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Michael Russ beschäftigt "die Konzentration auf ­wenige große Veranstalter"

Am 15. Mai wird der Stuttgarter Konzertveranstalter Michael Russ 75 Jahre alt. Im Gespräch mit MusikWoche macht er sich Gedanken über eine Branche im Wandel, geht aber auch auf die aktuelle Corona-Lage ein.

15.05.2020 09:33 • von Dietmar Schwenger
Mit SKS im Klassik- wie im örtlichen Geschäft erfolgreich: Michael Russ (Bild: Wilhelm Betz Fotografie)

Am 15. Mai 2020 wird der Stuttgarter Konzertveranstalter Michael Russ 75 Jahre alt. Im Gespräch mit MusikWoche macht er sich Gedanken über eine Branche im Wandel, geht aber auch auf die aktuelle Corona-Lage ein.

Wie schätzen Sie die Entwicklung in der Corona-Krise ein?

Unabhängig davon, ob man Klassik- oder Unterhaltungskonzerte veranstaltet, sitzen wir derzeit alle im luftleeren Raum, da wir keine klaren Vorgaben von der Politik bekommen: Was versteht man dort unter einer Großveranstaltung, was ist für sie generell eine Veranstaltung? Und wann kann man - gerade im klassischen Bereich - mit kleinen Konzerten wieder anfangen, welche Auflagen sind dafür nötig? Das sind Fragen, die dringend beantwortet gehören. Auf der anderen Seite muss man fairerweise auch sagen, dass wir vielleicht zu hohe Forderungen stellen. Denn auch die Politik kann dazu letztlich nicht wirklich etwas sagen, wenn die Virologen mit ihren Ansagen nur sehr zurückhaltend nach vorn kommen. Ich stelle nur fest, dass die Livebranche am stärksten gebeutelt ist - unsere Veranstaltungsräume wurden als erste geschlossen, und ich befürchte, dass wir die letzten sind, die dann wieder in geöffnete Konzertsäle dürfen. Von daher haben wir wahrscheinlich eine sehr lange Zeit zu überbrücken.

Befürchten Sie auch eine Insolvenzwelle?

Das ist sehr schwer abzusehen. In der Klassik, so hoffe ich, wird sich das im Rahmen halten. Das liegt in unserem Fall auch daran, dass wir bislang nur acht Konzerte absagen mussten und eine große Anzahl verschieben konnten. Auch sind unsere Konzertbesucher wirklich solidarisch. So wurden die von uns ausgegebenen Gutscheine für ausgefallene Konzerte gern angenommen. Gleichwohl agieren wir auch hier derzeit in einem Vakuum. Denn die Konzertsaison der SKS beginnt im Oktober, aber noch ist offen, ob wir zu dem Zeitpunkt unseren Besuchern wieder Konzerte anbieten können. Was mich in dem Zusammenhang irritiert, ist die Tatsache, dass von der Politik die Anliegen unseres Verbandes, der gerade in diesen Zeiten eine hervorragende Arbeit leistet, nicht richtig wahrgenommen werden. Dort beschäftigt man sich derzeit lieber mit den Fußballspielen in der Bundesliga. Und wir sprechen hier in der Livebranche von einem Umsatz von fünf Milliarden Euro und 110 Millionen Zuschauern. Es geht hier nicht zuletzt um Schicksalsfragen für Musiker. Von den rund 70.000 Musikern in Deutschland sind nur 17.000 sozialversicherungspflichtig fest angestellt, aber 53.000 sitzen nun auf der Straße und wissen nicht, wie und wann es weitergeht. Die drei Fußballligen bleiben hinter diesen Zahlen doch weit zurück.

Sie werden nun 75 Jahre alt. Inwiefern sind Sie ins operative Geschäft Ihres Unternehmens eingebunden?

Wir haben uns schon zu meinem 70. Geburtstag auf eine DiDo-Regelung geeinigt. Das heißt, ich bin definitiv am Dienstag und am Donnerstag im Büro; wenn es aber erforderlich ist, komme ich auch an anderen Tagen. Die Arbeitsteilung ist dabei ziemlich klar: Meine Tochter Michaela leitet den Klassikbereich, Paul Woog zeichnet für den Unterhaltungsbereich verantwortlich. Aber ich stelle immer wieder fest, dass der Rat eines Alten - gerade in dieser schwierigen Zeit - hin und wieder doch gefragt ist. Deswegen bestärkt das auch meine Praxis, die zwei Tage in der Woche auf jeden Fall im Büro zu sein.

Fällt es Ihnen schwer, ganz loszulassen?

Ich bin nun seit 53 Jahren in der SKS. Wenn man so in ein Familienunternehmen hineingewachsen ist, ist es in der Tat schwer, sich davon zurückzuziehen. Dabei bin ich eigentlich ein Typ, der durchaus loslassen kann. Und ich habe viel zu viele Hob-bys, um mich zu langweilen. Aber ich fühle mich in dem Unternehmen ungeheuer wohl, und solange diejenigen, die hier das Sagen haben, mich noch ertragen und erdulden, will ich noch ganz gern weitermachen.

Die SKS Russ ist in der Klassik und im Rock/Pop-Bereich tätig. Haben sich hier die Akzente im Laufe der Jahrzehnte verschoben?

Ganz gewaltig. Als ich 1967 bei meinem Vater angefangen habe, war die Klassik unser absolutes Standbein. Sie müssen auch bedenken, dass es damals im Unterhaltungsbereich viel weniger Künstler und Aktivitäten gab. Ein Udo Jürgens etwa fing damals erst mit seinen bundesweiten Tourneen an. Das hat sich im Laufe der Jahrzehnte natürlich sehr stark verändert. Zurzeit würde ich davon sprechen, dass die Klassik zu einem Drittel das Geschäft der SKS ausmacht, wozu auch die Konzertvermittlung für unsere Künstler gehört. Damit fallen zwei Drittel in den Bereich der Unterhaltungsmusik - und das, obwohl die Anzahl der Unternehmen, die hier im Stuttgarter Raum mittlerweile tätig sind, stark gestiegen ist. Das war anfangs noch völlig anders, da war ich der Platzhirsch in der Region. Dann kam der Music Circus als Mitbewerber, mit dem wir aber bald eine enge Kooperation eingegangen sind, die sich bis auf den heutigen Tag bewährt hat. Doch ich sehe allein im Stuttgarter Raum vier oder fünf weitere Veranstalter, die hier aktiv sind. Da gilt es, sich als Örtlicher zu behaupten.

Gleichzeitig ist das örtliche Geschäft unter Druck geraten, wenn Unternehmen wie Live Nation, DEAG, Semmel Concerts oder Konzertbüro Schoneberg mit eigenen Regionalbüros den örtlichen Teil selber übernehmen, oder?

Das beobachten wir sehr genau - und ja, diese Entwicklung macht uns auch Sorgen. Andererseits haben wir, um zwei Namen herauszugreifen, mit Semmel Concerts und Live Nation zum Teil schon seit Jahrzehnten enge und vertrauensvolle Partnerschaften. Und dass sich an dieser Zusammenarbeit nichts ändert, liegt vielleicht auch daran, dass wir auch in wirtschaftlicher Hinsicht für diese Unternehmen immer gute Partner waren und nie wirtschaftliche Fragen gestellt haben, die sie selber besser beantworten können. Von daher sage ich: beobachten, ja - große Angst, nein. Gerade in dieser Zeit wird sich zeigen, wo die wirklich solventen Partner sitzen, die dann die Tourneeveranstalter nicht im Stich lassen. Das kann sich aber sehr schnell drehen, und wenn uns ein Tourneeveranstalter die Zusammenarbeit aufkündigt, wäre das schmerzhaft. Hoffen wir, dass die örtlichen Veranstalter, die ja oft wirtschaftlicher Garant sind, die Krise überstehen.

Ein Konzern wie die DEAG betont, wegen höherer Margen und besserer Planbarkeit als im Rock/Pop-Bereich das Klassikgeschäft auszubauen. Sehen Sie das ähnlich?

Das betrifft doch vor allem die Events in diesem Bereich - also beispielsweise Großveranstaltungen mit Rolando Villazón oder Anna Netrebko. Die reinen Klassikveranstaltungen werden sich nicht von den angestammten Konzertdirektionen oder Häusern trennen, weil diese genau wissen, welche Konstellationen nötig sind, um diese Art Veranstaltungen erfolgreich durchzuführen. Sicherlich kann man mit einer Anne-Sophie Mutter auf dem Königsplatz in München John Williams spielen, aber ein Risiko bleibt immer. Wir beobachten aber auch diese Entwicklungen sehr genau und haben ja im Schlosshof in Stuttgart, bisweilen gemeinsam mit der DEAG, Großevents mit Lang Lang oder Anna Netrebko ausgerichtet. Aber ich bin mir sicher: Das klassische Konzert in einem klassischen Konzertsaal ist durch nichts zu ersetzen.

Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorge, dass die großen börsennotierten Konzerne unter ihrem Dach das Veranstalten von Konzerten, das Betreiben von Hallen und das Ticketing zusammengeführt haben?

Es ist schwer abzusehen, wie weit diese Entwicklung noch gehen wird, gerade weil CTS Eventim, DEAG oder Live Nation da jeweils anders vorgehen. Von daher würde ich keine Prognose wagen wollen.

Sie haben lange an der Fusion von VDKD und bdv mitgearbeitet. Sind Sie zufrieden mit den Resultaten?

Ich galt ja als Bremser bei dieser Fusion und habe die Verhandlungen auch lange geführt - und denke auch, dass wir diese Verhandlungen sehr erfolgreich geführt haben. Damals habe ich gemahnt, die Klassik nicht in eine Ecke zu drängen, und habe mir auch Sorgen gemacht um die Konzertvermittler, die kaum eine Lobby haben. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass der Zusammenschluss unter Jens Michow und Pascal Funke ganz wunderbar ­gelungen ist. Gerade in diesen Zeiten ist das, was der Verband und vor allem Jens Michow leistet, außergewöhnlich. Da kann ich nur sagen: Chapeau!

Sind denn beide Hälften richtig zusammengewachsen?

Ich sehe auf allen Ebenen, wie gut die Fusion funktioniert. Ich war auf der letzten Mitgliederversammlung dabei, und man spürt regelrecht den fairen Zusammenfluss der Mitglieder. Man hatte ja vorher gewisse Bedenken, aber die waren unbegründet. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass diese Fusion zu solch wunderbaren Resultaten geführt hat.

Ossy Hoppe sprach zuletzt davon, dass die Ehrlichkeit im Livegeschäft verschwunden sei. Würden Sie ihm zustimmen, wenn Sie nun auf die Jahrzehnte zurückblicken?

Ja, da hat er nicht ganz unrecht. Ich würde es vor allem aber auf den Nenner bringen, dass damals alles bescheidener und vor allem persönlicher ablief. Früher hatte ich mit meinen Künstlern noch Kontakt - wenn ich etwa daran denke, wie ich Carlos Santana das Tennisspielen beigebracht habe. Heutzutage kommt man an die Künstler gar nicht mehr heran, so abgeschirmt sind sie. Ein anderes Beispiel unter vielen für den Wandel im Geschäft ist das Catering, da bekam man früher eine Liste die verantwortbar war. Heute bringen die Künstler zumeist ihre eigenen Cateringunternehmen mit, das sind ganz andere Dimensionen. Dasselbe gilt für Stagehands, technische Leiter und weitere unendliche Anforderungen, die an die Veranstalter gestellt werden. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Anforderungen an die Veranstalter - ganz gleich ob im Klassik- oder Unterhaltungsbereich - wesentlich höher sind. Im Unterhaltungsbereich steigen die Produktionskosten in unendliche Höhen. Hier gibt es im klassischen Bereich schon wesentliche Unterschiede. Die Honorare halten sich seit vielen Jahren beständig. Hier ist lediglich bei großen Orchestertourneen mit erhöhten Kosten zu rechnen, und natürlich gilt das aber auch für die Unterhaltung mit ständig steigenden örtlichen Kosten. Was mich beschäftigt, ist die Konzentration auf wenige große Veranstalter und Konzerne: Birgt es die Gefahr, dass die wirtschaftlichen Angebote sich immer höher schaukeln, oder findet hier eine vernünftige Haltung statt, die die örtlichen Veranstalter vor immer höheren Risiken schützen? Vorsichtig ausgedrückt ist hier ein vernünftiges Miteinander zu sehen. Gerade in der Corona-Zeit ist die Solidarität zwischen den Partnern die Voraussetzung des Überlebens.

zur Person:

Nach einer Lehre als Musikalienhändler trat Michael Russ 1966 in die 1945 von seinem Vater Erwin Russ gegründete Südwestdeutsche Konzertdirektion Stuttgart (SKS) ein. 1969 übernahm er außerdem die Württemberg-Bayerische Konzertdirektion in Ulm. Seit 1982 amtierte er als Präsident des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD) und verhandelte die Fusion mit dem bdv zum BDKV mit. 1985 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Band und 1990 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. 2005 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.