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Florian Drücke: "Es herrscht Betroffenheit trotz des Wachstums"

Dank der Streamingzuwächse konnten die Plattenfirmen die Corona-Krise im ersten Halbjahr abwettern. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Florian Drücke als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) Zwischenbilanz, und schlägt dabei einen Bogen vom Marktgeschehen übers Urheberrecht zur neuen branchenübergreifenden Solidarität.

28.08.2020 13:30 • von
Warnt vor den unternehmerischen Folgen der Pandemie fürs kommende Jahr: der BVMI-Vorstandsvorsitzende Florian Drücke (Bild: Christoph Soeder)

Dank der Streamingzuwächse konnten die Plattenfirmen die Corona-Krise im ersten Halbjahr abwettern. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Florian Drücke als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) Zwischenbilanz, und schlägt dabei einen Bogen vom Marktgeschehen übers Urheberrecht zur neuen branchenübergreifenden Solidarität.

MusikWoche: Der BVMI kann zum Halbjahr ein Umsatzplus von fast fünf Prozent melden. Das klingt angesichts der Pandemie gar nicht so schlecht. Wie beurteilen Sie diese Zwischenbilanz?

Florian Drücke: In der Tat, ein Plus von 4,8 Prozent ist in der gegenwärtigen Situatio ein recht beachtliches Ergebnis, auch und gerade mit Blick auf die Betroffenheit in der Kreativwirtschaft insgesamt, sprich: quer durch die verschiedenen Sektoren und Wertschöpfungsketten. Hier zeigt sich, wie relevant, aber auch, wie stabil das digitale Standbein der Musikindustrie inzwischen ist; das ist letztlich die Ernte der umfassenden Diversifizierungs- und Digitalstrategie unserer Mitgliedsfirmen. Auch klar ist aber natürlich: Bei Umsätzen, die zu 75 Prozent online erwirtschaftet werden, haben faire Rahmenbedingungen beim digitalen Lizenzhandel Triple-A-Priorität! Mit anderen Worten: die Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie so, wie sie der europäische Gesetzgeber verabschiedet hat. Ohne deutsche Sonderwege, die für uns Irrwege sind.

_____"BEI UMSÄTZEN, DIE ZU 75 PROZENT ONLINE ERWIRTSCHAFTET WERDEN, HABEN FAIRE RAHMENBEDINGUNGEN BEIM DIGITALEN LIZENZHANDEL TRIPLE-A-PRIORITÄT!" Florian Drücke, BVMI.

MusikWoche: Zwei Drittel Streaming, drei Viertel Digital, hat das Coronavirus die digitale Entwicklung noch einmal beschleunigt?

Florian Drücke: Es ist davon auszugehen, dass das Herunterfahren des öffentlichen Lebens eine Rolle gespielt hat. Dadurch, dass über Wochen außer Geschäften des täglichen Bedarfs nichts geöffnet hatte, sind Unterhaltungsinhalte, die man mühelos und jederzeit abrufen kann, sicherlich noch einmal näher auch an Menschen herangerückt, die sich bis dahin vielleicht anderswo versorgt haben. Wiederum ist aber die generelle Entwicklung ja nicht neu und hatte bekanntlich schon längst vor Corona an Fahrt aufgenommen, so dass wir auch ohne die Auswirkungen der Pandemie wahrscheinlich einen durchaus ähnlichen Split gehabt hätten.

MusikWoche: Der Umsatzanteil der CD-Alben lag im ersten Halbjahr 2019 noch um acht Prozentpunkte höher als die nun noch ausgewiesenen 20 Prozent. Lässt sich dieser Einbruch allein auf Corona zurückführen?

Florian Drücke: Die Corona-Krise hat einen erheblichen Anteil daran, denn es wurde ja nicht nur der Einzelhandel heruntergefahren, sondern darüber hinaus auch eine ganze Reihe von Veröffentlichungen verschoben, dadurch war die CD in doppelter Hinsicht betroffen und musste einen sehr deutlichen Rückgang von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hinnehmen - damit war das Minus hier tatsächlich doppelt so hoch wie 2019 mit damals 10,6 Prozent, insofern ist hier also schon von einem Corona-Effekt auszugehen. Es wird spannend, am Ende des Jahres zu sehen, inwiefern ein Teil derjenigen, die bis dato CD-Käufer/innen waren, dem physischen Produkt die Treue halten.

____"ES HERRSCHT EINE BEMERKENSWERT GROßE SOLIDARITÄT IN DER BRANCHE - WENN DIE KRISE EIN GUTES HAT, DANN DAS!" Florian Drücke, BVMI.

MusikWoche: Rechnen Sie damit, dass sich das aktuelle Wachstum auch im Gesamtjahr halten oder sogar weiter ausbauen lässt?

Florian Drücke: Sicher ist, dass Audiostreaming sich weiterhin sehr dynamisch entwickelt, die Nachfrage ist groß, und man kann sagen, dass Streaming die Verluste im physischen Bereich mehr als kompensiert hat. Alles andere ist Glaskugelleserei und hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel davon, welche der im Frühjahr und Sommer verschobenen VÖs gegebenenfalls im Herbst kommen. Davon abgesehen darf man nicht die nachgelagerten Effekte vergessen, Einnahmeverluste ergeben sich ja nicht nur aus rückläufigen CD-Verkäufen, sondern auch aus reduzierten Lizenzeinnahmen für Verlage, Labels und Musiker. Wirklich sicht- und spürbar werden die Pandemiefolgen für unseren Teil der Branche insofern erst im kommenden Jahr, wenn das, was normalerweise in Clubs oder Ladengeschäften umgesetzt und durch die Verwertungsgesellschaften ausgeschüttet wird, nicht fließt. Das heißt, es herrscht Betroffenheit trotz des Wachstums. Ganz davon abgesehen, darf das positive Ergebnis in unserer Branche nicht den Blick darauf verstellen, wie verheerend die Krise für den Live-Sektor, ist und welche Folgen dies wiederum für Künstlerinnen und Künstler und die dahinterstehende Struktur hat. Hier herrscht eine bemerkenswert große Solidarität innerhalb der Branche - wenn die Krise ein Gutes hat, dann das!

_____"WIRKLICH SICHT- UND SPÜRBAR WERDEN DIE PANDEMIEFOLGEN FÜR UNSEREN TEIL DER BRANCHE ERST IM KOMMENDEN JAHR." Florian Drücke, BVMI.

Fragen: Knut Schlinger