Unternehmen

Corona verändert kreativen Prozess für Verleger nachhaltig

Kollaborationen galten zuletzt als Erfolgsmodell, Musikverleger brachten Komponisten und Autoren immer wieder bei Songwriting-Camps zusammen. Das geht nun angesichts der Corona-Krise nicht. MusikWoche wollte von ausgewählten Akteuren wissen, was das für den kreativen Prozess bedeutet.

23.07.2020 09:33 • von Dietmar Schwenger
Verleger (oben, von links): Raijk Barthel, Adrian Hillekamp, Anika Jankowski, Benjamin Budde und Walter Holzbaur sowie (mittlere Reihe) Lukas Pizon, Rudi Schedler, Patrick Strauch, Tina Funk und Thomas Vidovic sowie (unten) Natascha Augustin, Götz von Einem, Marc Lammek, Maximilian Kolb und Benjamin Bailer (Bild: Collage: MusikWoche)

Kollaborationen galten zuletzt als Erfolgsmodell, Musikverleger brachten Komponisten und Autoren immer wieder bei Songwriting-Camps zusammen. Das geht nun angesichts der Corona-Krise nicht. MusikWoche wollte von ausgewählten Akteuren wissen, was das für den kreativen Prozess bedeutet.

Thomas Vidovic, Managing Director Germany sowie Senior Vice President Austria and Switzerland Universal Music Publishing: Die Corona-Krise hat den kreativen Prozess nachhaltig verändert, vor allem aber Raum für Innovation geschaffen. Unsere A&R-Teams haben weltweit in den letzten Monaten neue Formate entwickelt und Songwritern dabei geholfen, die Zeit während des Lockdowns bestmöglich dafür zu nutzen, sich voll und ganz ihrer Kreativität zu widmen, sei es durch virtuelle Remote Sessions oder die Teilnahme an internationalen themenspezifischen Writing-Contests. Natürlich kann ein virtuelles Treffen keine gemeinsame Studiosession ersetzen, jedoch hat Corona die Menschen verändert und Kreativen das geschenkt, was sie sonst viel zu wenig haben - Zeit. Das Entscheidende war und ist eine deutlich gesteigerte Kommunikationskultur. Mehr denn je ist der Austausch zwischen Songwritern und Musikverlagen entscheidend, um aus der Krise eine Chance zu machen. Vielleicht werden wir in ein paar Jahr sehen, dass während der Corona-Krise mehr Hits geschrieben wurden als in vielen Jahren zuvor. Überraschen würde es nicht.

Patrick Strauch, Managing Director Sony/ATV Music Publishing Germany: Gerade in der Corona-Zeit konnten die Verlage zeigen, dass sie der sichere Hafen der Autoren sind. Wir hatten in den letzten drei Monaten mehr zu tun als sonst, und der Großteil der Arbeit bezog sich auf die Unterstützung unserer Autoren, sowohl in kreativer als auch monetärer Hinsicht. Auch wenn wir für rund acht Wochen keine Face-To-Face-Sessions durchführen konnten, so haben wir doch Unmengen von virtuellen Sessions abgehalten. Wir haben Songs erfolgreich vermittelt und konnten viele neue Autoren für uns gewinnen und sogleich mit unserem bestehenden Autorenstamm verbinden. Auch die Zusammenarbeit mit unseren internationalen Büros funktionierte hervorragend, und wir konnten viele Autoren auch in internationale Copyrights vermitteln. So wie bei allen anderen auch, ist bei uns die Anzahl an Videokonferenzen um gefühlte 1000 Prozent gestiegen, und wir werden ganz sicher viele Aspekte der Corona-Zeit auch in die Post-Corona-Zeit hinübernehmen. Dazu zählen unter anderem die erhöhte Flexibilität hinsichtlich der Arbeitszeit aus dem Home-Office als auch das Hinterfragen der Notwendigkeit von Dienstreisen und ineffizienten Meetings. Nicht alles an der Corona-Zeit ist schlecht. Wir haben unser Büro nun seit Mitte Juni wieder geöffnet, und wir freuen uns, die Erfahrungen der Corona-Zeit mit den positiven Möglichkeiten des Büros zu verbinden. Und Sessions machen wir natürlich wieder ohne Ende, aber natürlich mit dem gebotenen Abstand und der angemessenen Vorsicht.

Rudi Schedler, Geschäftsführer Schedler Music: Langsam kann wieder an eine Planung für Sessions in den nächsten Wochen gedacht werden. Ob sie dann auch stattfinden, hängt von der weiteren Entwicklung bei den Corona-Zahlen ab. Wir hoffen, dass sich die Künstler durch die kommenden Urlaubstage von der äußerst angespannten Zeit gut erholen können und ihren Kopf für starke Songs wieder frei bekommen.

Benjamin Schacht, CEO SMV Schacht Musikverlage: Natürlich kann man in unserem digitalen Zeit­­alter viel durch Datentransfer, ­Skype- oder Zoom-Sessions auch unter Kreativen auffangen und lö­sen, aber Musik ist »Ausdruck von Emotionen«, und diese entstehen nun einmal einfach authentischer im direkten Wirken miteinander, als nur über einen Bildschirm, oder eine Tastatur. Eine rein digitalisierte Welt von Kunst und Kultur, ohne den Austausch zwischen Musikern und Künstlern untereinander; diesen und ihrem Publikum, ohne Schweiß, ohne Tränen und Emotionen, ohne Rampenlicht und Applaus will ich mir nicht vorstellen. Für den Erhalt dieser tiefen menschlichen Grundbedürfnisse, denke ich, sollten wir lauter eintreten, als wir dies bisher in diesen Tagen gemacht haben! YouTube, Spotify, TikTok und so weiter sind als Ergänzung von Musikkonsum sicherlich ein unbestrittener Gewinn, aber wo wäre die Welt der Musik ohne das Erlebnis, welches uns zusammenführt? Bereits Mitte 2015 erschein im Fachjournal »Proceedings of the National Academy of Science« die Studie einer Forschergruppe, die sich mit der Frage beschäftigte, was Musik über alle Erdteile kulturell gemeinsam hat. Die Forscher um Patrick Savage von der Universität der Künste in Tokio kamen vor allem auf einen Grundsatz: »Wir zeigen, dass Musik, trotz ihrer oberflächlichen Vielfalt, weltweit aus sehr ähnlichen Bausteinen besteht und sehr ähnliche Aufgaben erfüllt, bei denen es vor allem darum geht, dass Menschen zueinander kommen.

Lukas Pizon, Head of A&R GSA, Peermusic Germany: Der Lockdown war für unsere Autoren sehr einschneidend, insbesondere für diejenigen, die ihren Lebensunterhalt mit eigenen Livekonzerten oder als Tourmusiker verdienen. Denen ist von einem auf den anderen Tag die Grundlage entzogen worden. Wie im Rest der Bevölkerung verfielen einige erstmal in eine Art Schockstarre, während andere die Isolation sofort in Songs umwandeln konnten. Camps und Sessions waren zwar nicht möglich, aber Kollaborationen per Zoom oder so schon. Das ersetzt aber natürlich nicht den für die kreative Zusammenarbeit so wichtigen persönlichen Austausch, insbesondere wenn Autoren zum ersten Mal zusammenarbeiten. Insgesamt, denke ich, können wir uns auf viele schöne neue Songs freuen, die während dieser Zeit entstanden sind und zum Teil auch gleich schon veröffentlicht wurden. Das wäre dann doch mal eine positive Nachricht im Zusammenhang mit Corona.

Gerhard Narholz, Geschäftsführer Sonoton Music: Musikproduktion ist ein zeitaufwändiges Unterfangen. Von der Idee, der Komposition, den Vorbereitungen, der Aufnahme und der Mischung bis zu Veröffentlichung können Monate vergehen. Wir hatten daher aus Vor-Corona-Produktionen ein »Polster«, das uns fortlaufende Neuveröffentlichungen in den letzten Monaten ermöglichte. Allerdings haben wir unseren üblichen Output von etwa monatlich 100 neuen Alben mehr als halbiert. Große Orchesterproduktionen, wie wir sie in London, Sofia oder Budapest durchführen, sind »on hold«. In unseren drei Mischstudios wird schon wieder mit Hochdruck gearbeitet und unzählige fertige Projekte warten auf die Realisierung. Nur kleinste Ensembles, Elektronik oder eine Remote Session für ein Solo-Piano-Album in den Abbey Road Studios sind zur Zeit möglich. Wir sind zuversichtlich, dass wir bald wieder voll zuschlagen können. Wir sehen unsere Zukunft durchaus positiv: Hollywood beginnt wieder zu produzieren, in Deutschland arbeiten unsere Kunden in Home Offices an Projekten und der TV-Betrieb hat nie aufgehört zu arbeiten.

Maximilian Kolb, Managing Director GSA BMG: Songwriting-Camps finden bei uns weiterhin statt. Nur eben digital, auch wenn das mit einer persönlichen Session nicht zu vergleichen ist. Damit haben wir auch schon vor Ausbruch der Pandemie angefangen. Unsere Teams arbeiten so vor allem auf internationaler Ebene sehr eng zusammen, um Kooperationen und die Möglichkeit für Co-Writing-Sessions zu potenzieren. Denn der große Vorteil ist, dass niemand nach Australien fliegen muss, um eine Session zu machen sondern sie direkt vom Studio oder Wohnzimmer aus machen kann.

Anika Jankowski, Geschäftsführerin Oh My Music: Gerade in den Lockdown-Zeiten konnte ich zwei Phänomene bei meinen Urheber*innen beobachten. Die einen fühlten sich beflügelt, endlich genügend Zeit zum Komponieren zu haben, ohne äußere Störfaktoren, die anderen standen so unter Druck - finanzielle Unsicherheiten, aber auch der Druck ausgerechnet jetzt kreativ werden zu müssen - dass gar nichts ging. Von der Organisation von Songwriting Camps sehe ich bisher noch ab. Ich fokussiere meine Arbeit nun eher auf die Vermittlung einzelner Writing-Sessions, diese finden dann auch zum Teil online statt. Mit beiden Methoden konnten wir gute Erfahrungen machen.

Walter Holzbaur, Inhaber Wintrup Musikverlag: Da wir bei Wintrup schon lange die Meinung vertreten, dass große Camps mit Dutzenden Songwritern unter einem (Studio-)Dach in den meisten Fällen nicht wirklich effizient, und auch eher selten mit entsprechend wertvollem Output gesegnet sind, wirkt sich die aktuelle Situation für uns in diesem Bereich kaum negativ auf die kreativen Prozesse aus. Wir gehen seit jeher lieber den Weg, einzelne nationale und/oder internationale Urheber, die musikalisch eine Sprache sprechen und miteinander gut funktionieren können, direkt und meist auch sehr konkret und projektbezogen miteinander zu verknüpfen - sei es in 1:1-Sessions oder Kleinstgruppen. Dies ist natürlich auch in pandemischen Zeiten problemlos möglich - zunehmend auch digital über das Netz und die einschlägigen Plattformen. Einschränkungen im Output sind da bisher eigentlich nicht festzustellen. Nach wie vor arbeiten wir vorrangig mit real tourenden Urhebern, die ihre eigenen Werke schreiben und diese dann entsprechend veröffentlichen und aufführen. Als kleiner po­si­tiver Nebeneffekt der ganzen Lockdown- und Cancelling-Arie ist da zu sehen, dass viele dieser Künstler und Bands durch abgesagte Livetouren gerade viel Zeit haben und diese primär nutzen, um sich mit dem Schreiben und Produzieren von neuem Material zu beschäftigen. Hier entsteht ein »kreativer Schub« für kommende, bessere, und am Ende vielleicht auch wieder normale Tage.

Adrian Hillekamp, A&R Manager Concord Music Publishing GSA: Einige Songwriter blühen derzeit in Online-Sessions auf, andere nutzen die Zeit, um alte Demos fertig zu machen. Das Gefühl, in einem Raum zusammen zu schreiben, kann man aber nicht mit Video-Sessions reproduzieren. Für viele Songwriter ist das ein Problem, speziell für Autoren, die durch die entstehende Dynamik zur Höchstform auflaufen. Mittelfristig können wir nur hoffen, dass wir bald wieder wie gewöhnlich auf lokaler und internationaler Ebene zusammen kommen und unsere Autoren persönlich vernetzen können. Gleichzeitig könnten Online-Sessions auch in Zukunft eine Möglichkeit sein.

Benjamin Budde, CEO Budde Music: Unser neues großes A&R-Team haben wir direkt auf die Probe stellen können. In nur wenigen Tagen nach Lockdown haben wir mit der Planung von Online Sessions begonnen. Zunächst vereinzelt innerhalb Deutschlands und dann bald folgend global ausgeweitet. Bei unseren Online-Songwriting-Camps wie für Alle Farben nahmen Autoren unserer weltweiten Partner teil, so dass wir Sessions mit Australiern, Engländern und Amerikanern zu koordinieren hatten. Aus einigen der Sessions werden wir tolle Ergebnisse veröffentlichen können, und das macht uns natürlich besonders stolz. Was aber natürlich fehlte, sind die Konzerte. Mal abgesehen von den wirtschaftlichen Schäden für uns und unsere Autoren merken wir einfach, wie das Live-Spielen fehlte. Nach unzähligen Charity Streams und Instagram Performances bin ich jetzt froh, dass unsere Live-Schwesterfirma BTA erste echte Konzerte launchen konnte. Wir hoffen, dass es bald wieder möglich ist, Musik in gewohnter Form live genießen zu können.

Rajk Barthel, Inhaber Kick The Flame Publishing: Unsere geplanten Präsenzcamps konnten wir natürlich nicht durchführen. Wir haben dafür Online-Writing-Sessions gemacht und zum Beispiel in Kooperation mit Neubau Music und White Horse Music ein virtuelles Camp veranstaltet. Glücklicherweise ist das für uns kein Neuland, wir haben eigentlich bei fast jedem Camp auch ausgewählte Teilnehmer am Start, die aus den verschiedensten Gründen nur virtuell dabei sein können. Natürlich passieren einige spannende Momente oft nur aus der Situation heraus, gerade wenn sich Teams durchmischen. Der Faktor Zufall, der kreative Katalysator des gemeinsamen Mittagessens - das fällt natürlich alles weg. Aber wir haben nicht den Eindruck, dass die Qualität leidet.

Christian Baierle, Geschäftsführer Roba Music: Unser letztes Songwriting Camp mit unserem Verlagspartner Ultra Records aus den USA endete am Tag der Ankündigung des Lockdowns in den Vereinigten Staaten, so dass dies vermutlich das bislang letzte Songwriting Camp in Deutschland mit internationaler Beteiligung war. Seitdem haben wir eine Vielzahl von Online Sessions für unsere Urheber und Verlagspartner organisiert. Dazu bieten wir unseren Partnern eine eigene Arbeitsumgebung und individuelle Betreuung durch unsere Kreativabteilung. Zur Zeit planen wir gerade eine Vielzahl von Sessions unserer Komponisten und Komponistinnen mit den Autoren unseres US-Verlagspartners Reservoir. Aber auch nationale Online Sessions wurden und werden zur Zeit durch unsere A&R-Abteilung koordiniert.

Benjamin Bailer, Inhaber Bailer Music: Autoren, die schon öfter zusammen gearbeitet haben, arbeiten normalerweise auch remote gut zusammen. Bei neuen Konstellationen kommt es immer wieder aufs Neue darauf an, welches Thema angegangen wird. Ich denke, so wie in der Wirtschaftswelt allgemein, findet eine Fokussierung statt. Man hat das Gefühl, alles wird durch das Brennglas verstärkt, sobald es um digitale Treffen geht.

Natascha Augustin, Senior Creative Director Warner Chappell Music: In unserem A&R-Team hat Corona vor allem eins ausgelöst: Kreativität. Wir haben sehr viel Zeit in strategische Überlegungen investiert und nach innovativen Wegen gesucht, um unseren Autoren neue Perspektiven zu bieten. So haben wir zum Beispiel ein internationales Skype-Synch-Camp organisiert, bauen ein weltweites Producer-Netzwerk auf und haben unsere Beats-Datenbank optimiert. Trotzdem fehlt natürlich extrem der persönliche Kontakt und die intensiven Erfahrungen, die unsere Autoren in den von uns organisieren Sessions wie in Atlanta mit Summer Cem und 30roc oder dem LatAm-Camp in Miami mit Lucry & Suena gemacht haben und wir freuen uns extrem darauf, wenn wir endlich wieder alle in einen Raum bekommen.

Mark Chung, Managing Director Freibank Musikverlag: Wir alle lernen seit Monaten verstärkt, was sich aus den vorhandenen Technologien herausholen lässt. International wurde ja ohnehin schon viel online produziert. Der Bereich sollte sich aber auch schneller erholen als Clubkonzerte und Festivals.

Zusammenstellung: Knut Schlinger