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Jan Köpke zum Record Store Day: "Haben den besten ­Kompromiss gefunden"

Die Organisatoren des Record Store Days (RSD) richten den internationalen Festtag der Plattensammler im Zuge der Corona-Krise konzeptionell für 2020 neu aus - und verteilen die Großveranstaltung auf drei Tage in den Monaten August, September und Oktober. Als deutscher RSD-Koordinator erläutert Jan Köpke, Inhaber von popup-records, die Hintergründe.

12.05.2020 09:30 • von
Will mit dem Team des Record Store Days auch unter neuen Vorzeichen die unabhängigen Plattenläden stützen: Jan Köpke (Bild: Anne Dobberstein)

Die Organisatoren des Record Store Days (RSD) richten den internationalen Festtag der Plattensammler im Zuge der Corona-Krise konzeptionell für 2020 neu aus: Nachdem der traditionelle April-Termin zunächst in den Juni verschoben wurde, verteilen sie die Großveranstaltung nun auf drei Tage in den Monaten August, September und Oktober. Dann sollen an drei Samstagen, nämlich am 29. August, am 26. September und am 24. Oktober, drei sogenannte Street Dates oder RSD Drops in den teilnehmender Plattenläden für Aufmerksamkeit sorgen. Als deutscher RSD-Koordinator erläutert Jan Köpke, Inhaber von popup-records, die Hintergründe.

MusikWoche: Seit wann war für Sie absehbar, dass das mit dem Record Store Day in diesem Jahr nicht wie zunächst geplant klappen würde?

Jan Köpke: Im März überschlugen sich bekanntlich die Pandemie-Meldungen aus allen Teilen der Welt, ohne dass man absehen konnte, wie weit die Geschichte tatsächlich gehen würde. Dass wir reagieren mussten, war klar. Die Verschiebung von April auf Juni war rückblickend zunächst auch ok. Dieser Eindruck hielt aber nur kurze Zeit. Wir hatten dann Ende März eine Telefonkonferenz mit allen RSD-Koordinatoren, um die Lage zu sondieren. Einige wussten zu dem Zeitpunkt bereits, dass sie in ihren Ländern eine komplette Abriegelung und Ausgangsperren bis weit über den Sommer hinaus zu erwarten hatten. Es wurde klar, dass wir einen weiteren Plan brauchen.

MusikWoche: Und dann?

Jan Köpke: Dann gab es eine Verabredung zum RSD Global Call am 20. April. Dabei präsentierten Carrie Colliton und Michael Kurz, beide aus den USA, die Idee der gestaffelten Street Dates, die sie bereits bei den größeren Labels in ihrem Heimatmarkt vorgefühlt hatten. Ich selbst habe den neuen Plan von Beginn an unterstützt. Es gab aber anfänglich die zu erwartende bunte Meinungsvielfalt, vor allem einiger europäischer Länderkollegen, die sich zum Glück im Laufe der weiteren Gespräche von den überwiegenden positiven Aspekten eines gestaffelten RSD überzeugen ließen. Ich hatte bereits persönlich mit einigen Händlern gesprochen, um mir ein Bild zu machen, und konnte daher unterstützende Argumente für den neuen Plan in die Diskussion bringen.

MusikWoche: Allein Abstands- und Hygienevorschriften hätten sich mit einem Event wie dem RSD wohl nur sehr bedingt in Einklang bringen lassen. Welche Rolle spielte darüber hinaus die angespannte Lage bei den Händlern - zum Beispiel in Hinblick auf die RSD-Bestellungen und deren beträchtliche Warenwerte - für die Entscheidung, das Thema zu strecken und zu entzerren?

Jan Köpke: Der Aspekt, die knappen Kassen der kleinen und mittelgroßen Indiehändler im Auge zu haben, war genau das entscheidende Argument, neben den natürlich notwendigen Sicherheitsvorgaben und auch Bedürfnissen der Kundschaft. Dieses Argument konnte ich aus eigenen Gesprächen mit unseren hiesigen Händlern noch einmal nachdrücklich in die Diskussion einbringen. Der RSD, auch wenn er dieses Jahr ­anders zelebriert wird, ist nach wie vor eine Aktion, die die unabhängigen ­Plattenläden stützen will. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass einige der großen Vertriebe direkt von sich aus die Möglichkeit von verlängerten Zahlungszielen angeführt haben.

MusikWoche: Wie sieht es eigentlich mit der RSD-Ware für 2020 aus: Liegen die Alben und Singles versandfertig in den Lagern der Plattenfirmen und Vertriebe und wer trägt dafür die Kosten?

Jan Köpke: Ja, größtenteils liegen die RSD-Platten auslieferungsfertig in den Lagern und die Kosten laufen bei den Plattenfirmen auf.

MusikWoche: Ziehen hier weiter alle mit an einem Strang? Wie viele Player scheren tatsächlich aus?

Jan Köpke: Der Großteil der ursprünglichen RSD-Titel wird auf die drei neuen Termine, wir nennen sie Street Dates oder in anderen Ländern auch RSD drops, aufgeteilt. Es scheren jedoch einige Labels mit einzelnen VÖs aus, deren RSD-Beiträge eng an eigene Album-Kampagnen gebunden waren. Das finde ich unter den gegebenen Umständen komplett ok und nachvollziehbar. Wir wollen die Labels nicht noch dafür bestrafen, dass sie sich für einen RSD-Beitrag mit ihren Künstlern entschieden haben - und nun bestimmen wir die Veröffentlichungsdaten neu.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie aus Sicht der deutschen Fachhändler die nun gefundene Lösung?

Jan Köpke: Ich bin davon überzeugt, dass wir unter den gegebenen Umständen den besten Kompromiss gefunden haben. Zwar kann man nicht jedem alles recht machen und der Record Store Day wird dieses Jahr auch nicht als Event und als Feiertag zelebriert, aber dennoch sehe ich in erster Linie die Vorteile für alle Beteiligten. Wer möchte sich denn genötigt fühlen, bei gebotenem Social Distancing mit dem sonst für den RSD typischen »Run auf die Plattenläden« konfrontiert zu sein? Wir hoffen, den Läden dennoch den so wichtigen Impuls des RSD auch unter ungewöhnlichen und suboptimalen Umständen geben zu können. Wir möchten helfen, die Kundennachfrage über die drei Street Dates etwas zu kanalisieren und im Sinne der Läden zu strecken. Natürlich kann der einzelne Plattenladen seine Vor-Ort-Situation am besten einschätzen und ist daher auch gefragt, seine eigene Kundenansprache zu führen und seine Sicherheits- und Besucherregeln deutlich zu kommunizieren. Wir werden das in jedem Fall in unsere Kommunikation mit aufnehmen und verstärken.

MusikWoche: Viele Plattenläden haben nun wieder die ersten paar Tage geöffnet. Wie erleben Sie als RSD-Koordinator für Deutschland die Stimmung der Fachhändler?

Jan Köpke: Tatsächlich noch recht gemischt. Alle Inhaber sind zunächst froh, dass sie ihr Geschäfte wieder öffnen dürfen. Einige feiern das mit gelungenen Aktionen für ihre Kundschaft, auch um vielleicht einer »erweiterten Interessiertengruppe« zu signalisieren: »Hey, wir sind wieder da! Ihr könnt wieder Platten kaufen!« Allein die neuen Hygiene- und Distanzregeln noch einmal für das eigene Ladengeschäft zu kommunizieren, ist ein sinnvolles Signal, um Kunden wieder anzusprechen, und inhaltlich mit aktuellen Neuheiten zu werben. Vielleicht hatte der eine oder andere Ladenbesitzer während des Lockdown Ideen für die Kundenansprache. Auf jeden Fall sehe ich auf den Social-Media-Kanälen viele Aktivitäten dieser Art.

MusikWoche: 2019 waren Sie nicht so richtig glücklich mit der Zahl der exklusiven RSD-Titel von heimischen Künstlern. Wie beurteilen Sie die Lage in diesem Jahr?

Jan Köpke: Das ist richtig. Tatsächlich ist die reine Anzahl der Domestic Releases immer noch nicht berauschend. Wir konnten bislang auch leider nichts an den Grundvoraussetzungen ändern. Kleine Auflagen sind nun einmal teuer herzustellen und für die Labels und Künstler eigentlich nicht gewinnbringend zu veröffentlichen. Und die allerwenigsten der hiesigen Künstler werden außerhalb des Heimatmarktes gehört, auch wenn sie englisch singen. Anders bei international agierenden Künstlern. Daher muss man die Beiträge hiesiger Labels auch besonders als Geste für die Plattenläden schätzen! Aber wir bleiben dran, ich sehe das als ein Langzeitprojekt, weiter Überzeugungsarbeit zu leisten.

Interview: Knut Schlinger