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Musikwirtschaft rauft sich zusammen und fordert millionenschwere Hilfen

Schulterschluss in Krisenzeiten: Gleich acht Verbände der Musikwirtschaft sowie GEMA und GVL warnen vor dem Corona-Kollaps. Gemeinsam fordern sie ein Hilfsprogramm in dreistelliger Millionenhöhe. Ohne staatliche Hilfen drohe bis Jahresende der halben Branche die Pleite. Die zehn Organisationen decken eine Spannweite vom selbstständigen Künstler bis zum international agierenden Musikkonzern ab.

06.05.2020 13:20 • von
Livebiz schwer betroffen: beim Finanzbedarf der Teilbranchen sehen die Verbände die Konzert- und Tourneeveranstalter ganz vorn (Bild: Präsentation der Verbände, Screenshot)

Schulterschluss in Krisenzeiten: Gleich acht Verbände der Musikwirtschaft sowie zwei Verwertungsgesellschaften warnen vor einem drohenden Corona-Kollaps der gesamten Musikbranche. Gemeinsam fordern sie ein schnelles Hilfsprogramm in dreistelliger Millionenhöhe. Ansonsten drohe eine Pleitewelle: "Ohne staatliche Hilfe ist zu erwarten, dass bis zum Jahresende rund die Hälfte der Künstler*innen und Urheber*innen sowie Unternehmen des Wirtschaftsbereichs zahlungsunfähig sein werden", heißt es in dem gemeinsamen Papier und mit Verweis auf branchenweit erwirtschaftete Jahresumsätze in Höhe von 11,1 Milliarden Euro. Insgesamt würden derzeit rund 130.000 Selbstständige und Arbeitnehmer*innen in der Musikwirtschaft um ihre Existenz bangen. Neben zahlreichen Existenzen sei auch die kulturelle Vielfalt in Deutschland in Gefahr.

"Zur Überbrückung der aktuellen Notlage" fordert die Musikwirtschaft Maßnahmen, die sich insgesamt auf "582 Millionen Euro nicht rückzahlbare staatliche Hilfe" summieren.

Die zehn Organisationen decken eine Spannweite vom selbstständigen Künstler bis zum international agierenden Musikkonzern ab. Mit dabei sind der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), der Bundesverband Popularmusik (BV Pop), der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV), der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC), die GEMA und die GVL, die LiveMusikKommission (Livekomm), die Society of Music Merchants (SOMM) und der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT).

Die Musikwirtschaft benötige "unverzüglich finanzielle Unterstützung", fordern die "maßgeblichen Verbände und Verwertungsgesellschaften angesichts der Auswirkungen durch die Corona-Pandemie und drängen auf ein staatliches Hilfsprogramm für alle Sektoren der Musikwirtschaft. Die bislang bereitgestellten Hilfsangebote von Bund und Ländern seien zwar "beeindruckend", in vielen Fällen jedoch nicht auf "miteinander verzahnten Wertschöpfungsketten" der Musikwirtschaft abgestimmt und zudem "bei weitem nicht ausreichend." Das Überleben vieler Unternehmen der Branche könne nur "durch gesonderte Maßnahmen gesichert werden, die sich am konkreten Bedarf orientieren".

Das geforderte Hilfsprogramm mit seinem Volumen von 582 Millionen Euro orientiert sich an dem bereits Ende März von den zehn Organisationen in einer ersten konzertierten Aktion vorgelegten Schadensbericht. Darin hatten die Repräsentanten von Künstlern, Veranstaltern, Spielstättenbetreibern, Labels, Musikverlagen, dem Handel und der Musikalienbranche die drohenden Verluste auf branchenweit 5,456 Milliarden Euro binnen der ersten sechs Monate der Corona-Krise taxiert.

Beim Finanzbedarf der Teilbranchen sehen die Verbände die Konzert- und Tourneeveranstalter sowie die Künstlervermittler ganz vorn: 365 Millionen Euro seien allein in diesem Bereich nötig - mehr als 60 Prozent des geforderten Hilfspakets. Darüber hinaus seien weitere 44 Millionen Euro für Clubs und kleinere Festivals nötig sowie 45 Millionen Euro für größere Festivals. Zusammengerechnet würden somit aufs Livebiz rund 78 Prozent der Hilfsgelder entfallen.

Fingerpointing aber kennen die Repräsentanten der Musikwirtschaft in Krisenzeiten nicht: Schließlich sei die Branche "kleinteilig und durch Verwertungsketten eng verwoben", so dass sich "wirtschaftliche Probleme eines Sektors schnell und in zeitlichen Wellen" auf andere Teilbereiche verlagern würden. Die Auswirkungen der Krise würden zudem über das Jahr 2020 hinaus spürbar sein. Das geforderte Hilfsprogramm müsse daher "nachhaltig aufgebaut sein", um auch "in potenziellen späteren Notsituationen zur Verfügung zu stehen", heißt es aus Berlin. Über die wirtschaftliche Förderung hinaus sei die Musikwirtschaft schließlich "essentiell für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft" und werde "einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zurück in die Normalität leisten", formulieren die Verbände in ihrem Papier. "Wenn die Musikwirtschaft jetzt nicht die erforderliche Hilfe erhält, werden die Auswirkungen auf die vielfältige und identitätsstiftende Musikkultur in Deutschland verheerend sein. Bestehende Strukturen laufen Gefahr, damit verloren zu gehen."

Text: Knut Schlinger