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Weiterbildung in ­Zeiten von ­Corona

Als es im März zum Lockdown kam, starteten viele Hochschulen gerade in das Sommersemester. Von einem Tag auf den anderen mussten sie die Lehre in den digitalen Raum verlegen. MusikWoche fragte ausgewählte Bildungseinrichtungen, wie sie mit der Situation umgehen.

02.10.2020 09:38 • von Jonas Kiß
Mit Mindestabstand im Seminar sitzen: Teilnehmer der Music Business Summer School 2020 in der Hamburg Media School (Bild: Thomas Ertmer)

Als es im März 2020 zum Lockdown kam, starteten viele Hochschulen gerade in das Sommersemester. Von einem Tag auf den anderen mussten sie die Lehre in den digitalen Raum verlegen. MusikWoche fragte ausgewählte Bildungseinrichtungen, wie sie mit der Situation umgehen.

»Vor allem im Bildungsbereich profitieren wir als Menschen in hohem Maße von persönlichen Kontakten und Austausch in Echtzeit«, sagt Miguel Kertsman, Course Director of Masters Programs am Zentrum für Angewandte Musikforschung an der Donau-Universität Krems in Österreich: »All das auf eine recht plötzliche Art und Weise aufgeben zu müssen, hat erhebliche Herausforderungen sowohl für Studierende als auch für Pädagog*innen mit sich gebracht, und die Lehrpläne mussten entsprechend angepasst werden.« Die Technologie habe sich aber laut Kertsman schnell genug weiterentwickelt, um diese Lücke durch die Einrichtung eines vernünftigen virtuellen Diskurses effizient zu füllen. »Aus unserer Sicht war die größte Hürde zu Beginn der Pandemie im Frühjahr, als man auf Richtlinien warten musste, um zu wissen, wie man künftig tatsächlich planen sollte - zum Glück waren die Richtlinien aber dann sehr klar und gut kommuniziert und an unserer Universität sehr gut umgesetzt.«

Die Umstellung habe eine sehr schnelle Reaktion erfordert. »Wir haben zusätzliche Vorlesungen hinzugefügt, das Krisenthema in die Unterrichtspläne aufgenommen und ein öffentliches Webinar veranstaltet, das dem Thema gewidmet war. Natürlich ist die Bewältigung der Krise aber auch zu einem Schlüsselaspekt des Lehrplans selbst geworden, da sie besonders große Auswirkungen auf Musikleben und Musikwirtschaft hatte und hat«, findet Kertsman.

»Nachdem die Parameter verstanden waren, bestand die Hauptherausforderung darin, den Lehrplaninhalt entsprechend anzupassen und manchmal zu aktualisieren - natürlich ohne den Lehrplan selbst zu ändern - und Entscheidungen über die Methoden der Lehrveranstaltungsdurchführung zu treffen: Blended Learning, Online-Lernen und ab Oktober Hybridformate.«

Eine weitere Herausforderung betrifft laut Kertsman Kurse vom sogenannten »Lab Type«. Wenn die Studierenden etwa idealerweise in einem ruhigen und nicht reflektierenden Raum untergebracht sein sollten, oder wenn Dozenten und Studierende die beste Erfahrung im Umgang mit technischem Equipment und im gemeinsamen Erleben von Musik und Klängen in einem Raum machen würden. »Aber auch in diesem Punkt bleibe ich optimistisch. Bei physischen Vorlesungen kann es zwar sein, dass ein Besuch der Vorlesungen auf dem Campus nicht möglich ist, aber solche labororientierten Lehrveranstaltungen, die mit sich entwickelnden technologischen Werkzeugen ausgestattet sind, legen Fokus auf die Fähigkeit der Menschen, flexibel zu sein, Probleme zu lösen und sich anzupassen. Das sind an sich schon sehr wichtige Eigenschaften, die man bei der Ausübung einer Karriere im Musikleben besitzen sollte.«

_Verzahnung von online- und offline

An der Hochschule Macromedia startete das Sommersemester pünktlich am 16. März 2020, dem ersten Tag des bundesweiten Lockdowns, und es endete mit Abnahme der letzten Online-Prüfung am 29. Juli auch pünktlich. Von Beginn an fand dort die Lehre als Online-Präsenzunterricht zu den regulären Unterrichtsterminen statt, das betraf über alle sieben Hochschulstandorte hinweg 1479 Lehrveranstaltungen. »Möglich wurde dieser umfangreiche Shift in die Online-Präsenz durch eine beherzte Management-Entscheidung einerseits, die früh Klarheit für das bundesweit einheitliche Vorgehen unserer Multi-Campus-Hochschule geschaffen hat und in der Folge von einer campus- und ressortübergreifenden Taskforce vorbereitet wurde«, erklärt Stefan Schulte-Holthaus, Professor für Musikmanagement an der Hochschule Macromedia: »Ebenso wichtig war die vorhandene, gut skalierbare digitale Infrastruktur mit eigener IT, e-Learning-Plattformen und dem MS Office 365-Softwarepaket für alle Studierenden sowie ein digitales Mindset, das Studierende wie Lehrende der Hochschule Macromedia gleichermaßen auszeichnet und zu einer unmittelbaren Akzeptanz der Online-Lehre führte.«

So sei der erfolgreiche Semesterverlauf laut Schulte-Holthaus als Gemeinschaftsleistung von Lehrenden, Verwaltung und Studierenden zu verstehen. Auch für die Prüfungsphase habe man gute, mehrheitlich kontaktlose Lösungen finden können. So habe die Hochschule Macromedia mündliche Prüfungen per Videotelefonat und Klausuren als Open-Book-Klausuren durchgeführt. »Online-Lehre stellt andere Anforderungen als die physische Präsenz im Klassenzimmer. Hier waren alle Lehrenden gefragt, sich schnell in die Tools und die Didaktik guter Online-Lehre einzuarbeiten. Dabei gab es eine Welle kollegialer Solidarität und Unterstützung«, berichtet Schulte-Holthaus.

Außerdem habe das Online-Semester die Entscheidung für eine neue Didaktik beschleunigt: »Durch Blended Learning wollen wir an der Hochschule Macromedia zukünftig das Beste aus beiden Welten verbinden: die Flexibilität und Digitalkompetenz der Online-Lehre sowie die Soft Skills und Study Experience des Campusstudiums.« Parallel zum Corona-Notfall-Betrieb habe das Macromedia-Präsidium ein entsprechendes Konzept ausarbeiten lassen, das im Wintersemester 20/21 erstmalig implementiert werde. Blended Learning bedeutete eine Kombination aus virtueller und Präsenzlehre mit einer spezifischen, den Lernzielen entsprechenden Verzahnung von Campus-, Online- und Selbstlernmodulen. Weil die Möglichkeiten der Präsenzlehre aber bis auf Weiteres von den Corona-Schutzmaßnahmen abhängig bleiben, sei die Lehre für das Wintersemester in drei verschiedenen Durchführungslogiken geplant.

»So werden wir flexibel und planvoll auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens reagieren können. Aufgrund der planerischen Ungewissheit kann etwa die jährlich im Winter stattfindende Exkursion zum Thema Künstlermanagement, die wir mit unseren Musikmanagement-Studierenden und bayerischen Künstler_innen aus dem BY-on-Förderpool durchführen, nicht wie geplant stattfinden. Die Exkursion lässt sich zwar nicht einfach in die digitale Sphäre transformieren, aber wir arbeiten gerade an einer Lösung, um Studierende und Musiker dennoch zusammenzubringen«, so Schulte-Holthaus abschließend.

Bei Robert Keßler, Studiengangsleiter B.A. Musikproduktion und B.Mus. Popularmusik an der SRH Berlin School of Popular Arts, fand das Sommersemester komplett online statt. »In Windeseile und mit vereinten Kräften planten wir kurzfristig alles um und schafften das, was anfangs unmöglich erschien«. Dadurch könnten die Studierenden nun aber in Regelstudienzeit ihr Studium beenden.

Für das Wintersemester 20/21 plane man mit einem Hybrid-Modell. Besonders in den künstlerisch-praktischen Fächern sei die Notwendigkeit von Präsenz groß und erforderlich. Das unter Berücksichtigung der Hygiene- und Abstandsregelungen zu realisieren, stelle eine Herausforderung dar. »Hier geht es besonders um entsprechende Raumgrößen, Gruppengrößen und im Zusammenhang mit dem Singen und Chor um den Ausstoß von Aerosolen. Daher ergriffen wir bestimmte Maßnahmen, um die pandemiegerechte Umsetzung des Lehrplans zu gewährleisten.« So wurden zum Beispiel Gruppengrößen verkleinert, die Raumnutzung angepasst, mobiler Spuckschutz angeschafft oder externe Räume für Chor und Ensembles angemietet.

Einige Kurse und Module sollen im Winter nun komplett online stattfinden, weil es entweder didaktisch und methodisch sinnvoll sei, oder weil Risikogruppen involviert seien. Wieder andere Kurse sollen an der SRH Berlin School of Popular Arts in Hybrid- Struktur angeboten werden.

Auch die Evangelische Popakademie der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten hat mit Beginn des Sommersemesters im April konsequent auf Online-Unterricht umgestellt, wie Prorektor Hartmut Naumann berichtet. »Wir sind damit quasi ins kalte Wasser gesprungen. Der Stundenplan blieb erhalten, lediglich die Seminare, Vorlesungen und auch der Einzelunterricht in Fächern wie Gesang, Klavier, Gitarre und Orgel fanden mit Hilfe der Plattformen Zoom und Microsoft Teams online statt. Zum Glück haben sich alle Dozierenden schnell auf die digitalen Unterrichtsformen eingestellt und waren auch neugierig auszuprobieren, wie das so geht. Unsere Studierenden sind technikaffin und waren gut bei der Sache, die digitalen Möglichkeiten optimal zu nutzen. Den Online-Unterricht begleiteten diverse Video-Tutorials, die von Dozierenden produziert wurden. So denke ich, konnten wir den gewohnten Präsenzunterricht einigermaßen kompensieren.«

Die größten Schwierigkeiten bestanden laut Naumann darin, Chorleitung und auch Bandleitung zu unterrichten. Ebenso konnte der Hochschulchor nicht proben, und regelmäßige Live-Konzerte konnten nicht stattfinden. »An diese Stelle haben wir dann mehrere Live-Streaming-Konzerte gesetzt. Aber natürlich ist das nicht dasselbe. Der Kontakt zum Publikum, das Miteinander-Musizieren, die enge Abstimmung in Band und Chor - all dies war nicht möglich. Dieses Problem wird uns auch im Wintersemester weiter beschäftigen.«

Die Erfahrungen aus dem Sommersemester nehme man an der Evangelischen Popakademie mit in das Wintersemester, für das der Stundenplan bereits steht. »Wir versuchen weitestgehend auf Präsenzunterricht zu setzen. Dazu haben wir zusätzliche Räumlichkeiten erschlossen, um die Hygienebedingungen hinsichtlich Raumgrößen, Abstand, Lüften und Mundschutz einhalten zu können. Zugleich sind wir darauf vorbereitet, wenn es sein muss, wiederum komplett auf Online-Unterricht umzustellen«, so Naumann.

Das Erich Pommer Institut aus Potsdam will der Medienbranche auch in Zeiten der Pandemie zur Seite stehen. Dazu gehörte laut Philipp Künstle, Geschäftsführer Erich Pommer Institut, im ersten Schritt die komplette Digitalisierung des Angebots. »Nun gehen wir nach und nach wieder zum Hybrid-Format über, also einer kleinen Gruppe vor Ort in Präsenz mit Hygieneauflagen sowie einer Gruppe, die sich online dazu schaltet. Referierende, Teilnehmende vor Ort und online sind dabei untereinander vernetzt. Wir haben damit extrem gute Erfahrungen gemacht. Unser Online-Konzept zielt auf Networking ab, und gleichzeitig freuen wir uns sehr, wenn wir auch in Präsenz vor Ort wieder die Plattform für eines der stärksten Netzwerke in der Medienbranche sein dürfen.«

Bei der Popakademie Baden-Württemberg, wo das Sommersemester komplett digital stattfand, plane man nun für das Wintersemester auch mit einem hybriden Modus, also online und mit Präsenzveranstaltungen. »Der soziale Aspekt und der Netzwerkcharakter sind an der Popakademie sehr wichtig, daher finden möglichst viele Veranstaltungen in Präsenz statt. Musik soll live stattfinden«, erklären die Popakademie-Geschäftsführer Hubert Wandjo und Udo Dahmen.

_Neue Konzepte und kleinere Gruppen

Die Koordination, Planung und Durchführung dieses hybriden Konzepts sei eine anspruchsvolle Aufgabe, in die alle Beteiligte wie Studierende, Lehrende und das Team der Popakademie einbezogen werden sollen. »Der Erfolg hängt vom Ineinandergreifen der Lehre und der Rahmenbedingungen, die durch die Hygienemaßnahmen vorgegeben sind, ab«, denken Hubert Wandjo und Udo Dahmen.

Derweil lehre das SAE Institute wie gewohnt sicher, flexibel und zeitgemäß sowie mit starkem Praxisbezug, wie SAE-Geschäftsführer Chris Müller wissen lässt: »Während an vielen staatlichen Schulen und Einrichtungen noch von Digitalisierung gesprochen wird, Konzepte erarbeitet werden, wie Lernen künftig gut gelingen kann, gibt es bereits erfolgreiche Modelle. Das Lernen an Projekten gelingt besonders gut in kleinen Gruppen, die sich auch unter den veränderten Bedingungen sehr gut am Campus umsetzen lassen. Alle Inhalte, die auch online und über die Entfernung gelehrt werden können, finden in Video-Formaten statt.« Die Herausforderungen bestehen laut Müller maßgeblich in der Motivation und Selbstverantwortlichkeit der Studierenden: »Wir unterstützen mit unterschiedlichen Angeboten on- wie offline, um individuelle Lernfortschritte zu ermöglichen.«

Vom 10. bis 15. September fand in Hamburg die Music Business Summer School statt. Das von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM) organisierte Weiterbildungsangebot habe mit der Hamburg Media School als langjährigem Hochschulpartner einen Austragungsort, »der sich frühzeitig sehr intensiv mit der Umsetzung von Veranstaltungen unter den gegebenen Umständen auseinandergesetzt und ein ausführliches Hygienekonzept entwickelt hat«, wie Sarah Amirfallah von der IHM erklärt: »Das war für uns als Veranstalter ein sehr wichtiger und hilfreicher Faktor bei der Entscheidung für eine physische Durchführung der diesjährigen Music Business Summer School. Dank der großzügigen Räumlichkeiten der Hamburg Media School hatten wir in diesem Jahr die Möglichkeit, alle drei Seminare für die Bereiche Live Entertainment, Recorded und Publishing parallel laufen zu lassen - und dennoch Abstandsregelungen einzuhalten«, so Amirfallah.Problematisch sei in diesem Jahr das Thema Networking gewesen.

»Veranstaltungen wie die Music Business Summer School basieren stark auf einer Vernetzung der Teilnehmer*innen untereinander und mit den Dozent*innen«, sagt Amirfallah: » In diesem Jahr haben wir den Fokus - neben der pandemiegerechten Durchführung vor Ort - auf digitale Vernetzung gelegt und eine bereits im Vorfeld der Seminare startende Kommunikation über einen Online-Workspace gestartet, der auch im Nachhinein der Veranstaltung noch rege genutzt wird.« Hinsichtlich des Lehrplans sei man froh darüber, dass nahezu alle Themen mit einer physischen Anwesenheit der Dozenten behandelt werden konnten.

»Natürlich gab es aus Gründen von Reiserestriktionen oder gesundheitlichen Gründen Ausnahmen, die jedoch mit einer digital-physischen Hybrid-Variante dennoch umgesetzt werden konnten: Dsssie entsprechenden Dozent*innen wurden live digital in den Seminarraum geschaltet.«