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Semmelmann und Michow befürchten "Absterben" der Branche

Bei einer Pressekonferenz zu den "Back To Live"-Konzerten von Semmel Concerts in der Waldbühne Berlin sprachen Dieter Semmelmann und BDKV-Präsident Jens Michow auch über die unverändert dramatische Lage der Branche. Wenn man bis November keine Perspektive für einen Neustart erhalte, dann "ist diese Branche platt".

03.09.2020 14:43 • von Dietmar Schwenger
Bei der Pressekonferenz (von links): Alexander Ruoff, Dieter Semmelmann, Roland Kaiser und Jens Michow (Bild: Screenshot, MusikWoche)

Bei einer Pressekonferenz zu den "Back To Live"-Konzerten von Semmel Concerts in der Waldbühne Berlin sprachen Dieter Semmelmann und BDKV-Präsident Jens Michow auch über die unverändert dramatische Lage der Branche. Wenn man bis November keine Perspektive für einen Neustart erhalte, dann "ist diese Branche platt", wie Semmelmann betonte.

Konkret strich Jens Michow heraus, wenn die Livebranche nicht spätestens am 1. April 2021 wieder Konzerte ohne Abstandsregeln veranstalten dürfte oder bis dahin zumindest ein "Plan B" mit wirksamer finanzieller Hilfe vorläge, "nimmt man billigend in Kauf, dass die Branche ausstirbt". Nur bis zu dem genannten Datum sei es möglich, alle verlegten Termine noch entsprechend zu planen und umzusetzen. Problematisch sei auch, dass manche Hallen den Veranstaltern bereits mitgeteilt hätten, dass sie für 2021 keine Buchungen annähmen, da sie nicht damit rechnen, dass bis dahin die Lage klarer sei.

"Wir fordern einen verbindlichen Neustarttermin, ab wann wir ohne Kapazitätsbeschränkungen wieder veranstalten dürfen", sagte Semmelmann. Auch sei der eh subventionierte Klassikbereich bei den bestehenden Förderprogrammen "besser bedient" worden als die privatwirtschaftlich arbeitende Konzertbranche. Kritisch sieht der Semmel-Chef auch die "Symbolpolitik der Verbote" seitens der Politik und spielte damit auf das nun verschobene Düsseldorfer Konzert von Live Nation an.

"Es ist doch Blödsinn, dass man die Besucherzahl in Spielstätten mit einer Kapazität für 50.000 Menschen auf 1000 begrenzt. Unsere Konzepte zeigen doch, es ist machbar, Konzerte vernünftig und entsprechend den Hygienebestimmungen umzusetzen", meinte Semmelmann.

Michow wies zudem darauf hin, dass andere Wirtschaftszweige in Berlin besser wahrgenommen würden und dass die Livebranche außerhalb des Fokus der Politik liege, weil man dort nicht verstehe, was alles am Livebetrieb hänge. "Wir brauchen eine Förderung, mit der man den Betrieb aufrechterhalten kann, denn es ist 3 nach 12. Ich höre bereits, dass einige Veranstalter aufgegeben haben. Wir müssen jetzt sofort handeln, wir brauchen einen substantiellen Rettungsschirm und eine Perspektive, wie es weitergeht. Denn ansonsten wird diese Branche sterben."

"Die ersten Unternehmen kündigen an, dass sie die nun beschlossene weitere Verlängerung der Restriktionen im Veranstaltungsgeschäft bis Ende des Jahres wirtschaftlich nicht überleben werden", so Michow. Der Verband fordere daher bis zur kompletten Wiedereröffnung umfassende finanzielle Hilfen mindestens in Höhe der unternehmerischen Fixkosten ebenso wie der variablen Kosten. Nur so könne der totale Zusammenbruch der Branche verhindert und ein Wiedereinstieg im kommenden Jahr ermöglicht werden.

Außerdem sei schnellstens eine wirksame Unterstützung aller Künstler, ihrer Vermittlungsagenturen sowie der großen Anzahl von Veranstaltungsdienstleistern erforderlich. "Weder die Überbrückungshilfen noch das soeben mit der Beauftragten für Kultur und Medien ausgehandelte beachtliche Förderprogramm sind geeignet, die Löcher zu stopfen, die bisher entstanden sind und weiter entstehen werden. Durch die Förderung werden zwar zukünftige Veranstaltungsverluste vermieden, sie dient aber nicht dazu, den Veranstaltern einen zumindest bescheidenen Gewinn zu sichern, zumal dieser bei Konzerten mit Abstandsregeln ohnehin nicht zu erwirtschaften ist. Die Branche fordert daher im Interesse der Erhaltung der deutschen Live-Kultur ein verbindliches Hilfs-Szenario für die Zukunft", formuliert Michow.

Semmelmann merkte an, dass es darüber hinaus auch unmöglich sei, Konzerttourneen auf der Grundlage eines föderalen Flickenteppichs unterschiedlichster Verordnungen durchzuführen. "Wir brauchen schnellstmöglich einheitliche, nachvollziehbare und bundesweit verbindliche Regeln für Hygiene-, Organisations- und Dokumentationsstandards, unter denen Veranstaltungen gegebenenfalls auch schon kurzfristig durchgeführt werden können. Wir können mit personalisierten Tickets arbeiten und spezielle Einlassverfahren und Hygienemaßnahmen wie den obligatorischen Mund-Nasen-Schutz umsetzen. Was definitiv nicht geht, ist allerdings die Einhaltung eines Mindestabstands zwischen den Besuchern, zumal darauf ja auch in Flugzeugen, Bussen und Bahnen längst verzichtet wird."

Michow erläuterte, dass die Veranstaltungsbranche 2019 einen Umsatz von rund sechs Milliarden Euro erwirtschaftet habe. "Mit nahezu 160.000 Erwerbstätigen sind in dem Wirtschaftszweig mehr Menschen als in jeder anderen Branche der Medienwirtschaft tätig - mehr als bei Zeitungsverlagen oder der Filmwirtschaft und übrigens gerade mal rund 10.000 Beschäftigte weniger als bei der Deutschen Lufthansa weltweit tätig sind."

Für Semmelmann sichere die Branche die Existenz von über 10.000 Acts. "Veranstaltungen sind der Motor der gesamten Musikwirtschaft - finden keine Veranstaltungen statt, haben Künstler*innen keine Einnahmen. Können Künstler keine Musikwerke aufführen, erzielen auch die Musikautoren und Texter sowie die Musikverlage keine Einnahmen und so geht das im gesamten Musikwirtschaftsbereich weiter".

Zugleich wolle man mit den Konzerten in der Waldbühne ein Lebenszeichen senden - "auch an die, die uns eingesperrt haben", sagte Semmelmann in Hinblick auf die Konzerte, die dort am 3. September beginnen. "Man hat das Gefühl, dass die Politik einen vergisst. Wir wollen zeigen, dass wir es noch können, auch wenn diese Konzerte für uns ein Kraftakt sind und wir damit kein Geld verdienen." Auch Semmel Concerts leide als großer Veranstalter unter der Lage: Alle 160 festen Mitarbeiter seien in Kurzarbeit und könnten nur noch 20 bis 50 Prozent der sonstigen Zeiten arbeiten. Auch die Gefahr, nach dem Neustart ohne freie Mitarbeiter bei der Crew oder Technik dazustehen, sei vorhanden.

Mit dem Vorverkauf für die Berliner Konzerte sei Semmelmann zufrieden, auch wenn noch Luft nach oben sei. Die beiden Shows von Roland Kaiser und Sido seien ausverkauft, aber die Ereignisse in Düsseldorf um das verschobene Live-Nation-Konzert hätten zu einer Verunsicherung bei den Leuten geführt, was man dann auch beim Vorverkauf für die Shows in der Waldbühne gemerkt habe.

Neben Roland Kaiser, der sich solidarisch mit den Forderungen von Semmelmann und Michow zeigte, nahm auch Alexander Ruoff, COO der Waldbühnen-Betreibergesellschaft CTS Eventim, an der Pressekonferenz teil. Er erläuterte, wie CTS Eventim mit speziellen Ticketinglösungen wie einer integrierten Besucherdatenerfassung geholfen habe, die Shows umzusetzen. Ihm sei aber klar, dass es nur einen langsamen Neuanfang geben könne. Ruoff warf jedoch einen Blick auf das benachbarte Ausland wie Österreich und Frankreich, wo die Hilfsmaßnahmen besser auf die Bedürfnisse der Livebranche zugeschnitten seien. "In Deutschland ist da noch Luft nach oben."

"Auch wir sind natürlich sehr froh, dass wir diese Veranstaltungsreihe hier in dieser wunderschönen Open Air Bühne umsetzen können", so Ruoff weiter. "Wir haben uns lange darauf vorbereitet und auch beim Ticketing im Hinblick auf die Besucherdatenerfassung die notwendigen technischen Lösungen schnell entwickelt und bereit gestellt. Diese Konzerte sind ein riesiger Schritt nach vorne, aber zweifelsohne nur ein ganz kleiner, auf dem Weg zur Normalität."

Roland Kaiser ist Dieter Semmelmann dankbar für die Chance, mit seinen beiden Konzerten der "Back To Live"-Reihe ein Zeichen für alle Mitarbeiter setzen zu können, die durch den Stillstand der sechstgrößten Branche Deutschlands seit Monaten vollständig ohne Erwerb dastehen. "Das gilt für die Musiker, über die Techniker für Ton & Licht bis zu den Truckfahrern und Catering-Personal. Es ist mehr als wichtig, einen Neustart zu avisieren, der zeitnah in 2021 erfolgt."

Termine:

03.09.20 Roland Kaiser

04.09.20 Roland Kaiser

05.09.20 Sido

06.09.20 Helge Schneider

18.09.20 Wincent Weiss

26.09.20 Schlagernacht - Special Edition

02.10.20 Peter Maffay