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"Sang und Klang"-Initiatorin schlägt Alarm

Die Folkmusikerin und Konzertagenturbetreiberin Gudrun Walther, die die AktionTicketBehalten mit ins Leben rief und mit dem Onlinefestival "Sang und Klang" mehr als 30.000 Euro Spenden für die freie Musikszene sammelte, sieht die Veranstaltungsbranche "von einer zweiten Absagewelle überrollt" und beklagt nicht zuletzt Ignoranz seitens der Politik.

23.09.2020 10:05 • von Frank Medwedeff
Beklagt völlige Planungsunsicherheit und fehlende Unterstützung der Politik: Gudrun Walther (Bild: Eva Giovannini)

Als freiberufliche Musikerin, die normalerweise erfolgreich mit ihrer Irish-Folk-Band Cara unterwegs ist, und Betreiberin des artes Konzertbueros in Lenningen ist Gudrun Walther doppelt von der Coronakrise betroffen. Einen Namen machte sie sich durch die von ihr mit ins Leben gerufene #AktionTicketBehalten und das eigens initiierte Onlinefestival "Sang und Klang", das im Juli 2020 mehr als 30.000 Euro Spenden für die freie Musikszene sammelte. Nichtsdestotrotz sieht Walther den Veranstaltungsbereich noch keineswegs auf dem Weg zur Normalität und sich auch selber als Musikerin wie als Konzertagenturbetreiberin nach wie vor doppelt existenziell gefährdet.

Seit 17 Jahren tourt sie mit ihrer Band Cara durch Deutschland, Europa und die USA und hat sich mit ihrem fünfköpfigen Ensemble nicht nur einen guten Ruf in der internationalen Folkszene erspielt, sondern das Projekt eigentlich auf eine solide finanzielle Basis gestellt. Daneben betreibt sie seit zwei Jahrzehnten das artes Konzertbuero, eine Konzertagentur für Folkmusik. Für rund 15 Bands mit über hundert Gigs jährlich zeichnet die Agentur normalerweise verantwortlich.

Seit dem 11. März 2020, als die Corona-Epidemie zur Pandemie erklärt wurde, sah sich Gudrun Walther indes vorwiegend mit Absagen für ihre eigene Band und die von ihr vermittelten Ensembles konfrontiert. "Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt Walther. "Bis zu diesem Zeitpunkt lief alles super, der Konzertkalender war voll, wir waren gut gebucht und haben zuverlässig verdient. Wir hatten jede Menge Pläne, die plötzlich mit einem Schlag hinfällig waren." 44 Gigs habe ihre eigene Band durch die Absagewelle bislang verloren, 27 geplante Konzerte der von ihr gebuchten Bands wurden in den letzten Monaten gecancelt. Dank einiger krisenfester kreativer Veranstalter und dem vom Land Baden-Württemberg geförderten Programm "Kultur Sommer 2020" kamen im Sommer für Cara und einige der vermittelten Bands wenigstens einzelne kleinere Open Air-Gigs hinzu, die jedoch den Verlust teilweise ganzer Tourneen nicht auffangen konnten.

Statt, wie sonst im September üblich, in die Zukunft zu planen und Programme für das Folgejahr festzuzurren, verwalte Gudrun Walther derzeit wiederum Absagen. Diese betreffen die bislang noch anvisierten Herbsttourneen und bereits Termine für 2021.

Die Situation in der Veranstaltungsbranche stelle sich für Walther und ihe Agentur momentan folgendermaßen dar: Unabhängigen Veranstaltern sei durch die Einbußen aufgrund der Abstandsregeln der Konzertbetrieb teilweise unmöglich gemacht worden. Die Beantragung von Fördergeldern gestalte sich kompliziert, da nicht jeder Veranstalter die dafür geforderten Voraussetzungen erfülle. Auch viele engagierte ehrenamtliche Kulturinitiativen könnten das Ausrichten von Konzerten nicht verantworten, wenn ein zu großer Anteil der aktiven Helfer der Risikogruppe angehöre. Städtischen Veranstalter wie Kulturämter können indes immerhin weiter Konzerte ausrichten, da sie nicht unbedingt darauf angewiesen sind, schwarze Zahlen zu schreiben. "Dies führt dazu, dass Tourneepläne, die ursprünglich chronologisch und geografisch effektiv gebucht waren, mittlerweile vollkommen zerschossen sind", erläutert Walther. "Bei einer Absagenquote von 50 Prozent sind manche Tourneen vor allem für Künstler aus dem Ausland wirtschaftlich nicht mehr haltbar, da die Hotelkosten für die zahlreichen entstandenen Lückentage in keinem Verhältnis mehr zu den Gagen für die verbleibenden Gigs stehen - eine perfide Situation, wenn man dann als Agentur selbst die wenigen noch verbleibenden Konzerte absagen muss." Für die abgesagten Termine versuche sie dann, Ersatzkünstler zu schicken.

Zugleich vermelden, wie Walther beklagt, schon die ersten Festivals für den Sommer 2021, dass sie womöglich nicht stattfinden können. Und auch der derzeitige Touralltag sei alles andere als alltäglich. So fuhr die in Baden-Württemberg lebende Musikerin kürzlich 900 Kilometer für ein Konzert mit ihrer Band auf die Insel Föhr, um dann dort vor "ausverkauftem Haus", was in diesem Fall 35 Zuhörern entsprach, aufzutreten. Der Auftritt am Folgetag in Neumünster habe hinter einer Plexiglasscheibe stattfinden müssen, da der örtliche Veranstalter die geforderten sechs Meter Abstand zwischen Bühne und Publikum nicht gewährleisten konnte. "Das war ein wenig wie Spielen im Terrarium", sagt Gudrun Walther, "aber was tut man nicht alles, um auftreten zu dürfen."

"Ein toller Erfolg und mein persönliches Highlight 2020" war für die Musikerin und Tourveranstalterin indes das Online-Benefizfestival "Sang und Klang", das sie mit einigen Musikerkolleginnen und -kollegen kurzfristig aus dem Boden gestampft habe. Im Juni reifte die Idee, ein Onlinefestival für Folkmusik und Singer-Songwriter aus Deutschland zu veranstalten. Dabei sollten Spenden generiert werden für die teilnehmenden Musiker und drei große Künstlernothilfeorganisationen. Fünf Wochen verblieben dem Team für Namensfindung, inhaltliches Konzept, Kuratieren des Line-ups, Verpflichtung der Künstler, die sämtlich ihre exklusiv produzierten Konzertmitschnitte kostenfrei zur Verfügung stellten, Filmschnitt und technische Realisation, Erstellen von Website und Social Media-Kanälen und Bewerbung des gänzlich unbekannten Formats. Am 11. Juli ging "Sang und Klang" als Livestream online. 14 Acts, unter Ihnen Stoppok, Dota, Wenzel und Sarah Lesch, waren insgesamt sieben Stunden lang zu sehen und hören.

Über 19.000 Klicks verzeichneten die Festivalstreams demnach auf YouTube und Facebook. Mehr als 30.000 Euro Spendengelder können derzeit als Coronahilfe an Die Deutsche Orchesterstiftung, die Initiative Musik und #handforahand sowie die 44 am Festival beteiligten Musiker verteilt werden.

Mittlerweile setze Gudrun Walther fast ausschließlich auf derartige Selbsthilfeaktionen: "Am Anfang habe ich noch viele Petitionen zur Rettung der Kulturbranche unterschrieben und E-Mails an Abgeordnete geschrieben, aber irgendwann wird man dessen müde, weil einfach so wenig Resonanz seitens der Politik kommt, abgesehen vom Verweis auf Grundsicherung. Es ist für mich als Musikerin aber keine Lösung, meine Instrumente verkaufen zu müssen, um Grundsicherung zu erhalten, oder dass ich, wenn ich diese bezöge, vereinzelt reinkommende Auftrittsangebote nicht annehmen kann, weil ich nichts dazuverdienen darf. Dieses Angebot empfinde ich schlichtweg als Affront."

Bis 2022 werde es wohl mindestens dauern, bis in der Konzertszene wieder so etwas wie Normalität einkehren könne. Durch die permanente Verschiebung von Veranstaltungsterminen sei Planung fast unmöglich. "Normalerweise würde ich jetzt Tourneen bis Frühjahr 2022 buchen, das ist jedoch der Zeitraum, in den die Veranstalter jetzt alle Veranstaltungen aus dem Jahr 2020 verschoben haben. Daher gibt es dort keine freien Termine mehr. Das heißt, alle noch nicht gebuchten Gigs und auch solche, die man bräuchte, um die besagten Lücken in den Tourneen zu füllen, müssen erst mal auf Eis gelegt werden. Wenn wir großes Glück haben, sind bis Herbst 2022 die gröbsten Trümmer der Krise beseitigt."