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Jens Michow spricht von "ziemlich düsteren Aussichten"

Die Corona-Krise hat die Veranstalter besonders hart getroffen. Im Gespräch mit MusikWoche äußert sich BDKV-Präsident Jens Michow zu ihren existenziellen Nöten und erklärt, welche Hilfsmaßnahmen nun erforderlich sind.

17.04.2020 12:41 • von Dietmar Schwenger
Fordert weitere Hilfsmaßnahmen: BDKV-Präsident (Bild: Klaus Westermann)

Die Corona-Krise hat die Veranstalter besonders hart getroffen. Im Gespräch mit MusikWoche äußert sich BDKV-Präsident Jens Michow zu ihren existenziellen Nöten und erklärt, welche Hilfsmaßnahmen nun erforderlich sind.

Können Sie aus Verbandssicht einschätzen, wie es der deutschen Livebranche aktuell geht?

Sehr schlecht und jedenfalls alles andere als hoffnungsvoll. Den Veranstaltern brechen ja nicht nur seit Anfang März die Einnahmen weg. Sie haben in die nun abgesagten Veranstaltungen viel Geld für Hallenmieten, Werbung, Reise- und Personalkosten, Mieten für Ton- und Lichttechnik und so weiter investiert und bleiben auf diesen Kosten nun sitzen. Viele Künstlerhonorare für jetzt abgesagte Veranstaltungen wurden bereits vor Monaten an die Künstler überwiesen, Rückforderungen vor allem bei Künstlern im Ausland sind schwer durchzusetzen. Da wird nun versucht, Nachholtermine zu vereinbaren - für hunderte von Veranstaltungen möglichst zeitnah. Dabei weiß allerdings niemand, ab wann Veranstaltungen denn überhaupt wieder stattfinden dürfen. Und wer sich hier auf seine eigene Prognose verlässt, kommt häufig nicht weiter, da die Buchungsabteilungen der Hallen derzeit unbesetzt sind oder die Hallen Buchungen aufgrund der unsicheren Lage derzeit ablehnen. Der Kartenvorverkauf ist derzeit völlig zum Erliegen gekommen. Und selbst wenn nun in einigen Wochen hoffentlich wieder Veranstaltungen stattfinden dürfen - was ja leider alles andere als sicher ist -, erwartet niemand, dass dann plötzlich der große Live-Erlebnis-Nachholbedarf einsetzt. Das Geschäft wird dann - vor allem bei Veranstaltungen für die ältere Zielgruppe - zunächst erst mal zurückhaltend anlaufen, da die Ängste der Menschen sich ja nicht einfach in Luft auslösen. Die Aussichten sind also ziemlich düster.

Verschiedene Hilfsprogramme laufen nun an. Können diese ausreichend helfen?

Zunächst einmal finde ich es sehr anerkennenswert, dass die Regierung diese milliardenschweren Hilfsprogramme derart schnell auf den Weg gebracht hat und zum Teil ja sogar bereits nachbessert. Und jedenfalls die finanziellen Soforthilfen kommen, wie ich höre, innerhalb nur weniger Tage bei den Menschen an. Bei den Kreditgewährungen gibt es allerdings noch erhebliche Probleme, da Banken offenbar trotz des auf zehn Prozent reduzierten eigenen Risikos sehr zurückhaltend sind. Allerdings sind diese Soforthilfe-Maßnahmen für Unternehmen in der Veranstaltungsbranche (und sicher nicht nur für diese) nur in Ausnahmefällen geeignet, die aktuellen wirtschaftlichen Probleme zu kompensieren. So höre ich, dass zum Beispiel unsere Künstlervermittler insbesondere im Klassikbereich dieses Angebot in Anspruch nehmen und damit imstande sind, mit Soforthilfen von bis zu 9000 oder 15.000 Euro für drei Monate zumindest Mieten und sonstige Betriebskosten vorübergehend zahlen zu können. Ihre Provisionsverluste werden damit natürlich auch nicht kompensiert, denn Buchungen für die Zukunft sind derzeit unmöglich, Nachholungen funktionieren nicht, da sich der Bedarf von Veranstaltern und etwa Opernhäusern einerseits und die Verfügbarkeit der Künstler andererseits kaum vereinbaren lassen. Für die Kompensation von Schäden, die regelmäßig bereits durch den Ausfall auch nur einer einzigen Veranstaltung entstehen, sind die aktuellen Hilfsangebote weder geeignet noch geschaffen worden. Veranstalter brauchen keine Überbrückung von Gewinnverlusten. Es bedarf eines Hilfsprogramms, über welches Veranstaltern die erheblichen Kosten ohne Rückzahlungspflicht ersetzt werden, auf denen sie aufgrund unverschuldeter Absagen hängen geblieben sind. Wer uns dazu nun auf die erleichterten Kreditangebote verweist, übersieht, dass Veranstalter nicht mit Renditen arbeiten, die es ihnen erlauben, Kreditrisiken in nun benötigter Höhe einzugehen. Wo soll denn das Geld herkommen, mit dem diese Kredite irgendwann zurückgezahlt werden sollen? Solche Kredite mögen in Wirtschaftsbereichen weiterhelfen, in denen es Gewinnerwartungen in Höhe von 20 oder 30 Prozent gibt. Gemäß einer von unserem Verband vor Jahren in Auftrag gegebenen GfK-Sonderstudie liegt allerdings die Gewinnerwartung in der Live-Entertainment-Branche gerade mal bei acht Prozent - vor Steuern! Damit kann heutzutage niemand die Rückzahlung eines Kredites finanzieren - vor allem in zumeist benötigter hoher sechs- oder sogar siebenstelliger Höhe. Veranstalter brauchen also keine Liquiditätshilfen zur Überbrückung kurzfristiger Engpässe, sondern es muss ihnen der Schaden ersetzt werden, der ihnen durch die - wie jedenfalls ich meine - zweifellos erforderlichen staatlichen Maßnahmen - ich wiederhole - unverschuldet entstanden ist. Dies übrigens nicht, um mal ein paar Löcher zu stopfen, sondern um langfristig überleben zu können.

Der BDKV hat ein "4-Säulen-Schutzschild" gefordert. Wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Das ist ein Missverständnis. Bei dem "4-Säulen-Schutzschild" handelt es sich um das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Abfederung der Auswirkungen des Coronavirus. Die vier Säulen waren die Flexibilisierung des Kurzarbeitergeldes, die steuerlichen Liquiditätshilfen, das Milliarden-Schutzschild für Betriebe und Unternehmen und die Stärkung des Europäischen Zusammenhalts. Für den Veranstaltungsbereich waren diese Hilfen wie bereits dargestellt, nicht hinreichend geeignet. Der BDKV hat daraufhin eine Erweiterung der vier Säulen auf den Veranstaltungsbereich gefordert. Diese Erweiterung, mithin die Forderung zunächst des Rechts, dass Veranstalter den Verbrauchern statt der Rückzahlung von Eintrittsgeldern einen Gutschein im Werte des Kartenpreises übergeben können, haben wir nach einem dreiwöchigen sehr harten Kampf an allen politischen Fronten ja nun erfolgreich durchgesetzt. Am 2. April hat das Corona-Kabinett eine entsprechende Regelung auf den Weg gebracht.

Was sollte noch geschehen, wo wird die Hilfe am dringendsten gebraucht?

Die Gutscheinlösung ist zunächst einmal eine sehr gute Maßnahme, um Insolvenzen von Veranstaltungsunternehmen zu verhindern. Wären Veranstalter gezwungen, dem Verbraucher nach dem Ausfall eines Konzertes alle Einnahmen zu erstatten, würde das in vielen Fällen den sofortigen wirtschaftlichen Kollaps zur Folge haben. Das haben wir mit der nunmehrigen Regelung verhindert. Vor allem profiteren von dieser Regelung auch die Verbraucher. Es ist eine ebenso oberflächliche wie einseitige Sicht, wenn Verbraucherschützer nun von "zinslosen Krediten" reden, zu denen die Bürger "gezwungen" würden, wenn sie von einer "zusätzlichen Refinanzierungsquelle von Unternehmen" sprechen und stattdessen eine Rückgabefrist bis lediglich Ende April fordern, wie das etwa der Verbraucherschützer Müller in ntv-online am 3. April getan hat. Die alternativ vorgeschlagene Fondslösung könnte ja durchaus ein Weg sein, aber sie - und vor allem ihre Organisation - wäre in der gebotenen Kürze keineswegs umsetzbar gewesen. Der Rückzahlungsanspruch und das Risiko von daraus resultierenden Insolvenzen bestehen nämlich jetzt, und zwar sofort! Ohnehin ist es doch auch ziemlich einseitig, wenn man auch in einer derartigen Krise ausschließlich - zumal angesichts der vorgesehenen Härteklausel - vom Verbraucherschutz redet und damit offenbar alle wirtschaftlichen Lasten, mit denen sich zum Beispiel Konzert-, Reise- und sonstige Veranstalter derzeit gänzlich unverschuldet konfrontiert sehen, allein auf die Unternehmer abwälzen will. Daher freue ich mich, dass es zunehmend auch Verbraucher gibt, die aus Solidarität auf sowohl auf eine Rückzahlung als auch auf Gutscheine verzichten. Sie leisten damit einen entscheidenden Beitrag dafür, dass auch noch morgen ein derart vielfältiges Kulturangebot auf deutschen Bühnen wahrnehmbar gemacht werden kann. Ihnen gilt Anerkennung und Dank. Erfreulich und zweckdienlich ist es allerdings, dass die Bundesregierung nun zusätzlich eine staatliche Absicherung des Werts der Gutscheine andenkt. Aber es muss auch klar sein, dass die Gutscheinlösung kein Schritt ist, um die entstandenen Schäden zu kompensieren. Denn jedes nachgeholte und insbesondere jedes alternativ angebotene Konzert verursacht ja neue Vorlaufkosten, die nicht voll kompensiert werden können, da Gutscheininhaber für das Nachholkonzert nichts zahlen müssen. Daher muss der Veranstalter diese Kosten selbst tragen. Da dies keineswegs zumutbar ist, wird darüber mit der Regierung noch zu sprechen sein. Es wurde mithin bisher lediglich über eine Schadenseingrenzung, jedoch überhaupt noch nicht über eine Schadensregulierung gesprochen.

Stichwort "systemrelevant": Hat man bei der Politik die Dringlichkeit der Hilfe verstanden?

Ich glaube schon. Natürlich muss man zwischen unterschiedlichen Graden der Systemrelevanz differenzieren. Das Gesundheitswesen, die Energieversorgung, die staatliche Verwaltung oder Transport und Verkehr sind sicher systemrelevanter als Musik- und sonstige Veranstaltungen. Das heißt aber nicht, dass Musik nicht systemrelevant ist. Mousse T. hat das in der "FAZ" jüngst einmal recht gut dargestellt. Auch er weist darauf hin, dass man die Kernbereiche, die üblicherweise als systemrelevant betrachtet werden, natürlich nicht mit der Kultur vergleichen könne. Aber gerade in Krisenzeiten gebe der Konsum von Kultur "Mut, Emotionen, Geborgenheit und Wärme" und sei daher durchaus auch systemrelevant. Aber mir ist natürlich klar, dass das nicht jeder Politiker so sieht und vor allem nicht erkennt, dass die "livehaftige" Wahrnehmbarmachung ausübender Künstler ohne Veranstalter nicht stattfinden kann.

Was sind die nächsten Schritte des BDKV?

Wie ich schon sagte: Jetzt werden wir - wie hunderte andere Branchen - mit der Politik darüber reden müssen, dass man nicht erwarten kann, dass Veranstalter einen Schaden, den sie nicht zu vertreten haben, selbst tragen. Da wäre die ja schon mehrfach angesprochene Einrichtung eines Stützungsfonds sicher ein guter Weg zur Schadenskompensation. Der sprichwörtliche Teufel wird im Detail liegen.

Wie wird das Veranstaltungsgeschäft nach der Krise in Deutschland aussehen?

Das wird sehr davon abhängen, wann der "Spuk" vorbei ist. Wenn nun auch noch die Festivalsaison 2020 ausfällt, wird es dramatisch werden. Das Problem ist also, dass keiner zurzeit sagen kann, wann es wieder losgeht. Und da die Länder für die Aufhebung der Veranstaltungsverbote ebenso wie für deren Fortbestand zuständig sind, hoffe ich zumindest, dass es eine bundesweit einheitliche Regelung geben wird. Auf der Grundlage eines verbots- technischen Flickenteppichs kann kein Veranstalter eine Deutschlandtournee planen. Zurzeit lässt sich also nicht absehen, wie sich die Branche entwickelt. Es bleibt daher nur die Hoffnung.