Unternehmen

Mandoki Soulmates: Künstlerisches Vermächtnis zwischen Jazz und Rock

Seit 2004 widmet sich Leslie Mandoki mit dem Projekt Soulmates auf einzigartige Weise der Verbindung von Jazz und Rock. Nun legt der Musiker zusammen mit seiner hochkarätig besetzten Allstar-Band seine bisher ambitionierteste Produktion vor: das Doppelalbum "Living In The Gap + Hungarian Pictures".

14.10.2019 09:25 • von Norbert Schiegl
Der erste Teil des neuen Doppelalbums der Mandoki Soulmats: "Living In The Gap" (Bild: Red Rock Production)

Seit 2004 widmet sich Leslie Mandoki mit dem Projekt Soulmates auf einzigartige Weise der Verbindung von Jazz und Rock. Nun legt der Musiker zusammen mit seiner hochkarätig besetzten Allstar-Band seine bisher ambitionierteste Produktion vor: das Doppelalbum "Living In The Gap + Hungarian Pictures".

Und wie schon auf den Soulmates-Alben zuvor gelingt es Leslie Mandoki auch diesmal wieder vorbildlich, aus dieser Ansammlung großer, international renommierter Musiker - von Bobby Kimball über Ian Anderson und Randy Brecker bis hin zu Al Di Meola, Till Brönner, Tony Carey und Peter maffay - weit mehr als eine Allstar-Revue zu machen. Mit "Living In The Gap" legt er ein Konzeptalbum vor, mit dem er zu den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre eindrucksvoll Stellung bezieht. Seit der letzten Studioproduktion der Soulmates sind tatsächlich bereits zehn Jahre vergangen.

Seine Vision, mit dieser Band den progressiven Jazzrock wieder zu gesellschaftlicher Relevanz zu führen, hat er nie aufgeben. Näher als auf "Living In The Gap" und "Hungarian Pictures" ist Leslie Mandoki diesem selbstgesteckten Ziel bis jetzt auch nicht gekommen. Er selbst spricht vom besten Album seiner Karriere. Das tun Künstler in der Regel zwar von jeder ihrer neuen Produktionen, aber in diesem Fall stimmt diese Einschätzung zu 100 Prozent.

Den Entschluss, ein neues Studiowerk zu schreiben, fasste Mandoki kurz nach dem triumphalen Auftritt der Soulmates im New Yorker Beacon Theatre im Januar 2018. "Mein Sohn Gabor hat mir bei diesem Album sehr geholfen. Ich war wegen einer musikalischen Verpflichtung gerade in Peking. Auf dem Weg zum Flughafen eröffnete er mir, dass er meinen Flug nach Bali umgebucht hat. Dort hatte er mir ein kleines Strandhaus gemietet, in dem ich in aller Ruhe arbeiten konnte." Und dort sind dann schließlich viele Songs von "Living In The Gap" entstanden.

Der Longplayer enthält zehn neukomponierte Songs mit zeitgemäßen Texten. Zwei weitere Stücke basieren zum Teil auf Ideen des 2014 verstorbenen Gründungsmitglieds Jack Bruce, welche die Soulmates im Archiv auf Analog-Tapes von früheren Sessions ausgruben. Sein Gesang und sein unverkennbares Bassspiel bildeten die Basis für diese Aufnahmen, die dann von Leslie Mandoki und der Band entsprechend ergänzt wurden.

Zu diesem Zeitpunkt war aber noch nicht klar, dass Mandoki mit den Soulmates auf ein Doppelalbum zusteuerte. Hinter der zweiten CD, "Hungarien Pictures", steckt eine ganz besondere Geschichte. "Mein Vater war Geiger und spielte zum Einschlafen für mich als Kind oft ein Stück von Béla Bartok. Auch auf dem ungarischen Musikkonservatorium spielte die Musik von Bartok natürlich eine große Rolle. Mit 20 Jahren habe ich dann zusammen mit meiner damaligen Band angefangen, mit diversen Stücken von ihm zu experimentieren."

Die Parallelen zwischen Rockmusik, Jazz und den Kompositionen von Béla Bartok waren für Leslie Mandoki immer offensichtlich. Und so reifte über die Jahre der Plan, sich einmal eingehender mit der Musik des ungarischen Komponisten zu befassen. Vor einigen Jahren hatte Mandoki bereits mit Greg Lake von Emerson, Lake & Palmer und Jon Lord von Deep Purple über die Realisierung dieser Idee gesprochen. "Die beiden sind inzwischen leider verstorben, aber nachdem die Rechte an der Musik inzwischen frei geworden sind, habe ich beschlossen, nun dieses Versprechen von damals endlich einzulösen. Als wir hier in Tutzing im Studio zusammenkamen und die Arbeiten am Album begannen, ging uns alles ungewöhnlich schnell von der Hand. Im Gegensatz zu allen anderen Soulmates-Platten haben wir diesmal nicht mit Overdubs gearbeitet sondern alles live und direkt eingespielt. Danach hatten wir noch Zeit übrig und ich hatte die Noten dafür schon ausgearbeitet. Und dann haben wir uns hingesetzt und ,Hungarian Pictures' aufgenommen."

Der zweite Teil ihres neuen Albums ist eine 46-minütige Prog-Rock-Suite basierend auf Kompositionen und Themen von Béla Bartok, ergänzt mit weiteren neuen Songs. Ein komplex strukturiertes Werk, für das sich der Hörer entsprechend viel Zeit nehmen muss, um die klanglichen Dimensionen ganz zu erfassen.

"Wir haben das einfach eingespielt und ich habe es dann abgemischt. Ein richtiger Raum, richtige Instrumente, richtige Mikrophone, ohne Equalizer, ohne Kompression, einfach Steckfeld rein und dann mischen." So eine Arbeitsweise war aber auch nur möglich, weil schon die richtige Mannschaft im Studio versammelt war. Musiker, mit denen Leslie Mandoki schon oft zusammengespielt hat und die seine Vision bei dieser Produktion auch bis ins kleinste Detail hinein verstanden haben. "Es war eine musikalische Herausforderung, aber wir haben sie gemeistert. Was Bill Evans, Al Di Meola, Randy Brecker oder Mike Stern hier abgeliefert haben, ist einfach göttlich." Mandoki gerät noch heute ins Schwärmen, wenn er von den Aufnahmen erzählt. Für ihn sind diese Songs, auch im Vergleich mit seiner reichhaltigen musikalischen Biographie, etwas ganz besonderes.

Zudem legte er bei diesem Doppelalbum besondere Sorgfalt auf die Texte. Bei einigen Songs wie "Hottest Queen Of Cool" und "I'm Not Your Enemy" unterstützt ihn dabei auch seine Tochter Julia Mandoki. Für Mandoki steht fest: "Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der die Menschen in ihren eigenen von Algorithmen gefilterten Blasen leben, in Echokammern, in den wir nur noch von unseren eigenen oder ähnlichen Meinungen umgeben sind. Hinsichtlich der Musik zum Beispiel bekomme ich heutzutage eine Klangästhetik vorgesetzt, die der Algorithmus aufgrund meines bisherigen Kauf- oder Rezeptionsverhaltens als für mich passend analysiert."

Ein Song wie "Living In The Gap", der Opener des gleichnamigen Albums, erzählt einiges über dieses Phänomen, das für Mandoki von entscheidender Bedeutung ist und auch die textliche Ebene dieser Produktion beeinflusst hat. "Gesellschaftspolitisch ist es verheerend, wenn man fortgesetzt nur die eigene Meinung durch die Filterblase vorgespiegelt bekommt und in der Echokammer lebt. In unserer ,bunten Republik', wie sie mein Freund Udo Lindenberg nennt, und deren stolzer Bürger ich als ehemaliger Flüchtling bin, müssen die Farben vielfältig sein und diese Vielfalt muss sich auch in den gesellschaftlichen Debatten zeigen."

Aber nicht nur in einem Song wie "Living In The Gap" beschäftigt sich Leslie Mandoki mit aktuellen Themen. Nicht weniger zeitgemäß klingen auch Songs wie "Young Rebels" oder "Turn The Wind". "Es waren mehrere Impulse, die zu dieser thematischen Ausrichtung führten. Mich interessieren zwei Dinge, Kunst und was kann ich damit in der Welt bewegen. Kunst ist ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft."

Seine persönliche Biographie, seine Flucht aus Ungarn nach Deutschland, spiegelt sich auch auf dem neuen Doppelalbum der Soulmates wider. "Ich führe ein privilegiertes Leben und habe sehr viel Musik kreieren dürfen, aber ich habe nicht vergessen, dass ich mal ein illegaler Einwanderer war, der kein Wort Deutsch sprach."

Tourdaten

31.10. Hamburg, Laeizhalle

07.11. München, Circus Krone

08.11. Dortmund, Konzerthaus

09.11. Berlin, Konzerthaus