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Onlinefestival Sang und Klang sammelte Spenden für freie Musikszene

Das Online-Festival Sang und Klang mit Acts wie Stoppok, Dota Kehr, Wenzel oder Sarah Lesch, initiiert vom artes Konzertbüro gemeinsam mit dem Magazin "Folker", generierte über 22.000 Euro an Spenden zur Unterstützung der von der Corona-Krise gebeutelten freien Musikszene.

16.07.2020 15:35 • von Frank Medwedeff
War bei Sang und Klang mit von der Partie: Stefan Stoppok (Bild: Thomas Willemsen_lokomotiv_de)

Sieben Stunden lang ging am 11. Juli unter dem Namen "Sang und Klang" das "erste Festival für Folk und Lied aus Deutschland" auf www.sangundklang.com online über die Bühne. 14 Soloacts und Ensembles, darunter Stoppok, Dota Kehr, Wenzel oder Sarah Lesch, gaben sich dabei virtuell die Klinke in die Hand.

In der konzertarmen Zeit, in denen Künstlern ganze Tourneen und bis zu hundert Prozent ihrer Einkünfte wegbrechen, und deren Ende noch lange nicht in Sicht sei, hatten die Initiatoren des Festivals, das artes Konzertbüro gemeinsam mit dem Magazin "Folker", die Idee, die deutsche Folk- und Singer-Songwriter-Szene wenigstens digital "in einer regionalen und stilistischen Vielfalt zusammenzubringen, wie es für die Erstausgabe eines Festivals sonst wohl kaum möglich wäre". Innerhalb weniger Wochen stellten sie das Online-Konzertevent auf die Beine.

Während des Livestreams hatten die Zuschauer die Möglichkeit, zu spenden. Die durch Sang und Klang generierten Gelder kommen zu 50 Prozent den Künstlern und Mitwirkenden des Festivals zugute, die ihre Beiträge zunächst honorarfrei zur Verfügung gestellt hatten. Die übrigen 50 Prozent gehen demnach an die "Künstlernothilfeorganisationen" Deutsche Orchester-Stiftung, Initiative Musik und #handforahand - den Solidaritätsfonds für freie Bühnen und TontechnikerInnen, BeleuchterInnen, Stagehands und VeranstaltungshelferInnen. Die eingegangenen Spenden belaufen sich laut dem artes Konzertbüro bislang auf eine Summe von über 22.000 Euro.

Sang und Klang zeigte demnach nicht nur den kreativen Reichtum der hiesigen Folk- und Liedermacher-Szene, sondern habe auch ein Stimmungsbild in Zeiten von Corona gezeichnet. So lieferten diverse beteiligte Musikerinnnen und Musiker Statements zum Ernst der Lage. Stefan Stoppok erklärte: "Ich habe vor der Krise in Interviews immer gesagt, wie froh ich bin über die bunte Kulturszene in Deutschland. Ich arbeite viel mit Musikern aus dem Ausland, die Deutschland beneiden um die Clubszene, um die Kulturinitiativen. Das war bisher eine unglaublich tolle Szene, die mir und vielen anderen ermöglicht hat, sich nicht an große Labels verkaufen zu müssen, sondern unabhängig agieren zu können. Das ist jetzt extrem schwer gefährdet."

Auch Jan Traphan vom Singer-Songwriter-Duo Simon & Jan zeigte sich besorgt: "Wenn man sieht, wie unterschiedlich Prioritäten gesetzt werden, welche Zweige als relevant angesehen werden und welche nicht, dann macht das traurig, und man macht sich auch große Sorgen um viele Kollegen, viele Veranstalter, die vermutlich demnächst nicht mehr da sein werden, wenn es so weitergeht, weil sie sich einfach nicht finanzieren können."

Zur Bedeutung von Kultur äußerte sich Guntmar Feuerstein von der Folkband Die Feuersteins: "In den schlechtesten Umständen haben die Leute früher noch ihren Lebensmut bewahrt und ihre Contenance behalten, indem sie sich Gedichte vorgelesen und Musik gespielt haben, indem sie kulturell immer noch voll auf der Höhe waren. Und wir treten den Begriff 'Kultur' im Augenblick in Grund und Boden." Andrea Pancur vom Projekt Alpen Klezmer ergänzte: "Wer Kunst und Kultur abschießt, der macht gefährliche Sachen. Das sind die nicht-materiellen Säulen einer Gesellschaft. Kulturelle Bildung bringt den Menschen das Denken bei."

Heinz Ratz von der Rockband Strom & Wasser gab zu bedenken: "Man wird die Abwesenheit von Musik und Kultur zwar nicht gleich, aber irgendwann bemerken. Das macht auch etwas mit einem. Natürlich ist es wichtiger, erst mal Brötchen zu holen oder wenn man krank ist, jemanden zu haben, der einem Medikamente gibt. Die Kultur ist nicht überlebensnotwendig in diesem Sinne, aber die Seele hat eben auch Hunger."

Und eine praktische Lösung steuerte Liedermacher Wenzel bei: "Man muss die solidarischen Gefühle in unserer Subkultur aufrechterhalten. Die Gesellschaft hat es nicht getan. Sie hätte es tun können, indem sie sagt, lasst uns doch mal unsere Rundfunksender umspulen und eine Weile nicht die amerikanischen Songs, sondern unsere Künstler spielen. Alle haben CDs produziert. Warum sind die nicht gelaufen, damit die Leute ein bisschen Geld verdienen? Wir müssen zusammenhalten, dürfen uns nicht kleinkriegen lassen und müssen uns stark machen für die kommende Zeit, die mit großen sozialen Widersprüchen einhergehen wird. Es wird keine einfache Zeit, aber dafür brauchen wir unsere Gelassenheit und die Aufrichtigkeit in unserer Kunst."

"Mit Nachdenklichkeit, Witz, Wut und Poesie" sangen und spielten die Festivalkünstler gegen den "Coronablues" an, wie die Sang-und-Klang-Oragnisatoren resümieren. So unterschiedlich wie die beteiligten Acts seien die Settings gewesen, die diese für die Mitschnitte ihrer Konzerte gewählt hatten. Dota Kehr sang in der Kulisse eines kleinen Gemischtwarenladens in Berlin, die norddeutsche Band Malbrook filmte ihr Set in der Scheune eines alten Bauernhauses, Sarah Lesch gab ihr Konzert in einem alternativen Leipziger Hinterhof, und Hans Well & Wellbappn grüßten das Publikum aus einem Wirtshaus am Ammersee. Die größte Location bespielte die Band Strom & Wasser, die mit Aufnahmen aus den Holstenhallen in Neumünster die "kulturelle Leere" thematisieren wollte.

Das Konzert, das in den sozialen Netzwerken "enthusiastisch gefeiert" worden sei und auch viel Lob aus Fachkreisen, beispielsweise von der Vorsitzenden der AG Burg Waldeck bekommen habe, ist weiterhin über www.sangundklang.com als Stream verfügbar. Die Festivalleitung hofft auf viele Musikfans, die über diesen Kanal noch persönliche musikalische Entdeckungen machen und sich "solidarisch mit der wirtschaftlich existenziell angeschlagenen Musikszene zeigen werden". Das Spenden ist noch bis zum 31. August 2020 möglich. Weitere Infos und die Spendenkontodaten finden sich auf www.sangundklang.com.