Unternehmen

Wolfgang Rott macht sich Gedanken über die "pandemische Schockstarre"

In einem Gastbeitrag für MusikWoche schreibt Wolfgang Rott, Geschäftsführer cmm GmbH, über die verheerenden Folgen der Corona-Krise. Trotz aller dramatischen Einbrüche sieht er in Zeiten wie diesen auch "Geburtsstunden für frische Ideen".

22.07.2020 12:54 • von Dietmar Schwenger
Will weiterhin positiv denken: Wolfgang Rott von cmm (Bild: cmm)

In einem Gastbeitrag für MusikWoche schreibt Wolfgang Rott, Geschäftsführer cmm GmbH, über die verheerenden Folgen der Corona-Krise. Trotz aller dramatischen Einbrüche sieht er in Zeiten wie diesen auch "Geburtsstunden für frische Ideen":

Fast vier Monate Corona-Maßnahmen mit Physical Distancing und Homeoffice, geschlossenen Restaurants, Clubs, Hallen und Stadien sind bereits überstanden und einiges schmerzlich Vermisste erhalten wir seit einigen Wochen sukzessive zurück. So arbeitet cmm endlich wieder im vertrauten Büro, unsere Mägen knurren nicht mehr ein entvölkertes Geschäftsviertel an und viele unserer Partner bewegen sich ebenfalls aus der pandemischen Schockstarre heraus. Uns alle in der Musikbranche bewegt dabei eine zentrale Frage: Wann wird es endlich wieder Konzerte und Festivals geben?

Unsere Veranstalter, Musiker und Techniker traf es zuerst, unmittelbar und hart. Doch die schiere Dauer dieses Ausnahmezustands, verbunden mit einem hohen Grad an Ungewissheit, der jegliches Planen vereitelt, hat schon längst dafür gesorgt, dass die Situation weite, existenzbedrohende Kreise in der gesamten Kreativwirtschaft zieht. Releases werden verschoben oder haben kein Backing durch Tourneen und so wird auch im Bereich PR und Marketing die Auftragslage immer dünner.

Allein die Musikwirtschaft in Deutschland zählt im engeren Sinne über 127.000 Beschäftigte in einem sehr sensiblen Gefüge aus voneinander stark abhängigen und streng verzahnten Teilbereichen. Dabei ist sie selbst wiederum eine Teilmenge der fast 1,2 Millionen Arbeitsplätze umfassenden Kreativwirtschaft, die mit einem Anteil von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sogar das Energie- und das Finanzwesen übertrifft , und ist dort ebenso tief vernetzt wie sie es nach innen hin ist.

Eine Vielzahl von Interessensgruppen allein in der Musikbranche vertritt zwar die hier arbeitenden Menschen zu großen Teilen - von einer Durchsetzungskraft wie sie beispielsweise die Kohle- oder gar die Automobilwirtschaft als Lobbys in unserer Tagespolitik regelmäßig wirken lassen, sind wir jedoch noch meilenweit entfernt. Hier hoffe ich auf ein stärkeres, auch öffentliches, Zusammenwachsen der kreativen Branchen und der Verbände innerhalb einer jeden von ihnen. In der Musikbranche gab es den bisherigen Verlauf der aktuellen Krise hindurch mehrere klare Signale in Form von Pressemitteilungen, gemeinsamen politischen Forderungen sowie Aktionen "auf der Straße", die Aufmerksamkeit generieren konnten.

Das macht meinem Team und mir Mut. Denn wir sehen tagtäglich, wie sehr unsere Künstler/innen unter zunehmender Existenzangst leiden - oftmals bemerkenswert stumm, weil Jammern in manchen Branchen eben weniger sein darf als in anderen. Die Legende des still darbenden Künstlers lebt. Nur langsam begreift die Politik die kulturelle Wertschöpfungskraft. Kein Wunder, haben doch die meisten Musiker, Veranstalter, Plattenfirmen, Manager und ein Heer von Helfern stets jede Krise ohne staatliche Unterstützung hinbekommen - bis hin zu schlecht bezahlter Tätigkeit und weitverbreitetem Ehrenamt aus Leidenschaft für die Kultur. Obwohl die Beispiele von Kanada, Schweden usw. gezeigt haben, wie groß der wirtschaftliche Mehrwert sein kann, wenn man gezielt Talente und Spielstätten gerade auch des Rock und Pop fördert.

Hierzulande jedoch plant die Musikwirtschaft laut einer noch immer aktuellen Hochrechnung des Bundesverbands Musikindustrie mit mehr als 5,45 Milliarden Euro Umsatzeinbußen für einen sechsmonatigen Verlauf. Erschütternde 3,65 Milliarden davon werden unmittelbar durch die Absage von gut 80.000 Veranstaltungen vernichtet - in einem Arbeitsmarktsegment, das zu großen Teilen von Selbstständigen bestellt wird: Für diese gibt es jedoch im Rettungspaket keinen Platz.

Die Soforthilfe aus dem Programm der Bundesregierung sieht für Selbstständige lediglich Zuschüsse zu den Betriebsausgaben, etwa gewerblicher Miete, Energiekosten, Materialaufwand oder Versicherungen vor. Das hilft eventuell dem niedergelassenen Handwerker, jedoch nicht einem Kleinkünstler oder Konzertmusiker, der privat zur Miete wohnt, seine Instrumente bereits voll finanziert hat, aber auf einen steten Strom von Einnahmen durch Auftritte angewiesen ist - die derzeit und bis auf Weiteres nicht oder in ungenügendem Ausmaß stattfinden können. Die Zukunft wird zeigen, was geschieht.

Wird unsere (bereits vor Corona stark angeschlagene) Clublandschaft überleben und wenn ja, dann in welchem zahlenmäßigen Ausmaß? Wie viele Menschen - Musiker, Techniker, Manager und weitere - wird es geben, die mit Herzblut ihre Arbeit fortsetzen können und wie viele werden sich andere Tätigkeitsfelder gesucht haben oder in kulturbewusstere Länder migriert sein, wenn das Virus eines Tages erfolgreich bekämpft sein wird? Lasst uns bis dahin positiv denken.

Oft sind Krisen die Geburtsstunden für frische Ideen und fördern so das kreative Entwickeln neuer Lösungen. Wir jedenfalls werden es in unserem Bereich versuchen; wir kämpfen weiter für interessante Veröffentlichungen und führen auch langfristige Eventplanungen fort. Nicht zuletzt erweitern neue Partner, die nicht direkt aus dem Kernbereich unseres Geschäfts kommen, unser Tätigkeitsfeld und profitieren von unseren spannenden Synergien. Denn trotz und mit Corona gewinnt der Zugriff auf europa- wie weltweite Netzwerke an Bedeutung.