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Musikverbände reagieren auf Konjunkturpaket

In einer gemeinsamen Stellungnahme begrüßen die zentralen Musikverbände das neue Konjunkturpaket der Bundesregierung, das für den Kulturbereich eine Milliarde Euro vorsieht. Sie kritisieren jedoch, dass einige Bereiche der Musikwirtschaft dort nicht erwähnt würden.

09.06.2020 11:05 • von Dietmar Schwenger
Reagieren auf das Konjunkturpaket: die zehn zentralen Musikverbände (Bild: Screenshot)

In einer gemeinsamen Stellungnahme begrüßen die zentralen Musikverbände - BVMI, VUT, BDKV, GEMA, DMV, LiveKomm, EVVC, BV Pop, GVL und SOMM - das neue Konjunkturpaket der Bundesregierung, das für den Kulturbereich eine Milliarde Euro vorsieht. Sie kritisieren jedoch, dass einige Bereiche der Musikwirtschaft dort nicht erwähnt würden.

"Einige Teilbereiche der Musikbranche werden von den vielzähligen und umfangreichen Maßnahmen für den Mittelstand profitieren", heißt es in dem Papier. "Grundsätzlich erfreulich ist außerdem, dass der Kulturbereich darüber hinaus in einem eigenen Maßnahmenprogramm adressiert ist, wodurch - neben den umfassenden finanziellen Hilfeleistungen - die besondere gesellschaftliche Rolle der Kultur gewürdigt wird."

Die Musikwirtschaftsverbände wollen nun einerseits prüfen, "wie und in welchem Umfang ihre Einzelbranchen das Programmangebot in Anspruch nehmen können und inwiefern es dazu beitragen kann, eine baldige Rückkehr des Kulturbetriebs zur 'Normalität' zu gewährleisten". Zum anderen sei es wichtig, Klarheit darüber zu erhalten, welche Voraussetzungen an die Vergabe von Überbrückungshilfen geknüpft würden und ob sie die zu erwartenden negativen Effekte der Krise im Folgejahr abwenden könnten.

"Irritierend ist jedoch, dass in dem Maßnahmenbündel zur Stärkung der Kulturinfrastruktur, das unter dem Titel 'Neustart Kultur' in einer Pressemitteilung der Staatsministerin für Kultur und Medien vom 4. Juni detallierter aufgeschlüsselt wird, einige Sektoren der Musikbranche ausdrücklich erwähnt werden, während andere sich nicht wiederfinden", formulieren die Verbände in der gemeinsamen MItteilung. "Dies ist eine verpasste Chance, die komplexen Wertschöpfungsketten der Branche zu adressieren und sie mit kultureller wie wirtschaftlicher Weitsicht im Bewusstsein zu verankern."

Die Verbände hätten in den vergangenen Monaten gemeinsam mehrfach auf die enge wirtschaftliche Verzahnung aller Einzelbranchen miteinander und deren Abhängigkeit voneinander hingewiesen, unter anderem in der "Schadensmeldung" vom 25. März sowie in einer Pressemitteilung am 6. Mai. Damit ein "Neustart" für die Kultur in Deutschland wirkungsvoll und nachhaltig gelingen könne, müsse ein Konjunkturpaket nach Auffassung der Verbände diese inhaltlichen wie zeitlichen Wirkungszusammenhänge und die zwingende wirtschaftliche Verkettung der Teilbranchen reflektieren.

"So stehen in der Musikwirtschaft unter anderem Festivalveranstalter mit Tonträgerherstellern, Musikverlagen, Hersteller von Musikinstrumenten und -Equipment, Musikfachhändlern und Verwertungsgesellschaften und natürlich den Künstler*innen selbst in einem wirtschaftlichen Kontext, der mit dem großflächigen Ausfall einzelner Teilbereiche und der weiteren Betroffenheit einzelner Gewerke auf lange Sicht in seiner Gesamtheit existenziell gefährdet wird", betonen die zehn Verbände.

Die Verbände stellen fest, dass es auch für jene Sektoren, "die wesentliche negative Effekte dieses Jahres aufgrund von Auszahlungsrhythmen erst im kommenden Jahr zu spüren bekommen, namentlich betrifft dies über die Verteilungen der gemeinsamen Verwertungsgesellschaften der Künstler*innen und deren Partner*innen die Tonträgerhersteller und Musikverlage", eine Perspektive brauche, um diese Konsequenzen abzufangen.

Für dem BVMI betont Florian Drücke als Vorstandsvorsitzender: "Die Summen, die in dem Paket für viele Bereiche zur Verfügung gestellt werden, sind erheblich. Es ist nun zu schauen, mit welchen Maßnahmen wem geholfen werden kann und wo sich Unternehmen der Kreativwirtschaft berücksichtigt finden. Aus unserer Sicht ist bedauerlich, dass das auf die Kulturinfrastruktur ausgerichtete Programm 'Neustart Kultur' Wirkungszusammenhänge der Musikwirtschaft nicht widerspiegelt, obwohl diese in den letzten Monaten ausführlich benannt wurden."

"Einige Sektoren, wie beispielsweise Tonträgerhersteller als Partner der Künstlerinnen und Künstler, werden gar nicht genannt", so Drücke weiter. "Durch die Zuordnungen, die Neustart Kultur vornimmt, wird das Spannungsfeld zwischen 'Kultur' und 'Wirtschaft' unnötig aufgeladen und es wird vergessen, dass die Wirtschaft als Partnerin der Kreativen und als Investorin in künstlerische Vielfalt elementarer Bestandteil der kulturellen Infrastruktur ist."

Mark Chung begrüßt als VUT-Vorstandsvorsitzender "selbstverständlich", dass Kultur im Konjunkturpaket der Bundesregierung mit einer Milliarde berücksichtigt wurde. "Die Verbände der Musikwirtschaft weisen seit Monaten immer wieder gemeinsam auf die hochgradige Arbeitsteilung und Verzahnung der Wertschöpfungsketten in der Musikwirtschaft hin: Lange bevor Künstler*innen Bühnen betreten, haben sie in Zusammenarbeit mit Verlagen, A&Rs, Studios und Produzent*innen Musik produziert, die von Vertrieben, Labels, PR-Agenturen etc. verbreitet und vermarktet wurde. Denn erst wenn Menschen Musik gehört haben, entsteht überhaupt die Chance, dass sie sich dafür entscheiden, Tickets für ein Konzert zu erwerben. Dem BKM sind diese Zusammenhänge - nicht zuletzt aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit der Musikwirtschaft in der Initiative Musik - bekannt und vertraut."

Chung geht davon aus, dass die am 4. Juni veröffentlichte Pressemitteilung der Staatsministerin "nur ein erstes, schnelles Statement" gewesen sei. "Denn diese liest sich, als würde die BKM glauben, allein die Unterstützung von Bühnen, ohne Berücksichtigung aller anderen Teile der Wertschöpfungsketten, könnte eine wirksame Konjunkturmaßnahme sein. Unsere Aufgabe ist jetzt, in Zusammenarbeit mit der BKM ein ganzheitliches und dadurch wirksames Konjunkturprogramm zu erarbeiten. Denn das ist das gemeinsame Ziel von Bundesregierung und der gesamten Kultur- und Kreativwirtschaft."

Guido Evers und Tilo Gerlach streichen in ihrem Statement als GVL-Geschäftsführer heraus, dass das Konjunkturpaket sowie die spezifischen Maßnahmen für den Kulturbereich nur die ersten Folgen von Corona abfedern könnten. "Für uns als Verwertungsgesellschaft und unsere 160.000 Berechtigten - Künstler*innen, Hersteller und Veranstalter - werden die drastischen Einbrüche erst 2021 richtig spürbar werden, weil wir im kommenden Jahr erst die in 2020 erwirtschafteten Gelder verteilen. Wir sind der Überzeugung, dass die kurzfristigen Hilfen dringend um nachhaltige Programme, die wesentlich weiter wirken und die komplette Wertschöpfungskette der Musikwirtschaft berücksichtigen, ergänzt werden sollten."

Und auch Karsten Schölermann, stellvertretender Vorsitzender LiveMusikKommission (LiveKomm), bemängelt: "Die Überlebenshilfen für unsere privat geführten Musikbühnen sowie der kleinen und mittleren Festivals werden in dem BKM Programm explizit benannt. Wir sind glücklich, dass unsere diesbezüglichen Programm-Vorschläge offenbar Beachtung gefunden haben. Gleichwohl sorgen wir uns, wie die ebenfalls unmittelbar durch unseren Shutdown betroffenen Musiker*Innen ohne Ausfallhonorare überleben sollen, und blicken sorgenvoll in Richtung der Veranstalter und Konzertvermittler unseres Nachbarverbandes BDKV, deren Schäden durch die Wirtschaftsprogramme nicht oder nur unzureichend Beachtung finden."

Unabhängig von der konzertierten Aktion der Verbände äußerten sich auch die Deutsche Jazzunion und die Allianz der Freien Künste in einer gemeinsamen Mitteilung zu dem Konjunkturpaket. Sie fordern "eine echte Unterstützung von Kunst und Kultur in Kombination mit individuellen Hilfen für Künstler*innen und Kulturschaffende ", damit die Strukturförderung nicht ins Leere laufe. Deshalb müsse die Bundesregierung "bei den Coronahilfen persönliche Lebenshaltungskosten als betrieblich relevante Ausgaben anerkennen beziehungsweise Zuschüsse zur Abfederung von Einnahmeverlusten leisten", findet die Allianz der Freien Künste.