Unternehmen

Branchenumfrage: "Die Krise trifft alle Verleger substanziell"

Keine Livemusik, deutlich weniger Musik in teils geschlossenen Geschäften oder der Gastronomie sowie in verschobenen TV- oder Filmproduktionen: MusikWoche wollte von ausgewählten Akteuren wissen, wie sich die Corona-Krise auf die geschäftliche Entwicklung der Musikverlage auswirkt und wie ein Neustart gelingen kann.

13.07.2020 11:03 • von

Keine Livemusik, deutlich weniger Musik in teils geschlossenen Geschäften oder der Gastronomie sowie in verschobenen TV- oder Filmproduktionen: MusikWoche wollte von ausgewählten Akteuren wissen, wie sich die Corona-Krise auf die geschäftliche Entwicklung der Musikverlage auswirkt und wie ein Neustart gelingen kann.

Natascha Augustin, Senior Creative Director Warner Chappell Music: Laut meinem Kollegen und Head of Sync, Tobi Brinkmann, haben wir die Corona-Krise im Sync-Geschäft in vielen Bereichen wahrgenommen. Eine der größten Herausforderungen ist die rasante Zunahme von virtuellen Live Events und damit verbundenem Branded Content. Wir sind davon überzeugt, dass dieser Trend weiter anhalten wird und sehen es aktuell als unsere wichtigste Aufgabe, eine faire Vergütung für unsere Autoren sicherzustellen und gleichzeitig möglichst unkomplizierte Lizenzierungsmodelle zu etablieren.

Christian Baierle, Geschäftsführer Roba Music: Die Corona-Krise wird natürlich Einfluss auf die Einnahmen der Musikverlage im Bereich Live und öffentliche Wiedergabe haben. Glücklicherweise sind dies nicht die einzigen Einnahmen für Musikverlage. Gerade im Bereich Online sehen wir derzeit hohe Wachstumsraten. Was die Sync Deals betrifft, so haben wir hier bei Roba nach einer kurzen Zurückhaltung bei den Werbetreibenden kaum Einbußen gehabt. Viele Marken griffen in ihrer Kommunikation die Krise auf und haben neue Kampagnen erarbeitet. So konnten wir zusätzliche zum bestehenden Sync-Geschäft Corona-Kampagnen von Werbetreibenden wie den Müller Drogerien, dem Bundesgesundheitsministerium oder Edeka mit Roba-Musikwerken ausstatten.

Benjamin Bailer, Inhaber Bailer Music: Wir rechnen mit einem signifikanten Rückgang in allen Bereichen in den Ausschüttungen nächstes Jahr. Insbesondere Liveperformance-Gelder und Einnahmen der Sender im Werbesektor werden schmerzlich wenig Umsatz bringen. Im Segment Recorded Music ist bereits ein starker Rückgang im physischen Bereich spürbar, welcher sich auch auf GEMA-Seite niederschlagen wird. Wir legen unseren Fokus auf den digitalen Sektor im Recorded-Bereich oder auf Autoren, die im Rundfunk und TV stark sind.

___"DIE UMSATZAUSFÄLLE WERDEN ERST IN DEN FOLGEJAHREN VOLL DURCHSCHLAGEN." RAJK BARTHEL, INHABER KICK THE FLAME PUBLISHING.

Rajk Barthel, Inhaber Kick The Flame Publishing: Durch die Absage nahezu aller Konzerte seit März 2020 ist 2021 ein enormer Rückgang der Tantiemen zu erwarten. Schon verhandelte Sync-Deals wurden während des Lockdowns ebenfalls auf Eis gelegt, gecancelt oder verschoben. Neu-Akquise war nahezu unmöglich, viele Filmproduktionen konnten aus Infektionsschutzgründen nicht realisiert werden, zudem war lange Zeit nicht klar, wann die Kinos wieder öffnen. Auch die Werbebranche stand praktisch still. Für uns und unsere Urheber bedeutet das massive Einnahmeverluste im nächsten Jahr, in vielen Fällen im existenzbedrohenden Ausmaß. Für Musikverlage und für alle Autoren, die nicht gleichzeitig auch Performer sind, ist dieser Zeitversatz eine besonders große Herausforderung, da wir keine Soforthilfen beantragen können. Die coronabedingten Umsatzausfälle werden erst in den Folgejahren voll durchschlagen. Im Konjunkturprogramm werden Label oder Verlage nicht erwähnt. Alles in allem stehen die Zeichen aus der Politik nicht günstig. Es sieht so aus als müssten wir das aus eigener Kraft schaffen und die nächsten zwei Jahre durchstehen. Dabei hilft uns, dass wir neben den Tantiemen auch Einnahmen aus Künstlermanagement und Labelarbeit haben, wenngleich diese natürlich auch geschmälert sind.

Wir sind aber überzeugt, dass Livekonzerte eine Zukunft haben und hoffen, dass irgendwann 2021 die Beeinträchtigungen vorbei sind und dann auch die wichtige Live-Tantieme ab 2022 wieder fließt. In den letzten Wochen ist auch wieder Bewegung reingekommen, sowohl im Sync, als auch - sehr zaghaft - im Livesektor.

Bezogen auf unsere Arbeit lässt sich festhalten, dass wir besonders in den ersten Wochen des Shutdowns sehr intensiv damit beschäftigt waren, unsere Verlagskünstler zu beraten und ein Stück weit durch den sich ständig ändernden Dschungel an Sofortmaßnahmen zu lotsen. Das war auch nur durch sehr gute Vernetzung möglich und durch die Solidarität innerhalb unserer Branche - sowohl die Verlage als auch die Musiker und Autoren und nicht zuletzt unsere Verbände. Der Wissensaustausch und die Lobbyarbeit waren vorbildlich. Wir hoffen, dass wir hier als Regionalratssprecher des VUT Ost auch einen sinnvollen Beitrag leisten konnten. Und wir hoffen natürlich, dass wir speziell bei der Politik doch noch durchdringen und für nächstes Jahr ein nachhaltiges Hilfs- und Konjunkturprogramm für Urheber und Verlage aufgesetzt wird.

Benjamin Budde, CEO Budde Music: Wir merken die Corona-Krise in allen Bereichen des Verlags. Durch die fehlenden Konzerte befürchten wir natürlich auch einen starken Rückgang der Einnahmen im Aufführungsrecht. Die knapp werdenden Marketing Budgets machen sich sowohl im Sync-Geschäft bemerkbar, sowie anschließend auch im Radio. Wir werden aber keinesfalls verzweifeln. Wir haben uns bei Budde Music in allen Ländern entschlossen, noch stärker und intensiver mit unseren Autoren zu arbeiten, mit ihnen Projekte zu realisieren, um uns für 2021 vorzubereiten. Wir haben einige der ambitioniertesten und talentiertesten Autoren bei uns, die diesen Weg mit uns gemeinsam gehen. Gleichzeitig hat sich unser globales Admin-Team in ein internes Income-Tracking-Projekt gestürzt, in dem wir noch genauer bislang fehlende Gelder gesucht haben und auch finden konnten. Das hat uns trotz Home Office noch näher zusammengeschweißt und für die Zukunft effizienter und schneller gemacht.

___"WAS UNS MASSIV HELFEN WÜRDE UND DIE REGIERUNG KEINEN CENT KOSTET, IST EINE UMGEHENDE UND SAUBERE UMSETZUNG DER EU-RICHTLINIE ZUM URHEBERECHT." MARK CHUNG, FREIBANK.

Mark Chung, Managing Director Freibank Musikverlag: Wir gehen für 2020 von rund 80 Prozent Rückgang der Einnahmen aus dem Livebereich aus - die sich natürlich erst 2021 bei Verlagen auswirken. Mindestens 70 Prozent Rückgang der Einnahmen aus »general licensing« - Bars, Restaurants, Frisöre, Boutiquen, Einzelhandel - überall wo Musik läuft aber nicht titelgenau erfasst wird - »M« wie die GEMA das so schön abkürzt. In 2018 immerhin rund 150 Millionen Euro, also etwa 15 Prozent der GEMA-Umsätze.

Werbeeinnahmen in Rundfunk und TV werden schon aufgrund des Ausfalls der Fußball-EM und der Olympischen Spiele niedriger ausfallen, was natürlich auch bei Verlagen durchschlägt. Sync-Geschäft war aufgrund eingestellter Produktionen eingeschränkt, mal sehen, was der Rest des Jahres bringt. Weil es ein weltweites Problem ist, werden natürlich auch Einnahmen aus dem Ausland vergleichbar betroffen sein.

Insgesamt rechnen wir mit rund 30 Prozent Umsatzrückgang in 2021 und darüber hinaus. Das ist im Vergleich zu bis zu 100 Prozent bei vielen im Konzertbereich noch eher handhabbar, aber natürlich substanziell und für einige existenzbedrohend. Verlage, die vom Notendruck leben, sind in dem Bereich eher wie Konzertveranstalter betroffen.

Die Wirkung wird dieselbe wie immer in Krisenzeiten sein: Investitionen, insbesondere hochriskante in junge Künstler und ungewöhnliche Musik, werden überall kritischer hinterfragt und oft unterlassen werden. Arbeitsplätze sind leider auch nicht sicherer geworden.

Erfreulicherweise hat die Bundesregierung eine Milliarde im Konjunkturpaket für »die Kultur« bereitgestellt. Das ist aber für alle - Theater, Oper, Ballett, Film, Buch, Museen und eben auch Musik. Die maßgeblichen Verbände und Verwertungsgesellschaften der Musikwirtschaft haben sich erfreulicherweise zusammengetan und gemeinsam konstruktive Vorschläge für einen Neustart gemacht. Für staatliche Stellen ohne Detailkenntnis der Zusammenhänge in der hochgradig arbeitsteiligen Musikwirtschaft wäre das allein und von oben herab nicht sinnvoll durchführbar. Darüber wird derzeit intensiv mit der Bundesregierung diskutiert - noch hoffen wir auf ein vernünftiges Ergebnis.

Was uns offensichtlich massiv helfen würde und die Regierung keinen Cent kostet, ist eine umgehende und saubere Umsetzung der EU-Richtlinie zum Urheberecht. Wenn das richtig gemacht wird, sollte es helfen, endlich mit Plattformen wie YouTube auf Augenhöhe Lizenzen zu verhandeln. Denn noch immer erhalten wir alle von der größten Streamingplattform der Welt, auf der mehr als 50 Prozent aller Streams stattfinden, nur sechs bis sieben Prozent der Streamingumsätze.

___"DIE PANDEMIE ZEIGT DEUTLICH, DASS WIR DIE GESAMTE WERTSCHÖPFUNGSKETTE IM DIGITALBEREICH NOCH EINMAL DURCHLEUCHTEN MÜSSEN." GÖTZ VON EINEM, PEERMUSIC.

Götz von Einem, Managing Director GSA, Peermusic Germany: Das Merkwürdige ist ja, dass wir als Musikverlage - jedenfalls im U-Bereich - erst einmal keine großen - finanziellen - Beeinträchtigungen durch die Pandemie erlebt haben. Wir sind ins Home Office umgesiedelt, aber ansonsten ging das Geschäft weiter. Nur im Sync-Bereich haben wir die Auswirkungen sofort ab März, insbesondere aber im April und Mai gemerkt. Glücklicherweise sehen wir hier aber bereits wieder einen Anstieg der Anfragen und Aktivitäten, nun da sich die Produktionsfirmen auf die neue Lage eingestellt haben und auch der Werbemarkt langsam wieder anzieht.

Die Auswirkungen der abgesagten Konzerte und Festivals sowie der geschlossenen Bars, Restaurants und Diskotheken werden wir erst richtig im nächsten Jahr spüren, wenn die GEMA die voraussichtlich erheblich reduzierten Einnahmen aus 2020 an ihre Mitglieder - Urheber und Musikverlage - ausschüttet. In welcher Größenordnung sich der Verlust abspielen wird, das ist im Moment die eine Millionen-Euro-Frage. Wir haben in den vergangenen Wochen insbesondere durch den DMV versucht, die Politik für unsere besondere Situation zu sensibilisieren, und hoffen weiterhin, dass dieses im Haushalt 2021 entsprechend Berücksichtigung findet. Die GEMA prüft ebenfalls Maßnahmen, um den Schaden abzumildern.

Auch wenn die ausgefallenen Konzerte nicht wieder aufgeholt werden können, ist es extrem wichtig, dass Auftritte Stück für Stück wieder ermöglicht werden. Die Menschen brauchen Livemusik. Das sieht man derzeit an der Popularität von Autokino-Konzerten. Aber auch die Künstler und Autoren brauchen Livemusik. Die diversen Livestreams sind gut für die Fanbindung, ersetzen das Live-Erlebnis aber nicht. Erst recht nicht auf der Einnahmenseite, da die einschlägigen Plattformen Livestreams nicht explizit abrechnen und vergüten. Damit kommt diesbezüglich auch bei den Autoren leider nur sehr wenig an. Insofern zeigt die Pandemie wieder ganz deutlich, dass wir im Digitalbereich die gesamte Wertschöpfungskette noch einmal durchleuchten und die Erlöse so verteilen müssen, dass alle Beteiligten - insbesondere auch die Autoren - von diesen Einnahmen perspektivisch leben können. Denn ohne Songs funktioniert die Musikbranche nun mal nicht.

Tina Funk, Managing Director Concord Music Publishing GSA: Wir gehen so kreativ wie möglich mit den Herausforderungen um, die die Pandemie uns stellt: Ein großes internationales Concord Synch Camp mit Agenturen und Autoren, das für April auch mit deutscher Beteiligung in Nashville geplant war, wurde kurzum digital abgehalten. Mit dem Nebeneffekt, dass sich mehr Autoren beteiligen konnten. Bei Boosey & Hawkes und Sikorski beschäftigen sich die Teams mit Orchesterbearbeitungen für kleinere Besetzungen und promoten Werke aus unserem umfassenden Katalog, welche ohnehin für kleinere Ensembles geschrieben wurden und nun wieder im Blickpunkt stehen.

Was den Reboot angeht, so sehen wir schon jetzt sehr positive Tendenzen in den weltweiten Sync-Anfragen. Die großen Marken werden versuchen, sich mithilfe von Marketing ihren Weg aus der Krise heraus zu bahnen. Den Langzeit-Effekt, den Social Distancing auf Aufführungen und Konzerte hat, wird die Kulturbranche jedoch nur mit der Hilfe und umfassender Rückendeckung aus der Politik auffangen können. In enger Zusammenarbeit mit den Verbänden weisen die Verlage aktuell die Politiker auf die besondere Situation der auf Live und öffentliche Wiedergabe angewiesenen Künstler und Autoren hin. Dies ist besonders wichtig, da Kultur sehr oft in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung unterschätzt wird.

___"VOR ALLEM MÜSSEN WIR UNS UM UNSERE SONGWRITER*INNEN UND KÜNSTLER*INNEN KÜMMERN. OHNE SIE HABEN WIR KEIN GESCHÄFT." MAXIMILIAN KOLB, BMG.

Maximilian Kolb, Managing Director BMG GSA: Die Auswirkungen werden wir natürlich zu spüren bekommen, vor allem 2021. Aber das Verlagswesen hat sich in der Vergangenheit als ein sehr widerstandsfähiges Geschäft bewiesen. Ich hoffe also, dass sich die Branche schnell wieder erholen kann, aber hierfür brauchen wir eben alle Sektoren, es geht nur gemeinsam. Vor allem müssen wir uns um unsere Songwriter*innen und Künstler*innen kümmern. Ohne sie haben wir kein Geschäft.

Marc Lammek, CEO Bavaria Media: Durch die Corona-Krise ist eine Vielzahl von Film- und Fernsehproduktionen für einen längeren Zeitraum unterbrochen und verschoben worden. Auch wenn ein Teil dieser Produktionen zwischenzeitlich - unter Beachtung zahlreicher, die Durchführung der Produktionen erschwerender Hygiene-Vorgaben - wieder aufgenommen wurde, dürfte es zum Teil zu Verschiebungen von Zahlungsflüssen in das nächste Jahr kommen. Zudem ist zu erwarten, dass die Sender in den kommenden Jahren Mehrkosten und geringere Erlöse aus der Corona-Krise werden kompensieren müssen. Dies geht in der Regel zu Lasten der Produktionsbudgets. Ob und inwieweit sich dies auf die Musikbudgets auswirken wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Insgesamt freuen wir uns jedoch sehr, dass die Zusammenarbeit mit unseren Komponisten, Senderpartnern und Produzenten während der Krise von einer hohen Professionalität sowie einem respektvollen und fairen Miteinander geprägt ist. Wir schauen trotz allem optimistisch in die Zukunft.

Walter Holzbaur, Inhaber Wintrup Musikverlag: Der Schwerpunkt unserer Verlagsarbeit war und ist die Inverlagnahme von Urhebern, die gerne und viel live unterwegs sind. Daher werden die Auswirkungen im nächsten Jahr erheblich sein. Als finanziell und personell gut aufgestellter Verlag können wir die Mindereinnahmen im Livesektor und der öffentlichen Wiedergabe jedoch auffangen und müssen keinerlei Gespräche wegen finanziellem Support führen. Die Situation bei den Urhebern ist wesentlich schwieriger, da mussten wir in vielen Fällen Hilfestellung geben. Die großen Tourneen wurden auf das Frühjahr beziehungsweise Herbst 2021 verlegt, die kleineren Konzerte ab August wurden nur teilweise abgesagt, da wird man in den nächsten Wochen sehen, was tatsächlich noch stattfinden wird. Selbst wenn der größte Teil dieser Veranstaltungen mit reduzierten Besucherzahlen über die Bühnen gehen sollte, wird das finanzielle Loch im U-Bereich immer noch immens sein.

Diese Mindereinnahmen entstehen natürlich auch bei den diversen in- und ausländischen Verwertungsgesellschaften, bei denen wir direktes Mitglied sind. Ich befürchte, dass dort die Auswirkungen massiver sind und sich auf die Kostenstruktur, vielleicht sogar auch auf die Personalstruktur auswirken. Soweit noch nicht vorhanden, sollte schnellstens ein stabiler Tarif für Konzerte im Netz geschaffen werden, wenn durch diese Netz-Konzerte Einnahmen generiert werden.

Trotz allem sind wir im »Businessa As Usual«-Modus, es gab bei Wintrup bislang auch keine Kurzarbeit. Ein positiver Punkt: erstaunlich, was sich in so einer Situation alles abarbeiten und umorganisieren lässt! Ebenso wie Tourneen wurden auch Veröffentlichungen verschoben, daher müssen die Promotionpläne neu aufgestellt und koordiniert werden, denn es wird im Spätherbst und im Frühjahr eine unglaubliche Flut an Veröffentlichungen geben. Damit sind wir in einem fließenden Übergang in den hoffentlich baldigen »Normalzustand«.

Unser Katalog ist überschaubar, Titel für Syncs werden sehr gezielt angeboten. Es gibt bei manchen Klienten zeitliche Verschiebungen von einigen Monaten, jedoch keine Absagen. Wir gehen davon aus, dass es bei kleineren Sync Deals in der nächsten Zeit zu weniger Nachfragen kommt, bei größeren Deals wird sich nicht viel ändern.

___"ICH SEHE DIE CORONA-KRISE ALS STARKE BEDROHUNG, FÜR MEINE URHEBER*INNEN, ABER AUCH FÜR MEINEN VERLAG." ANIKA JANKOWSKI, OH MY MUSIC.

Anika Jankowski, Geschäftsführerin Oh My Music: Mein Musikverlag hat sich auf die Live-Tantiemen spezialisiert. Es ist ein Grassrooting-Ansatz, bei dem vor allem Up-and-Coming-Artists und viele Künstler*innen aus der DIY-Szene gestärkt werden sollen. Ich sehe damit die Corona-Krise als starke Bedrohung an, für meine Urheber*innen, aber auch für meinen Verlag. Dies können auch die mehr gewordenen Sync-Anfragen nicht kompensieren. Ein neuer Fokus, vor allen Dingen von den öffentlich-rechtlichen Radiosendern, auf regionale Artists im Programm, könnte die Sache jedoch schon etwas entschärfen.

Gerhard Narholz, Geschäftsführer Sonoton Music: Nachdem wir als Production-Music-Verlag vorwiegend von Rechten leben, die weltweit durch die GEMA wahrgenommen werden, erwarten wir substanzielle Rückschläge erst 2021/2022, weil die GEMA fürs Inland mit einer Verzögerung von einem Jahr und für Auslandsumsätze mit Verzögerung von bis zu drei Jahren abrechnet. Wir haben einen deutlichen Rückgang an Synchronisation-Deals im zweiten Quartal, was nicht verwunderlich ist, wenn man all die abgesagten Events, reduzierten Werbebudgets und den zeitweiligen Stillstand in der Film- und Serienproduktion, besonders in Hollywood, bedenkt. Dennoch haben wir gleich zu Beginn der Krise unseren Kunden aus Solidarität angeboten, Rechnungen zu stunden oder in ernsten Fällen zusätzliche Rabatte zu gewähren. Seit geraumer Zeit veröffentlichen wir unsere Musik verstärkt für den privaten Musikkonsum über Spotify & Co.

Benjamin Schacht, CEO SMV Schacht Musikverlage: Der Bericht der Verbände und Gesellschaften vom 25. März, welcher weiten Teilen der Ministerien der Bundesregierung zugestellt wurde, dürfte den meisten Lesern bekannt sein. Für die Urheber und Verlage wird in diesem Bericht Stellung genommen. Aufgrund der bisher verabschiedeten gesundheits-politischen Maßnahmen von Bund und Ländern zur Eindämmung der Pandemie rechnen wir mit Umsatzeinbußen in Höhe von rund 360 Millionen Euro. Dies entspricht einem Verlust von mehr als 30 Prozent des Gesamtumsatzes.

Ich gehe davon aus, dass dies ein realistisches Szenario für das Aufkommen im Geschäftsjahr 2020 darstellt; vorausgesetzt, dass der Zeitraum der Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte nicht länger als für den angenommene Zeitraum, mithin von sechs Monaten, hinausgeht. Das würde bedeuten, dass Konzerte, wie gewohnt, ab September wieder stattfinden dürfen. Für unser Verlagshaus bestätigen sich die im Bericht aufgeführten Szenarien zum großen Teil. Einzig im Sync-Geschäft konnten wir bislang noch einigermaßen erfolgreich weiter arbeiten, was aber auch einer sehr pro-aktiven Auswertungsarbeit meines Teams und meiner Partner geschuldet ist.

___"WIR WERDEN UNS DARAN GEWÖHNEN MÜSSEN, EINE ZEIT LANG KLEINERE KÜCHLEIN ZU BACKEN." RUDI SCHEDLER, SCHEDLER MUSIC.

Rudi Schedler, Geschäftsführer Schedler Music: Das wirkt sich leider sehr stark aus und es sind Rückgänge in einzelnen Bereichen um bis zu 50 Prozent zu befürchten. Erschwerend dazu kommt noch, dass aufgrund der drohenden Insolvenzen in der Veranstaltungsbranche sowie bei den Gastronomiebetrieben die Rechteinhaber als Gläubiger nachrangig gegenüber dem Fiskus sind. Die Verwertungsgesellschaften stehen da unter enormem Druck, zumal sie viel weniger Lizenzeinnahmen haben, die Verwaltungskosten aber wohl kaum um bis zu 50 Prozent in den betroffenen Sparten zurückgehen werden. Wir werden uns eine Zeit lang daran gewöhnen müssen, kleinere Küchlein zu backen. Einen Neustart wird es nicht benötigen, nur den Gürtel eben etwas enger schnallen und positiv in Zukunft schauen im Sinne von »It's All About The Song«.

___"DIE VERLAGE MÜSSEN ZUSAMMENSTEHEN, UM VON DER POLITIK EINEN ANGEMESSENEN BETRAG FÜR DIE GESAMTE MUSIKVERLAGSBRANCHE ZU ERHALTEN." PATRICK STRAUCH, SONY/ATV.

Patrick Strauch, Managing Director Sony/ATV Music Publishing Germany: Die Krise trifft alle Verleger substanziell, aber durch den Wegfall der Konzerte werden die E-Verleger noch heftiger als die U-Verleger einen Rückgang hinnehmen müssen. Die bisherigen staatlichen Hilfsmaßnahmen sind deswegen auch völlig unzureichend, und die Verlage müssen zusammenstehen, um von der Politik einen angemessenen Betrag für die gesamte Musikverlagsbranche zu erhalten. Wir rechnen im U-Bereich mit einem Rückgang der Einnahmen von mindestens 20% und im E-Bereich mit über 50%. Glücklicherweise zieht der Synch-Markt nunmehr wieder an. Zwar hatten die Synch-Teams auch in der Corona-Zeit viel zu tun, aber die angefragten Lizenzen waren sehr niedrig budgetiert. Wir kommen jetzt langsam wieder auf das Vor-Corona-Level. Und das Live-Segment wird erst 2021 wieder nennenswert anziehen. Da das Sony/ATV Repertoire extrem diversifiziert ist, können wir uns zumindest über gute Einnahmen aus dem Segment Music-On-Demand und Video-On-Demand freuen. Aber die Einnahmen werden die Rückgänge natürlich nicht kompensieren können. Für das nächste Jahr erwarten wir einen guten Geschäftsverlauf, auch wenn uns diese Einnahmen erst 2022 erreichen werden.

Thomas Vidovic, Managing Director Germany sowie Senior Vice President Austria and Switzerland Universal Music Publishing:

Die Corona-Krise trifft natürlich auch die Songwriter und Musikverlage, aufgrund der Abrechnungszeiträume der Verwertungsgesellschaften allerdings zeitversetzt. In erster Linie sind Künstler betroffen, die entscheidend auf Live-Einnahmen angewiesen sind. Diese unterstützen wir individuell, aber natürlich auch im Rahmen des GEMA-Schutzschirms. Ebenfalls spürbar sind die fehlenden Werbe- und TV-Einnahmen, die jedoch mit Ende des Lockdowns wieder schnell auf ein stabiles Niveau angestiegen sind, nicht zuletzt auch dank unseres vielfältigen Alternativangebots im Bereich Auftragskomposition und Production Music.

Unsere Aufgabe ist es jetzt, dafür zu sorgen, dass Songwriter während der anhaltenden Krise uneingeschränkt ihrer Kreativität nachgehen können. Dafür haben wir schnell und unkompliziert unsere Abläufe in allen Bereichen angepasst, Meetings und administrative Prozesse in den virtuellen Raum verlagert - sofern sie dort nicht schon stattgefunden haben. Dies alles führt zu einer gesteigerten Effektivität, lässt aber leider auch das in den Hintergrund treten, was wir alle am meisten schätzen: die Nähe zu unseren Künstlern.

Zusammenstellung: Knut Schlinger