünf Jahren in Diensten von Naxos gründete Rainer Aschemeier im Frühjahr 2020 die Agentur Klassik21 - genau in die losbrechende Corona-Krise hinein. Im Gespräch mit MusikWoche schildert der Fimengründer seine Start-up-Erfahrungen.

19.10.2020 10:05 • von
Rechnet mit einem schwierigen Winter, dann aber mit einer nachhaltigen Besserung der Lage: Rainer Aschemeir (Bild: Jörg Mitzkat)

Nach fünf Jahren in Diensten von Naxos gründete Rainer Aschemeier im Frühjahr 2020 die Agentur Klassik21 - genau in die losbrechende Corona-Krise hinein. Im Gespräch mit MusikWoche schildert der Fimengründer seine Start-up-Erfahrungen.

MusikWoche: Wann haben Sie den Entschluss gefasst, sich selbstständig zu machen?

Rainer Aschemeier: Eigentlich schon vor zehn Jahren nach ersten Stationen bei Brockhaus/Duden und der WBG. Zu Naxos kam ich 2015 aus einer mehrjährigen Redakteurs- und Musikjournalismus-Selbstständigkeit und übernahm die Presseabteilung aus dem Home Office. Ich habe bei Naxos viele Freiheiten genossen, habe aber auch viel geleistet und bin dankbar für die gute, gemeinsame Zeit. Nach fünf Jahren merkte ich, wie viele Ideen ich hatte, um meine eigenen Vorstellungen von moderner PR zu entwickeln. Also habe ich Klassik21 gegründet.

MusikWoche: War Corona da schon absehbar?

Rainer Aschemeier: Nein, ich hatte bereits im Herbst 2019 gekündigt. Haben Sie noch einmal kalte Füße bekommen, als die Krise sich zunehmend abzeichnete? Meine Agentur Klassik21 hatte ich Mitte März 2020 gerade eröffnet, als der Lockdown eintrat. Da wollte ich nicht sofort wieder schließen, sondern es wenigstens versuchen. Zu meiner Überraschung lief das Geschäft sofort gut an und es kam seitdem nicht zur Auftragsflaute.

MusikWoche: Was für Erfahrungen haben Sie in den ersten sechs Monaten mit der neuen Agentur gemacht?

Rainer Aschemeier: Die Kernerfahrung ist wieder einmal: Wir sitzen alle im selben Boot - Künstler, Veranstalter, Journalisten, Promoter, Kulturpolitiker, Kulturinvestoren. Das ist wie bei einem Baum: Wenn es an den Wurzeln krankt - also bei der aktiven Musikausübung - dann kommt das irgendwann auch bei jedem Ast an. Insofern bin ich erstaunt, dass die gesellschaftliche, insbesondere aber auch die enorme ökonomische Bedeutung der Musikbranche offenbar noch immer unterschätzt wird. Ansonsten kann ich nur bestätigen, dass eine Krise das wahre Wesen der Menschen offenbart. Das ist mal ernüchternd, mal beeindruckend.

_____"WIR SITZEN ALLE IM SELBEN BOOT - KÜNSTLER, VERANSTALTER, JOURNALISTEN, PROMOTER, KULTURPOLITIKER, KULTURINVESTOREN." Rainer Aschemeier.

MusikWoche: Fluch oder Segen: Hätten Sie ohne Corona einen leichteren Start gehabt, oder war Ihr Portfolio an Dienstleistungen gerade jetzt besonders gefragt?

Rainer Aschemeier: Einen Segen kann ich zwar absolut nicht erkennen, aber die Krise ist auch nicht nur Fluch. Einerseits wollte ich Livekonzert-PR und Seminare zum Thema Selbstmarketing für Künstler anbieten - das konnte ich bis dato vergessen - doch dafür sind andererseits durch frei gewordene redaktionelle Kapazitäten, die sich sonst mit Konzertkritik beschäftigt haben, neue Optionen für die Album-PR entstanden. Und ein Projekt wie Beethoven32.com, das Blog von Boris Giltburg zum Beethovenjahr, erhielt durch die plötzliche Offenheit für Streamingangebote viel Aufmerksamkeit - sicherlich mehr als ohne Lockdown. Es entstand - leider vorübergehend - ein regelrechter Hunger nach Musikthemen, und es wurde endlich wieder wahrgenommen, wie wichtig Tondokumente sind.

MusikWoche: Was erwarten Sie in den kommenden Monaten?

Rainer Aschemeier: Ich erwarte, dass ein Teil der Krise erst noch seine volle Wucht entfaltet, weniger bei den Labels, aber im Umfeld der Konzertveranstalter und Musikmagazine. Letztere sollten alle, die sich für Musik interessieren - so mein Aufruf - gerade jetzt verstärkt kaufen und lesen! Ansonsten erwarte ich nach einem vermutlich schwierigen Herbst und Winter mit mancherlei Rückschlägen eine schrittweise, dann aber nachhaltige Besserung der Lage.

Fragen: Knut Schlinger