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Musikrat und Verbände senden Notruf an die Bundesregierung

Der Deutsche Musikrat hat wegen der Corona-Krise einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Kulturstaatsministerin Monika Grütters gesandt unter dem Motto "Notruf Musikwirtschaft - Perspektiven für die Kulturelle Vielfalt erhalten". Mitunterzeichner sind unter anderen BVMI, VUT, DMV, BDKV, GEMA und GVL.

27.05.2020 14:32 • von Frank Medwedeff
Fordert mit den Mitunterzeichnern wirksame Soforthilfen und ein Konjunkturprogramm für die Musikbranche: DMR-Präsident Martin Maria Krüger (Bild: Deutscher Musikrat)

Der Deutsche Musikrat (DMR) hat aufgrund der bedrohlichen Situation der deutschen Musikwirtschaft in der Corona-Krise einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesfinanzminister Olaf Scholz, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Kulturstaatsministerin Monika Grütters gesandt mit der Überschrift "Notruf Musikwirtschaft - Perspektiven für die Kulturelle Vielfalt erhalten". Dem Appell angeschlossen haben sich die wichtigsten Musikverbände und -verwertungsgesellschaften der Bundesrepublik vom Bundesverband Musikindustrie, dem VUT und dem DMV über BDKV und LiveKomm bis zu GEMA und GVL.

"In vielen Branchen, die von der Corona-Pandemie betroffen sind, gibt es dank erster Lockerungen und passgenauer Hilfsmaßnahmen ein erstes Aufatmen. Dies gilt aber nur bedingt für die Musikwirtschaft, die sich weiterhin auf harte Zeiten einstellen muss", heißt es zum Auftakt des Schreibens. Die Branche sei schlicht davon abhängig, "dass Musik komponiert, verlegt, produziert, aufgeführt, gehört und nicht zuletzt auch gekauft werden kann". Insbesondere das Live-Erlebnis, das von den Auswirkungen der Corona-Pandemie "schwerstbetroffen" sei, bilde "auch und gerade im digitalen Zeitalter für viele Menschen die Basis für die nachfolgenden Nutzungen" und sei "Ausgangspunkt für viele Wertschöpfungsketten der Musikwirtschaft".

"Ein Live-Erlebnis kann es aber derzeit - und voraussichtlich bis weit in das kommende Jahr hinein - nicht beziehungsweise nur sehr eingeschränkt geben. Konzerte, die Corona-bedingt ausgefallen sind, können nicht nachgeholt werden, und bei Einhaltung der notwendigen Hygienemaßnahmen wird die Durchführung von Konzerten bis auf weiteres nicht annähernd kostendeckend möglich sein", stellen der Deutsche Musikrat und die mitunterzeichnenden Verbände und Organisationen klar.

"Musikschaffende und ihre Partner wie Musikveranstalter, Agenturen, Labels, Musikverlage, Musikinstrumentenhersteller und Handel werden diese Zeit nur überleben, wenn die Bundesregierung handelt", so der ummissverständliche Aufruf.

Bereits Ende März 2020 hatten demnach die maßgeblichen Verbände der Musikwirtschaft den Einnahmeverlust bei einer sechsmonatigen Dauer der Maßnahmen in einer ersten Schadensmeldung auf 5,456 Milliarden Euro beziffert und ein Nothilfeprogramm gefordert. Die bisher aufgelegten, nicht branchenspezifischen Nothilfeprogramme seien indes "nicht hinreichend geeignet, die drohenden Insolvenzen gerade von kleinen und mittelgroßen Akteuren der Musikwirtschaft zu verhindern".

Insbesondere für den Musikbereich "mit seiner strukturellen Heterogenität" passe "kein Einheitskonzept zur Linderung der desaströsen Folgen der Corona-Krise". In der derzeitigen Situation, für die es keine Blaupause gebe, werde "die Vielfalt als Stärke des Musiklebens zu ihrer Achillesferse".

"Und wir sorgen uns um den Erhalt der kulturellen Vielfalt, die das Kulturland Deutschland wesentlich kennzeichnet. Mit jeder Spielstätte oder Veranstalterin, jeder Künstlervermittlerin, jedem Musiklabel, Musikverlag oder Musikinstrumentenhersteller, der die Krise nicht überlebt, wird auch ein Stück Musikkultur und Vielfalt unseres Landes sterben", prognostizieren der DMR und die Mitunterzeichner.

Die "völkerrechtlich verbindliche UNESCO-Konvention zum Erhalt und Schutz der Kulturellen Vielfalt", welche die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union als Staatengemeinschaft ratifiziert haben, "zeichnet Leitlinien, die auch in der aktuellen Krisenzeit Orientierungspunkte sein und bleiben müssen".

Der Deutsche Musikrat sei der Bundesregierung "für das vielfältige und nachdrückliche Engagement zur Linderung der Krisenfolgen dankbar".

"Wir fordern jedoch über das bisher Geleistete hinaus gemeinsam mit unseren Mitgliedern, zu denen auch die Dachverbände der Musikwirtschaft und die Verwertungsgesellschaften gehören, eine für die Branche geeignete Soforthilfe sowie ein Konjunkturprogramm, welches das Überleben der heterogenen, historisch gewachsenen und vielfältig vernetzten Infrastruktur sichert."

Die Kultur- und Kreativwirtschaft, und darin eingeschlossen die Musikwirtschaft, sei nicht nur einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren, "sondern auch ein beispielloser Treiber kreativer Prozesse mit Auswirkungen auf das gesamte Kultur- und Wirtschaftsleben. Sie sollte daher auch und vor allem im Bundeswirtschaftsministerium Unterstützung finden."

Gerade in dieser Zeit der Umbrüche stelle sich laut dem DMR verstärkt die Frage nach den Werten des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft. "Was macht uns aus, und wie können wir die Werte und Normen des Grundgesetzes noch wirkungsvoller Alltag werden lassen? Neben ihrem Eigenwert können die Künste mit dazu beitragen, Neugierde auf das Unbekannte, das Fremde zu wecken und damit einen wesentlichen Beitrag zu einer der zentralen Herausforderungen gesellschaftlichen Zusammenhaltes leisten: Ängste in Neugierde zu verwandeln." Die Musikwirtschaft könne "einen maßgeblichen Beitrag auf dem Weg zu einer neuen Normalität leisten".

"Uns ist bewusst, dass die aktuellen ökonomischen Herausforderungen die Handlungsspielräume einengen. Für die viertstärkste Volkswirtschaft der Welt erhoffen wir uns aber auch in Zukunft eine klare Prioritätensetzung für kulturelle Vielfalt. Dies umso mehr, als die Musikwirtschaft zeigt, wie die Kultur- und Kreativwirtschaft als Treiber von Innovation und gesellschaftlicher Transformation wirken kann." Dass hierfür belastbare Rahmenbedingungen - gerade im digitalen Raum - notwendig seien, "sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt", wie es am Ende des offenen Briefes heißt.

Für den Deutschen Musikrat hat dessen Präsident Martin Maria Krüger den "Notruf" unterschrieben. Mitunterzeichner sind Jens Michow als Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Florian Drücke  (Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI)), Olaf Kretschmar (Vizepräsident des Bundesverbands Popularmusik), Birgit Böcher, die Geschäftsführerin des Deutschen Musikverlegerverbands (DMV), Timo Feuerbach (Geschäftsführer Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC)), Harald Heker als Vorstandsvorsitzender der GEMA, Christian Ruoss (Präsident Gesamtverband Deutscher Musikfachgeschäfte (GDM)), Guido Evers (Geschäftsführer GVL), Axel Ballreich als Vorsitzender der LiveMusikKommission (LiveKomm), Daniel Knöll (Geschäftsführer der Society Of Music Merchants (SOMM)) sowie Marc Chung, Vorstandsvorsitzender beim Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT).