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Birgit Böcher: "Autoren und Musik­verlage verlieren Einnahmen in Millionenhöhe"

Der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV) warnte im Zuge der Corona-Pandemie schon früh vor einem drohenden Kollaps der Musikverlagsbranche. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert ­Geschäftsführerin Birgit Böcher, was abgesagte Konzerte, geschlossene Clubs und Gast­stätten oder verschobene Film- und TV-Produktionen für die Verleger bedeuten.

10.07.2020 10:30 • von
Sieht die Kreativschaffenden vor der größten Existenzkrise seit Jahrzehnten: Birgit Böcher (Bild: Foto: DMV; Gestaltung: MusikWoche)

Der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV) warnte im Zuge der Corona-Pandemie schon früh vor einem drohenden Kollaps der Musikverlagsbranche. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert ­Geschäftsführerin Birgit Böcher, was abgesagte Konzerte, geschlossene Clubs und Gast­stätten oder verschobene Film- und TV-Produktionen für die Verleger bedeuten.

MusikWoche: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Musikverlage aus?

Birgit Böcher: Dramatisch. Es ist schon absurd: Musik machen und hören oder sehen war für einen Großteil der Bevölkerung ein wichtiges Mittel, um den Lockdown und die damit verbundenen Ängste um Gesundheit und Zukunft zu überstehen. Und gerade diejenigen, die Musik schaffen und ermöglichen, stehen gleichzeitig vor der größten Existenzkrise seit Jahrzehnten! Die Musikwirtschaft mit ihren vielen einzelnen Bereichen ist so eng verzahnt und von einander abhängig, dass der Ausfall eines Rädchens sich direkt auf den weiteren Ablauf auswirkt. Im Fokus der Öffentlichkeit steht aktuell vor allem der ganze Konzertbereich, vom Veranstalter bis hin zur Location. Das ist auch richtig so, denn diese Bereiche trifft es ganz akut. Es darf aber nicht vergessen werden, dass alle anderen Branchen, also auch die Musikverlage, jetzt schon betroffen sind - wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Durch die pandemiebedingten Absagen von Aufführungen und verschobenen Veröffentlichungen verlieren Autoren und ihre Musikverlage eingeplante Einnahmen in Millionenhöhe.

MusikWoche: Sind die Bereiche E und U gleichermaßen betroffen?

Birgit Böcher: Ja, aber zeitversetzt. E-Musikverlage im Bereich Opern- und Konzertproduktionen sind von der Corona-Krise aktuell besonders schwer betroffen. Sie sind bei Aufführungslizenzen, die sie an Opernhäuser, Konzertveranstalter und Orchester im Bereich E-Musik vergeben, prozentual an den Einnahmen aus Kartenverkäufen beteiligt und erhalten aus Gebühren für die Vermietung des Notenmaterials an die Orchester Erlöse. Seit 11. März wurden insgesamt mehrere Tausend Aufführungen laufender Opernproduktionen und Neuproduktionen, die ab März 2020 zur Premiere gekommen wären, Sommerfestivalveranstaltungen sowie Konzerte abgesagt. Dadurch blieben diese Erlöse aus. Aktuelle Konzepte zur Wiedereröffnung von Opernbühnen und Konzertsälen sehen derzeit bis Ende Oktober 2020 Abstandsgebote und ein deutlich reduziertes Platzangebot vor, so dass auch bei Öffnung der Theater und Konzerthäuser weiterhin mit erheblich reduzierten Zahlungen zu rechnen ist. Zudem ist nicht abzusehen, wie lange sich Abstandsgebote auf die Zusammensetzung von Orchestern und die Besetzung von Opernproduktionen - zum Beispiel Chor - auswirken werden, was die Auswahl des Repertoires gerade der Opernbühnen zusätzlich einschränkt.

MusikWoche: Wie sieht es in Sachen Sync aus?

Birgit Böcher: Im Sync-Bereich, der vorwiegend von den U-Verlagen bearbeitet wird, schlagen die Einbrüche im Werbemarkt, der Stopp von Film- und Fernsehproduktionen sowie die Absage beziehungsweise die Verschiebung von Großevents wie der Fußball-EM oder den Olympischen Spielen zu Buche. Hier gehen den Musikverlagen ebenfalls für dieses Jahr eingerechnete Einnahmen verloren. Zudem wird der Markt durch die pandemiebedingten Restriktionen kleiner und umkämpfter. Das hat sich bereits während des Lockdowns gezeigt. Hier sind die Lizenzzahlungen für die Verwendung von Musik in Social-Media-Angeboten weit unter dem Niveau gelandet, das sich vor Corona etabliert hat.

___"Je eher der Live- und Clubbereich wieder starten kann, umso eher geht es auf Verlags- und Urheberseite weiter."

MusikWoche: Wie kommt es, dass die Musikverlage besonders lang mit den Auswirkungen der Krise zu tun haben?

Birgit Böcher: Der große »Knall« wartet im nächsten Jahr auf die Musikverlage. Über die Hälfte von deren Einnahmen setzen sich aus den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften, vornehmlich der GEMA zusammen. Da diese Ausschüttungen zeitversetzt kommen, werden diese im nächsten Jahr weit unter dem Vor-Corona-Niveau liegen - denn wo nichts aufgeführt oder wiedergegeben wird, kann die GEMA auch keine Lizenzen einziehen. Und hier wird auch wieder die enge Verzahnung der Musikwirtschaft erlebbar: Solange keine Livekonzerte stattfinden oder Musik in Clubs wiedergegeben wird, kann auch keine Gebühr hierfür eingenommen und an Musikverlage und Urheber ausgeschüttet werden. Je eher der Live- und Clubbereich wieder starten kann, umso eher geht es auf Verlags- und Urheberseite weiter. Allerdings kommen die Vergütungen dafür dann bei den Urhebern und Verlagen erst 2021 - für die Aufführungen in 2020 - oder gar 2022 an.

MusikWoche: Live, öffentliche Wiedergabe, Sync-Deals: Wie setzt sich die in der Schadensmeldung genannte Summe zusammen?

Birgit Böcher: Die Schadensmeldung haben wir relativ früh, Ende März, veröffentlicht. Die dort genannten Zahlen konnten natürlich nur geschätzt werden, niemand konnte und kann voraussehen, wie lange die Infektionsschutzmaßnahmen gelten und nachwirken werden. Mit dem heutigen Stand stellen wir allerdings fest, dass die Schätzungen gar nicht so fern der Realität waren.

MusikWoche: Im Konjunkturpaket der Bundesregierung von Anfang Juni aber kommen Musikverlage nicht wirklich vor, oder?

Birgit Böcher: Zuerst muss man feststellen, dass es für die Kulturbranche als Ganzes ein großer Erfolg ist, dass es ein eigenes Programm in Höhe von einer Milliarde Euro gibt. Das hat noch nicht einmal die Automobilbranche erreicht. Auch wenn man sich bei den europäischen Nachbarn umschaut, ist das eine enorme Wertschätzung, um die man uns in anderen Ländern beneidet. Allerdings fand sich die Musikwirtschaft nicht in erhofftem Maße in dem Programm »Neustart Kultur« wieder.

___"Zum ersten Mal haben sich die maßgeblichen Verbände der Musikwirtschaft gemeinsam als Einheit präsentiert und sind in der politischen Arbeit geschlossen aufgetreten."

MusikWoche: Und wie beurteilen Sie das Paket?

Birgit Böcher: Zum ersten Mal - zumindest kann ich mich nicht erinnern, das in dieser Geschlossenheit so erlebt zu haben - haben sich die maßgeblichen Verbände der Musikwirtschaft, darunter der VUT, der BDKV, der BVMI, die LiveKomm mit GEMA und GVL gemeinsam als Einheit präsentiert und sind in der politischen Arbeit geschlossen aufgetreten. So konnten wir relativ schnell nach den ersten Infektionsschutzmaßnahmen gemeinsam einen sektorenübergreifenden Schadensbericht erstellen und auf die dramatischen Folgen für alle Gewerke hinweisen. Auch die parlamentarische Seite reagierte sehr positiv auf diese Einheit. Da war die Enttäuschung auf unserer Seite natürlich groß, als wir lesen mussten, dass im Programm des Kulturstaatsministeriums unter dem Bereich Musik wieder »nur« der Live- und Clubbereich aufgeführt wurde. Wir sind daher gerade in den letzten Tagen in zahlreichen Gesprächen mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, parlamentarischen Gremien und Abgeordneten, um für die Branche als Ganzes zu sensibilisieren. Anmerkung: Es sind ergänzende Programme in Planung, hier können wir noch nichts sagen ...

MusikWoche: Sehen Sie noch Chancen, hier im Sinne der Musikverleger auf die Politik einzuwirken?

Birgit Böcher: Neben dem Programm der BKM gibt es ja noch weitere branchenübergreifende Hilfsmaßnahmen des Bundes und der Länder. Hier müssen wir sichten, was davon für unsere Mitgliedsunternehmen in Frage kommt. Die Zeit ist nicht auf unserer Seite - am 3. Juli soll der Bundesrat abschließend das Konjunkturprogramm bewilligen. Danach geht die politische Arbeit direkt weiter: Ziel ist es, entsprechende Mittel zur Bewältigung der Corona-Krise im Bundeshaushalt 2021 zu verankern. Es gäbe natürlich noch eine andere Maßnahme, die der Bund zur Rettung der Musikwirtschaft und der Urheber und Musikverleger im Besonderen ergreifen könnte - und die wäre sogar kostenlos: Indem er endlich die EU-Urheberrechtsrichtlinie in unserem Sinne in deutsches Recht umsetzt!

MusikWoche: Was hören Sie von den DMV-Mitgliedern, kommen Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld zum Einsatz?

Birgit Böcher: Wir stehen mit unseren Mitgliedern seit Beginn der Corona-Krise in engem Kontakt. Naturgemäß lag der Schwerpunkt der Arbeit zu Beginn darauf, über die verschiedenen Hilfsprogramme zu informieren und zu beraten. Im April haben wir dann - ebenfalls wieder als gemeinsame Aktion der Musikwirtschaft - eine Umfrage zur Wirksamkeit der Maßnahmen gestartet. Dabei stellten wir fest, dass die meisten E-Verlage auf die Kurzarbeit zurückgegriffen haben. Vor allem im Papiergeschäft, hier kam ja erschwerend noch die Schließung des Handels hinzu. Auch die Soforthilfen wurden teilweise in Anspruch genommen, anders als die KfW-Kredite oder Stundungen, denn diese bedeuten letztlich nur einen Aufschub der Zahllast beziehungsweise Tilgungen. Wir hoffen jetzt sehr auf die Überbrückungshilfen für Unternehmen des BMWi, und dass hier die Voraussetzungen auch für Musikverlage passen. Denn ansonsten sind unsere Mitglieder häufig durch die Antragsraster gefallen ... Breit genutzt wurde die Verlagerung ins Home Office. Auch die Ausschüsse und der Vorstand tagen regelmäßig per Videokonferenz. Ursprünglich hatten wir für März einen Workshop zum Thema »New Work - flexible Arbeitsplatzmodelle« geplant - das wurde dann von der Wirklichkeit eingeholt.

MusikWoche: Haben Sie ein Beispiel aus dem Tagesgeschäft?

Birgit Böcher: Der DMV hat, angeregt durch die AG Junger DMV, im April zum ersten »After-Work-Zoom-Club« eingeladen. Neben der Freude, sich zumindest virtuell wiederzusehen, wurden von den rund 40 Teilnehmern auch aktuelle Themen besprochen. Am 1. Juli gibt es die dritte Ausgabe der Veranstaltung. Sehr erfolgreich war auch unser erstes Webinar »Life is live (streamed) - Sync & Social Media in Zeiten von Corona« der AG Social Media. Hier haben sich über 80 Teilnehmer eingeloggt. Wir planen momentan weitere Webinare, unter anderem zu GEMA-Fragen und zur konkreten Hilfestellung bei der Beantragung von Hilfsprogrammen.

MusikWoche: In den vergangenen Jahren haben Sie mit Partnern die Music Publishing Summer School aufgebaut. Wie geht es in Krisenzeiten mit diesem Projekt weiter?

Birgit Böcher: Hier sind wir als Teil des Boards mit dem Organisationsteam der IHM in enger Absprache. Schön wäre es natürlich, wenn wir das Programm »live« in Hamburg stattfinden lassen könnten. Allerdings gilt es, abzuwägen: Wir dürfen die Dozenten, Teilnehmer und Unternehmen jetzt nicht dem Risiko einer Infektion aussetzen und müssen auch die finanzielle Lage bedenken. Die Alternative eines Onlineseminars haben wir natürlich auch angedacht. Allerdings kann das in meinen Augen nur eine Werbung für das Präsenzangebot sein, kein gleichwertiger Ersatz.

MusikWoche: Wie steht es um die DMV-Mitgliederversammlung? Steht dort auch die Wahl eines neuen Präsidenten oder einer neuen Präsidentin an?

Birgit Böcher: Auch hier gehen die Überlegungen von Präsenzveranstaltung über ein Hybridformat bis hin zu einer rein virtuellen Veranstaltung oder gar Verschiebung ins nächste Jahr. Noch ist keine Entscheidung gefallen, klar ist aber: Weder wollen wir die Mitglieder einem Risiko aussetzen, noch die finanziellen Mittel des Verbands über Gebühr strapazieren. In diesem Jahr stehen auch die turnusmäßigen Vorstandswahlen auf dem Programm. Sollte die Mitgliederversammlung tatsächlich auf das Jahr 2021 verschoben werden, bleibt der aktuelle Vorstand satzungsgemäß bis zur nächsten Wahl im Amt.

Interview: Knut Schlinger