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Forum Musik Festivals zieht ernüchterndes Halbjahresfazit

Von 40 auf über 100 Festivals angewachsen ist das im März 2020 aufgrund der Corona-Krise formierte Forum Musik Festivals, das nun Zwischenbilanz zieht. Dabei bemängeln die Festivalmacher weiterhin "ein Chaos unterschiedlicher Bestimmungen und nur bedingt Planungssicherheit". Alle ursprünglichen Forderungen des Forums seien daher nach wie vor gültig.

24.09.2020 09:41 • von Frank Medwedeff
Immer noch gültiger Appell des Forums: "Verspielt nicht die Musik" (Bild: Screenshot forum-musik-festivals.de)

Vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie haben sich im März zunächst 40 Musik-Festivals aus ganz Deutschland zum Forum Musik Festivals zusammengefunden, um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. Mittlerweile ist der Kreis auf mehr als 100 Festivals angewachsen.

Das Fazit der letzten Monate, das das Forum anlässlich seines letzten Plenums zog, falle allerdings durchwachsen aus. Während viele Musikfeste mit großem Engagement und mit viel Kreativität unter schwierigsten Bedingungen zahlreiche Ersatzprogramme erfolgreich durchgeführt und dabei auch schon früh wieder intensive Musikerlebnisse live angeboten haben, gebe es weiterhin "ein Chaos unterschiedlicher Bestimmungen und nur bedingt Planungssicherheit". Jede der ursprünglichen Forderungen des Forums habe nach wie vor ihre Gültigkeit:

Als erstes führt das Forum Musik Festivals den Appell zur "Gleichbehandlung von Kultur mit Sport, Religionsgemeinschaften und Wirtschaft" an. Während in Zügen, Flugzeugen und Biergärten längst wieder Volllast gefahren werde und Kontaktsportarten erlaubt seien, dürfen je nach Bundesland Kulturveranstaltungen nur 10 bis 50 Prozent ihrer Plätze füllen, für musikalische Ensembles gelten nach Ansicht der vereinigten Festivalmacher "zum Teil groteske Sicherheitsabstände".

In der Zwischenbilanz der Festivalorganisatoren heißt es weiter: "Die wohlmeinenden Bekundungen der verschiedenen Landes- und Kommunalpolitiker resultieren noch zu selten in echter pragmatischer Hilfe. Einzelne Politiker*innen scheinen sogar zugunsten der eigenen Profilierung unsere gesamte Branche aufs Spiel zu setzen und verkennen dabei völlig den wirtschaftlichen Faktor der Kultur."

"Einheitliche Regeln schaffen" und "europäisch denken" bleiben ebenfalls Devisen des Forums. Die aktuellen Gespräche der Kulturstaatsministerin Monika Grütters seien dabei immerhin "ein wichtiges Signal".

Innerhalb Deutschlands seien einheitliche Regelungen auf Bundesebene vonnöten, die lokalen Gegebenheiten seitens der Kommunen und Landkreise "individuell angepasst werden" könnten. Denn in Zeiten der Krise werde der Föderalismus oft zum Problem. Unterschiedliche Regelungen für einzelne Bundesländer griffen zu kurz und seien nicht vermittelbar.

Ein Anliegen des Forums bleibe zudem "klare Sprache in den Verfügungen". Noch immer rätseln Festivalorganisatoren demnach "landauf, landab über schwammige Formulierungen, die von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt unterschiedlich ausgelegt werden". Eine oft ungeklärte Frage sei dabei etwa, ob die geforderten Sicherheitsabstände "zwischen den Nasenspitzen oder den Stuhlkanten" gelten.

Auch "Planungssicherheit für die nahe Zukunft" mahnt das Forum unverändert an. "Willkommene, gut ausgestattete und weitestgehend gut strukturierte Programme" wie "Neustart", "Kultur.Gemeinschaften" oder "Dive In" blickten zwar auf zukünftige Jahrgänge und förderten "meist ein Zusatzprogramm". Dass sich die Musikfeste durch viele Jahre erfolgreicher Arbeit ein eigenständiges und besonderes Profil geschaffen haben, das es "im Sinne ihrer begeisterten Besucher als Kernprogramm weiterhin zu pflegen" gelte, werde dabei leider häufig vernachlässigt. Ebensowenig könnten zurückliegende Verluste der jeweiligen Festivals damit finanziert werden.

"Vor dem Hintergrund schwächelnder kommunaler Haushalte und wegbrechender und auf einen Bruchteil zusammengeschrumpfter Ticketeinnahmen können diese Programme nur ein Mosaikstein der Hilfe sein", formulieren die Forumsmitglieder. Aufgrund ihrer Größe und Struktur seien viele Festivals gar nicht antragsberechtigt. Ergänzende Programme auf Landesebene oder von Kommunen und Landkreisen gebe es nur punktuell.

"Entweder müssen Kommunen, Landkreise und Länder nun schnell nachlegen, oder der Bund muss seine Kriterien lockern", appelliert das Forum Musik Festivals. Aktuell berichteten demnach mehr als die Hälfte der Mitglieder des Forums, dass sie noch nicht von Corona-Hilfen der öffentlichen Hand profitieren, oder dass coronabedingte Mehrkosten bei der regelmäßigen Förderung nicht anerkannt werden.

Das Forum wiederholt auch seine Kernforderung "Hilfe für die Essenz aller Festivals: die Künstler*innen!" Es bleibe trotz löblicher lokaler Maßnahmen zur Gegensteuerung weiterhin zu befürchten, dass "selbst international erfolgreiche Künstler*innen unverschuldet mit dem Wegbrechen ihrer gesamten Einkünfte konfrontiert sind".

Neben diesen Kernforderungen der Gründungszeit gebe es allerdings auch neue Themenfelder, "die durch die Corona-Krise auf die Spitze getrieben werden", so die Frage "Wie gestalten wir rechtssichere Verträge mit Künstler*innen und Dienstleistern, die der unsicheren Perspektive Rechnung tragen und die Risiken gerecht verteilen?"

Im ländlichen Raum schlagen strukturelle Schwierigkeiten wie Fachkräftemangel oder Mobilitätsprobleme sich verstärkt auch im Bereich der Festivals nieder, wie das Forum bekräftigt. Ehrenamtlich Kulturschaffende stoßen demnach zudem "durch erhöhte bürokratische Anforderungen und hohe Verantwortung im Sicherheitsbereich" an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

"Die Diskussionen um die Erhöhung der Rundfunkbeiträge lassen einen Kulturkahlschlag ungeahnten Ausmaßes innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten befürchten. Hier sieht das Forum großen Handlungsbedarf, gerade wenn man die Musikfeste zukünftig dazu auffordert, ihre Veranstaltungen multimedial an die Öffentlichkeit zu bringen", verlauten die im Forum vereinigten Veranstalter.

Das "enorme Engagement" der Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland und im europäischen Ausland bei der Realisierung von Veranstaltungen trotz schwierigster Rahmenbedingungen verdiene Respekt. Positive Botschaften und Erlebnisse seien "für unser Publikum der erste Schritt zurück in eine Veranstaltungsnormalität".

Erfolgreich durchgeführte Festivals bewiesen außerdem, "dass wir als Veranstaltungs-Profis unser Metier beherrschen". Allerdings machten sie auch klar, "dass Mehrkosten für Hygiene- und Sicherheitskonzepte entstehen sowie drastische Mindereinnahmen durch die Reduzierung der Sitzplätze". Eine Reduzierung des Programms auf Kosten der Künslter und eine Erhöhung der Mittel - "und zwar nicht nur für neue digitale Formate, sondern auch für das Kernprogramm" - sind für das Forum Musik Festivals "die einzigen Optionen".

#verspieltnichtdiemusik ist der ursprüngliche Hashtag der Initiative. Dieser Appell gelte auch heute noch. "Denn der befürchtete Schaden ist längst da - das volle Ausmaß wird wohl erst im kommenden Jahr sichtbar", so das Forumsfazit abschließend.

Dem Netzwerk des Forums Musik Festivals gehören unter anderem das Schleswig-Holstein Musik Festival, das Rheingau Musik Festival, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, das Moers Festival, die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, der Kissinger Sommer, die Ludwigsburger Schlossfestspiele, das Musikfest Stuttgart, das Usedomer Musikfestival, Women in Jazz, die Händel-Festspiele Halle mit der Stiftung Händel-Haus, die Kasseler Musiktage, das Mittelrhein Musik Festival oder die Jazztage Dresden an.

Die gesamte Liste findet sich auf der Homepage des Forums.