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GVL packt millionenschweres Solidarpaket für Künstler und Hersteller

Die GVL stellte als eine der ersten Organisationen der Musikwirtschaft ein Hilfsangebot für ihre von der Corona-Krise betroffenen Berechtigten bereit. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die Geschäftsführer Tilo Gerlach und Guido Evers, was die Verwertungsgesellschaft noch an Maßnahmen auf die Beine gestellt hat.

17.04.2020 13:36 • von Dietmar Schwenger
Wollen schnell und unbürokratisch handeln: die GVL-Geschäftsführer Guido Evers (links) und Tilo Gerlach (Bild: Dirk Deckbar, GVL)

Die GVL stellte als eine der ersten Organisationen der Musikwirtschaft ein Hilfsangebot für ihre von der Corona-Krise betroffenen Berechtigten bereit. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die Geschäftsführer Tilo Gerlach und Guido Evers, was die Verwertungsgesellschaft noch an Maßnahmen auf die Beine gestellt hat, und was darüber hinaus im Köcher ist.

"Wir haben im Bereich der sozialen und kulturellen Zuwendungen die Möglichkeit, unsere Berechtigten zu unterstützen", erläutert Tilo Gerlach, der im Spitzenduo der GVL die Interessen der ausübenden Künstler repräsentiert. "In diesem Zusammenhang entschieden wir schon sehr früh, als Konzerte mit mehr als 1000 Zuschauern ausfielen, dass wir hier für Corona-bedingte Absagen Einmalzahlungen leisten wollen." Dabei handelte es sich zunächst um eine einmalige Hilfe in Höhe von 250 Euro für die von Ausfällen betroffenen Freiberufler und kurzfristig Beschäftigten.

"Für diese Nothilfe wurden bereits die Anträge von mehr als 6000 Berechtigten geprüft und bewilligt, darüber hinaus liegen derzeit weitere rund 150 unbearbeitete Anträge vor", berichtet Tilo Gerlach mit Stand vom 6. April. "Wir rechnen damit, dass es noch mehr werden." Bei den Antragstellern handele es sich in erster Linie um betroffene Künstler, "aber auch ein paar Labels haben bereits davon profitiert", weiß Gerlach. Dabei handele es sich um rund 20 Künstler aus dem DIY-Selbstvermarktungsbereich, die ihr eigenes Label betreiben.

Ausgeschöpft sind die Mittel der ersten Nothilfe noch nicht: "Im Bereich der sozialen und kulturellen Zuwendungen gesteht uns die GVL-Satzung ein Volumen von vier Millionen Euro zu, insofern besteht hier noch ein Puffer", sagt Gerlach. Die Zahl der Berechtigten der Gesellschaft, die als Freischaffende für diese Art der Soforthilfe qualifiziert seien, "kann durchaus in den fünfstelligen Bereich gehen", betont er. Der bei der GVL für die Herstellerseite verantwortliche Guido Evers unterstreicht den Umstand, "wie entschlossen und zupackend unsere Mitarbeiter diese neuen Themen über die Bühne gebracht haben".

Evers erläutert: "Tausende von Anträgen, das klingt zunächst nach einer abstrakten Zahl, aber es ist eine besondere Leistung, diese Menge von Anträgen binnen weniger Tage zu bearbeiten und die Gelder auf den Weg zu bringen. Zumal wir gleichzeitig, wie viele andere Unternehmen, alle Mitarbeiter stufenweise nach Hause geschickt haben und nun aus dem Home Office gearbeitet wird." Im Hinblick auf das Selbstverständnis der GVL-Mitarbeiter erklärt er: "Es gibt bei den Mitarbeitern eine große solidarische Verbundenheit mit den Künstlern und Labelmachern, deren akute Notlage uns absolut bewusst ist." Auch wenn es bei der ersten Nothilfe im Einzelfall nicht um viel Geld gehe, glaubt er, dass die engagierte Unterstützung für viele Betroffene auch psychologisch wichtig sei: "Da ist jemand vom ersten Tag an für uns zuständig und kümmert sich und das sofort. Dieses Signal wollten wir senden", so Evers.

Und schließlich sei es darum gegangen, eine Lücke zu überbrücken, bis die ersten staatlichen Maßnahmen greifen: "Unser Ziel war es, so schnell und unbürokratisch wie möglich zu handeln, und das hat bis heute hervorragend funktioniert." Das Vorgehen der GVL habe entsprechend viele positive Reaktionen bei den Betroffenen ausgelöst. Das gelte auch für die inzwischen auf den Weg gebrachten Aktivitäten für die Hersteller, für die die GVL eilends ein Paket mit einem Volumen von über 40 Millionen Euro schnürte: "Hier sprechen wir über Vorauszahlungen", macht Guido Evers klar. "Das sind keine Geschenke", aber es handele sich um Gelder, "die wir äußerst schnell mobilisiert haben", betont Evers.

Der Vorteil sei, dass man nicht erst ein umständliches Antragsverfahren auf die Beine stellen musste, sondern vielmehr direkt ausschüttet, was an verteilbaren Mitteln sofort verfügbar war, macht Evers klar. Der Schwerpunkt habe dabei zunächst auf den Indies gelegen. Bei den unabhängigen Musikunternehmen seien die Auszahlungen sehr positiv angekommen: "Das hilft sehr, wie wir an den bisherigen Reaktionen sehen." Allerdings sei eine Vorauszahlung ein Vorgriff auf Gelder aus Verteilungen, die ansonsten zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen würden.

Insofern sei diese Art der Krisenbewältigung zwar aktuell hilfreich, gehe aber kaum als nachhaltige Maßnahme durch: "Wir haben hier einen Scheck auf die Zukunft gezogen", sagt Evers, aber: "Jetzt war Schnelligkeit das Gebot der Stunde, denn genau darin besteht gerade die Hilfe." Auch im internationalen Vergleich seien die Maßnahmen durchaus beispielgebend: "Wir pflegen enge Verbindungen zu den Schwestergesellschaften im Ausland, und hier lässt sich feststellen, dass wir schneller reagiert haben als alle anderen." Teils würden die Organisationen inzwischen nachziehen, aber das gehe nicht immer so zügig. Evers und Gerlach betonen, dass GVL-Mitarbeiter wie Dirk Löwenberg, der den Hersteller-Support leitet, das Team der Verteilfinanzen und die Kollegen von Stefanie Radke, die den Bereich der Zuwendungen verantwortet, "hier einen bemerkenswerten Job gemacht" hätten.

"Wir haben noch weitere Sachen vor, die nicht ganz so schnell an den Start gebracht werden konnten." Auf Seiten der ausübenden Künstler steht laut Gerlach zum Beispiel "noch vor Ostern" eine Nachverteilung von Geldern aus früheren Jahren auf der Agenda, die rund 21 Millionen Euro umfasst: "Wir planen zudem für dieses Jahr eine signifikante Regelverteilung, in deren Rahmen wir weitere rund 40 Millionen Euro an die Berechtigten bringen." Zudem arbeite man künstlerseitig auch an einer Auszahlung von Vorschüssen auf künftige Verteilungen.

Allerdings sei dies technisch "sehr viel schwieriger als auf der Herstellerseite", betont Tilo Gerlach. "Geplant ist, dass wir Mitte bis Ende Mai Künstlervorschüsse auf künftige Einnahmen verteilen wollen." Unterm Strich zeigt er sich zuversichtlich, auf Seiten der Künstler mit den Bausteinen Notfallhilfe, Nachverteilung und Vorauszahlung sowie den fortlaufenden Regelverteilungen "übers Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag locker zu machen". All diese Leistungen aber könnten staatliche Maßnahmen nicht ersetzen, unterstreicht Guido Evers: "Das können weder wir noch andere Verwertungsgesellschaften."

Auch aufstocken könne man das eigene Paket nur im Rahmen laufender Einnahmen. Und hier seien die üblichen Vergütungen zum Beispiel aus dem Bereich der öffentlichen Wiedergabe ebenfalls durch den Shutdown von Clubs und Diskotheken betroffen. Gleiches gelte für die rückläufigen Werbeeinnahmen von privaten Radio- und Fernsehsendern. Hier stehe die GVL ebenso wie die GEMA in Gesprächen mit den Betreibern. "Wir müssen sehen, wie lange die Krise anhält, und wie stark die Einbußen ausfallen", sagt Evers. Es sei aber zu erwarten, dass dies die Einnahmen der GVL schmälern werde.

Evers verweist auf die gemeinsamen Anstrengungen der Verbände und Institutionen der Musikwirtschaft bei einer ersten Hochrechnung der möglichen Schäden durch die Corona-Krise. Die Analyse, an der auch die GVL mitwirkte, taxiert die drohenden Umsatzausfälle bei Veranstaltern, Labels, Verlagen oder Künstlern, aber auch im Handel und in der Musikalienbranche für einen Zeitraum von sechs Monaten auf zusammen fast 5,5 Milliarden Euro.

Evers erlebe derzeit in der Branche ein "ganz anderes Verständnis des Miteinanders", das anstelle des oft knallharten Wettbewerbs nun vielmehr Fragen nach möglichen Hilfestellungen untereinander in den Fokus rücke. Derzeit säßen alle im selben Boot. Die gemeinsame Erhebung sei derweil bei den Adressaten in der Politik angekommen und werde dort verständig diskutiert. Das sei auch nötig, betont Evers: "Mein Eindruck ist, dass uns die Krise noch länger begleiten wird. Deshalb müssen wir nachhaltige und substanzielle Lösungen finden."

Text: Knut Schlinger