Unternehmen

Mushatsi-Kareba findet die "Musikbranche offener"

MusikWoche geht der Frage nach, wie divers sich die Musikbranche hierzulande gestaltet. Zum Auftakt sprach Stefanie Kim mit Patrick Mushatsi-Kareba, CEO GSA bei Sony Music Entertainment Germany.

15.06.2020 16:00 • von Jonas Kiß
Setzt sich für Chancengleichheit ein: Patrick Mushatsi-Kareba (Bild: Sony Music)

Nicht nur im Angesicht der jüngsten Ereignisse um die Ermordung von George Floyd und die weltweiten Proteste gegen Rassismus ist das Thema Diversität aktueller denn je. Deshalb geht MusikWoche der Frage nach, wie divers sich eigentlich die Musikbranche hierzulande gestaltet. Zum Auftakt sprach Stefanie Kim mit Patrick Mushatsi-Kareba, CEO GSA bei Sony Music Entertainment Germany.

Auf Seite der Künstler präsentiert sich die Musiklandschaft gerne divers, offen und ­tolerant. Doch im Hintergrund, in den Führungspositionen der Musikfirmen sitzen nach wie vor größtenteils Männer, und auch Spitzenmanager mit Migrationshintergrund finden sich dort selten. Diese Erfahrung hat auch Stefanie Kim gemacht. Sie arbeitet seit fast 25 Jahren in der Entertainment- und Musikbranche. Kürzlich wurde ihr bewusst, dass sie als erste Asiatin überhaupt vor zehn Jahren eine Agentur in Deutschland gründete. Ihre Eltern kamen Mitte der 70er-Jahre im Rahmen des deutsch-koreanischen Wirtschaftspakts nach Nordrhein-Westfalen. Sie zählt sich zu der ersten Generation der Gastarbeiterkinder, die einen Beruf in der Entertainment-Industrie ausüben.

Für MusikWoche tauscht Kim sich mit Kollegen aus der Branche über das Thema Diversität aus. Zum Auftakt sprach sie mit Patrick Mushatsi-Kareba, CEO GSA bei Sony Music Entertainment Germany.

Sie sind einige der wenigen Persons of Color auf der Industrieseite. Wie war es für Sie, sich ohne Orientierungspunkt oder Vorbild beruflich zu etablieren?

Ich bin Jahrgang 1973, habe also beim Aufwachsen in Deutschland weder beruflich noch in anderen Lebensbereichen deutsche POCs als Vorbilder gehabt beziehungsweise haben können, weil es sie schlichtweg nicht gab. Im beruflichen Kontext hat sich dieser Umstand dann lange doppelt negativ ausgewirkt, weil man einfach als Musik-Konsument diese Vorbilder gesucht hat, sie nicht gefunden hat, dabei dann auf nicht-deutsche Musikkulturen zurückgegriffen hat wie auf die afro-amerikanische und so ein identitätsstiftendes Moment hatte. Gleichzeitig war die afro-amerikanische Kultur dennoch ein Stück weit abstrakt, weil sie größtenteils auf Lebensumständen fußte, die sich von meinen unterschieden. Darüber hinaus, und das spiegelte sich dann auch in meinen ersten beruflichen Schritten in der Musikbranche in den späten 90er-Jahren wider, hatte diese Kultur kein kommerzielles Gewicht, galt als eher partikulare Kultur, ebenso das Wissen über sie. Anders gesagt, zu wissen wer Teddy Riley war oder über den Einfluss von Rakim auf die Kunstform des Rap referieren zu können, galt zum damaligen Zeitpunkt als »minderwertiges« Wissen gegenüber Wissen über Bowies Berlin-Trilogie oder Neil Youngs Einfluss auf Grunge. Obwohl ich schon damals für mich in Anspruch genommen habe, popkulturell relativ umfassend gebildet zu sein, ging mit diesem Umstand einher, dass das erstgenannte Wissen subjektiv weniger geschätzt und karriereseitig weniger nutzbar war und in weiten Teilen übrigens immer noch ist.

Haben Sie auch die Erfahrung machen müssen: »Du musst doppelt so gut sein, um als Mittelmaß zu gelten?«

Ich weiß nicht ob man das so absolut sagen kann. Ganz bestimmt ist es so, dass ich auch im Berufsleben härter und nachhaltiger habe arbeiten müssen. Nicht nur, um durch Türen zu gehen, sondern auch, um überhaupt an die Tür zu kommen. Ich bemängele diesen Umstand, er hat aber bei mir auch dazu geführt, dass ich womöglich stressresistenter, vielleicht zäher und disziplinierter als andere geworden bin. Dennoch ändert das nichts daran, dass es gilt, für Chancengleichheit einzutreten und -jede/r im eigenen Wirkungskreis - hier eine Besserung herbeizuführen.

Die Musik- und Kreativindustrie gilt als offen - können Sie das bestätigen?

Ich denke, dass man das so pauschal nicht sagen kann. Ganz bestimmt ist die Musikbranche offener als andere Branchen, was auch daran liegt, dass Musik natürlich aus allen Facetten des Lebens und von allen Menschen mit allen möglichen Geschichten und Biografien kommen kann. Daher ist es nur natürlich, dass die Menschen, die mit dieser Kunst und für die Künstler arbeiten in ihrer Zusammensetzung, das ein Stück weit abbilden. Setzt man das als Parameter ein, dann gibt es noch viel zu tun, vor allem im Hinblick auf Führungspositionen.

Wie war es, von Apple zur Sony zu wechseln? Gab es einen Unterschied in der Personalpolitik?

Ich bin nicht von Apple direkt zu Sony Music gewechselt, dazwischen war ich zwei Jahre General Manager von Universal Music. Grundsätzlich treffen hier, trotz einiger Gemeinsamkeiten, unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander. Auf der einen Seite ein Tech-Unternehmen, das auf Basis seiner Technologie mehrfach disruptiv für die Musikbranche war. Auf der anderen Seite wir Labels, die wir nicht mehr der »verrückte« alleinige Gegenentwurf zu einer eher konservativeren Karriere sind. Als Beispiel für letztere galten zum Beispiel lange Versicherungen oder Banken. Diese Sichtweise ist aus mehreren Blickwinkeln nicht mehr zeitgemäß, im gleich mehrfachem Sinn. Zum einen ist es mitnichten so, dass Versicherungen und Banken gleichbedeutend mit starren Strukturen sind, im Gegenteil, zum anderen gibt es den Dualismus Label oder Versicherung so schon lange nicht mehr, weil speziell die Digitalisierung längst Unternehmen und Positionen zutage gebracht hat, die eine weitere, auch für Arbeitnehmer, wichtige Säule bildet. Ich habe indessen nie an das Label als passives, gestriges Auslaufmodell geglaubt, war und bin fest davon überzeugt, dass das Label, wenn es sich mutig erneuert, für ein Modell der Zukunft steht - als kompetenter, inhaltlich weit agierender Partner.

Wie ist es in ihrer Position als Person of Color Awareness für People of Color und Diversity zu schaffen? Wie schaffen Sie es, damit es nicht komisch rüberkommt?

Natürlich stehe ich hier vor einer klassischen Herausforderung, der man bei dieser Thematik oft begegnet. Ich bin der Meinung, dass man hier einen langen Atem bei der Objektivierung der Maßnahmen haben muss. Auch wenn ich praktisch nie mit dem Vorwurf konfrontiert werde, subjektive Wahrnehmung als objektive Notwendigkeit zu verkaufen, kann ich nicht ausschließen, dass das vereinzelt so gesehen wird. Davon kann ich mich und meine Professionalität aber nicht beeinflussen lassen, weil es mein Anspruch ist, strategische, nachvollziehbare Entscheidungen zum Wohle des Unternehmens zu treffen - hier bildet das Thema Diversität natürlich keine Ausnahme. Ich bin fest davon überzeugt, dass Diversität kein politisch korrekter Kampfbegriff ist, sondern auch eine maßgebliche Säule für wirtschaftlichen Erfolg ist. Wenn man möchte, dass die Absender, also die Künstler*innen, und die Empfänger*innen, also alle Konsumenten, optimal repräsentiert werden, ergeben sich daraus automatisch Schlüsse im Hinblick auf die personelle Zusammensetzung eines Labels und der jeweiligen Verantwortlichkeiten.

Sie haben Politikwissenschaften studiert - was denken Sie, braucht es in unserer Gesellschaft, um positive Veränderungen herbeizuführen?

Ich denke, dass Repräsentation und kulturelle Identität wichtig sind. Diese Themenbereiche halte ich für essenziell, wenn wir als Gesellschaft weitere Schritte nach vorne machen wollen. Beide Themen, die man oberflächlich eher als Themen der Abgrenzung begreifen könnte, sind in meinen Augen maßgeblich für eine moderne Gesellschaft.

Zur Person

Der 1973 geborene Frankfurter Patrick Mushatsi-Kareba startete seine Karriere in den späten 90er Jahren als Journalist beim Stadtmagazin »Frizz«. Neben der Verantwortung für die Musikredaktion arbeitete Mushatsi-Kareba ab 1999 zusätzlich für die multinationale Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und war bis 2008 Autor in deren Musikbereich. Im September 2002 wurde Mushatsi-Kareba bei der Deutschen Telekom mit Konzeption, Entwicklung und Führung der digitalen Musikplattform Musicload betraut. 2005 wechselte Mushatsi-Kareba in den Streamingbereich, verantwortete als Director die Geschicke der im selben Jahr gestarteten Plattform Napster, zuerst in Deutschland, dann auch in der Schweiz und in Italien. Nach erfolgreichem Markteintritt von Napster wechselte der Manager im Sommer 2008 zu Apple, verantwortete dort als Head of Music das Musikgeschäft von iTunes, anfangs in Deutschland und Österreich, dann zusätzlich in der Schweiz, Italien und im mehrheitlich osteuropäischen Länderverbund Pan-EU, ab 2015 auch als Kopf von Apple Music. Nach einigen Jahren an zentraler Position auf Seiten der Download- und Streamingplattformen wechselte der studierte Politikwissenschaftler im Sommer 2016 auf die Labelseite, um als General Manager Marketing & Digital im Domestic-Bereich von Universal Music in Berlin Verantwortung zu übernehmen. Anfang 2018 wurde Mushatsi-Kareba zum CEO von Sony Music Entertainment in Deutschland, Österreich und der Schweiz berufen. Patrick Mushatsi-Kareba lebt in Frankfurt am Main und Berlin.

 

Stefanie Kim wurde 1977 in Deutschland geboren. Ihre Leidenschaft für Musik zog sie nach Köln. Dort betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC GIGA. Die Redaktion wurde für das innovative Format mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. 2000 ging es für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI als TV-Promoterin. Zu den Glanzzeiten von Capitol Records betreute sie unter anderem Coldplay, Blur, Kylie Minogue und ihre Idole - die Beastie Boys. 2005 ging es vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie aus der Elternzeit heraus KIMKOM - mit Herbie Hancock und Yoko Ono als erste Projekte. Neben der Musikindustrie klopften Fashion-Labels, E-Commerce und digitale Pioniere wie Google & YouTube bei KIMKOM an. Zehn Jahre nach der Gründung ist die Firma organisch gewachsen mit den Säulen Strategie, PR und Management. Neben Brands finden sich nun auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag. Sowohl Unternehmerin und Model Sara Nuru als auch Sänger und Social-Media-Powerhouse Lukas Rieger lassen sich von KIMKOM repräsentieren. Seit Juni ist die Berliner Agentur für die PR von Tomorrowland in Deutschland verantwortlich. Das fünfköpfige Team der Agentur agiert aus Berlin-Friedrichshain. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.