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Elektronikszene schickt Corona-Brandbrief an Bundesregierung

In einem von Booking United initiierten Offenen Brief fordert die deutsche Elektronikmusikszene die Politik zum Dialog auf angesichts über einer Million bedrohter Arbeitsplätze wegen der coronabedingten Schließungen von Clubs und Diskotheken.

30.09.2020 17:17 • von Frank Medwedeff
Motto der Szene unter Federführung von Booking United: "Don't Stop The Dance" (Bild: Booking United)

In einem Offenen Brief wenden sich Musik- und Kulturschaffende der elektronischen Szene, darunter viele DJs, Live-Acts, Produzenten und deren Agenten und Manager, an die Bundesregierung. Der Brief erreichte am 30. September die einzelnen Ministerien, aber auch Abgeordnete aus den verschiedenen Bundesländern. Initiator des Briefes ist Booking United aus Berlin, eine Initiative und Interessengemeinschaft aus der Musikwirtschaft für Agenturen, Künstler-Tourneen, DJs und Live-Auftritte, der knapp 140 Agenturen und etwa 2500 Künstler und DJs angehören.

Damit fordert die vereinigte Elektronikszene angesichts ihrer dramatischen Lage wegen der Corona-Einschränkungen den Schutz der Branche und vor allem Hilfen für die kleinen Künstler und Solo-Selbstständigen und die Gewerke ihrer Branche. Geführt von Namen wie Sven Väth, Dr. Motte, Ellen Allien, Mousse T. und Paul van Dyk gehe es vor allem um einen solidarischen Schulterschluss und die immer noch ausstehende Anerkennung als wichtiger Teil der deutschen Kultur. Durch die Corona-Pandemie drohen demnach mehr als eine Million Jobs wegzubrechen ohne ausreichende Absicherung der selbstständigen Menschen "hinter Musik und Tanz". Die Pandemie sei längst nicht überstanden, und der Winter werde mit geschlossenen Clubtüren einhergehen.

Die Initiatoren bitten um einen Dialog auf Augenhöhe - ohne die Spielstätten-Öffnung zu diskutieren, was dem Aufgabenbereich der jeweiligen Club-Netzwerke (wie der LiveKomm als Bundesverband der Spielstätten oder regionalen Organisationen wie der Clubcommission Berlin) obliege.

Der Offene Brief stellt zunächst die Errungenschaften der deutschen Elektronikkultur und ihrer Stars heraus: "Wir haben die Pioniere des Technos, Kraftwerk! Wir haben Sven Väth, der eine Insel im Mittelmeer verändert hat, Botschafter des Goethe-Instituts und Träger der Goetheplakette der Stadt Frankfurt ist und mit Künstlern wie Andreas Gursky und Tobias Rehberger zusammenarbeitet. Wir haben Dr. Motte, der eine ganze Generation friedlich tanzend auf die Straße brachte. Deutschland hat Paul van Dyk, der Stadien füllt und den Globus mit deutscher Fahne auf seinem Flieger umrundet. Marusha brachte die elektronische Musik in den Popbereich. Ellen Allien gründete einen Musikvertrieb, der Moderat und Apparat auf den Bildschirm brachte - internationale Aushängeschilder und "Radio Top 1 Künstler". Wir haben Paul Kalkbrenner, der Berlin zur musikalischen Pilgerstadt machte und Mousse T., der mit seinem Hit "Horny" und seiner Produktion "Sex Bomb" für Tom Jones zum internationalen Mega Star geworden ist."

Die deutschen Elektronikkünstlerinnen und -künstler und ihre Unterstützer und Dienstleister haben demnach eine Szene geschaffen, "die Milliarden auf der Welt umsetzt und deren Fans solidarisch, friedvoll und ausgelassen tanzen".

Die elektronische Musikszene sei "längst Kultur und schätzenswerter Bestandteil des Landes".

"Und doch schweigen Sie, liebe Regierende", so der im Brief formulierte Vorwurf an die Politik. "Und doch möchte Markus Söder Millionen von jungen Menschen zum Tanz mit Partner*in (so heißt es übrigens korrekt) zum zu Hause bleiben bitten - auf unbestimmte Zeit, statt seine Aufgaben des Dialoges wahrzunehmen."

Die Corona-Pandemie raube die "schützenden Orte für die Menschen", die Clubs und Festivals, und sie öffne Vermietern und Eigentümern "neue Hoffnungstüren auf neue Stahlbauten in sowieso schon kulturell ausgelaugten Städten".

Von "inoffiziellen Partyexzessen" sei hingegen oft die Rede, von der Gefahr durch Superspreader-Events. Diese Gefahren könnten aber Clubs und Spielstätten verhindern, wo seit Jahrzehnten die Verantwortlichen der elektronischen Veranstaltungsbranche "ihr Publikum mit professioneller Fürsorge durch die Nacht begleiten".

Deutschland brauche ein Leitsystem "geschulter und wissender Macher*innen, die im Schulterschluss mit den Behörden arbeiten und Vertrauen schaffen".

"Wir sind nicht Theater, nicht Literatur, nicht Orchester noch Film", heißt es weiter in dem Appell an die Politik. Die Elektronikszene schaffe Nischen, "wo Menschen ihre Einzigartigkeit ausleben können ohne zu stören. Wir sind Musiker*innen, Produzent*innen, Agent*innen, Manager*innen, Clubbetreiber*innen, Veranstalter*innen, Techniker*innen, Dekorateur*innen, Festival-Macher*innen und letztendlich einfach Kreative. Wir bieten Raum für Erinnerungen, die so essenziell wichtig für uns Menschen sind. Seien Sie stolz, seien Sie selbstbewusst auf Grund dessen, dass Deutschland eines der Länder ist, in denen sich Sub-Kulturen nach oben bewegen können."

Das Lebensgefühl Techno präge bereits Generationen. "So viele Dichter, Denker und Komponisten der modernen Zeit tummeln sich hier, und sie wollen gehört werden."

Der Offene Brief endet mit einer direkten Aufforderung an die angeschriebenen Politiker und Politikerinnen: "Ignorieren Sie nicht Ihre künftigen Wähler und ignorieren Sie nicht das, was wir geschaffen haben. Wir bitten sie um nichts mehr als den Dialog. Wir sind Unternehmer, Solo-Selbstständige, Auszubildende und Freelancer, und wir verlieren unverschuldet unsere Arbeit und unsere Zukunft."