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Verschärfte Corona-Maßnahmen bremsen SoundTrack_Cologne massiv ein

Am Abend des 14. Oktober sollte in Köln der Startschuss zu SoundTrack_Cologne fallen. Doch die jüngsten Corona-Maßnahmen machten den Veranstaltern um Michael Aust einen Strich durch die Rechnung. Der Televisor-Geschäftsführer plante den Branchentreff der Filmmusikszene binnen weniger Stunden zum dritten Mal im laufenden Jahr neu.

15.10.2020 10:04 • von
Hat Arbeit, Energie und Herzblut in den Branchentreff der Filmmusikszene investiert, der 2020 vom April in den August wanderte, dann in den Oktober und nun auch hier ausgebremst wird: Michael Aust (Bild: Televisor)

Am Abend des 14. Oktober 2020 sollte in Köln der Startschuss zu SoundTrack_Cologne fallen. Eigentlich. Denn die jüngsten Corona-Maßnahmen von Stadt und Land machten den Veranstaltern um Michael Aust einen Strich durch die Rechnung. Wie er den Branchentreff nun mit Konferenz, Preisverleihungen und Filmprogramm binnen weniger Stunden zum dritten Mal im laufenden Jahr neu plante, was das in Hinblick auf die Kosten und Erträge bedeutet, berichtet der Televisor-Geschäftsführer im Gespräch mit MusikWoche.

MusikWoche: Eigentlich sollte SoundTrack_Cologne am Abend es 14. Oktober starten. Daraus wurde nun kurzfristig nichts. Was sind die Gründe?

Michael Aust: Das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen hat eine Begrenzung der zulässigen Teilnehmerzahl von allen Veranstaltungen und Versammlungen auf 20 Prozent der normalen Kapazität des Veranstaltungsortes verfügt. Damit hätten sich nicht einmal mehr unsere 70 Speaker in unserem Veranstaltungsort gleichzeitig aufhalten dürfen.

MusikWoche: Wann haben Sie als Veranstalter von diesen Änderungen erfahren?

Michael Aust: Wir haben am Dienstag, den 13. Oktober, um 18.25 Uhr die Information vorab von der Stadt Köln erhalten, die Verfügung sollte am nächsten Tag, dem 14. Oktober - dem Tag unserer Eröffnung - in Kraft treten. Es ist einfach absolut rücksichtslos, ohne jede Vorwarnzeit so eine Entscheidung zu verfügen, die einem Lockdown gleichkommt. Man fragt sich, warum die Veranstalter im Kulturbereich mit Millionen vom Land und der Stadt unterstützt werden, um unsere Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen sicher durchführen zu können, wenn es am Ende nicht mal die kleinste Chance gibt, dass es umsetzbar bleibt. Es gibt keinerlei Hinweise, dass sich in NRW oder Deutschland jemals jemand in Kino, Theater, Klassikkonzert oder Konferenz angesteckt hätte, alle Veranstalter agieren extrem verantwortungsvoll und wie Musterschüler. Warum wir plötzlich ohne Ankündigung unserer Lebensgrundlage beraubt werden, ist mir völlig schleierhaft. Das steckt kein Nutzen für die Geselllschaft drin - und ganz sicher kein zusätzlicher Schutz.

_____"ALLE VERANSTALTER AGIEREN EXTREM VERANTWORTUNGSVOLL UND WIE MUSTERSCHÜLER." Michael Aust.

MusikWoche: Was bedeutet das für die weiteren Programmpunkte im Kongressbereich, bei den Awards oder beim Filmprogramm?

Michael Aust: Wir waren darauf eingerichtet, parallel zum physischen Event unser Angebot zu streamen - aber angesichts der Massivität der Einschränkung haben wir die Konferenz mit ihren 35 Panels, Workshops und Präsentationen in den letzten 24 Stunden komplett auf Zoom umgestellt. Es müssen nur drei inhaltliche Veranstaltungen ganz ausfallen, darunter bereits das Opening - aber natürlich auch alle Empfänge und Netzwerkveranstaltungen. Die digitale Preisverleihung wird auf die drei Nachwuchspreise eingedampft. Das Filmprogramm mit seinen 30 Filmen kann im Kino stattfinden - aber es ist tragisch, dass in den kleineren Kinos Filme nun mit nur 15 oder 20 Besuchern die zulässige Besucherzahl erreicht ist, ein Kino mit fünf Vorführungen fällt sogar komplett aus. Mir tun besonders die Filmemacher leid, die vor leeren Sälen ihre Filme vorstellen müssen.

____"ES GIBT KEINERLEI HINWEISE, DASS SICH IN NRW ODER IN DEUTSCHLAND JEMALS JEMAND IM KINO, THEATER, KLASSIKKONZERT ODER KONFERENZ ANGESTECKT HÄTTE." Michael Aust.

MusikWoche: Eigentlich sollte SoundTrack_Cologne im April steigen, dann im August, und nun planen Sie die Oktober-Veranstaltung noch einmal digital um, was bedeutet das für Sie als Veranstalter in Hinblick auf Zeit, Kosten und Ertrag?

Michael Aust: Es treibt einen in den Wahn, wenn man nur einen Moment dran denkt, wieviel Arbeit, Energie und Herzblut wir jeweils in die Vorbereitung gesteckt haben - nur um dann in letzter Sekunde ausgebremst zu werden.

MusikWoche: Und was bedeutet das in Hinblick auf die Kosten für Hygienemaßnahmen, die Sie für eine Veranstaltung mit ein wenig mehr Präsenz als nun noch zulässig längst in die Wege geleitet hatten?

Michael Aust: Eigentlich wollten wir ein Zeichen setzen, dass in Zeiten wie diesen Veranstaltungen möglich sind - und relevanter denn je. Wir haben dazu tausende Euro für Plexiglas, zusätzliches Personal, Wegeleitsysteme, Schutzkonzept und so weiter ausgegeben. In der vorletzten Woche konnten wir mit der SoundTrack_Zurich zeigen, dass eine sichere und erfolgreiche Durchführung von Veranstaltungen auch unter Corona-Bedingungen möglich ist. Auch das restliche Zurich Film Festival, dem wir angegliedert waren, ist mit seinen 68.000 Besuchern ohne Zwischenfälle als physischer Event über die Leinwand gegangen. Umso mehr bedauern wir, dass uns als Filmmusikszene nun die Möglichkeit genommen wird, dass sich auch in Köln Menschen persönlich treffen können.

Dennoch sind wir uns sicher, dass unser Programm auch im virtuellen Raum viele interessante Erkenntnisse und Begegnungen ermöglichen wird. Wir hoffen sehr, dass die meisten unserer Akkreditierten in den nächsten Tagen diesen Weg mit uns gemeinsam beschreiten.

_____"DIE POLITIK WIRD UMDENKEN MÜSSEN, WENN UNSER STAAT AUCH NOCH ENDE 2021 EINE NENNENSWERTE KULTURLANDSCHAFT HABEN SOLL." Michael Aust.

MusikWoche: Was, glauben Sie, macht die Corona-Krise mit SoundTrack_Cologne 2021?

Michael Aust: Selbst wenn es im nächsten Jahr eine Impfmöglichkeit gegen Corona gibt, wird uns das Virus dennoch noch mindestens sechs bis zehn Jahre begleiten. Die Politik wird umdenken müssen und viel viel differenzierter und in Abstimmung mit den kulturellen Akteuren handeln müssen, wenn unser Staat auch noch am Ende des Jahres 2021 eine nennenswerte Kulturlandschaft haben soll. Aber ich befürchte sehr, dass das sinnlose Säbelrasseln erst nach der Bundestagswahl aufhören wird - da wird es trotz aller zusätzlicher Coronahilfen für die meisten freien Veranstalter und die Kinos zu spät sein.

Fragen: Knut Schlinger