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Max Mönster über Diversität im Deutschrap

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Max Mönster, ­Labelmanager & A&R von Urban bei Universal Music, über Diversität im Deutschrap.

15.10.2020 09:37 • von Jonas Kiß
Versucht, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen: Max Mönster (Bild: Lennart Brede)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Max Mönster, ­Labelmanager & A&R von Urban bei Universal Music, über Diversität im Deutschrap.

Auf der Reeperbahn Festival Konferenz wurde im Rahmen der Session »Inclusion Matters« tangiert, dass das Wissen um Rap nun eine Akzeptanz erhält, die heutzutage wertvoller sein mag, als die Alben von Pink Floyd in chronologischer Reihenfolge auflisten zu können.

Doch bleibt es eine Herausforderung, jemanden zu finden, der über das komplexe Know-how verfügt und es schafft, dieses für die Kollegen in der Musikindustrie zu übersetzen, und gleichzeitig auch von den Rap- Künstlern respektiert wird.

Was wie eine Figur auf einem Reißbrett erscheint, findet sich wahrhaftig an der Stralauer Allee in Berlin. Tituliert wird er als »erfolgreichster Schattenmann des deutschen Hip-Hop«, offiziell ist Mönster Labelmanager & A&R von Urban/Universal.

In keinem anderen Genre clashen Kulturen zusammen wie beim Rap - wie gelingt es Ihnen, die Balance zu schaffen, zwischen Künstler und Management auf der einen und der Industrie auf der anderen Seite? Ich sehe das überspitzt so: Die ­Industrie ist monochromatisch - das Rap Genre überhaupt nicht und Max ist in der Mitte.

Mir hat mal jemand gesagt, dass genau das im Zweifel mein wichtigstes Alleinstellungsmerkmal in dieser Industrie ist. Auf der einen Seite auf Augenhöhe mit dem Künstler oder Manager sprechen zu können, ihre Vorstellungen und Wünsche zu hören und zu verstehen und es dann mit den richtigen Worten und der nötigen Dringlichkeit ins Haus zu übersetzen und umgekehrt. Ich habe das Gefühl, von beiden Parteien gleichermaßen respektiert und gehört zu werden, nehme auf beiden Seiten aber auch eine kleine Rolle als Sonderling ein.

Viele Künstler, mit denen wir arbeiten, haben einen Migrationshintergrund oder sind teilweise nicht unter den einfachsten Bedingungen groß geworden. Steintor in Bremen, das Viertel, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, ist eine Gegend, in der es ganz normal war, mit verschiedenen Kulturen und Schichten konfrontiert zu werden. Einer meiner engsten Freunde aus der Grundschule war Bürgerkriegsflüchtling aus Somalia, bei uns im Jugendhaus gab einen Gebetsraum für meine muslimischen Freunde und Mannschaftskameraden, in meinem Hort gab es generell kein Schweinefleisch, die Polizei hat regelmäßig Freunde von mir aus dem Unterricht gezogen, während die anderen nach der Schule direkt zum Klavierunterricht beim Privatlehrer sind. Unsere Fußballmannschaft war aus mindestens sieben bis acht Nationalitäten zusammengesetzt.

Die meisten Fragen zu anderen Kulturen wurden mir also schon sehr früh beantwortet und gleichzeitig war das meiste davon für mich als Kind auch völlig normal und somit egal. Es gehörte einfach dazu, und alles war eher spannend und cool anstatt befremdlich und komisch. Vielleicht sind somit einige Dinge etwas verständlicher und nachvollziehbarer für mich.

Einige Rapper merken, dass die Industrie die Einnahmen ihrer Musik will, aber zum Dinner mit den Chefs werden sie nicht eingeladen. Welche Dialoge braucht es intern, um hier ein besseres Verständnis herzustellen?

Ein Künstler, mit dem ich arbeite, hat mal zu jemandem gesagt: 'Ihr Labels wollt Geld mit der Straße verdienen, aber nicht an ihr partizipieren!' Umgekehrt gibt es aber auch Rapper, die von der Power unseres Hauses profitieren möchten, aber sich nicht als Major-Künstler branden lassen wollen. Rap ist aktuell das Genre Nummer eins und seine Protagonisten sind mit Sicherheit zeitweise schillernder und lauter als in anderen Genres. Das ist nicht jedermanns Sache, aber einen Platz an den großen Dinner-Tischen haben wir trotz alledem lange gefunden. Auf der anderen Seite muss auch Deutschrap sich teilweise noch daran gewöhnen, dass seine Sprache und seine Handlungen nicht länger nur für einen kleinen Kreis an Eingeweihten sichtbar sind, sondern dass Rap gerade der neue Pop ist. Somit genießt man auch eine andere Aufmerksamkeit genießt.

Ich persönlich versuche, so oft es geht, intern Leute abzuholen und ihnen zu erklären, warum manche Dinge im Deutschrap vielleicht anders laufen als in anderen Genres. Das hat logischerweise aber weniger mit der Herkunft der Künstler zu tun, sondern vielmehr mit der Deutsch­rap-Szene an sich. Manchmal merkt man erst, während man es jemandem erklärt, wie irre das teilweise alles ist. Aber es gehört halt dazu, und irgendwie liebe ich es auch.

Sollten Rap-Abteilungen anders strukturiert werden?

Nein. Und ich glaube auch, dass es die klassische Rap-Abteilung so gar nicht mehr gibt. Bei Universal Music gibt es Labels wie Urban oder Chapter One, bei denen die Ausrichtung etwas klarer ist als bei anderen, aber auch bei Vertigo/Capitol oder bei Virgin haben bei uns im Haus viele deutsche Rapper/innen eine Labelheimat gefunden. Ich glaube aber auch, dass es nicht reicht, dem Rock A&R einfach die Kappe schief aufzusetzen und ihn auf Deutschrap loszulassen. Das Verständnis für dieses Genre und auch das Wissen um seine Historie ist in meinen Augen sehr wichtig, um hier erfolgreich und langfristig mit Künstlern arbeiten zu können.

Ich finde, eine Ihrer herausstechenden Charaktereigenschaften ist, dass Sie wahrhaft unvoreingenommen sind. Wenn Sie mit anderen Generationen sprechen, merken Sie schnell, die denken nicht so wie ich - worin sehen Sie das begründet? Was können Sie weitergeben?

Das haben Sie lieb gesagt. Aber wieso sollte ich voreingenommen sein? Weil jemand aussieht, wie er aussieht? Weil er spricht, wie er spricht? Weil er vielleicht ein paar andere Ausfahrten im Leben genommen hat als ich? Ich denke, einige Menschen haben einfach Angst vor Dingen oder Menschen, die anders sind als sie selbst. Aber ich bin nicht so narzisstisch zu glauben, dass mein Weg oder die Art, wie ich lebe, der einzig richtige ist. Ich versuche, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen, seine Geschichte zu hören und dann in einen Austausch zu kommen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dir die Leute dann auch besser zuhören, ein Verständnis für dich und dein Denken entwickeln. So kann man sich sehr schnell auf Augenhöhe begegnen. Plus: ich halte mich für einen eher empathischen Menschen, was sicherlich hilft. Branchenintern muss man, glaube ich, die richtige Mischung aus Demut und Größenwahn finden.

Ich habe die Arbeit in der Industrie von der Pike auf gelernt und habe viele Jahre alles aufgesaugt, was mir Leute als Tipps mitgegeben haben, parallel dazu entwickelt man aber auch ein gesundes Selbstbewusstsein für das, was man kann und findet seinen eigenen Platz und seine eigenen Regeln in diesem Spiel. Ich kann Menschen und Geschmäcker nicht verändern, aber ich kann mindestens versuchen, für ein Verständnis zu sorgen, und das ist mir in der Vergangenheit eigentlich auch immer gelungen. Und ich merke auch, dass es besser wird. Auch weil niemand an diesem Genre mehr vorbeikommt und es wenigstens für die tägliche Arbeit wichtig ist, mehr darüber zu wissen als komische Handzeichen und 'Yo-Yo-Yo' sagen.

Auf der Künstlerseite wiederum wissen oder merken die meisten, dass ich nicht zufällig zu deutschem Rap gekommen bin. Ich war Teil dieses Genres, bevor ich Teil der Musikindustrie war, also gilt mein Respekt immer zuerst auch dem Künstler und seiner Kunst. Ich bin Fan geblieben und versuche einfach, eine Situation zu schaffen, in der beide Seiten davon profitieren können.

zur Person

Max Mönster, geboren am 14. Dezember 1984 in Bremen, begann seine Karriere im Musikgeschäft 2006 bei EMI Music Germany in Köln, wo er eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvierte. Seit 2013 arbeitet er bei Universal Music, wo er seit 2015 als Label Manager und A&R beim HipHop-Label Urban tätig ist. Dort arbeitete und arbeitet er mit Künstlern wie Sido, Haftbefehl, MoTrip, Nimo, Pashanim, Olexesh, Vega, Kalim oder Luciano. Unter dem Namen MontanaMax hat Max Mönster als Rapper in den 2000er Jahren selbst einige Alben, Mixtapes und EPs auf den Markt gebracht.

Stefanie Kim wurde 1977 in Deutschland geboren. Ihre Leidenschaft für Musik zog sie nach Köln. Dort betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC GIGA. Die Redaktion wurde für das innovative Format mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. 2000 ging es für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI als TV-Promoterin. Zu den Glanzzeiten von Capitol Records betreute sie unter anderem Coldplay, Blur, Kylie Minogue und ihre Idole - die Beastie Boys. 2005 ging es vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie aus der Elternzeit heraus KIMKOM - mit Herbie Hancock und Yoko Ono als erste Projekte. Neben der Musikindustrie klopften Fashion-Labels, E-Commerce und digitale Pioniere wie Google & YouTube bei KIMKOM an. Zehn Jahre nach der Gründung ist die Firma organisch gewachsen mit den Säulen Strategie, PR und Management. Neben Brands finden sich nun auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag. Künstler wie Lukas Rieger lassen sich von KIMKOM repräsentieren. Das fünfköpfige Team der Agentur agiert aus Berlin-Friedrichshain. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.