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halle02 macht zu

Die Heidelberger Spielstätte halle02 werde es "in gewohnter Form bis auf weiteres nicht mehr geben". Wegen der Corona-Auflagen sei ein Großteil des Programms nicht kostendeckend oder gar nicht durchführbar. Der Veranstaltungsbetrieb werde "auf unbestimmte Zeit pausieren", der Fokus auf "andere Geschäftsmodelle" soll indes die Existenz sichern.

29.06.2020 13:38 • von Frank Medwedeff
Hofft noch auf den Unternehmenserhalt mittels alternativer Geschäftsmodelle: Geschäftsführer Felix Grädler vor der halle02 (Bild: halle02)

"Schweren Herzens" teilt das Team der halle02 in Heidelberg mit, dass es die Spielstätte "in gewohnter Form bis auf weiteres nicht mehr geben wird".

"Ein Großteil unseres Programms kann unter den Auflagen zur Eindämmung des Corona-Virus nicht kostendeckend beziehungsweise überhaupt nicht durchgeführt werden; und eine Lockerung, die auch einen Clubbetrieb wieder möglich macht, ist noch nicht abzusehen", erklärt das Team um die Geschäftsführer Felix Grädler und Hannes Seibold.

"Wir werden Konzept und Marke unserer geliebten halle02 und damit den Veranstaltungsbetrieb auf unbestimmte Zeit pausieren und uns auf andere Geschäftsmodelle fokussieren, um die Existenz unseres Betriebes zu sichern", heißt es weiter aus der Stadt in der Kurpfalz.

Vor 18 Jahren habe man den ehemaligem Güterbahnhof in Heidelberg "aus seinem stillgelegten Schattendasein befreit und in Eigeninitiative zum Kultur- und Veranstaltungshaus halle02 umgenutzt". Die Grundidee sei gewesen, "einen Ort zu schaffen, an dem sowohl zeitgenössische Kunst als auch Gegenwartskultur für ein vorwiegend junges Publikum stattfinden konnten".

In der halle02 habe die nationale und internationale Graffiti-Szene ihre Werke ausgestellt, "lange bevor Street-Art die Runde machte". Die halle02 habe Büro- und Atelierräume vermietet, "bevor Coworking sich in Deutschland etablierte und sorgte für eine Vernetzung junger, kreativer Menschen in der Metropolregion". Mit der halle02 sei "ein experimenteller, freier Ort für Gegenwartskultur abseits etablierter Kultureinrichtungen ohne erwähnenswerte Zuschüsse" entstanden.

Und aus dem Projekt halle02 sei ein Unternehmen geworden, das unter anderem mit "fast 30 festen Mitarbeiter*innen" und mehr als 80 studentischen Aushilfen ein wichtiger Arbeitgeber in der Stadt geworden sei, der "lokale Weinbauer*innen und Brauereien, lokale Handwerksbetriebe und Solo-Selbstständige, Veranstalter*innen und Agenturen, lokale DJs, Poetry Slammer*innen und Bands mit Aufträgen versorgt" habe.

Bis vor Corona fanden demnach in den Güterhallen jährlich mehr als 450 Veranstaltungen mit über 200.000 Besuchern statt: Ausstellungen, Konzerte, Kleinkunst und Comedy, Szene-Veranstaltungen, Partys, unterschiedlichste Messen oder Märkte. Zu den auftretenden Musik-Acts gehörten unter anderen Casper, Feine Sahne Fischfilet, AnnenMayKantereit, Clueso, Afrika Bambaata, Robin Schulz, Faber, Die Toten Hosen, Wanda, Bilderbuch, Jan Delay, Von Wegen Lisbeth, Bausa oder Paul Kalkbrenner. Es sei gelungen, ein "qualitativ hochwertiges Kulturprogramm vollkommen eigenfinanziert auf die Beine zu stellen".

Die Mehrzahl der Kulturveranstaltungen seien indes immer unbestuhlte Veranstaltungen gewesen, "bei denen sich das Publikum frei bewegen kann und will". Die "Interaktion zwischen Besucher*innen und Künstler*innen" sei "elementarer Bestandteil der gemeinsam genossenen Kultur". Die coronabedingten Abstandsregeln zerstören laut dem halle02-Team "all diese Essentials von Rock-, Pop- und Indie-Konzerten, aber auch Clubveranstaltungen und damit unsere gemeinsamen und grundsätzlichen Bemühungen um diese Musiksparten".

"Mit Abstandsregelungen würden wir die Seele der von uns repräsentierten Gegenwartskultur opfern, denn diese Genres leben davon, Menschen in Kontakt zu bringen und die bei unseren Konzerten und Kulturveranstaltungen entstehenden emotionalen Gemeinschaftserlebnisse zu zelebrieren". In der aktuellen Situation sei ein Ende der Pandemie nicht abzusehen, auch wenn es in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Lockerungen gebe und der Alltag schon wieder fast "normal" erscheine. Veranstaltungen ohne Abstandsregeln seien nach Expertenmeinungen wohl erst nach der Entwicklung eines Impfstoffes oder eines wirksamen Medikaments gegen Covid-19 wieder vollständig möglich.

Die Stadt Heidelberg habe zwar für sechs Monate die Miete erlassen, und mit einer Startnext-Kampagne, Maskenverkauf und der Öffnung der "Kleinen Freiheit" habe man Gelder einspielen können. Eine Wiederaufnahme des Veranstaltunsgeschäftes "in unserer gewohnten und etablierten Form" sei aber nicht in Sicht. "Wir sind daher gerade nicht nur arbeitslos, zumindest in dem Bereich, in dem wir gerne arbeiten würden, sondern vor allem perspektivlos."

Und auch wen es weitere Hilfestellungen und Lockerungen geben sollte, bleibe die Unsicherheit, "wie sich das Ausgehverhalten unserer Gäste künftig entwickeln wird, was uns derzeit keine Zuversicht gibt".

"Wir sehen in dieser Lage kein Szenario, das unser bisheriges ökonomisches wie kulturelles Betriebskonzept in einer Mit-/Post-Corona-Phase wirtschaftlich erscheinen lässt."

Es fehle erstens an einer Perspektive "für eine wirtschaftliche Geschäftsgrundlage als Kulturbetrieb, dessen Basis nicht persönliche Ausbeute, Raubbau an Mitarbeiter*innen, illegale Grenzzonen-Gänge oder persönlich unkalkulierbare Haftungsrisiken sind". Zweitens mangele es an einer Perspektive "für nachhaltige, innovative, kreative Kulturarbeit, die auf gesellschaftliche Anerkennung und auf Verständnis für die wirtschaftlichen Anforderungen trifft". Drittens fehle eine Perspektive, "die Verantwortung für 120 Mitarbeiter*innen übernehmen zu können, Kulturlieferant zu sein, Newcomerförderung zu betreiben, Nachhaltigkeit als Unternehmen zu leben und die Stadtgesellschaft kulturell mitzugestalten".

Das Unternehmen arbeite indes "mit aller Kraft an einer Perspektive, diese Hürden zu überwinden und in neuer Form zurückzukommen! Das können wir jedoch nicht aus eigener Kraft, aber wir fühlen uns mitverantwortlich, einen konstruktiven Prozess zu initiieren und engagierte Partner dafür zu finden."

Die halle02-Verantwortlichen wollen in Kürze mitteilen, "wie es mit den bislang noch geplanten Veranstaltungen weitergehen wird". Man gehe jedenfalls nicht "ohne eine letzte Party - wann auch immer diese wieder stattfinden kann ...".