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Musikwirtschaftsstudie zeigt eine vor Corona "kerngesunde Branche"

Am 16. September stand eine neue Runde des Hamburger Musikdialogs an. Dabei ging es unter anderem um Zahlen zur Entwicklung der Musikwirtschaft und der Musiknutzung. So zeichnet zum Beispiel die zweite Auflage der Musikwirtschaftsstudie das Bild einer Wachstumsbranche, die aktuell aber in allen Teilen von der Corona-Krise betroffen ist.

16.09.2020 16:33 • von
So hätte es gern weitergehen können: die Zahlen der Musikwirtschaftsstudien 2015 und 2020 unterstreichen die Bedeutung der gesamten Branche (Bild: Musikwirtschaftsstudie, Präsentation, Screenshot)

Am 16. September 2020 stand noch vor dem offiziellen Beginn des Reeperbahn Festivals eine neue Runde des Hamburger Musikdialogs an. Dabei ging es unter anderem um Zahlen zur Entwicklung der Musikwirtschaft und der Musiknutzung. So zeichnet zum Beispiel die zweite Auflage der Studie "Musikwirtschaft in Deutschland" das Bild einer Wachstumsbranche, die aktuell aber in allen Teilen von der Corona-Krise betroffen ist.

2015 hatten die Musikwirtschaft erstmals in einer umfassenden Befragung die Hosen heruntergelassen, was Umsatz- oder Mitarbeiterzahlen betrifft. Und die neuen Befragung zeigt, dass die Bruttowertschöpfung der Musikwirtschaft im Jahr 2019 im Vergleich zu den 2014 erhobenen Zahlen um 29 Prozent auf nunmehr rund 5,2 Milliarden Euro wuchs. Damit sei der Musikbereich nun nach den Fernsehveranstaltern der zweitstärkste Wirtschaftszweig der gesamten Medienindustrie und aufgrund der Zuwächse um rund einer Milliarde Euro seit 2015 auch das am stärksten gewachsene Segment, wie die vom Beratungsunternehmen DIW Econ unter der Leitung von Yann Girard durchgeführte Erhebung zeigt. Im Mai und Juni 2020 hatten sich 861 Unternehmen und Selbstständige an der Onlinebefragung beteiligt. Laut Girard standen die Teilnehmer für rund 35 Prozent des Umsatzvolumens, was "hinreichend gut" sei.

Auch bei den Beschäftigungszahlen ging es bergauf: So verzeichnet die Studie bei der Zahl der insgesamt in der Musikwirtschaft beschäftigten Erwerbstätigen einen Anstieg um rund 25 Prozent auf 157.800 Menschen, darunter 64.000 Selbstständige und rund 93.000 Arbeitnehmer, die Ende 2019 hier arbeiteten. Die Gesamterlöse der Musikunternehmen wuchsen derweil um rund 18 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro.

Girard hatte auch ein paar Zahlen zum Vergleich im Gepäck: So sei die bundesweite Bruttowertschöpfung seit 2015 nur um rund 14 Prozent gewachsen, also deutlich unter dem vom Musibiz vorgelegten Niveau; ebenso wie bei den Erwerbstätigen, wo der deutsche Zuwachs ingesamt bei lediglich sechs Prozent lag.

Unterm Strich mache die Studie klar, dass die Musikwirtschaft Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffe, betonte Girard. Damit hat die Branche an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung gewonnen. Die Zukunft allerdings sei noch unklar, schließlich stelle die Corona-Krise die Musikwirtschaft vor große Herausforderungen.

Ganz klar wurde denn auch, dass die Covid-19-Pandemie diesen bislang langfristigen Wachstumstrend massiv gefährdet: Schließlich lagen die frisch erhobenen Umsatzerwartungen für das laufende Jahr um knapp sieben Milliarden Euro unter den ursprünglich von den Musikunternehmern aus den verschiedenen Teilbereichen der Musikwirtschaft - vom Label über die Verlage, Veranstalter und Clubbetreiber bis zur Musikinstrumentenbranche - genannten Erwartungen.

Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, strich in seiner Begrüßung die Bedeutung dieser Erhebung heraus. Schließlich benötige die Musikbranche gerade jetzt in der Diskussion um mögliche Hilfspakete "harte statistische Grundlagen" für ihre Forderungen an die Politik. denn wie gravierend die Probleme seien, dafür brauche es "nicht viel Phantasie, sich das auszumalen". Vor diesem Hintergrund müsse es nun um die Frage gehen, ob und mit was für Hilfen man die Strukturen der Musikwirtschaft durch die Pandemie hindurch bekomme.

Als Präsident des Bundesverbands der Konzert- Veranstaltungswirtschaft (BDKV) griff Jens Michow die freundliche Entwicklung der vergangenen fünf Jahre auf, verwies darüber hinaus auf positive Umsatzeffekte zum Beispiel durch den Musiktourismus, wobei Hamburg hier bundesweit ganz vorn rangiere, und konterte das Bild dann mit der "erschütternden Zahl" der um sieben Milliarden Euro sinkenden Einnahmeerwartungen allein fürs laufende Jahr: "Ein gigantischer Betrag, der meines Erachtens nach am Ende sogar noch höher ausfallen wird", wie Michow mit Verweis auf das noch längst nicht absehbare Ende der Einschränkungen zum Beispiel in der Livebranche betonte.

Man spreche hier "von einer grundgesunden Branche", die anhaltendes Wachstum vorzuweisen hatte, "und diese Branche ist nun kaputt und liegt am Boden". Wenn den Künstlern aber die Einnahmen aus Konzerten fehlen würden, ziehe das auch die Autoren, die Musikverlage oder den Instrumentenhandel in Mitleidenschaft. Deshalb brauche man "schnelle und unbürokratische Hilfen, wenn die Vielfalt des Kulturangebots erhalten bleiben soll", betonte Michow. Das Drama sei "viel größer", als viele bislang ahnen würden.

Konzerte mit Abstandsregeln bezeichnete Michow derweil als "Beschäftigungstherapie" für die Veranstalter: "Wir haben 100 Prozent der Kosten bei nur 25 Prozent der Einnahmen - das kann nicht gut gehen."

Als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) betonte Florian Drücke die Solidarität innerhalb der Branche: Auch die Labelseite sei betroffen, wenn es ihren Partner und Künstlern schlecht geht, vor allem aber auch durch Einbußen im physischen Bereich, die man allerdings derzeit durch ein stabiles digitales Standbein ausgleichen könne. Hier aber, so betonte Drücke, müsse man darauf achten, dass zum Beispiel in der Diskussion ums Urheberrecht die Weichen für die Zukunft richtig gestellt würden. Das sei derzeit "unsere Hauptsorge", da dies bereits bestehende Einnahmequellen schädigen könne: "Das können wir uns nicht leisten", betonte Drücke.

Das Schlusswort der auch online übertragenen Runde vom Musikdialog, an der unter anderem auch Birgit Böcher (DMV), Ina Keßler (Initiative Musik), Daniel Knöll (SOMM) oder Karsten Schölermann (LiveKomm) teilnahmen, übernahm erneut Carsten Brosda. Man habe es im Musikbereich mit einer "kerngesunden Branche" zu tun, betonte der Senator - wenn man es denn schaffe, die Strukturen durch die Krise zu bekommen. "Keiner von uns hat ein Drehbuch dafür", sagte Brosda. Aber wenn es gelinge, gemeinsam und miteinander im Gespräch zu bleiben, "dann ist mir nicht bang, dass das gelingen kann".

Auftraggeber der Musikwirtschaftsstudie und der ebenfalls präsentierten Untersuchung zur Musiknutzung sind BDKV, BVMI, DMV, EVVC, GEMA, GVL, LiveKomm, SOMM und VUT, als Förderer sind die Freie und Hansestadt Hamburg sowie die Initiative Musik mit BKM-Mitteln mit an Bord. Unter anderem hält der BVMI online eine achtseitige Zusammenfassung der Studie bereit (pdf).

Text: Knut Schlinger