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Indie-Umfrage: Business As Usual oder alles auf Anfang?

MusikWoche fragte bei unabhängigen Labelmachern nach, was die Corona-Pandemie abseits des reinen Krisenmanagements für ihre Arbeit bedeutet, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf bisherige VÖ-Planungen hat und wie sie die zweite Jahreshälfte angehen.

07.08.2020 10:05 • von
Indie-Umfrage: Business As Usual oder alles auf Anfang (Bild: No Longer Here, Pixabay)

MusikWoche fragte bei unabhängigen Labelmachern nach, was die Corona-Pandemie abseits des reinen Krisenmanagements für ihre Arbeit bedeutet, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf bisherige VÖ-Planungen hat und wie sie die zweite Jahreshälfte angehen.

Gunther Buskies, Inhaber Tapete Musik: Dadurch, dass die Live-Aktivitäten komplett zum Erliegen gekommen sind, überlegen einige Künstler, ihre Veröffentlichungen zu verschieben. Die Kombination, Albumveröffentlichung und kurze Zeit später auf Konzerttournee gehen, war bislang die gewohnte Vorgehensweise, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen. Vertriebspartner sind teilweise in Kurzarbeit, Kollegen mit Kinderbetreuung beschäftigt. Ein bisschen Chaos gehörte ja immer zum Tagesgeschäft dazu, aber im Moment ist es schon alles sehr ungewohnt und unstetig. Wir versuchen dennoch, an unserem Veröffentlichungsplan festzuhalten und die Projekte so wie terminiert durchzuziehen.

Christoph Diekmann, Geschäftsführer addvalue Solutions: Als Spezialvertrieb für physische, audiophile Tonträger hat uns die Pandemie beim stationären Handel nicht wesentlich beeinträchtigt. Allerdings sind lokale Veranstaltungen als verkaufsunterstützende Maßnahmen sehr komplex in der Umsetzung und Administration. Abstandsregeln, Registrierungen und Ablaufpläne je nach entsprechenden Regularien eines Bundeslandes bedeuten erhebliche zusätzliche Kapazitäten in der Organisation und Umsetzung. Der E-Commerce-Bereich hat mit den entsprechenden Steigerungen die Rückgänge in anderen Bereichen etwas abgefedert. Mit einer Mischung aus Home Office und vor Ort-Präsenz konnten wir unsere Herbstplanungen entsprechend vorbereiten und schauen auf spannende Projekte, die vor uns liegen.

Christof Ellinghaus, Geschäftsführer City Slang: Also Business As Usual ist es ganz sicher nicht. Wir können keine völlig unbekannten Newcomer so ganz ohne das Live-Element in den Markt drücken. Ich glaube, niemand kann das. Jede Kampagne beinhaltet immer auch den Teil, an dem sich die Künstlerin oder der Künstler ihrem Publikum präsentieren möchten. Und da ist es egal, ob das jetzt Caribou in der Brixton Academy ist, oder Noga Erez auf den 25 US-Festivals, die diesen Sommer eigentlich im Kalender standen. Aber am schlimmsten trifft es natürlich mal wieder die Baby Acts, die ganz am Anfang stehenden Künstler*Innen. Wie soll ich der Welt so eine ganz spezielle und wertvolle Musikerin wie Anna B Savage vorstellen, wenn sie nicht auf die Bühne darf? Sie macht kein Radiofutter, sie macht Kunst. Und zwar großartige Kunst.

Wir haben so gut wie alle Newcomer ins kommende Jahr geschoben. Da wird sich also ein Stau bilden, oder eher eine Lawine. Nur wird Musik mit einem hohen künstlerischen Anspruch es in den kommenden Jahren noch viel schwerer haben als schon zuvor. Denn alle werden erst einmal auf Nummer sicher gehen. Booker, Veranstalter, Promoter - alle haben riesige Ausfälle zu kompensieren. Das aber machst du nicht mit risikobehafteter Kunst, das machst du mit Kommerz ... 2021 wird also anders, aber genauso kompliziert werden. Den Rest dieses Jahres verbringen wir mit Nacharbeiten an den bereits veröffentlichten Alben und dem Vorbereiten der VÖs vom nächsten Jahr.

Gudrun Gut, Inhaberin Monika Enterprises: Ich habe die Veröffentlichungen meines Labels sowieso seit langem sehr eingeschränkt und arbeite viel mehr als Solokünstlerin beziehungsweise mit Monika Werkstatt. Home Office ist für mich seit langem nichts Neues - meine Label-Software ist online und das Büro eine Harddisk. Die Planungen für dieses Jahr waren sehr studiobasiert - eine neue Produktion mit Monika Werkstatt, die wir anstatt einer gemeinsamen großen Session ins Netz übertragen haben. Die Musikerinnen bei Monika arbeiten im Electronic/Pop/Experimentell-Bereich und sind alle tech- und internet-affin. Mehrere Gigs sind natürlich ausgefallen und keiner weiß, was die Zukunft bringt. Ich konzentriere mich aufs Studio und eine große Produktion, die im nächsten Jahr geplant ist. Fingers Crossed For Next Year!

Friederike Meyer, Geschäftsführerin Buback Tonträger: Die Krise hat definitiv Auswirkungen auf unsere Release-Planungen. Abgesehen davon, dass Buback noch nie ein Label war, das sich durch großen Output auszeichnete, sind wir jetzt besonders vorsichtig in der Planung von VÖs und natürlich den damit zusammenhängenden Ausgaben geworden. Unsere Konzertabteilung, die seit einigen Jahren eigentlich das Kerngeschäft von Buback ist, hat seit März kaum Einnahmen, insofern müssen wir mit unseren Rücklagen sehr vorsichtig umgehen. Und natürlich ist nicht nur unsere Zukunft unsicher - auch die von vielen Musikliebhabern/Innen. Zumindest bei den älteren Hörer/Innen, die ja eher unsere Zielgruppe sind. Mit finanzieller Angst im Nacken und anderen Sorgen ist das Interesse an neuen Produktionen einfach nicht so groß. In der zweiten Jahreshälfte lassen wir es langsam angehen, haben aber das eine oder andere sehr schöne Projekt, von dem es schon ein Lebenszeichen geben wird. Insofern auch ein bisschen Vorfreude in der ganzen Krise!

Johann Scheerer, Managing Director Clouds Hill: Uns treffen die Auswirkungen weniger im Label- als im Studiobereich. Sämtliche internationale Produktionen, die einen Großteil unseres Umsatzes ausmachen, sind aufgrund der Reisebeschränkungen abgesagt. Viele nationale Künstlerinnen und Künstler fordern die geleisteten Anzahlungen für Produktionen im Herbst oder Winter jetzt schon zurück, da sich abzeichnet, dass sie Restzahlungen nicht werden leisten können, weil sie diese durch Konzerte erwirtschaftet hätten. Unser Vermieter ist bereit, die Miete aufzuschieben, allerdings nicht, sie zu erlassen. Das kann noch dramatische Folgen haben. Bislang hatten wir Glück. Eine große Produktion hatte sich im Mai/Juni für einige Wochen in Quarantäne Produktion bei uns begeben. Im Label ist es der fehlende Promo-Aspekt, durch abgesagte und verschobene Konzerte, der uns wie allen zu schaffen macht. Allerdings können wir im Label von Glück sagen, dass wir an ein bis zwei Großprojekten arbeiten, die sich noch bis Ende des Jahres in der Planungsphase befinden. Insofern sehen wir dem Rest des Jahres zwar besorgt, doch optimistisch entgegen.

Ken Otremba, Geschäftsführender Gesellschafter Telamo: Auch wir standen natürlich Mitte März vor der Frage »Wie weiter?«. Mit einer frischen Album-Nummer-eins von Marianne Rosenberg ging es in den Lockdown. Wir haben uns dann entschieden, Fangetriebene Themen mit großen Vorbestellerzahlen und Themen, die nicht an große TV-Shows gebunden waren, dennoch zu releasen (zum Beispiel Schlagerpiloten oder Calimeros), andere Themen aber zu schieben (zum Beispiel das Album von Thomas Anders & Florian Silbereisen). Beide Strategien haben sich als richtig erwiesen. Auch haben wir die Zeit genutzt, um die Alben im Sommer vorzubereiten und um die kommenden Releases aufzusetzen. Insofern haben wir keine gravierenden Release-Verschiebungen und schaffen es, den Fans regelmäßig neue und attraktive Produkte anbieten zu können. Wir haben sogar ganz speziell neue Releases im TV- und DRTV-Bereich aufgesetzt, um die zuhause bleibenden TV- und Teleshopping-Konsumenten gezielt bedienen zu können. Wir freuen uns auch sehr, dass die TV-Landschaft schnell wieder die Arbeit aufgenommen hat, sodass wir in den derzeit stattfindenden Shows mit zahlreichen neuen Tracks vertreten sein können. Nicht zuletzt dadurch konnten wir unseren Charts-Marktanteil im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppeln. Platz drei bei den Labels und mit Abstand größter Indie ist die Folge dieser Strategie.

Manuela Nikele, Head of Labelmanagement and Promotion Bertus Musikvertrieb: Zurück zu Business As Usual kehren wir noch lange nicht, und es stellt sich die Frage, ob dies jemals der Fall sein wird. Die VÖ-Planung läuft wie gehabt weiter, allerdings stellen wir schon fest, dass momentan deutlich weniger Veröffentlichungen für den Vertrieb gemeldet werden. Wir sehen auch, dass einige Label die Entscheidung treffen, sich noch weiter aus der physischen Vermarktung zurückzuziehen. Ein breit aufgestellter und starker Backkatalog mit attraktiven Neuzugängen in diesem Bereich kann hier etwas für Ausgleich sorgen. Für uns als Vertrieb gilt es jetzt, das Kaufverhalten der Konsumenten genau zu analysieren und Strategien zu entwickeln, wie wir hohe Retourenquoten aus dem stationären Handel vermeiden können, ohne diesen zu vernachlässigen und dadurch noch weiter zu schädigen - eine Gratwanderung für alle Beteiligten.

Maurice Summen, Geschäftsführer Staatsakt: Wir halten - soweit Künstler*innen und alle involvierten Partner*innen einverstanden sind - an unseren ursprünglichen Release-Plänen fest. Wir sind der Meinung, dass die Recorded Music das perfekte Musikmedium für Zuhause ist. Warum sich irgendwelche Live-Streaming-Formate ausdenken, wenn wir tolle Studioalben oder Singles herausbringen können? Überhaupt: Dass Albumkampagnen sich in den letzten Jahren immer mehr zur funktionalen Tour-VVK-Maschine zwischen Ticketing-Plattformen und Facebook-Event entwickelt haben, hat der Qualität vieler VÖs nicht gerade geholfen.

Weiter: Wir alle werden uns leider daran gewöhnen müssen, in den kommenden Monaten, wohlmöglich Jahren, das Corona-Infektionsrisiko als maßgeblichen Faktor der vielbeschrieben »Neuen Realität« zu akzeptieren. Aber, klar: Für die Livebranche stellen sich nach wie vor die größten Herausforderungen. Da hoffen wir natürlich mit.

Jens Thele, Managing Director und Head of A&R Kontor Records: Die Corana-Krise hat und hatte keinerlei Auswirkungen auf unsere VÖ-Planungen. Bei Kontor Records werden schon seit längerem immer weniger Alben veröffentlicht, dieser Trend wird sich weiterhin verstärken. Unser Album-Schwerpunkt wird das Debüt von Tom Gregory werden, der schon täglich über eine Million Streams auf seine Songs erreicht. Hier sind wir extrem gespannt, wie die Konvertierung auf sein Debütalbum klappt.

Max Vaccaro, General Manager earMusic: Mit der Ungewissheit, die durch Corona hervorgerufen wurde, blieb uns bei earMusic kaum eine andere Wahl, als all unsere für die vergangenen Monate geplanten Veröffentlichungen zu verschieben. Wir steuern aus Hamburg heraus die weltweite Vermarktung unserer Künstler und jedes Land hat seine individuellen Probleme im stationären- sowie Onlinehandel. Eine weltweit zeitgleiche Veröffentlichung ist für uns unabdingbar. So wird das neue Deep-Purple-Album, »Whoosh!«, das für Juni geplant war, nun zwar am 7. August erscheinen, viele weitere ursprünglich für 2020 geplante Produkte werden allerdings auf 2021 verschoben. Einzig unser erstes deutschsprachige Signing - Laith Al-Deen - hat sein Album »Kein Tag Umsonst« nach wiederholtem Abwägen im Mai veröffentlicht; trotz anfänglicher Bedenken sind wir nun sehr zufrieden mit dem Resultat. Des Weiteren erschien eine Vinyl-Single des lang erwarteten Deep-Purple-Albums exklusiv in Kooperation mit Indie-Plattenhändlern, die vom Lockdown sicherlich am härtesten betroffen waren.

Das digitale Geschäft blieb erfreulicherweise konstant, gestützt von kurzfristigen Singles-Veröffentlichungen einiger unserer Künstler. So steckte zum Beispiel Alice Cooper gerade inmitten der Produktion für sein neues Album, als er sich entschloss, dem aktuellen Geschehen Tribut zu zollen, und mit »Don't Give Up« einen von dem Corona-Szenario handelnden Titel schrieb, den wir kurzfristig veröffentlicht haben. Außerdem erschien eine Akustik-EP von Deacon Blue sowie ein neuer Song der schwedischen Rockband H.E.A.T.

Grundlegend bot die Pandemie uns die Chance, unsere Projekte mit mehr Zeit und Vorlauf als üblich anzugehen, langfristige Pläne mit unseren Künstler*innen auszuarbeiten und die künftige Ausrichtung des Labels zu gestalten.

Neben der Sorge um die Entwicklung der Musikbranche, der eigenen Gesundheit sowie der unserer Familie und Kolleg*innen bringt diese Ausnahmesituation auch einen positiven Effekt: einen verstärkten Zusammenhalt im Team und eine noch größere Entschlossenheit. Wenngleich es nicht von Angesicht zu Angesicht möglich war, merkten wir, dass uns Gespräche, Diskussionen und Planungen mehr Spaß als jemals zuvor machen; nicht nur innerhalb des Teams, sondern auch mit unseren internationalen Kolleg*innen, unseren Künstler*innen, Manager*innen und anderen Partner*innen. Unsere A&R-Strategie wurde durch Corona kaum beeinflusst, abgesehen von der Möglichkeit, Projekte zu realisieren, die bisher aus zeitlichen Gründen nicht zustande kamen. Das Ausbleiben der Einkünfte aus dem Live-Business für unsere Künstler*innen machte noch einmal deutlich, dass wir alle im selben Boot sitzen und eine enge Zusammenarbeit entscheidend für die Zukunft der gesamten Branche ist.

Thomas Thyssen, Managing Director & Head of Recorded Music Schubert Music: Die Auswirkungen auf unsere Planungen waren - wenig verwunderlich - massiv. Die Ankündigung einer neuen, internationalen Label-Struktur, nur wenige Wochen vor dem Ausbruch einer Pandemie, das hat an sich schon etwas Tragikomisches. In der ersten Zeit waren wir entsprechend mit Verschiebungen, Umplanungen und vor allem mit der Korrespondenz mit unseren Künstler*innen und deren Managements sowie den involvierten Booking- und PR-Agenturen beschäftigt. Etliche VÖ-Set-ups, die zuvor schon quasi finalisiert waren, mussten völlig umgebaut werden: TV-Sendungen fielen ersatzlos aus, Tourneen wurden ins kommende Jahr verschoben, Sync-Deals platzten kurzfristig, da Marketingbudgets zusammengestrichen wurden, und so weiter. Trotz alledem sind wir wirklich zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis von zum Beispiel Joachim Witts aktuellem Album, »Rübezahls Rückkehr«, bei dem wir uns gemeinsam mit dem Künstler explizit gegen eine komplette Verschiebung entschieden hatten. Aufgrund einer tollen Team-Leistung und kurzfristig umgemodelten Social-Media- und Digital-Marketing-Konzepten konnte hier - dem noch stärker rückläufigen physischen Markt zum Trotz - ein prima Ergebnis und eine mehr als respektable Top-15-Charts-Platzierung erzielt werden. Auch die Vorbestellerzahlen und das bisherige Feedback zum kommenden Album »Kompromat« der Leedser Alternative-Institution I Like Trains, dem ersten Release auf unserem UK-basierten Label Atlantic Curve, das von Daryl Bamonte geleitet wird, sind mehr als beachtlich - inklusive einer bereits ausverkauften Vinyl-Erstauflage. Entsprechend motiviert und zweckoptimistisch gehen wir in die zweite Jahreshälfte. Etliche neue Signings werden nun, mit mehreren Monaten Verspätung, nach und nach in den kommenden Wochen endlich bekannt gegeben.

Zusammenstellung: Knut Schlinger

Ein zweiter Teil der Umfrage folgt in MusikWoche, Vol. 34-35.