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Reeperbahn will "das ­wegweisende digitale Event in Europa" gestalten

Die Corona-Pandemie macht auch vor dem Reeperbahn Festival nicht Halt, das dieses Jahr als Hybrid-Ausgabe stattfindet. MusikWoche sprach mit den Geschäftsführern Alexander Schulz und Detlef Schwarte über Hintergründe und digitale Zielsetzung.

03.09.2020 13:56 • von Dietmar Schwenger
Rufen die MusikWoche-Leser auf, sich fürs Reeperbahn Festival zu registrieren: Detlef Schwarte (links) und Alexander Schulz (Bild: Reeperbahn Festival)

Die Corona-Pandemie macht auch vor dem Reeperbahn Festival nicht Halt, das dieses Jahr als Hybrid-Ausgabe stattfindet. MusikWoche sprach mit den Geschäftsführern Alexander Schulz und Detlef Schwarte über Hintergründe und digitale Zielsetzung.

Wie verlief der Prozess, der zur digitalen Ausgabe des Reeperbahn Festivals führte? Ab wann war Ihnen klar, dass es keine reguläre Ausgabe geben würde?

Alexander Schulz: Dass das Reeperbahn Festival 2020 nicht ganz konventionell würde stattfinden können, ahnten wir im März. Die unklare Phase, in der sich ja alle und alles - nicht nur die Kulturwirtschaft - sortiert haben, dauerte für uns bis Ende April. Bis dahin wäre auch eine komplette Absage ein denkbares Szenario gewesen. Als am 30. April zunächst das Corona-Kabinett die ersten Handlungsempfehlungen nannte und Anfang Mai auf Länderebene die sich daran mehr oder weniger orientierenden Erlasse und Verordnungen folgten, hatten wir eine erste Grundlage für ein verändertes Design der Veranstaltung. Bis Monatsende haben wir dann die Struktur für die erste hybride Version der Veranstaltung vorbereitet. Ab Juni sind die Mitarbeiter*innen aus der Kurzarbeit zurückgekehrt, und wir haben das erste Konzept, das noch umfangreicheres Präsenz-Angebot enthielt, konkret erarbeitet. Als am 1. Juli der neue Erlass für das Land Hamburg zur Eindämmung der Pandemie veröffentlicht wurde, haben wir das Setting der Veranstaltung abermals korrigieren müssen. Alle Programm-Angebote, die wir ausschließlich für unsere Fachbesucher*innen aufsetzen, finden nun ohne physisches Publikum im digitalen Raum statt, die Präsenz-Angebote für Fachbesucher*innen und öffentliches Publikum haben wir nochmals verringert. Backbone der 2020er-Ausgabe des Reeperbahn Festivals ist jetzt eine zeitgemäße Medien-Plattform aus moderierten und selbst kuratierten Inhalten, die sowohl live als auch On-Demand-Angebote bereithält und Interaktivität in beiden Besuchergruppen gewährleistet. Die Plattform spiegelt gleichzeitig alle wichtigen Mechanismen einer regulären Ausgabe unserer Veranstaltung: Themen und Programme können ausprobiert, vertieft oder auch wieder verlassen werden, es gibt unterschiedliche Räume und Zugangsebenen für die vielfältigen Programmangebote.

Wie sieht es konkret mit den Live-Events aus?

Schulz: Von den etwa 120 Konzerten mit Publikum in vier Tagen werden wir bis zu 60 selbst und in Kooperation mit unseren Partnern NDR und arte aufnehmen und live und/oder zeitversetzt auf der neuen Medienplattform des RBF20 abbilden für all jene, die aufgrund der Kapazitätsbeschränkungen und/oder Reisebestimmungen nicht vor Ort teilnehmen können oder wollen. Viele internationale Musik-Exportbüros liefern eigens produzierten Inhalt zu, um so ihre wichtigsten Talente des Jahres weltweit medial über unsere Plattform zu präsentieren. Die zehn wichtigsten neuen Künstler aus Deutschland, die wir ja alljährlich im Programm »Wunderkinder-German Music Talent« der internationalen Musikwirtschaft zeigen, treten im Präsenz-Programm auf und werden zusätzlich medial im Stream präsentiert. Ganz genauso verfahren wir mit den Konzerten der sechs stärksten internationalen Talente in unserem Anchor-Wettbewerb und mit der Verleihung und Abschluss-Gala am 19. September. Auch die Eröffnungs-Show am 16. September und das anschließende Eröffnungskonzert von Tina Dico finden live mit Publikum statt und werden gleichzeitig auf unserer neuen Medienplattform abgebildet. Auf diese Art und Weise wollen wir im Hauptprogramm und in den Nebenräumen der neuen Reeperbahn-Festival-Medienplattform vom 16. bis 19. September über 200 Einzelprogramme live und on demand anbieten.

Das Reeperbahn Festival ist dieses Jahr nicht die erste Konferenz, die digital stattfinden wird. Haben Sie sich von anderen Digitalausgaben inspirieren lassen, was wollen Sie technisch anders oder gar besser machen?

Detlef Schwarte: Ja, wir schauen uns mit dem Team viele andere digitale Angebote an und sind teils auch aktiv teilnehmend. Der grundsätzliche Anspruch war jenseits davon aber immer, der Rolle des Reeperbahn Festivals als Leitveranstaltung der europäischen Musikwirtschaft auch im Digitalen gerecht zu werden. Daran arbeiten wir nun seit Sommer wirklich intensiv. Wir wollen auch im Digitalen ein lebendiges und launisches Event mit viel Reeperbahn-Festival-Flair sein. Das heißt, es wird von Donnerstag bis Samstag ein circa achtstündiges, von mehreren Moderator*innen durchmoderiertes Konferenzprogramm aus mehreren Studios von der Reeperbahn geben. Ergänzt wird dieses Live-Programm durch viele digitale Events, die Partner wie YouTube, internationale Musikexport-Büros oder der VUT anbieten, und von einem Dutzend internationaler digitaler Showcases aus Kanada, Korea, Australien und verschiedenen europäischen Ländern. Zudem werden viele Firmen und Organisationen ansprechbar sein in ihren digitalen Lounges. Wir wollen gemeinsam mit der Branche das wegweisende digitale Event für die Musikwirtschaft in Europa gestalten.

Gibt es schon Zahlen, wie die digitalen Angebote für die Fachbesucher angenommen werden - etwa in Hinblick auf gebuchte Onlinezugänge für 2020 oder Umbuchungen auf 2021?

Schwarte: Sie haben richtig gesagt, dass wir in diesem Jahr nicht die erste digitale Konferenz sein werden. Die Zahlen aktiver Teilnehmer*innen, die von manchen im Nachgang genannt wurden, waren teils schon auch erstaunlich in Anbetracht der dort sichtbaren Interaktionen. Insofern ist diese Betrachtung des Digitalen im Vergleich zu den Live-Events irgendwie noch einmal doppelt fishy. Die Entscheidung, unseren Konferenz-Bereich mit einer niedrigen Paywall zu versehen, soll ein gewisses Maß an Verbindlichkeit und Transparenz ermöglichen. Ich selbst wäre am Ende sehr zufrieden, wenn wir ein- bis zweitausend aktive Delegierte auf der Plattform begrüßen könnten und möchte darum an dieser Stelle schon auch alle MusikWoche-Leser*innen aufrufen: Give It A Chance And Sign In! Bei der Abfrage der Fachbesucher*innen, die schon vor März ein Konferenz-Ticket gekauft hatten, ergab sich, dass nur unter 20 Prozent ihr Ticket hätten behalten wollen. Eine klare Aussage also.

Stichwort Fördermittel: Hat die Digitalausgabe einen Einfluss auf die Höhe der Gelder - oder müssen Sie Budget auf 2021 schieben?

Schulz: Die Umstrukturierung des Reeperbahn Festivals 2020 in eine hybride Ausgabe - bestehend aus einem aufwändigen pandemiegerechten Veranstaltungsdurchführungskonzept für die insgesamt etwa 160 Präsenz-Programme einerseits und einem zeitgemäßen und reichhaltigem medialen Angebot andererseits ist mit erheblichen neuen Aufwänden verbunden. Gleichzeitig können diverse Einnahmeerwartungen nicht realisiert werden. Das Land Hamburg hat sein Engagement für das Reeperbahn Festival in diesem Jahr mehr als verdoppelt und die Veranstaltung mit zusätzlichen 500.000 Euro ausgestattet, um eine Umsetzung unter den neuen Bedingungen zu ermöglichen. Die Fördermittel des Bundes sind der Höhe nach im ursprünglichen Plan geblieben, können aber teilweise ebenfalls für neue, zunächst ungeplante Maßnahmen eingesetzt werden. Beide Förderer wollen wie wir selbst auch lernen, wie unter Pandemie-Bedingungen kulturelles und kulturwirtschaftliches Programm sinnvoll umgesetzt werden kann, und welche Elemente, die zunächst notgedrungen auf den Weg gebracht wurden, auch nach der Pandemie noch Bestand haben könnten.

Wie sieht das Verhältnis virtuell/physisch bei den Panels aus? Wird es Sessions mit Panelisten vor Ort geben - und kommt Olaf Scholz persönlich auf die Reeperbahn?

Schwarte: Ja, Olaf Scholz kommt live und in Farbe und wird beim Doors Open am 16. September um 18 Uhr sprechen. Das wird ein bestimmt sehr spannender Moment: zu hören, wie der Vizekanzler die Lage und Perspektiven der Branche betrachtet. Und ich finde es schon gut, dass das nun alle Interessierten live und ohne VIP-Einladung auf unserer Plattform miterleben können. Hinter der recht niedrigen Paywall ab 13,90 Euro wird es dann - ohne die hanseatische Zurückhaltung ganz aufzugeben - ein für die internationale Musikbranche in der Machart wegweisendes digitales Programm aus rund 100 Events geben, die wir vom Festival-Donnerstag bis -Samstag in vier Live-Studios aus dem Klubhaus St. Pauli von der Reeperbahn streamen werden. Etwa drei Viertel davon werden live in den Studios produziert, der Rest kommt live digital oder aus der Konserve dazu.

Die Corona-Krise ist das bestimmende Thema dieser Tage. Wird es dennoch bei der Konferenz auch andere Inhalte geben?

Schwarte: Ich finde, wir haben ein wirklich starkes Aufgebot an Sprecher*innen. Vom Superstar der Medien-Theorie, Douglas Rushkoff, über Künstler wie Westbam, Nada Surfs Matthew Caws oder den Frontman von Heaven Shall Burn und Intensivpfleger Marcus Bischoff, TikTok-Stars wie Lukas Rieger und Aylo bis zu Branchen-Heavyweights wie Helen Smith, Patrick Mushatsi-Kareba, Peter Elliot, Stephan Thanscheidt oder Steve Zapp ist alles dabei. Natürlich werden wir auch der Ort sein, wo sich Politik und Branche in dieser sehr besonderen Zeit treffen und diskutieren. Kevin Kühnert (SPD), Max Ernst (Die Linke), Rüdiger Kruse (CDU) oder Erhard Grundl (Die Grünen) stellen sich der Branche auf deutscher Ebene. Europa-Sessions sind besetzt mit unter anderem Staatsministerin Michelle Müntefering und den Sabine Verheyen (CDU) und Helga Trüpel (Die Grünen). Die meisten davon kommen nach Hamburg, um live an unseren Studio-Sessions teilzunehmen. Das Corona-Thema wird sicher alle bewegen, aber nicht immer tonangebend sein. Dafür werden spätestens Sessions sorgen wie »Pop und Humor« mit »Stromberg«-Erfinder Ralf Husmann und Max Dax oder Kurt Thielen von Zebralution und Thomas Theune von der GEMA, die uns noch einmal ihren Deal aus der Vor-Corona-Zeiten genau erklären werden müssen.

Sehen Sie die digitale Ausgabe auch als Versuchsfeld für künftige Jahre, oder ist das ein Notprojekt, das man hoffentlich nie wieder braucht?

Schulz: In Gänze ist die diesjährige Ausgabe natürlich aus der Not geboren und (nur) so nicht über Jahre tragfähig. Das liegt vor allem daran, dass die emotionalste, aber auch individuellste und gleichzeitig sozialste Form der Rezeption der Produkte unserer Branche nun einmal das Konzerterlebnis ist. Alle anderen (medialen) Rezeptionsformen und Bereiche unserer Branche hängen mittelbar übrigens auch an diesen vergänglichen Live-Eindrücken. Wir müssen weiter hart daran arbeiten, sie so umfangreich wie eben möglich wieder zu aktivieren. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass wir die neue Reeperbahn-Festival-Medienplattform in den kommenden Jahren technisch und funktional ausbauen und auch unterjährig programmatisch nutzen werden. Ich vermute außerdem, dass vor allem für musikwirtschaftliche und musiktheoretische Programm-Angebote (nicht für Konzerte!) die Option, einzelne Speaker*innen, Referent*innen und so weiter aus aller Welt medial in eine Diskussionsrunde zu hieven, für zukünftige Ausgaben unserer Veranstaltung Schule machen kann. Und möglicherweise wird auch das internationale Netzwerk unserer Fachbesucher*innen unterjährig gestärkt, wenn wir vielleicht alle miteinander begreifen, dass wir nicht jede Woche an irgendeinen Ort der Welt fliegen müssen, um erfolgreich Geschäfte zu machen, weil es inzwischen brauchbare, interaktive und intensive technische Alternativen wie virtuelle Matchmaking-Tools etc. gibt, die zielorientiertes, internationales Netzwerken mit weitaus weniger Energieaufwand ermöglichen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in das Reeperbahn Festival 2020?

Schulz: Die monatelange Ungewissheit ist gewichen. Natürlich bleibt eine sehr große innere Spannung bis zum Ende der Veranstaltung, weil wir so viel Neues ausprobieren - in echt und virtuell. Aber ich bin inzwischen sehr zuversichtlich, dass wir vieles, was wir uns vorgenommen haben, auch sehr ordentlich abliefern werden. Und ich freue mich sehr, endlich wieder live dargebotene Musik von der Bühne zu hören, zu sehen und zu fühlen und bin gleichzeitig etwas ambivalent, wenn ich an die recht leeren Zuschauerräume denke.