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Kretschmar wertet Neustart Kultur als "wirkungsvolles Instrument", mahnt aber weitere Hilfen an

Mit dem BV Pop war Olaf Kretschmar am Schulterschluss der Organisationen der Musikwirtschaft beteiligt, der im Zuge der Corona-Krise die sogenannte Schadensmeldung aufstellte. Inzwischen stehen die ersten Bausteine des Programms Neustart Kultur. Im Gespräch mit MusikWoche analysiert Kretschmar die Entwicklung, und richtet seine Augenmerk dabei vor allem auf die Lage der Kreativschaffenden und Soloselbstständigen.

12.08.2020 09:33 • von
Wünscht sich eine wirksame Lobby für die Interessen der Kreativschaffenden: Olaf Kretschmar (Bild: Danny Ptusseit)

Als stellvertretender Präsident im BV Pop war Olaf "Gemse" Kretschmar mit am Schulterschluss der maßgeblichen Organisationen der Musikwirtschaft beteiligt, der im Zuge der Corona-Krise zunächst die heute sogenannte Schadensmeldung aufstellte, anschließend millioneschwere Hilfen forderte und auch die weitere Entwicklung begleitete. Inzwischen stehen die ersten Förderbausteine des Programms Neustart Kultur. Im Gespräch mit MusikWoche analysiert Kretschmar, der auch als Vorstandsvorsitzender der Berlin Music Commission aktiv ist, nun die Entwicklung, und richtet seine Augenmerk dabei vor allem auf die Lage der Kreativschaffenden und Soloselbstständigen.

MusikWoche: Nach den ersten Nachrichten zum Thema Neustart Kultur und der Verteilung der Gelder hatten Sie festgestellt, dass Künstler aus Rock, Pop oder Jazz im Vergleich zur Avantgarde noch nicht angemessen berücksichtigt worden seien. Nun kann auch die Initiative Musik deutlich höhere Fördersummen verteilen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Olaf Kretschmar: Der BV Pop forderte Anfang Juni nach der Vorstellung von Neustart Kultur ein Wiedereinstiegsprogramm für Künstler*innen und Soloselbstständige - ergänzend zu den Effekten, die sich aus einer Stützung der Infrastruktur für die Musiker*innen ergeben. Die infrastrukturelle Perspektive von Neustart Kultur sollte aus unserer Sicht verbunden werden mit der Förderung der kreativen Subjekte. Sie bringen das Neue auf die Welt und treiben Entwicklungen voran. Struktur handelt nicht. Es braucht beides!

MusikWoche: Aber wie sehen Sie nun die Entwicklung in Sachen Neustart Kultur?

Olaf Kretschmar: Auch wenn es nicht zu einem dezidierten Wiedereinstiegsprogramm gekommen ist, begrüße ich, dass Frau Grütters auf die vielzähligen Hilferufe so wirkungsvoll reagiert hat. Mit der Erhöhung der Künstlerförderung der Initiative Musik um zehn Millionen Euro wird Neustart Kultur vollständiger und besser der Struktur der deutschen Musikwirtschaft gerecht.

Allen ist klar, dass das Livesegment, das in den letzten Jahren für Künstler*innen immer wichtiger geworden ist, mit Abstand die schwersten und folgenreichsten Corona-Schäden zu verzeichnen hat. Die dringend gebotenen Hilfestellungen der Politik für dieses Segment wirken sich natürlich auf die Künstler*innen aus, falls es gelänge, damit zeitnah auch einen Neustart "Livemusik und Clubkultur" zu bewirken. In dieser Causa hat aber leider das Virus ein Mitspracherecht, niemand kann sagen, wann das Livegeschäft wieder anspringt.

Aus meiner Sicht wäre es kurzsichtig, alles auf eine Karte zu setzen und sei es eine solch populäre, wie das Veranstaltungsgeschäft. Die Weisheit der Politik, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, gilt gerade in Krisenzeiten. Und so ist es sehr gut, dass von der Bundespolitik jetzt auch die Künster*innen und Urheber*innen als strategisch relevanter Faktor erkannt und unterstützt werden. Sie sind eben keine bloßen Dienstleister und keine passiven Arbeitskräfte in den Händen findiger Kulturunternehmer*innen, sondern eigene Subjekte in einer individuellen Lebens- und Produktionswelt und Entwicklungstreiber für die gesamte Branche. Über eine gezielte Förderung der künstlerischen Produktion für die Künstler- und Urheber*innen werden multiplikatorische Effekte für die komplexen Zusammenhänge die Branche erzielt. Daran partizipieren nicht nur die Kreativen, es gibt auch wirtschaftliche Impulse für Tonstudios, Produzenten, das Management, die Labels und Verlage, die Promotion-Agenturen und weitere Dienstleister. Vermittels dieser Struktur erhält und entwickelt die Branche ihre Vielfalt.

___"Unsere Dichter*innen und Denker*innen werden nicht nur als Sozialfälle wahrgenommen, sondern als Nukleus der Branche und als wichtiger Katalysator gesellschaftlicher Prozesse. Olaf Kretschmar.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie das zusätzliche Volumen, dass hier nun in die Künstlerförderung der Initiative Musik fließt?

Olaf Kretschmar: Bezieht man den Betrag auf den gesamten Pool, ist das natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch ist es gemeinsam mit der Aufstockung der Mittel des Musikfonds ein wirkungsvolles Instrument, welches gleichwohl durch weitere Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern ergänzt werden muss. Und vielleicht sollten wir es auch einfach einmal als ein Zeichen von Respekt lesen: unsere "Dichter*innen und Denker*innen" werden nicht nur als Sozialfälle wahrgenommen, sondern als Nukleus der Branche und als wichtiger Katalysator gesellschaftlicher Prozesse.

___"Das Geld ist bei der Initiative Musik gut aufgehoben, denn hier gibt es eine etablierte Musik-Förderstruktur und ein sehr gutes Künstlerförderprogramm." Olaf Kretschmar.

MusikWoche: Die Initiative Musik hat sich als Förderstelle bereits bewährt. Sehen Sie die zusätzlichen Mittel hier richtig aufgehoben?

Olaf Kretschmar: Der BV Pop vergibt per anno bundesweit Fördermittel in Höhe von 1,75 Millionen Euro für Projekte der popmusikalischen Bildung im Jugendbereich. Wir hätten das also vielleicht auch machen können. Gleichwohl denke ich, dass das Geld bei der Initiative Musik gut aufgehoben ist, denn hier gibt es eine etablierte Musik-Förderstruktur und ein sehr gutes Künstlerförderprogramm, wozu die meisten Künstler*innen in Deutschland bereits einen Bezug haben. Das hier anzusiedeln ergibt inhaltlich Sinn und hat einen existentiell wichtigen Vorteil: die Zeit! Die Hilfen müssen sofort an die Frau und an den Mann kommen und das ist nur mit einer vorhandenen Struktur machbar. Vielleicht ergibt sich hier aber eine Möglichkeit zur Kooperation mit dem BV Pop.

MusikWoche: Abgesehen von den Bundesgeldern: Sehen Sie in Sachen Künstlerförderung auch die Länder am Zug?

Olaf Kretschmar: Allerdings! Die völlig unterschiedlichen Unterstützungsleistungen für Künstler*innen in den Ländern sind eine mittelalterlich anmutende Zumutung. Hier möchte ich den Spieß umdrehen und den Landespolitikern zurufen: "Es ist natürlich auch in Zeiten der Krise völlig opportun, Standortpolitik dadurch zu betreiben, dass man mit Förderprogrammen gezielt Kreative ansiedelt." Der Berliner Senat war hier ein Vorreiter: hier wurden sehr schnell und unbürokratisch Hilfsmaßnahmen für Künstler*innen und Soloselbstständige bereit gestellt. Dass es dabei auch zu Betrugsversuchen kam, ist bedauerlich, wichtiger war aber aus meiner Sicht das schnelle politische Signal: Wir lassen euch in der Krise nicht allein!

MusikWoche: Macht die Krise einen Unterschied zwischen Newcomern und etablierten Acts?

Olaf Kretschmar: Die Newcomer müssen sich in diesen Tagen ihr Dasein mit Hilfsjobs verdingen, überleben in der Grundsicherung oder wechseln gar wieder zurück in ihre Ausbildungsberufe. Die etablierten Künstler*innen waren möglicherweise in der Lage, Rücklagen zu bilden und sitzen jetzt im Studio - so will ich zumindest hoffen. Doch genau das ist das Problem: wir wissen zu wenig über die Situation der Künstler*innen und der rasant wachsenden Zahl der Soloselbständigen in der Musikwirtschaft in Deutschland, die ja mittlerweile mehr als die Hälfte der Beschäftigten ausmachen. Vor allem wissen nicht, was sie wirklich brauchen, ob zum Beispiel die klassische Künstlerförderung noch das richtige Instrument ist, wenn immer mehr Künstler*innen heute immer selbständiger werden.

Hier ist eine neue Situation entstanden, die Prof. Carsten Winter erforscht hat. Er beschreibt in mehreren Forschungsprojekten eine Entwicklung von Künstler*innen zu neuen Artepreneur*innen. Wir haben seine Forschungsergebnisse Anfang des Jahres auf dem Pop Summit diskutiert, der bundesweiten Popförderkonferenz des BV Pop. Dort wurde auch festgestellt, dass viele Förder- und Finanzierungsangebote nicht auf Soloselbstständige zugeschnitten und teils für sie nicht geeignet sind. Vor diesem Hintergrund beabsichtigt der BV Pop, eine bundesweite Studie zu initiieren, welche die Lage der Musiker*innen in Deutschland empirisch erfasst und die Auswirkungen der Corona-Krise mit Blick auf das, was sie in dieser Krise und zur Entwicklung ihrer Karrieren brauchen, analysiert.

___"Die Interessenvertretung der Künstler*innen fehlt definitiv in Deutschland. Und das kann ihnen auch niemand abnehmen." Olaf Kretschmar.

MusikWoche: Den Schulterschluss der Verbände der Musikwirtschaft haben Sie bereits aktiv begleitet. Wie sehen Sie die Interessen der Musiker in diesem Kreis vertreten und fehlt den professionell Musikschaffenden hierzulande vielleicht eine wirklich schlagkräftige Lobby?

Olaf Kretschmar: Das ist der Punkt! Die Interessenvertretung der Künstler*innen fehlt definitiv in Deutschland. Und das kann ihnen auch niemand abnehmen, wenngleich sich in unserem Zusammenschluss Einrichtungen wie die GEMA, die GVL, die Initiative Musik oder auch der BV Pop immer sehr engagiert für die Künstler*innen eingesetzt haben. Und auch den reinen Wirtschaftsverbänden ist klar, dass die Musiker*innen und Urheber*innen der Nukleus der Branche sind und in einem derart hochkomplexen Organismus, wie es Musikwirtschaft darstellt, alle Segmente gesichert und gefördert werden müssen.

Man sollte meinen, dass ich in meinem Hauptjob als Vorstand der Berlin Music Commission wenig mit Künstler*innen zu tun habe. Die BMC ist das hauptstädtische Musiknetzwerk mit einer fokussierten Ausrichtung auf Wirtschaftsförderung. Aber immer mehr Musiker*innen werden durch die Möglichkeiten digitaler Produktionsmittel zu Unternehmer*innen ihrer Kunst und damit zu Wirtschaftsakteure*innen. Sehr viele Künstler*innen agieren als Soloselbstständige. Diese sind der am schnellsten wachsende Bereich der Kreativwirtschaft. Hochspezialisiert, dynamisch, disponibel und hochvernetzt agieren sie bereits heute in agilen Projektclustern, welche Unternehmenseigenschaften haben und nicht zuletzt ausschlaggebende Treiber für die digitale Transformation der Branche sein können. In diesem Lichte wird klar, dass die Vernetzung von Künstler*innen und Musikwirtschaft eine wichtige Zukunftsaufgabe der Musiknetzwerke ist.

MusikWoche: Wen sehen Sie hier am Zug?

Olaf Kretschmar: In Zeiten des Umbruchs sind es immer auch neue Akteurskonstellationen, in denen neue Chancen und Potenziale sichtbar werden und ausgebaut werden können. Die Künstler*innen und Soloselbstständigen müssen letztlich ihre eigene Vernetzungsstruktur aufbauen. Wir als ein Dachverband all derer, die sich mit der Förderung von Pop befassen, stehen hier gern unterstützend zur Seite.

Fragen: Knut Schlinger