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Dossier Publisher: Musikverleger schultern zusätzliche Lasten

02.06.2017 15:55 • von Jonas Kiß
Machte viele Überstunden: Rajk Barthel (Bild: Susen Heyder)

"Ungelogen: Seit dem 15. Januar beschäftige ich mich fast ausschließlich mit dem Thema Verlegerbeteiligung", klagt Grand-H-Musikverleger Hille Hillekamp. Er habe alle seine Autoren kontaktiert, damit sie die Bestätigungen unterschreiben. "Und als wir dachten, wir sind soweit fertig, kommt die GEMA genau zur Verlegerjahrestagung mit ihrer neuen, sogenannten Delta-Liste, die alle Verleger noch mit weiteren Bestätigungen erledigen müssen." Nun aber sei man endlich soweit, bald alles hochladen zu können.

"Ich war sehr oft sehr genervt", räumt Hillekamp ein. "Und vor allem habe ich das Problem, dass ich mich wegen dieser Angelegenheit kaum um meine geliebten kreativen Arbeiten kümmern konnte!" Das sei das eigentliche Problem, betont der Verleger: "Diesen 'Arbeitsausfall' ersetzt mir keiner. Die so entgangenen Einnahmen werden sicherlich vor allem Independent-Verlegern im nächsten Jahr fehlen." Allerdings kann Hillekamp der Aktion auch eine gute Seite abgewinnen: "Ich kam wieder mit einigen Autoren aus früheren Zeiten in Kontakt, und daraus werden sich hoffentlich wieder neue Kooperationen ergeben."

Während Hillekamp zum Beispiel mit Hits aus dem Dance-Bereich Erfolge feiert, vertritt der Edition Roland Musikverlag unter anderem Volks- und Blasmusik oder volkstümlichen Schlager: "Das elektronische Bestätigungsverfahren beschäftigt uns seit sechs Monaten tagtäglich über alle Maßen", macht hier Inhaberin Sabine Meier klar. "Schade nur, dass diese unglaublich vielen Arbeitsstunden und dieses viele Geld in ein Projekt investiert werden müssen, dessen Sinn mindestens fragwürdig ist. Monatelanges, frustrierend mühsames Abarbeiten von endlosen Excel-Tabellen - nein, für kreative Arbeit bleibt uns im Moment kaum noch Zeit", klagt sie.

"Wer lange genug sucht, findet sicherlich auch positive Nebeneffekte: Unsere Urheber-Kontaktdaten sind aktualisiert, alte Musikverlagsverträge entstaubt, wir haben das ein oder andere freundliche Gespräch mit Urhebern oder deren Rechtsnachfolgern geführt und - nicht zu vergessen - das Ganze soll ja eine gute Vorbereitung auf die bevorstehende Umstellung auf ICE sein." Dennoch hat sich bei Sabine Meier Ärger über die Folgen der Gerichtsentscheidung aufgestaut: "Ich hoffe, dass sich irgendjemand die Mühe machen wird, zu berechnen, welcher wirtschaftliche Schaden der Musikverlagsbranche und der GEMA durch das Fehlurteil in Sachen Kramm entstanden ist."

Da man personell "sehr gut aufgestellt" sei und "Top-MitarbeiterInnen" in der Administration habe, "schaffen wir das", gibt sich Rudi Schedler zuversichtlich, Managing Director Schedler Music: "Trotzdem kostet es viel Energie und zieht sich auch rein in den Kreativbereich, wo einige Diskussionen mit Autoren nur über dieses eine Thema zu führen waren und noch sind. Die Autoren verstehen auch nicht, warum die GEMA dies auf einmal benötigt, die Verlage dadurch in einen riesigen Verwaltungsaufwand treibt und somit andere wichtige Aktivitäten ins Stocken geraten", klagt Schedler. Zudem sei die Angelegenheit mit dem Bestätigungsverfahren allein noch nicht abgetan: "Auch das nächste Jahr wird noch sehr viel Verwaltungs- und insbesondere Controlling-Aufwand, die GEMA-Abrechnungen betreffend, anfallen."

Für die Abwicklung hätte sich Schedler ein anderes Verfahren gewünscht: "Aus meiner Sicht hätte die GEMA nach dem Urteil die Autoren befragen können und nur diejenigen den Verlagen mitteilen müssen, welche nicht einverstanden sind. So wurde der Ball den Verlagen zugespielt und manche fragen sich, ob sie bestimmte Rechte nicht gleich selbst künftig gemeinsam wahrnehmen lassen sollen." Das würde einzelnen Autoren egal sein, "aber sicher nicht der GEMA", warnt Schedler. "Trotzdem hoffen wir auf ein Happy End für alle Beteiligten."

Erhebliche Belastungen für die Verlage

Von einem "erheblichen Arbeitsaufwand im administrativen Bereich" durch das Verfahren berichtet auch Jens-Markus Wegener, Managing Director Imagem Music. "In unserer Verlagsgruppe leiden vor allem die Kollegen von Boosey & Hawkes unter dieser Mehrbelastung. Neben den fast tausend Briefen, die an E-Musik-Komponisten oder Erbengemeinschaften verschickt werden mussten, hat auch die Nachbearbeitung viel Zeit in Anspruch genommen."

Im Pop- und Rockmusikbereich von Imagem Music sei dieser Aufwand "deutlich geringer" ausgefallen, sagt Wegener: "Nichtsdestotrotz sind die Downloads der verschiedenen Kataloge, deren Bearbeitung und danach der Upload nur mit unglaublicher Kraftanstrengung zu bewältigen. In unserer Firmengruppe sind damit seit Wochen zwei Personen fast permanent beschäftigt." Wegener streicht zudem einen Nebeneffekt des Verfahrens heraus: "Erschreckend war die Erkenntnis, dass die von der GEMA zur Verfügung gestellten Listen in nicht geringem Maße fehlerhaft waren. Es scheint fast so, als ob hier die Verleger unter dem Deckmäntelchen des 'notwendigen' elektronischen Bestätigungsverfahrens so ganz nebenbei die mangelhafte GEMA-Datenlage auf eigene Kosten korrigieren, um dann die Migration der GEMA-Daten beim Übergang in ICE einigermaßen glimpflich vonstatten gehen zu lassen." Wegeners Schlussfolgerung: "Wäre die GEMA 'nur' ein Dienstleister, würde ich mir für diese Zusatzarbeiten der Verleger einen Teil der Kosten zurückerstatten lassen."

Beim Musikverlag Kick-The-Flame habe man "zum Glück ein enges und gutes Verhältnis zu unseren Autoren", weiß Rajk Barthel. "Aber der zusätzliche Admin-Aufwand ist trotzdem enorm und bringt uns durchaus an die Belastungsgrenze, gerade weil wir den Anspruch haben, weder das Tagesgeschäft noch den Kreativbereich zu vernachlässigen."

Laut Barthel bedeute das "viele Überstunden" und "höhere Kosten durch temporäre Verstärkungen im Team". Dennoch sei er zuversichtlich, "bald zum regulären Takt zurückzukommen", sagt Barthel, fügt aber an: "Was uns besonders stört: Nicht nur die Verlage, sondern auch die GEMA muss nun über mehrere Monate hinweg viele zusätzliche Arbeitsstunden in das elektronische Bestätigungsverfahren stecken, die entsprechend nicht mehr für die Arbeit an ICE und anderen wichtigen Zukunftsthemen, aber auch nicht für das Tagesgeschäft zur Verfügung stehen."

Auch die Urheber hätten verspätete und nicht vollständige Ausschüttungen in Kauf nehmen müssen: "Die Verteilung der YouTube-Gelder verschiebt sich um mindestens ein Jahr. Der Piratenpolitiker Bruno Kramm mag sein Ziel, den Verteilungsplan der GEMA formaljuristisch zu kippen und die GEMA zu zerschlagen, nicht erreicht haben. Aber der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm und in seinem Umfang noch längst nicht absehbar."

Dazu kommt laut Barthel, "dass es nach wie vor auch Rechtsunsicherheiten für Autoren" gebe: "Der Begriff Verlegerbeteiligung verdeckt die Problematik, dass auch Urheber in bestimmten Konstellationen eigentlich nicht für die Zeit bis zur Verwertungsgesellschafts- Novelle an den Ausschüttungen beteiligt werden dürften, sollte das Kammergerichts-Urteil Bestand haben."

Neben den unabhängigen Musikverlegern hatten auch die Publishing-Arme der internationalen Musikkonzerne zu kämpfen: "Das elektronische Bestätigungsverfahren ist in der Tat eine große Herausforderung für die Verleger", bestätigt zum Beispiel Markus Wenzel, President Universal Music Publishing Germany. "Wir bei UMP haben uns in der Administration und im Legal-Bereich temporär personell verstärkt, um die Aufgabe ohne Beeinträchtigung des Daily Business zu meistern." Der Kreativbereich sei somit "weitestgehend entlastet" und könne "ungehindert arbeiten", berichtet Wenzel.

"Das elektronische Bestätigungsverfahren als Folge des GEMA/Kramm-Urteils bedeutet für unsere Verlagsgesellschaften einen immensen administrativen und zeitlichen Aufwand, und ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Mitarbeiterinnen der Administration für ihren bisherigen tollen Einsatz bedanken", sagt Markus Hedke-Wontka, Executive Vice President Warner/Chappell Music. "In erster Linie wirkt dieses Urteil ja auf einen beschränkten Zeitraum in der Vergangenheit und durch die Änderung des Verwertungsgesellschaftengesetzes sind wir auch wieder berechtigt, unsere Vergütungen aus zum Beispiel Konzerten, Radio und Fernsehen direkt über die GEMA zu kassieren", fasst Hedke zusammen.

"Neben der wichtigen weiteren Abwicklung der Vergangenheit wollen und müssen wir auch in die Zukunft schauen", blickt er voraus: "Hier müssen wir für unsere Autoren, deren große Mehrheit übrigens die möglichen Folgen des GEMA/Kramm-Urteils ablehnt und uns unterstützt, weiterhin ein verlässlicher Partner auch in kreativen Fragen sein. Wir sehen uns daher gestärkt, und wir bauen unsere kreative Arbeit in den nächsten Monaten kontinuierlich aus." Ein wichtiger Schritt dazu sei Warner/Chappell bereits mit der Eröffnung des Berliner Büros gelungen, lässt der Verlagsmanager wissen.

"Glücklicherweise haben wir aufgrund unserer Struktur und unserer Erfahrung eine Resilienz für diese Situationen aufbauen können", kann Patrick Strauch berichten, Managing Director Sony/ATV Music Publishing Germany. "Während unsere Administration und Business Affairs sicherlich (zu) viel Zeit in den für uns richtigen Umgang mit dem elektronischen Bestätigungsverfahren investieren, sind die Teams aus den Abteilungen A&R/Creative und Synch davon gar nicht betroffen."

Laut Dominique Kulling, Geschäftsführerin BMG GSA, bedeute das Verfahren "einen massiven Aufwand und fordert erhebliche Ressourcen im administrativen und rechtlichen Bereich - insbesondere für die Verlage, aber eben auch für die Autoren." Aber auch der Kreativbereich sei teils beeinträchtigt und müsse sich damit auseinandersetzen und den Ablauf unterstützen. "Wir sind sehr erfreut und dankbar über die große Unterstützung und Kooperation unserer Autoren, um dieses Verfahren so schnell und reibungslos wie möglich durchzuführen, und freuen uns alle auf einen zeitnahen Abschluss."

Das elektronische Bestätigungsverfahren habe "über einen Zeitraum von mehreren Wochen in der Tat einen erheblichen Mehraufwand" bedeutet, macht 41065-Musikverleger Oliver Alexander klar: "Zeit und Energie, die ich sicher kreativer hätte verwenden können." Laut Alexander kursierten auch "sehr unterschiedliche Meinungen" zum Procedere oder zu Fristen.

"Als noch relativ junger - das heißt seit rund einem Jahrzehnt tätiger - Indie- Verleger stehe ich zum Glück in gutem persönlichen Kontakt zu nahezu allen 41065-Autoren, so dass es zwar Erklärungsbedarf gab, aber keine Zweifel oder Vorbehalte zur Verlegerbeteiligung an sich", sagt Alexander. "Niemand hat seine Unterschrift verweigert - was die vielen, vielen Stunden Arbeit fast noch unnötiger erscheinen lässt, da alles so weiter gehandhabt werden kann wie bereits bisher." Nun aber will er sich wieder anderen Schwerpunkten widmen: "Auch dank der sehr engagierten Unterstützung meiner Administratorin Alisa Wessel ist das Thema in diesen Tagen bei mir endgültig abgeschlossen und erledigt."

Das Verfahren sei "natürlich das genaue Gegenteil von 'kreativ'", kritisiert Fredrik Nedelmann, General Management Freibank Musikverlagsgesellschaft. Kreativ sei es nur in der Hinsicht, "dass die GEMA ein Problem, das ihres ist, zu einem Problem namens 'Verlegerbeteiligung' gemacht hat. Verklagt worden sind vor dem Kammergericht Berlin nicht die Verlage, sondern die GEMA, und das Urteil greift ihren Verteilungsplan an, nicht die Beteiligung der Verleger." Natürlich binde das Verfahren auch bei Freibank Mitarbeiter, "die sonst sicherlich sinnvolleres und auch kreatives" zu tun hätten. "Aber nicht nur in dieser Hinsicht sind die Schäden und Verluste dieses - auf Grundlage einer Fehlentscheidung - geforderten Verfahrens noch gar nicht abzusehen: Nicht nur mit Verunsicherung, auch mit Vertrauensverlusten der Autoren und ausländischen Verlagspartner gegenüber der GEMA haben wir zu tun und diese bestmöglich auszugleichen."

Es sei zudem "nach wie vor unklar, welche im Zuge des Verfahrens der GEMA gegenüber abzugebende Erklärungen welche Langzeitfolgen haben werden", sagt Nedelmann. "Mehr oder weniger tägliche Abänderungen, Konkretisierungen und Erweiterungen - Stichwort 'Delta-Listen' - des Verfahrens durch die GEMA werfen immer neue Frage auf und hindern an der Rückkehr zu einer den Künstlern und uns geschuldeten, aktiven und kreativen Arbeit."