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Reeperbahn-Panel: "Die Regierung spielt toter Mann"

Die Corona-Krise dominierte die Panels zum Thema Live beim Reeperbahn Festival. In einer Runde mit Politikern kritisierte BDKV-Präsident Jens Michow das Bundesirtschaftsministerium. In einer anderer Session äußerte sich Stephan Thanscheidt zur Festivallage.

25.09.2020 12:22 • von Dietmar Schwenger
Diskutierten (von links): Klaus Ernst (Die Linke), die Moderatorinnen Annika Leister ("Berliner Zeitung") und Ivana Dragila sowie Hartmut Ebbing (FDP) und Jens Michow (BDKV) (Bild: Screenshot, Reeperbahn Festival)

Die Corona-Krise dominierte die Panels zum Thema Live beim Reeperbahn Festival. In einer Runde mit Politikern kritisierte BDKV-Präsident Jens Michow das Bundesirtschaftsministerium.

"Mit Monika Grütters habe ich seit März nicht mehr persönlich gesprochen, wenn man von einem virtuellen Talk für die 'Bild' vor Kurzem absieht", klagte BDKV-Präsident Jens Michow in einer hochkarätig besetzten Politikerrunde mit Hartmut Ebbing (FDP), Klaus Ernst (Die Linke), Erhard Grundl (Die Grünen) und Rüdiger Kruse (CDU) sowie den beiden Branchenrepräsentanten Jens Herrndorff (Manager Fettes Brot) und Pamela Schobeß (Geschäftsführerin Gretchen-Club und Clubcommission Berlin).

Michow ärgert vor allem, dass das Bundeswirtschaftsministerium sich einem Gespräch mit der Livebranche verweigere. "Peter Altmeyer hat bislang nicht mit uns gesprochen, dabei müssen wir uns zusammensetzen, da wir nach sieben Monaten ohne Umsatz nachjustieren müssen - und zwar nicht nur bei den Obergrenzen der Förderung und den Fixkosten der Unternehmen." Die anwesenden und zugeschalteten Politiker nahmen jedoch Michows Kritik an. Klaus Ernst lud ihn sogar zu einer Haushaltssitzung ein.

Auch Eberard Grundl räumte ein: "Es gibt keinen Grund, uns auf die Schulter zu klopfen. Die Livebranche braucht eine besondere Hilfestellung, besteht sie doch aus vielen Individualisten, denen als Einzelkämpfer eine Lobby mit Durchschlagskraft fehlt." Ebbing gab ebenfalls zu, dass die Maßnahmen der Politik nicht für die Livebranche passen: "Die Bundesregierung spielt hier toter Mann, dabei ist es jetzt die Aufgabe der Politik, sich um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu kümmern."

Kruse bezeichnete die Livebranche ebenfalls als "bei den Hilfsmaßnahmen die schwierigste". Auch er fand, dass die Anträge auf Unterstützung weniger komplex sein müssten, auch wenn man nicht ganz ohne Prüfung der Bedürfnisse auskomme. Für ihn steht im Mittelpunkt die Frage: "Wie kann diese Branche überleben? Denn ohne sie bricht die kulturelle Vielfalt weg."

In einer weiteren Liverunde, "The Summer Of Silence - Restart 2021?", ging es konkret um die Zukunft der Festivalbranche. So erklärte Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, dass auch mit finanzieller Unterstützung eine Reduzierung der Besucherzahlen bei Hurricane oder Southside von 75.000 auf 50.000 keinen Sinn ergäbe, weil der ­Break-Even für den Veranstalter erst sehr spät komme, wenn die vollen Kapazitäten ganz oder annähernd erreicht sind. "In dem Fall wäre es besser, auch 2021 die Festivals abzusagen, als mit reduzierter Besetzung massiv Geld zu verlieren und damit die Existenz des Unternehmens und der Mitarbeiter aufs Spiel zu setzen."

Dabei könne Deutschland im Grunde relativ zufrieden sein mit der staatlichen Unterstützung von Bund oder Ländern, wobei die Hilfsprogramme in jedem der elf Länder, in denen FKP Scorpio operiere, unterschiedlich waren und es immer schwer gewesen sei, an Gelder zu kommen.FKP Scorpio verfolge nun das Ziel, der Politik bis Weihnachten einen Plan und ein Konzept für 2021 zu überreichen. Dabei sei es wichtig, dass die Branche mit einer Stimme spreche. Die Corona-Krise habe zumindest bewirkt, dass man zusammengerückt sei und sich austausche. "Wir haben eine Taskforce mit vielen Festivals gebildet, um diesen Prozess voranzutreiben."