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Die Livebranche über leere ­Hallen und ­leere Kassen

Die Lage der Livebranche ist nach wie vor dramatisch.MusikWoche fragte ausgewählte Veranstalter, ob sie mit der Hilfe von Bund und Ländern zufrieden sind und wie sie für 2021 planen.

21.08.2020 11:17 • von Dietmar Schwenger
Auch sie ist derzeit meistens leer: die Olympiahalle München (Bild: Olympiapark München)

Die Lage der Livebranche ist nach wie vor dramatisch.MusikWoche fragte ausgewählte Veranstalter, ob sie mit der Hilfe von Bund und Ländern zufrieden sind und wie sie für 2021 planen.

Timo Birth und das Team von Kingstar: Wir sind uns dessen bewusst, dass die massiv betroffene Kulturlandschaft nur ein Baustein des gesamten Gesellschaftskonstrukts darstellt, das es aufzufangen gilt. Von daher bewerten wir beispielsweise das Modell des Kurzarbeitergeldes sehr positiv. Es war in kürzester Zeit abrufbar und hat viele Firmen mit einer Vielzahl von Angestellten finanziell massiv entlastet. Jedoch besteht ein signifikanter Teil unserer Branche aus Selbstständigen, die bei der Kurzarbeiterregelung außen vor stehen und denen es existenziell an finanzieller Förderung mangelt. Sie können ihrem Beruf nicht nachgehen und stehen finanziell zum Teil vorm Abgrund. Momentan haben sie die Option, die Grundsicherung zu beantragen oder ihre private Altersvorsorge in Form von Erspartem anzuzapfen. Ansonsten werden sie finanziell nicht wirklich substanziell entlastet oder aufgefangen. Natürlich können sie in letzter Konsequenz versuchen, die Branche zu wechseln, aber sollte das im großen Stil passieren, dann steht die Veranstaltungsbranche, sobald es wieder losgeht, vor einem Riesenproblem - es wird ein großer Mangel an Fachkräften vorherrschen, der nicht so einfach zu kompensieren sein wird. Deutschland ist eines derjenigen wirtschaftlich-stabilen Länder, in denen ein finanzielles Auffangbecken im derzeitigen Umfang überhaupt umsetzbar ist. Insofern können wir uns natürlich glücklich schätzen. Durch unser weltweites Agieren sind wir im regen Austausch mit Partnern in anderen Ländern, wo die Situation wirtschaftlich für die Gesellschaft und finanziell für die einzelnen Menschen um ein Vielfaches düsterer aussieht. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass auch in unserer Branche, wie bereits erwähnt, gerade viele Menschen, die zum Teil Jahrzehnte die Grundpfeiler unserer Branche waren, durchs soziale Netz fallen. Darüber hinaus müssen wir sicherstellen, dass unsere Infrastruktur in Form privat betriebener Clubs und Hallen nicht wegbricht. Sobald die ersten Clubs ihre Pforten für immer schließen müssen und die Gebäude verkauft werden, verschwinden diese Clubs und Hallen höchstwahrscheinlich für immer von der Landkarte. Bundesweite Fördergelder für die privat betriebenen Clubs und Hallen sind - je länger die Corona-Krise andauert - unverzichtbar. Ohne die Menschen, die als Fachkräfte in unserer Branche arbeiten, ohne die Künstler, die unser aller Leben durch ihr Schaffen bereichern, und ohne die Clubs und Hallen, die ihnen eine Bühne und ein Zuhause für einen Tag bieten, wird es keinen Neustart nach der Krise geben. Nur zusammen können wir diese fundamentale Krise überstehen und mit Musik und Solidarität in unseren Herzen mit dem Wiederaufbau beginnen. Als ein großes Lehrstück dieser Krise sehen wir, dass unserer Branche eine Lobby mit wirklicher Schlagkraft in politischen Kreisen fehlt. Es sind Ansätze da, aber wir sollten trotz des generelles Wettbewerbes versuchen einen gemeinsamen Lobbyisten-Kreis zu schaffen, der alle Bereiche gleich ablichten kann. Das ist sicher nicht leicht, aber wichtig. Auch würde dies die Arbeit der Politik vereinfachen, um Unterstützungen und Reglementierungen gezielter umsetzen zu können.

Wir haben bereits zu Beginn der Pandemie im März 2020 begonnen, nach Möglichkeit für alle Tourneen alternative B- und C-Pläne auszuarbeiten, um möglichst flexibel agieren zu können. Daneben arbeiten wir darauf hin einen Startschuss der Veranstaltungsbranche in voller Kapazität im Sommer 2021, vordergründig auf Open Airs, setzen zu können. Natürlich sehen wir keine Gewährleistung, dass das Jahr 2021 in der Form stattfinden wird, wirtschaftlich arbeiten zu können. Ein verlorenes Jahr 2021 wäre allerdings desaströs und würde der Kulturlandschaft unwiederbringlichen Schaden zufügen. Ein Schaden, der nicht mehr als Kollateralschaden bewertet werden kann. Trotz alledem befassen wir uns auch seit Längerem mit diesem Szenario und arbeiten an Ansätzen, damit umgehen zu können. Neben der Tatsache, dass die Kulturlandschaft in erster Linie privatwirtschaftlich betrieben ist, ist sie vor allem eines: unverzichtbar für die Gesellschaft. Wir alle benötigen einen seelischen Ausgleich. Sei es durch ein Konzert, eine Sportveranstaltung, ein Gaming-Event oder aber einfach das große Zusammenkommen an Orten, die unserem Alltag einen weiteren Mehrwert und Bedeutung geben. Nicht zuletzt sind Events und Kultur jeder Art ein sehr wichtiger Baustein für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, bei dem Menschen jeden Hintergrunds zusammen kommen und die Differenzen des Alltags überbrücken können. Letzteres ist sicher unersetzbar und besonders in Zeiten wie diesen immens wichtig.

Oliver Hoppe, Geschäftsführer Wizard Promotions: Ein klares Nein. Die privatwirtschaftliche Veranstaltungsbranche wird von Bund und Ländern weitestgehend ignoriert. Lieber werden ohnehin schon subventionierte Projekte weitergefördert, die einem kleinen elitären Kreis vorbehalten sind. Wir, die für Millionen von Menschen für Abwechslung und einzigartige Erlebnisse sorgen, haben offensichtlich aus Sicht der Verantwortlichen keine Daseinsberechtigung. Die Kurzarbeit ist ein tolles Mittel, um Arbeitnehmer vor der Arbeitslosigkeit zu schützen. Es hilft mir als Veranstaltungsunternehmen aber nur wenig. Ich brauche meine Mitarbeiter momentan immer noch für Verlegungen, Kundenabwicklungen und für neue Projekte im Jahr 2021 - in der Hoffnung, dass es irgendwann weiter geht. Der Neustart Kultur klingt erstmal vielversprechend, aber wie sich die Kriterien und Verteilung der Überbrückungsmaßnahmen und Förderung bisher dargestellt haben, bin ich skeptisch, dass wir oder andere davon Anspruch nehmen können oder dass es überhaupt für alle in der Branche reicht, um ihr Überleben zu sichern. Wir haben als erste ein Berufsverbot bekommen und werden als Letzte wieder unsere Arbeit aufnehmen dürfen - dafür muss es klare Unterstützung geben, die auch die wirtschaftliche Tragweite unserer Branche berücksichtigt.

Für 2021 planen wir vorsichtig mit einem Betrieb mit Auflagen ab März/April. Wie diese dann aussehen und ob das wirtschaftlich überhaupt darstellbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube, jedem ist inzwischen klar, dass mit Social Distancing nicht wirtschaftlich gearbeitet werden kann. Umso wichtiger wären einheitliche und klare Regeln über alle Bundesländer hinweg und die oben angesprochene Unterstützung. Insgesamt bin ich aber positiv, dass wir spätestes ab Sommer wieder Veranstaltungen haben werden, die sich in großen Teilen zumindest normal anfühlen und die wirtschaftlich Sinn machen.

Michaela Schneider, Geschäftsführerin Allgäu Concerts: Die Hilfsmaßnahmen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Natürlich besser als nichts und natürlich besser als die Situation in einigen anderen Ländern. Aber man fühlt sich schon vergessen im Vergleich zur Unterstützung in anderen Branchen, für welche es auch bereits genaue Regelungen zum »Wiedereinstieg« gibt. Momentan kann man ja von einem »Berufsverbot« für unsere Branche sprechen. Vor allem in Bayern ist es uns nicht möglich, eine wirtschaftliche Veranstaltung bis Ende des Jahres und wahrscheinlich noch länger zu planen.

Mit Planungen für den Frühling sind wir mittlerweile sehr vorsichtig geworden. Für den Sommer 2021 allerdings planen wir, unter normalen Bedingungen veranstalten zu dürfen. Wir haben fast all unsere Open-Air-Konzerte von 2020 nach 2021 verschoben und auch bereits zusätzliche Shows gebucht. Nächstes Jahr werden wir neben unseren gewohnten Open Air Venues wie Schloss Salem, Barockgarten am Festspielhaus Füssen, Wiley Sportpark, Marktplatz Biberach und den Schlossplatz in Meersburg auch die Allgäu Concert Arena in Kempten/Buchenberg wieder bespielen. Wir hoffen, dass es bereits zum Weihnachtsgeschäft eine positive Wendung in der Corona-Krise geben wird. Alles andere wäre natürlich eine totale Katastrophe für die ganze Branche.

Ernst-Ludwig Hartz, Geschäftsführer E.L.Hartz Promotion: Die Hilfen von Bund und Ländern sind lange nicht ausreichend. Veranstalter und alle Dienstleister und Locations haben weiterhin keine Planungssicherheit für Großveranstaltungen. Es wäre sehr wichtig, dass es zeitnah eine verbindliche Aussage dazu gibt.

Wir haben gerade alle geplanten Club/Hallenkonzerte zwischen September und Dezember 2020 auf das kommende Jahr verlegen müssen. Unsere letzten Shows waren am 8. März in Bonn. Wir haben 21 Open Airs auf den Spielstätten Hofgartenwiese, Kunst!Rasen, Insel Grafenwerth Bad Honnef sowie Roncalliplatz in Köln in den Sommer 2021 verlegt. Es wird an Hygiene- und Sicherheitskonzepten für das kommende Jahr gearbeitet. Veranstaltungen, wie wir sie vor der Pandemie erleben konnten, werden wir lange Zeit so nicht mehr erleben! Wir hoffen aber, dass spätestens ab Ende März Großveranstaltungen wieder durchführbar sind.

Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio: Der Neustart Kultur ist ein milliardenschweres Rettungsprogramm, mit dem die Kulturwirtschaft in all ihren Sparten auch während und nach der Pandemie wieder handlungsfähig gemacht werden soll. Wir finden es natürlich lobenswert, dass der Bund so Investitionen fördert, die Kulturveranstaltungen unter verschärften Abstands- und Hygienebedingungen zumindest theoretisch möglich machen. Gleichzeitig muss aber klar sein, dass diese Gelder lediglich einen provisorischen Spielbetrieb ermöglichen und keine dauerhafte Sicherheit für die Akteure bieten. Neben diesen wichtigen Investitionen in Schutzmaßnahmen brauchen wir also vor allem eine einheitliche Exit-Strategie, die zwischen Bund und Ländern abgestimmt ist. Die Kulturbranche kann nur überleben, wenn sie unter Einhaltung notwendiger Sicherheitsmaßnahmen möglichst schnell in den Regelbetrieb zurückfindet.

Wir sehen insbesondere Deutschland und Europa grundsätzlich auf einem guten Weg und sind optimistisch, dass 2021 ein größtmögliches Maß an Normalität wiederhergestellt sein wird. Auf der anderen Seite wappnen wir uns natürlich für diverse Szenarien, was angesichts der sich ständig verändernden Lage unausweichlich ist. Wir müssen einfach abwarten und diese Zeit als Gesellschaft gemeinsam und besonnen durchstehen.

Sven Varsek, Freier Projektleiter Veranstaltungsorganisation Das Fest: Als kommunale Gesellschaft hat die Das Fest veranstaltende Karlsruhe Marketing und Event GmbH keinerlei Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern in Anspruch genommen.

Nach Beginn der temporären Lockdown-Phase Mitte März haben wir in der ersten April-Hälfte mit den Agenturen der bereits verpflichteten Künstler Kontakt aufgenommen und eine Verlegung des geplanten Auftritts auf Das Fest 2021 vereinbart. So konnten wir direkt nach Bekanntgabe des Verbotes von Großveranstaltungen bis zum Herbst 2020 bereits am 15. April die Verlegung von Das Fest 2020 auf das Folgejahr kommunizieren - und dies unter Behalt des kompletten Line-ups. Somit planen wir derzeit unverändert weiter, und streben eine Durchführung von Das Fest 2021 an - denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Michael Bisping und Dieter Schubert, Geschäftsführer a.s.s. concert & promotion: Nein, von Zufriedenheit mit den Hilfsmaßnahmen kann keine Rede sein. Und das heißt sicher nicht, dass Hilfen wie Kurzarbeitergeld oder die Überbrückungshilfe des Bundeswirtschaftsministeriums nicht hoch willkommen sind. Sie täuschen aber über die Grundproblematik hinweg: mangelnde Perspektiven und die faktische Unmöglichkeit auch nur ansatzweise kostendeckend zu arbeiten, und das auf völlig unabsehbare Zeit. Betrachte ich also die schwindenden Reserven und höre den Regierungsvertretern zu, die wie Herr Lauterbach bereits 2022 angekommen sind, dann kann ich nur eine enorme Diskrepanz zwischen den zur Verfügung oder in Aussicht gestellten Beträgen und den Bedürfnissen einer seit fünf Monaten beinahe zum Erliegen gekommenen Branche sehen, die im Moment versucht, Überlebenssignale zu senden, indem sie Shows zum »Selbstkostenpreis« veranstaltet. Aber da ist es wie im Handel: wo keine Gewinne, da kein Überleben.

Wie wohl alle Kollegen haben wir möglichst viele Konzerte erst in den Herbst und dann nach 2021 verlegt. Wie sagt man so schön: »Die Hoffnung stirbt zuletzt« , aber die Wahrscheinlichkeit, dass diese Shows, zumindest in den ersten Monaten des nächsten Jahres stattfinden werden, ist wohl äußerst gering. Wir hoffen auf den Sommer und den Herbst, und darauf, einen Teil der bestuhlten Shows wenigstens in reduzierten Kapazitäten retten zu können, aber für einen Clubveranstalter wie uns sind unbestuhlte Shows unverzichtbar, und mit denen zu planen, ist bisher völlig unmöglich.

Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender DEAG: Wir begrüßen das Anfang Juni verkündete Konjunkturpaket unter dem vielversprechenden Titel Neustart Kultur. Ein Hilfsprogramm von einer Milliarde Euro ist sicherlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Jedoch gehen nur 100 Millionen Euro dieser Milliarde in die Musikwirtschaft und daher können die in den vergangenen sechs Monaten erlittenen Verluste der Live-Entertainment-Branche nicht annährend aufgefangen werden. Auch trotz dieser Finanzspritze wird die Kulturlandschaft im aktuellen politischen und medialen Diskurs leider weiterhin stiefmütterlich behandelt. Die DEAG war im Vergleich zu vielen anderen Veranstaltern besser gewappnet, da wir komplett gegen die finanziellen Folgen von Konzertausfällen versichert sind - das schließt alle Risiken ein, also auch Pandemien. Ich befürchte nach wie vor tausende von Insolvenzen in der Musikwirtschaft. Was wir jetzt unbedingt am dringendsten ­benötigen, ist eine Perspektive, wie es spätestens Anfang des kommenden Jahres wieder konkret losgehen kann. Hierzu warten wir nach wie vor auf klare Aus- und Ansagen der Politik.

Von einer ansatzweisen normalen Planung des kommenden Jahres sind wir nach wie vor weit entfernt. Derzeit geht es vor allem darum, noch in diesem Jahr ausstehende Tourneen in 2021 zu verlegen. Neue Projekte für das nächste Jahr wären der nächste logische Schritt. Der föderale Flickenteppich und die unterschiedlichen Vorgaben der Bundesländer erschweren es uns jedoch, sinnvoll zusammenhängende Tourneen zu buchen. Der aktuelle Fokus liegt unter anderem auf unserem Erfolgsformat Christmas Garden, mit dem wir diesen Winter in sieben deutschen Städten präsent sein werden. Ab Mitte November werden hier die Menschen draußen an der frischen Luft in ruhiger und entspannter Atmosphäre und unter Beachtung sämtlicher behördlicher Vorgaben ein wenig Abstand vom Alltag gewinnen und bezaubernde Lichtinstallationen bewundern können - auch hier wird sich wieder zeigen, welchen gesellschaftlichen Stellenwert Kultur hat und dass sie eben absolut systemrelevant ist!

Mathias Schaettgen und Daniela Philippi, Gescäftsführer Phi/sch art: Grundsätzlich muss man berücksichtigen, dass in der Politik kaum Fachleute sitzen, welche die Systematik unserer Branche durchschauen - mit all den Gewerken, Subunternehmern und Soloselbständigen. Trotzdem hat man am Anfang der Krise versucht, schnelle Hilfe anzubieten. Dass so etwas dann bei näherer Betrachtung zu Ungerechtigkeiten führt, auch im Vergleich von ohnehin schon subventionierter Kultur und der »freien Kultur« kann man der Politik im ersten Schritt vielleicht gar nicht vorwerfen. Aber mittlerweile hätte sich am Wissensstand schon einiges verändern müssen. Vielleicht ist es auch exakt das falsche Signal, dass die Veranstaltungswirtschaft nun Mini-Veranstaltungen in viel zu großen Locations durchführt. Als Außenstehender kommt man schnell zu dem Eindruck: Geht doch!

Derzeit planen wir mit Umsicht für 2021. Tourneethemen, welche in ihren Planungen etwas flexibel sind, schieben wir durchaus nach hinten. Auch mal gerne erst auf 2022, wenn es keine anderen Zwänge gibt. Trotzdem schauen wir optimistisch in die Zukunft. Das Live-Erlebnis ist nicht ersetzbar und die Fans werden das auch wieder wollen.

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Die aktuellen Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern sind für uns letztlich nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Soforthilfe, Überbrückungsgelder und die Subventionen im Zuge des viel gepriesenen Programms Neustart Kultur greifen inhaltlich und monetär nicht weit genug und können gemeinsam nicht unsere aktuellen laufenden Kosten decken, geschweige denn unsere Verluste, entgangene Einnahmen und Gewinne kompensieren. Man hat leider nach wie vor das Gefühl, dass auf politischer Ebene das Verständnis für die Bedeutung und Bedürfnisse unserer Branche fehlt und man sich gerne in Rochade übt, wenn die einzelnen Ministerien sowie Bund und Länder sich gegenseitig die Verantwortung für die Live-Branche zuschieben.

Wir sind und müssen optimistisch bleiben und planen aktuell mit einem normalen Veranstaltungsbetrieb bei voller Kapazität ab dem ersten Quartal 2021.

Lothar Schlessmann, Geschäftsführer Hello Concerts: Als kleine Firma, die notgedrungen schon sofort nach Beginn der Corona-Krise Kosten reduziert hat und in erster Linie mit Freiberuflern arbeitet, fällt die Hello Concerts GmbH durch alle Raster. Geschäftführergehälter sind keine anrechenbaren Betriebskosten und Jahreskosten wie Versicherungen und KFZ-Kosten, die schon am Jahresanfang bezahlt wurden, sind nicht mehr anrechenbar. Die Kosten für die Antragstellung sind fast höher als die eventuelle mögliche Hilfe.

Der Plan für 2021 stellt sich nach den Planungen 2020 auf. 80 Prozent der geplanten Shows 2020 sind in das nächste Jahr verlegt. Sollte es mit den Vorschriften der Abstandshaltung auch im nächsten Jahr nicht möglich sein, die vielen verschiedenen Veranstaltungen durchzuziehen, werde ich keine weiteren Verlegungen mehr anstreben und aufgrund fehlender Geschäftsgrundlage den Laden dicht machen.

Dirk Verseck, Geschäftsführer Headline Concerts: Ich bin bedingt zufrieden. Prinzipiell ist es sicherlich gut, dass es überhaupt Förderprogramme für solche Situationen gibt, aber sie sind meiner Meinung nach überhaupt nicht auf unseren Geschäftszweig zugeschnitten und viel zu starr gesetzt. Zeitliche Umsatzvergleiche mit Monaten aus den letztem Jahr können eigentlich keine Grundlage sein, um Förderhöhen festlegen zu können. Tourneen und Veranstaltungen finden ja nicht immer im gleichen Zyklus statt.

Wir versuchen 2021 für unsere Künstler weitere Optionen zu schaffen, das heißt wir haben Tourneen, die in diesem Jahr stattfinden sollten, jeweils auch schon bis in den Herbst 2022 mit möglichen Ausweichterminen optioniert, um im Falle, dass es nicht weiter gehen kann, ein weiteres Mal verschieben zu können.

Björn Gralla, Geschäftsführer Contra Promotion: Angesichts der Tatsache, dass wir als Livebranche derzeit der Teufel sind und mit Sicherheit als letzte wieder aus diesem Schlamassel herausgelassen werden, sind die Hilfsmaßnahmen in meinen Augen leider bislang absolut unzureichend. Mit den geringen Mitteln, die wir als Soforthilfe erhalten, beziehungsweise gerade als sogenannte «Überbrückungshilfe« beantragt haben, kommen wir keinen Monat über die Runden. Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel - alle sind zumindest in Teilen wieder zurück im Geschäft. Wir dürfen - von betriebswirtschaftlich völlig absurden Konzepten einmal abgesehen - nichts machen. Das kommt quasi einem Berufsverbot gleich, und dafür ist die Unterstützung leider absolut unverhältnismäßig gering. Contra Promotion wird aber als konservativ geführte Unternehmung diese Krise meistern, und sogar gestärkt daraus hervorgehen. Wir nutzen die Zeit zum Ausbau unseres Rosters, führen viele positive Gespräche und sind der festen Überzeugung, dass es, wenn alles überstanden ist, auch nach einer Anlaufphase, wie sie auch andere Branchen gebraucht haben, wieder losgehen wird. Liveveranstaltungen sind aus dem Alltag mittelfristig nicht wegzudenken und können auch durch Autokinos oder Instagram-Couchkonzerte nicht ersetzt werden. Der Tag wird kommen - bis dahin müssen wir uns durchbeißen und die Zeit so positiv wie möglich nutzen.

Wir haben alles für 2021 und 2022 umgeplant. Für einige Tourneen gibt es auch mehrere Szenarien. Eigentlich sollte man nach heutigem Status Quo davon ausgehen können, dass im ersten Quartal ein Impfstoff vorliegt und wir spätestens zur Jahresmitte 2021 wieder so etwas wie eine Normalität verspüren sollten. Aber in diesen Zeiten sollte man auf Verläufe dieser Art keine Wetten abschließen.

Roland Nilles, Geschäftsführer Kultopolis: Nein. wir sind seit fast sechs Monaten ohne Einnahmen, haben aber viele Ausgaben. Die anfänglich bezuschussten 9000 Euro kann man als Spende einstufen, die dann bei der nächsten Steuerprüfung ganz oder teilweise zurückbezahlt werden müssen oder als Einnahme im Jahr 2021 besteuert werden, wenn wir dann Einnahmen in 2021 haben werden. Erneute Anträge sind in Bearbeitung. Die Politik ist sich nicht bewusst, in welcher Krise sich die Unterhaltungsindustrie befindet. Ich habe an Wirtschaftsminister Altmaier zwei Briefe geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen. Glücklicherweise bin ich noch in der Lage, zwei Jahre auszuharren.

Für 2021 haben wir circa 100 Veranstaltungen in Planung und sind noch immer dabei, Veranstaltungen von 2020 nach 2021 zu verlegen. Ob das Sinn ergibt, weiß ich nicht. Ob die Pandemie von selber verschwindet oder ob der Impfstoff grundlegend alles wieder möglich macht - alles steht noch in den ­Sternen geschrieben. Unter Abstandsgeboten und Hygienevorschriften zu veranstalten, ist eine Illusion. Wirtschaftlich geht die Rechnung nicht auf. Fakt ist, dass das Volk seit Mitte März 2020 keine Karten mehr kauft. Das ist nicht nur bei uns so, das ist bei den Kollegen auch so.

Holger Hübner, Geschäftsführer ICS Marketing: Zu den Hilfspaketen kann ich noch nicht wirklich etwas sagen, denn von den bisherigen Maßnahmen ist nichts bei uns angekommen, da wir als Festival zu groß für diese Art Hilfen sind. Sicher haben auch wir, wie jeder verantwortliche Unternehmer, Kurzarbeit eingesetzt, auch ist es zu einigen Entlassungen gekommen, was nicht schön war. Aber die Töpfe aus dem Programm Neustart Kultur stehen noch nicht bereit, es gibt ja noch nicht einmal richtige Informationen darüber, ob wir als Festival in das Schema passen, um daraus Gelder zu erhalten. Das ist sehr unbefriedigend und man sieht, dass die Livebranche bislang von den staatlichen Hilfspaketen nicht profitiert. Die Veranstalter und unsere Dienstleister fallen hinten rüber.

Wir planen ganz regulär für 2021, auch wenn man zum jetzigen Zeitpunkt natürlich nicht sagen kann, wie die Lage bis dahin aussehen wird. Andererseits sehe ich selbst bei unseren US-amerikanischen Kollegen, dass dort von einem Livebetrieb im Mai/Juni 2021 ausgegangen wird. Wir in Wacken wollen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden und auch dem Land Schleswig Holstein jedenfalls ein Konzept entwickeln, bei dem Festivals auch unter Corona-Bedingungen möglich sind. Das ist die Aufgabe der Veranstalter und nicht der Politik. Und genau das tun wir auch - in Zusammenarbeit und in engem Austausch mit all den anderen Festivals, die ja vor denselben Herausforderungen stehen wie wir. Der Vorteil eines Open-Air-Events ist dabei, dass es eben draußen stattfindet, das hilft uns. Auch wäre ein Festival mit Masken machbar, ich denke da etwa an unsere Festivalbesucher, die bereits in vergangenen Jahren, wenn es sehr staubig war, Masken getragen haben. Was jedoch nicht geht, ist die Abstandsregel. Die 1,50 Meter müssen weg.

Heinz Preisch, Head Promoter PACO Agency: Wir sind keineswegs zufrieden. Die bis dato stattgefundenen Maßnahmen zeigen auf, dass es der Politik am Verständnis für die Wichtigkeit unseres Berufzweigs mangelt. Die Hilfsmaßnahmen berücksichtigen unsere Branche nur am Rand, sind - was zu erwarten war - gesteuert von Lobbyismus und leider auch von der Unfähigkeit der Politik. Uns wurde ein Berufsverbot erteilt, wobei aber (bewusst) vergessen wurde, die wahren Betroffenen zu unterstützen. Die groß propagierten Ankündigungen zu finanzieller Unterstützung liefen ins Leere. Die »Almosen«, die ausbezahlt wurden (und, wie es aussieht, zu Teilen wieder zurückbezahlt werden müssen), reichen nur sehr kurzfristig. Die Verteilung dieser Gelder erscheint mir ebenfalls bedenklich. Es zeigt sich, dass auch hier der Fokus vorrangig auf bereits geförderte Bundes-, Länder- oder komunale Einrichtungen gelegt wurde. Und dies ohne Rücksicht darauf, ob diese Einrichtungen überhaupt eine Daseinsberechtigung haben. Dieselbe erscheint mir zumindest in Teilen sehr fragwürdig, da es genau diese Einrichtungen sind, die wegen mangelnden Interesses der Bevölkerung nur durch jährliche milliardenschwere Förderungen überhaupt überleben können. Ich komme auch leider nicht umhin zu bemerken - und dies ist nicht als Beschwerde zu verstehen, denn wir sind kein Mitglied eines Verbands -, dass es der Vorgehensweise der Verbände an Bestimmtheit und Nachdruck fehlt. Die Zeit der freundlichen Floskeln ist meiner Meinung nach vorbei. Wenn die Branche hier zu einem Erfolg kommen möchte, muss der Druck auf die Regierung massiv erhöht werden. Was unsere Branche betrifft, hätte man vor allem von Beginn an europäisch denken müssen. Scheinbar haben noch nicht alle begriffen, dass das Konzertgeschäft, speziell mit internationalen Künstlern nur europaweit funktionieren kann. Leider schafften wir es nicht einmal, eine deutschlandweite Regelung zu finden. Wir werden das Dilemma 2021 vermutlich noch eine gewisse Zeit verfolgen, aber sollte es innerhalb der nächsten drei bis vier Monate zu keinen konkreten Ansagen aus den Reihen der Politik kommen, steht bei uns sowohl eine geographische als auch inhaltliche Veränderung im Raum.

Pascal Funke, Geschäftsführer Funke Media: Die vergangenen Monate haben uns vor enorme und noch nicht dagewesene Herausforderungen gestellt. Die Gesundheit und das Wohlergehen der Künstler und des Publikums und den an der Produktion Beteiligten ist hierbei für die Veranstalter das höchste Gut. Wie gut, dass wir in dieser Situation bei unseren Veranstaltungen auf die Treue und Verlässlichkeit unseres Hamburger Publikums zählen können, bis jetzt hat die Mehrheit der Konzertbesucher ihre Karten für die verlegten neuen Veranstaltungstermine behalten. Neben den bereits erfolgten Fördermaßnahmen und Erleichterungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft wünsche ich mir von Bund und Ländern mehr Verständnis für die Besonderheiten unserer vielfältigen Branche und die Anpassung der entsprechenden Programme und Rahmenbedingungen. Einheitliche Regelungen - auch wenn von Bundesland zu Bundesland flexibel reagiert werden muss - würden die Planung und Durchführung von Konzerten sehr erleichtern und Perspektiven für Künstler, Agenturen und Veranstalter bieten.

Ich hoffe darauf, dass sich in der kommenden Zeit weitere präventive Maßnahmen und medizinische Lösungen durchsetzen werden. An verschiedenen Stellen wird schon kreativ bei Veranstaltungsorten und Konzertformaten geplant, Basis ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Künstlern und Partnern. Dennoch: Mit einem Mindestabstand von 1,50 Metern lassen sich Konzerte nicht wirtschaftlich durchführen - und darauf sind wir als privatwirtschaftliche Unternehmen der Konzert- und Veranstaltungsbranche mittel- und langfristig angewiesen.

Christian Doll, Geschäftsführer C² Concerts: Mit den bisherigen Hilfmaßnahmen können wir, Stand heute, nicht zufrieden sein. Das gesamte Konzertgeschäft ist Anfang März komplett zusammengebrochen, die Umsätze sind überall null. Dafür sind die bisherigen Programme und Hilfen bei weitem nicht ausreichend! Da noch überhaupt nicht klar ist, wann und in welcher Form wieder »normal« veranstaltet werden darf und dabei noch jedes Bundesland andere Vorgaben und Richtlinien erlässt, ist diese Situation absolut nicht greifbar. Wir können zum jetzigen Stand auch noch gar keine verlässlichen Aussagen zu 2021 treffen. Die Gesundheit unserer Kunden, Künstler und Mitarbeiter steht über allem - aber wir brauchen verlässliche Aussagen und Regelungen, wann und wie es weitergehen kann. Da dies noch sehr lange nicht der Fall sein wird, müssen Bund und Länder auf jeden Fall noch deutlich nachbessern, was die Unterstützung dieser Branche angeht!

Wir planen und buchen mit Tourneen und Festivals ab Mitte und Ende kommenden Jahres und hoffen darauf, dass wir dann wieder unserem Beruf nachkommen können - aber aktuell ist das alles Kaffeesatzleserei.

Marc Oßwald, Geschäftsführer Vaddi Concerts: Im Vergleich mit der Hilfe für andere Branchen können wir nicht zufrieden sein. Ich bin aber sehr zuversichtlich, was die Schaffung von Aufmerksamkeit für unsere Schwierigkeiten angeht. Die Verbände sind auf einem guten gemeinsamen Weg.

Bis vor kurzem planten wir für 2021 in der Hoffnung auf Normalität im kommenden Jahr. Diese Zuversicht schwindet langsam, dennoch gehen wir von einer langsamen Verbesserung 2021 aus. Normalität im Sinne einer Situation wie vor März 2020 erwarte ich aber erst wieder für 2022.

Klaus-Peter Schulenberg, CEO CTS Eventim: Ich begrüße das Konjunkturpaket der Bundesregierung und wie die Kulturwirtschaft darin berücksichtigt wird. Neben der gesetzlich verankerten Gutscheinlösung ist dies ein weiterer politisch wichtiger Schritt in die absolut richtige Richtung. Wir werden aber sehen müssen, ob dies ausreicht, die kulturelle Vielfalt in Deutschland auch nach dem Ende der Pandemie zu erhalten. Aber die Maßnahmen erkennen die besondere gesellschaftliche Rolle der Kultur klar an. Kultur ist systemrelevant und nicht »nice to have«. Das habe ich gleich zu Beginn der COVID- 19-Krise immer wieder betont und unterstrichen.

Die Planungen werden wie überall in der Branche wesentlich vom Verlauf der Pandemie und den daraus folgenden politischen Entscheidungen beeinflusst. Ein hoffnungsvolles Zeichen ist, dass inzwischen schon wieder Konzerte mit mehreren hundert Besuchern stattfinden, wenn damit natürlich auch niemand Geld verdienen kann. In unserem Berliner Venue Waldbühne planen wir für September dieses Jahres testweise Konzerte mit einer maximalen Gesamtkapazität von 5000 Menschen, natürlich mit entsprechenden Hygienekonzepten. Wichtig ist, dass uns unsere Kunden eng zur Seite stehen, wie eine aktuelle Umfrage mit 12.000 Teilnehmern gezeigt hat. Mehr als 80 Prozent der Befragten würden gerne sofort wieder Veranstaltungen besuchen, wenn der Staat es wieder erlaubt und keine gesundheitlichen Bedenken mehr bestehen. Mehr als 60 Prozent möchten auch die Nachholveranstaltungen besuchen und freuen sich schon jetzt auf die Künstler und Bands, die ihren Auftritt aufgrund behördlicher Maßnahmen verschieben mussten. Live-Unterhaltung wird also auch in Zukunft und nach der Pandemie hoch attraktiv bleiben.