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Trio farfarello mit »Corönchen-Konzert« statt Jubiläumstour

Das Trio farfarello, eine der vielseitigsten, beliebtesten und renommiertesten Instrumentalbands der Republik, begeht 2020 sein 40-jähriges Jubiläum - indes in der Corona-Krise nicht so, wie geplant.

22.07.2020 09:34 • von Frank Medwedeff
Bilden das Trio farfarello (von links): Ulli Brand, Mani Neumann und Urs Fuchs (Bild: Henrik Reimann)

Das Trio farfarello, eine der vielseitigsten, beliebtesten und renommiertesten Instrumentalbands der Republik, begeht 2020 sein 40-jähriges Jubiläum - indes in der Corona-Krise nicht so, wie geplant.

Die Gründer der Band, Geiger Manfred "Mani" Neumann und Gitarrist Ulli Brand, spielten im Dezember 1979 schon erstmals "richtig zusammen", wie sich Neumann im Gespräch mit MusikWoche erinnert. Die "Bandwerdung" hin zum Trio farfarello sei indes ein "schleichender" Prozess gewesen, der sich über ein, zwei Jahre hingezogen habe. "Deswegen feiern wir jetzt auch zwei Jahre unser 40-jähriges Jubiläum. Und das ist auch ganz gut so", wie Neumann angesichts der Corona-Krise anmerkt. Zum runden Bandgeburtstag ist auch das ursprüngliche "Trio" wieder zurück im Bandnamen, nachdem die Formation zwischenzeitlich lange schlicht als farfarello aktiv war.

Die ersten Auftritte der beiden späteren farfarello-Masterminds Neumann und Brand fanden in einem Lokal in der Düsseldorfer Altstadt statt. »Wir konnten damals zwei Stücke: den 'Czardas' von Vittorio Monti - ein Standard, den man als Geiger draufhaben muss - und 'Avalon', so ein Jazz-Standard, ein Swingklassiker. Zudem haben wir Evergreens aus dem Hut gezaubert - auf Zuruf", so Mani Neumann. Ein Engagement in einem Club in Krefeld habe dann den Ehrgeiz der Musiker geweckt, eigene Nummern zu kreieren: "Ich sagte zum Ulli: 'So zwei, drei Stücke sollten wir doch kompositorisch hinbekommen.' Das haben wir dann gemacht. Die Richtung, die farfarello später etabliert hat, hat da praktisch ihre Grundfeste bekommen. Das war das Stück 'Weit vorn'. Das haben wir auf unserer ersten Platte gehabt. 'Durchzug' war dann auf der zweiten Platte verewigt." Es folgten regelmäßige Clubauftritte, und schon bald machte sich das Trio farfarello im Fernsehen bundesweit bekannt. "Wir traten in den großen Samstagabendshows auf: Da kam Fuchsberger schnell, ein Jahr später, ich glaube das war 1982, dann Kulenkampff, 'Der große Preis', und wie sie alle hießen. Da haben wir überall gespielt mit eigenen Kompositionen. Da war es vorbei mit 'Czardas' und so", rekatipuliert Mani Neumann.

Stilistisch habe sich die Band nie Grenzen gesetzt. Klassische Musik sei gewissermaßen die Basis von farfarello, sagt Neumann, der am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf studiert hatte. Dazu kommen Stilelemente aus Folk, Jazz und Rock. "Und wozu man heute Weltmusik sagt, das haben wir schon gemacht, ohne dass es das Wort überhaupt gab", bekräftigt der Geigenvirtuose. "Wir sagen nie: Das können wir nicht machen - sondern wir machen einfach."

In den Anfangsjahren veröffentlichte die Band ihre Alben mit Major-Partnern: "Die allererste Platte war noch im EMI-Vertrieb. Die zweite, dritte und vierte dann in Folge eines Übernahmevertrags bei Ariola. Und dann kam dort Thomas Stein, und dann war bald Ende, mit dem konnten wir nicht. Der hatte andere Vorstellungen, hat allen Bands gekündigt, die da ihr eigenes Ding gemacht haben. Er hat dafür diese ganzen Castingdinger eingeführt", erzählt Mani Neumann. »Dann kamen so Sprüche wie 'Wollt Ihr Euch nicht mal eine junge, attraktive Sängerin zulegen?' Dann haben wir uns einvernehmlich getrennt und uns entschieden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nach den ersten vier Platten mit 'nem Major haben wir die nächsten 16 dann selber produziert. Das ist natürlich eine Freiheit, die kann man mit Geld nicht bezahlen. Wir können bis heute machen, was wir wollen. Und wer kann das von sich schon behaupten?"

1990 hat die Band dann ihr eigenes Label farfarello records gegründet, viele Platten wie das letze Studioalbum "ZeitZone" auch in Eigenregie vertrieben, und bucht zudem ihre Konzerte selbst. Dabei helfe die treue Fanbasis, die man früh aufgebaut habe mittels der Verteilung von "Ich will"-Zetteln auf Konzerten. Die Fans konnten sich dann in eine Computerdatei eintragen und erhielten Informationen von farfarello etwa über Konzert- oder VÖ-Termine. "Innerhalb kürzester Zeit waren da 10.000 Leute drin", erzählt Mani Neumann. "Da funktioniert so ein Vertrieb dann von ganz alleine. Da sagt man Bescheid: Freunde, da gibt es eine neue CD, die könnt Ihr schon im Voraus bestellen, dann kriegt Ihr sie noch 'nen Euro billiger oder zwei. Auf diese Weise haben wir uns von Produktion zu Produktion gehangelt."

Die enge Bindung zu den Anhängern intensivierten farfarello noch durch diverse Fanreisen ins Ausland. "Wir sind ja auch ein Reisebüro", bekräftigt Neumann. Für die erste Fanreise nach Prag charterte man Anfang der Neunziger zwei Busse, die in mehreren deutschen Städten farfarello-Fans aufsammelten und in die tschechische Hauptstadt fuhren. Dort wurde es laut Neumann dann abenteuerlich, nachdem vor dem Hotel, in dem Band und Fans untergebracht waren, diverse Instrumente aus dem Bus gestohlen worden waren. Doch mit geliehenen Instrumenten habe man das erste angesetzte Konzert spielen und danach noch einige Gigs in Jazzclubs absolvieren können. "Und immer 80 Leute im Gepäck. Das ist natürlich super. Dann kommst du mit den Betreibern sofort ins Geschäft. Die brauchen sich ja um nichts zu kümmern, wenn man sagen kann: 'Wir spielen heute abend auf deiner Bühne. Uns kennt hier zwar keiner, aber wir bringen das Publikum gleich mit.'" Weitere Fanreisen organisierten farfarello etwa nach Ungarn, Rumänien, nach Wien und nach Mallorca. "Alles selbst organisiert und irgendwie bekloppt. Viel zu viel Arbeit, hat aber einen Riesenspaß gebracht", resümiert Neumann.

Im Wesentlichen sind farfarello immer eine reine Instrumentalband geblieben. Mani Neumann hat auf einer langen, zweigeteilten Tour auch mal gesungen, nach der zehnten Show indes schon erstmals seine Stimme verloren und sich dann nach eigener Aussage von Konzert zu Konzert gequält. "Am Ende war ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Ich habe dann beschlossen, nie wieder zu singen." Nur selten gab es dementsprechend Aufnahmen von der Band mit Gesang auf Tonträgern - so eine Zusammenarbeit mit Chris Thompson, bekannt als Sänger von Manfred Mann's Earthband, mit Harold Faltermeyer als Produzent oder einige Stücke mit der Sängerin Dia auf dem Album "Glück!".

Insgesamt nahm die oft mit Gastmusikern verstärkte Formation bislang 20 CDs auf und gab mehr als 5000 Konzerte. Jedes Album habe seine Geschichte, wie Neumann betont. Er greift die besonderen Umstände der Produktion des im Jahr 2000 erschienenen Longplayers 'SemikolonÄ heraus. Dafür hatte das farfarello-Team Kontakte nach Dublin geknüpft und war schon vor Ort in Gesprächen mit Brian Masterson, dem Betreiber der berühmten Windmill Lane Studios, in denen unter anderem U2 ein und aus gingen. Doch dann gab es nicht nur Probleme mit dem zu engen Zeitfenster, in dem das Studio zur Verfügung gestanden hätte, sondern auch wegen der Preise für Kost und Logis in der irischen Hauptstadt: "Selbst bei Selbstverpflegung und einer Ferienwohnung, die man hätte mieten können, war das unbezahlbar", wie Neumann resümiert. Noch vom Flughafen in Dublin habe er Manne Praeker, den mittlerweile verstorbenen ehemaligen Bassisten von Spliff und Produzenten von Nena, angerufen, der damals ein Studio in Portugal betrieb. "Kommt vorbei", habe der lapidar gemeint, und die Band begab sich kurz darauf für rund vier Wochen an die Algarve, um "Semikolon" dort aufzunehmen. Dann ging es für Neumann gleich weiter mit der Nachbearbeitung: "Ich war wochenlang im Studio in Mainz, habe die 'Semikolon' produziert und parallel die Arrangements geschrieben für die 'Classics', ein Album mit Orchester, und die ganze Organisation für das Classics-Projekt gemacht, was dann wenige Monate später stattfand. Ich war fix und foxi und habe das Millennium und das Bohei drumrum - Feuerwerk in Sydney und so - gar nicht mitgekriegt", erinnert sich Neumann schmunzelnd.

Eigentlich wollte die in Neumanns Geburtsstadt Hilden bei Düsseldorf gegründete Formation standesgemäß auf einer großen Tournee gemeinsam mit den Fans in diesem Jahr zum runden Jubiläum die Bandkarriere Revue passieren lassen - und dabei ein Live-Album produzieren, gegebenenfalls mit DVD. Doch diesem Unterfangen machte die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. »Bis Mitte März hatten wir so viele Tickets verkauft, dass wir komplett euphorisch waren«, berichtet Neumann. "40 Jahre farfarello, das wollten natürlich alle mit uns feiern. Dann haben wir von jetzt auf gleich mit der ersten Konzertabsage den Plan beendet. Ich war erst mal komplett sauer und wütend."

Bisher seien etwa 60 Konzerte abgesagt. Es sollten eigentlich um die 100 in diesem Jahr werden. Die abgesagten Shows umfassen nicht nur Termine in Deutschland. So wollte Neumann, der schon vor seiner Zeit mit farfarello mit Musikern aus Rumänien in der Band Phoenix Balkanfolk spielte und für sein völkerverbindendes Engagement dort unter anderem den Kulturorden des Staatspräsidenten erhielt, dort Anfang August mit dem Trio farfarello eine Unplugged-Show spielen. "Im Athenäum - das ist der klassische Konzertsaal in Bukarest. Da wollte ich schon immer, seit ich in Rumänien zu tun hatte, mal ein Konzert machen. Da hatten wir ein Superteam zusammengestellt, das das Promoten übernehmen und sich vor Ort kümmern wollte. Das ist zum Beispiel ins Wasser gefallen." Dann wollte das Trio nach Italien, um auf den Spuren von Giacomo Leopardi zu wandeln - dem Literaten, dessen Figur Farfarello der Band ihren Namen gab. "Da wollten wir gucken, wo und wie er gelebt hat, und da waren ein paar Konzerte geplant." Die fallen auch aus, ebenso zum Beispiel Auftritte in Frankreich oder den Niederlanden. "Das ist schon sehr traurig", so Neumann.

"Wenn ich jetzt grob überschlage, was wir an Einnahmeverlusten haben, dann ist das ja fast eine Million. Wo sollen die denn herkommen?" Auch wenn da natürlich "auch ein fetter Batzen Ausgaben" abzuziehen gewesen wäre. "Wir kriegen schon individuelle Unterstützungen", wie Neumann bestätigt: "Die GEMA hat sich bemüht und ein bisschen was ausgezahlt, die GVL hat sich bemüht, das Land Nordrhein-Westfalen hat geholfen, auch die Firma farfarello hat einen kleinen Teil bekommen. Das reicht, um die laufenden Kosten zu bezahlen, die man hat, auch wenn man nicht spielt, und mit unserem privaten Leben einigermaßen 'rumzukommen. Dass man den Gürtel mal enger schnallen muss, sind wir gewohnt. Die Band wird überleben", so der passionierte Geiger, der seine erste Violine im Kindergartenalter bekam, nachdem er seinen Eltern nach dem Neujahrskonzert im Fernsehen gesagt hatte: 'Die Jungs, was die da machen mit dem komischen Bogen und dem komischen Stock, das wäre vielleicht mal was für mich'."

Nachdem Jubiläums-Tour und Live-Album erstmal ins Wasser gefallen seien, und man nicht so eben eine neue Studio-Produktion "aus dem Boden stampfen" könne, habe das Trio farfarello nun beschlossen, einen Film über die Band drehen zu lassen. »Wir haben mit Christoph Felder einen Regisseur gefunden, der richtig gut und ein angenehmer Mensch ist. Einmal die Woche drehen wir Szenen, und am Ende wird das irgendwie eine Doku. Was da alles bei rauskommt, wissen wir noch nicht - so etwa wie bei 'Casablanca', da wusste auch keiner, wie der ausgeht. Wir lassen uns dafür anderthalb Jahre Zeit", so Mani Neumann. Die Finanzierung soll eine Crowdfunding-Aktion auf Startnext sichern.

Und ein erstes Konzert in Corona-Zeiten mit Hygienekonzept spielt das Trio farfarello am 25. Juli 2020, und dies auf einem Friedhof: auf der Waldbühne der Gärten der Bestattungen in Bergisch Gladbach. Mani Neumann nennt es ein "Corönchen-Konzert". Seinen Humor hat der passionierte Musiker und farfarello-Frontmann also noch nicht verloren, auch wenn er weniger optimistisch als farfarello-Bassist Urs Fuchs sei, mit der Band bald wieder halbwegs normale Zeiten erleben zu können: "Es wird alles schwieriger, vorsichtiger, misstrauischer, die Leute haben Angst, Panik. Ob das jemals wieder so schön wird wie vorher, mit Zack-Zack, mit viel Spaß und allem? Ob wir das schon nächstes Jahr wieder hinbekommen mit der Tour? Kann ich mir natürlich nur wünschen. Aber ich glaube es einfach nicht. Die Kulturschaffenden werden noch ganz lange mit diesen Problemen konfrontiert bleiben."

Text: Frank Medwedeff