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Musikclubbetreiber fordern neue Rahmenbedingungen

In einem gemeinsamen offenen Brief appellieren die Betreiber von rund 30 Musikclubs in Deutschland an die Politik, neue Rahmenbedingungen zu schaffen, um deren Überleben zu sichern. Sie fordern unter anderem eine Umgestaltung der Kreditprogramme, die Sicherung der Liquidität und einen Fixkostenzuschuss.

15.05.2020 14:58 • von Frank Medwedeff
Einer der Unterzeichner vor seinem bedrohten Club: Felix Grädler von der halle02 in Heidelberg (Bild: halle02)

In einem offenen Brief fordern die Verantwortlichen von rund 30 Musikclubs und -spielstätten der Republik - vom FZW in Dortmund über halle02 in Heidelberg, Im Wizemann in Stuttgart, das Gloria in Köln, die Columbiahalle in Berlin, Hirsch in Nürnberg, die Batschkapp in Frankfurt/Main oder Gruenspan und Docks in Hamburg - neue Rahmenbedingungen seitens der Politik angesichts der Corona-Krise.

Auch wenn vielerorts über diverse Lockerungen gesprochen werde, sei eine Öffnung für Clubs und Livekonzerte noch lange nicht absehbar. "Denn diese Einrichtungen existieren zu einem einzigen Zweck: Menschen zusammenzubringen. Und in einer Pandemie dürfen Menschen nicht zusammenkommen", heißt es in dem Aufruf.

Selbst eine Durchführung von Konzerten oder Clubnächten in Musikspielstätten mit einer Kapazität kleiner als 1.000 Quadratmetern wäre demnach bei Einhaltung der aktuellen Vorgaben der Länder und des Bundes wirtschaftlich nicht tragfähig.

"Wenn in Zukunft wesentlich weniger Personen in die Locations gehen dürfen, wäre die maximale Auslastung bei ca. 20 Prozent. Damit können die Kosten nicht aus den Einnahmen der Tickets und Getränken gedeckt werden, denn die Preise können nicht derart erhöht werden. Unabhängig davon, dass sich niemand eine solche Konzertsituation oder Clubnacht vorstellen mag", heißt es weiter in dem offenen Brief.

Clubs seien "kollaborativ gestaltete Räume konkreter Körperlichkeit", die im Rahmen von Veranstaltungen mit musikalischen Programmen bespielt werden. "Der sozio-kulturelle Habitus, das gemeinsame Tanzen und Feiern sowie die Kommunikation in diesen geschlossenen Räumen würden bei Einhaltung der behördlichen Verordnungen fehlen und den Veranstaltungen damit den Reiz nehmen. Auch Konzerte leben von Nähe und dem gemeinsamen Erleben des Bühnengeschehens. Außerdem ist das Spielen eines Konzertes oder einer Show mit Abstandsregeln für Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne kaum durchführbar", so die Initiative,

"Gerade wir Livemusik-Locations in privater Trägerschaft werden noch besonders lange und intensiv unter den Auswirkungen der Corona-Krise zu leiden haben. Um die aktuelle Situation zu überstehen, benötigen wir deshalb neben einer zweiten Soforthilfe auch bereits jetzt eine Diskussion möglicher Änderungen der Rahmenbedingungen für die nähere Zukunft, um unsere Chancen auf einen sinnvollen Weiterbetrieb einschätzen zu können."

Die beteiligten Spielstätten seien Kulturbetriebe, "die aufgrund der minimalen Umsatzrendite keine Rücklagen erwirtschaften konnten. Trotzdem wollen wir unsere gesellschaftliche Aufgabe, Livekultur bereitzustellen, die wir bereits seit Jahrzehnten erfüllen, auch weiterhin übernehmen, denn niemand will sich eine Welt ohne Konzerte vorstellen."

Deshalb wollen die Unterzeichner neben dem Empfang von Soforthilfen "auch selbst Verantwortung übernehmen und durch Kredite und andere Maßnahmen unsere Existenz sichern".

Für den Weiterbetrieb, für den auch noch über Jahre hinweg Umsatzeinbrüche und zugleich höhere Kosten zu erwarten seien, "benötigen wir jedoch bereits jetzt geänderte Rahmenbedingungen, um beispielsweise das Risiko für die Rückzahlung in Anspruch genommener Kredite oder anderer Verantwortungen eingehen zu können".

Volker May, Geschäftsführer der beteiligten FZW Event GmbH in Dortmund, bringt es auf den Punkt: "Für einen großen Teil unserer Gesellschaft wäre es fatal, wenn die Bedeutung von Club-, Nacht- und Konzertkultur weiter unterschätzt wird und die entsprechenden Betriebe schließen müssen, weil sie nicht ausreichend unterstützt werden. Clubs sind Orte, an denen (Sub-)Kultur gelebt wird, an denen Menschen zusammenkommen, kreativ und ausgelassen sind. Sie sind sozio-kulturelle Treffpunkte und stellen damit den sozialen Klebstoff für den jüngeren und älteren Teil unserer Gesellschaft dar. Zahlreiche Clubs sind deshalb identitätsprägend für ihre Stadt oder Region. Sie zu verlieren würde bedeuten, jahrzehntelange Aufbauarbeit geringzuschätzen, und zahlreichen Menschen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Form von Kultur zu leben."

Deshalb appellieren die an der Aktion beteiligten Unternehmen an die Politik, "Perspektiven für einen Weiterbetrieb" zu schaffen.

Der Liquiditätsbedarf der Livemusik-Locations sei durch die lange Zeitspanne des Veranstaltungsverbotes so hoch, "dass Banken in vielen Fällen nicht gewillt sind, notwendige Obligos einzugehen, da der Zeitpunkt der Rückkehr zum Geschäftsmodell ungewiss ist". Vor allem mittelgroße Unternehmen ab 50 Mitarbeitern erhalten laut den Unterzeichnern "entweder keine weiteren Kredite oder müssen außergewöhnlich viel Eigenkapital und Sicherheiten stellen".

Eine bilanzielle Überschuldung sei "unter aktuellen Möglichkeiten nicht abwendbar". Die Unternehmen verlieren laut der Initiative "pro Monat einen durchschnittlichen Jahresertrag". Die Ertragskraft sei nicht ausreichend, "um Fremdkapital in gebotener Zeit zurückzuführen. Eigenkapital ist nicht ausreichend vorhanden, und die Verschuldungsquote wäre tendenziell zu hoch."

Trotz aller verfügbaren Maßnahmen verbleibe "eine Sockelbelastung" durch Fixkosten, die "nicht eingespart werden können". Je länger der Lockdown andauere, desto unlösbarer sei der Liquiditätsbedarf. "So können wir über längere Zeiträume Mietzahlungen weder einstellen noch stunden. Zumal meist nicht unerheblich hohe Nebenkosten weiterhin zu zahlen sind. Eine erhöhte Wirtschaftlichkeit nach Wiedereröffnung, die notwendig wäre, um gestundete Beträge, Tilgungen und Zinsen zu bedienen, ist wenig realistisch. Auch während der Schließung sind Kosten für technische Wartungen und Prüfungen (wie aufgrund der Versammlungsstätten- und PrüfVO der Länder turnusgemäß erforderliche, wiederkehrende Prüfungen für technische Einrichtungen, elektrische Anlagen etc.) aufzuwenden, Personal fortzubilden (zum Beispiel Schulungen im Bereich Erste Hilfe und Brandschutz) oder Schädlinge zu bekämpfen."

Die Clubbetreiber halten "schnellstmöglich verlässliche Vorgaben" für uanbdingbar, "um zukünftige Risiken besser einschätzen zu können und schließen uns hier den Forderungen einiger Veranstaltungsverbände an":

Konkrete Forderungen sind:

1. Umgestaltung der Kreditprogramme

"Kreditprogramme müssen so gestaltet sein, dass sie ohne Bedingungen und vollständig abgesichert mit deutlich längeren Laufzeiten und längerer anfänglicher Tilgungsaussetzung möglich sind. Zudem bedarf es an Möglichkeiten für einen späteren Teilerlass der Kredite. Auch die Sofortkredite sind teilweise noch nicht ausreichend ausgestaltet. Private Rücklagen oder Rücklagen, die in Unternehmen zur Altersvorsorge gebildet wurden, dürfen nicht verloren gehen", wie es in dem Aufruf heißt.

2. Sicherung der Liquidität/Vermeidung der Bilanzüberschuldung

Ein mehrjähriger (befristeter) Verlustrücktrag sollte demnach "sicherstellen, dass Unternehmen gerettet werden können, die in der Vergangenheit erfolgreich gewirtschaftet und regelmäßig Steuern gezahlt haben".

3. Fixkostenzuschuss durch einen weiteren Nothilfefonds

Betroffene Unternehmen sollen nach den Vorstellungen der Clubverantwortlichen "zwei Prozent des durchschnittlichen Jahresumsatzes aus dem Jahr 2019 (vorläufiger Jahresabschluss oder BWA 2019) ab dem 4. Monat des Veranstaltungsverbotes monatlich bis zur Wiederaufnahme des Normalbetriebes als Zuschuss erhalten. Dies wäre einfach und unbürokratisch zu überprüfen und entspricht in der Regel der branchenüblichen Höhe der Fixkosten."

4. Anpassung der Bedingungen für Kurzarbeit

Die Unternehmen seien unverschuldet in diese Krise geraten und nutzen Kurzarbeit, um den Liquiditätsabfluss zu reduzieren. Mitarbeiter müssten trotzdem arbeiten, "um wichtige Innovationsprojekte, Umweltprojekte, Prozessoptimierungen und Projekt-Planungsleistungen anstoßen zu können". Damit werde die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen gesichert. "Spielstätten und Clubs erzielen ihre Attraktivität durch das Engagement von Künstler*Innen, deren Engagement meist eine Vorlaufzeit von drei bis sechs Monaten hat. Dieser Aufwand, der nicht durch das Kurzarbeitergeld gedeckt ist, sondern von den Unternehmen selbst gezahlt wird, muss ausgeglichen werden", bekräftigen die Unterzeichner des Aufrufs.

5. Ermäßigter Mehrwertsteuersatz zum Beispiel auf Getränke/Essen bei Konzerten

Wie die Konzerteintritte sollten demnach die Einnahmen durch Getränke als Nebenleistungen und Partyveranstaltungen mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent bedacht werden, "um mit den verbleibenden Mehrumsätzen beispielsweise in Anspruch genommene Kredite tilgen zu können".

6. Investitionszuschüsse für nachhaltige Investitionen

7. Ausschluss von Tanzveranstaltungen bei der Vergnügungssteuer

"Städte, die Tanzveranstaltungen mit einer Vergnügungssteuer belasten, sollten aus der Verordnung ausgenommen werden", so die Clubbetreiber.

"Wenn nichts passiert, müssten unter anderem folgende Clubs schließen", machen die Unterzeichner unmissverständlich klar. Dies sind:

halle02, Heidelberg

Im Wizemann, Stuttgart

Gloria, Köln

Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln

Capitol, Mannheim

Kulturclub schon schön, Mainz

Posthalle, Würzburg

Kantine, Augsburg

Harry Klein, München

Hirsch, Nürnberg

Distillery, Leipzig

Löwensaal, Nürnberg

Die Rakete, Nürnberg

Columbiahalle, Berlin

NY.Club, München

Carlswerk Victoria, Köln

Docks & Prinzenbar, Hamburg

Pacha, München

Circus Maximus, Koblenz

Pier2, Bremen

Gruenspan, Hamburg

Berghain / Panorama Bar / Säule, Berlin

Batschkapp, Frankfurt/M.

FZW, Dortmund

Live Music Hall, Köln

Helios37, Köln

Kulturfabrik, Krefeld

Fusion Club, Heaven & Conny Kramer, Münster

Aladin Music Hall, Bremen

Modernes, Bremen