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Diskussion um Elektronikfestivals

In diesem Jahr feierten die großen Elektronikfestivals in Deutschland erneut Rekordausgaben. Über die Frage, ob dieser Boom weitergeht, oder ob der Markt in dem Segment saturiert ist, diskutierten jüngst Festivalveranstalter von Parookaville, Nature One/I-Motion, ALDA Germany und Holi Concept.

28.11.2018 13:05 • von
Disktutierten (von links): Allan Hardenberg (ALDA), Bernd Dicks (Parookaville), Max Riedel (Holi Concept), Nikki McNeill (Global Publicity), Dietmar Schwenger (MusikWoche) und Oliver Vordemvenne (I-Motion) (Bild: Jörg Böhm)

In diesem Jahr feierten die großen Elektronikfestivals in Deutschland erneut Rekordausgaben. Über die Frage, ob dieser Boom weitergeht, oder ob der Markt in dem Segment saturiert ist, diskutierten jüngst Festivalveranstalter von Parookaville, Nature One/I-Motion, ALDA Germany und Holi Concept.

»Ich bin zuversichtlich, dass es auch in 50 Jahren noch Elektronikfestivals geben wird, glaube aber, dass es zumindest in Deutschland keine weiteren Groß-Events mehr geben wird«, sagte Oliver Vordemvenne, GeschäftsführerI-Motion und verantwortlich für Veranstaltungen wie Nature One oder die Mayday. »2019 richten wir Nature One zum 25. Mal aus, wir sind also einer der Dinosaurier in der Szene, wenn man so will. In dieser Zeit gab es immer ein Auf und Ab. Derzeit stehen wir bei rund 55.000 Besuchern.«

Bei der von MusikWoche- Redakteur Dietmar Schwenger moderierten Runde beim DJ Meeting @ Reeperbahn Festival verwies Vordemvenne auf eine eigene Studie, der zufolge sich die Anzahl von Festivals mit hauptsächlich elektronischer Musik von 2014 bis 2017 von etwa 50 auf 110 verdoppelt habe. Das liege nicht nur an Großveranstaltungen, sondern auch an vielen kleinen oder mittelgroßen Festivals mit bis zu 5000 Besuchern. »Das führt natürlich zu einem großen Druck im Markt, viele Festivals mussten zuletzt stagnierende oder gar sinkende Zuschauerzahlen hinnehmen. Manche Festivals, die 2017 noch aktiv waren, sind bereits verschwunden. Dieser Prozess wird sich fortsetzen, bis wir wieder ein gesundes Level erreicht haben«, analysiert der langjährige Nature-One-Veranstalter.

Dem widersprach Allan Hardenberg, Managing Director ALDA Germany, ein Joint Venture des niederländischen Unternehmens ALDA mit CTS Eventim, das 2018 zum zweiten Mal das New Horizons Festival am Nürburgring ausgerichtet hat. »2017 war international das beste Jahr unserer Firmengeschichte. Allein in einem kleinen Land wie Holland gibt es 800 Elektronikfestivals, die sehe ich in Deutschland nicht. Hier gibt es noch Raum und Möglichkeiten für neue Events. Auch weltweit wachsen die Festivals in dem Segment nach wie vor: Der Electric Daisy Carnival (EDC) in Las Vegas mit fast 500.000 Besuchern und das Ultra Music Festival in Miami hatten ihre bislang erfolgreichsten Ausgaben. Auch ALDA hat keinen Grund zur Klage. Das AMF Festival 2018 in der Johan Cruijff Arena war eine Rekordausgabe. Wenn man ein einzigartiges Produkt hat und an sich glaubt, wird das auch so weitergehen.«

Auch Bernd Dicks, einer der drei Gründer von Parookaville, denkt, dass Elektronikfestivals auch in Deutschland weiter wachsen können. So war das Festival am Niederrhein dieses Jahr mit 85.000 Besuchern erneut in Rekordzeit ausverkauft - und zwar ohne, dass ein einziger DJ bekannt war. »Der Unterschied der neuen Elektronikfestivals zu den konventionellen Rockfestivals ist doch der, dass wir ein Erlebnis bieten, es geht uns um Storytelling. Das ist die Seele von Elektronikfestivals.« Er weiß, dass die Besucher zwar hohe Erwartungen an die Qualität der gebuchten Acts hätten und diese dann erfüllt bekämen, dennoch könne man im Grunde jeden einzelnen DJ austauschen, »denn es geht um die Experience beim Festival«.

Dicks erzählt, dass er aus diesem Grund mit dem gesamten Parookaville-Team 2018 zu Rock am Ring gefahren sei. »Dort haben wir gesehen, dass die Leute nur zu ihren jeweiligen Lieblingsbands vor die Bühnen kommen. In den Pausen schienen die Besucher gelangweilt, sie saßen herum und haben Bier getrunken. Bei Parookaville kann man jederzeit tun, was immer man will: Schwimmen im weltweit größten mobilen Swimmingpool, spezielle Postkarten in unserem eigenen Postamt versenden oder sogar heiraten.« Dicks berichtet zudem von »kleinen Überraschungen«, die einen Festivalbesuch perfekt machten. So konnten die Parookaville-Besucher eine im Wald versteckte Telefonnummer anrufen, worauf eine Botschaft eines bekannten Comedians zu hören war.

Auch Max Riedel, Veranstalter des deutschlandweit tourenden Holi Festivals of Colours, weiß, dass er seine sehr junge Zielgruppe zwischen 16 und 22 Jahren, mit einem weibli chen Anteil von 80 Prozent, vor allem über den Erlebnischarakter seiner Veranstaltungen erreicht. »Wir haben keine Headliner. Manchmal sind es sogar lokale Größen, die wir für unsere Festivals engagieren. Die Leute kommen zu uns, weil sie dabei sein wollen und wegen des Gefühls, etwas Einzigartiges zu erleben.« Zugleich richteten sich die Holi-Veranstaltungen an Einsteiger, die später dann auch größere Festivals gehen.

Erlebnisfaktor

Nikki McNeill, Managing Director der Londoner PR-Agentur Global Publicity, weist jedoch darauf hin, dass der Experience-Gedanke schon älter sei und auch nicht nur für die Elektronikfestivals gelte. »Sziget oder Lowlands haben ähnliche Ansätze. Letztlich hilft dieses Konzept allen Festivals, denn es scheint zu stimmen, dass Millennials Erfahrungen teilen und nicht Dinge besitzen wollen.« Die PR-Expertin, die unter anderem für das Amsterdam Dance Event arbeitet, kann zugleich bestätigen, dass der Boom an Festivals mit elektronischer Musik in der Tat ungebrochen sei. Bei dem ebenfalls von ihr betreuten Exit Festival in Serbien habe man in diesem Jahr erstmals die »No Sleep«-Bühne zu einem eigenen Festival ausgebaut, das jüngst stattfand.

»Es gibt anscheinend einen nicht endenwollenden Hunger der Leute nach elektronischen Festivals.« Gerade weil es immer mehr Festivals in dem Segment gibt, wird der Wettbewerb um die großen Namen immer härter. Das räumen auch Dicks und Hardenberg ein. »Man braucht ein großartiges Line-up. denn unsere Besucher verlangen danach. Für uns als international agierender Konzern ist es auch nicht so schwer, die großen Namen zu bekommen, weil wir den DJs immer gleich mehrere Auftritte anbieten können, die dann auch gut in ihre Route passen«, sagt Hardenberg.

Auch Dicks braucht für Parookaville große Namen, aber glücklicherweise sei man in einer Position, bei der man auch einmal nein sagen könne. »So haben wir in diesem Jahr Anfragen von DJ Snake und Marshmello abgelehnt, weil die Vorstellungen des Managements so verrückt waren.« Auch als ein anderer DJ eine Million Dollar Gage für 90 Minuten verlangt hätte, habe man abgelehnt. »Wenn wir das zahlen wollten, müssten wir die Preise noch einmal um zwölf Euro erhöhen - und ein Wochenendticket inklusive Camping bei uns kostet bereits 285 Euro.«

Auch Nature One arbeitet mit bekannten Namen, aber eben nicht mit den ganz großen EDM-Stars. »Das liegt auch daran, dass wir beim Ticketpreis eine anderer Strategie verfolgen als unsere Mitbewerber. Unsere Tickets kosten nur 84 Euro.« Anders als die Corporate-Strukturen von ALDA oder der I-Motion-Mutter Livestyle gehöre Parookaville immer noch den drei Leuten, die es gegründet haben. »Und wir wollen independent bleiben, so schön es auch wäre, mit einem Investor größere finanzielle Sicherheit zu haben. Aber wir befürchten, dass wir dann die Freiheit und die Leidenschaft verlieren könnten, genau das zu tun, was wir wollen.«