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Dossier: Verliert Comedy an Strahlkraft?

03.03.2017 16:17 • von Jonas Kiß
Tritt vor ausverkauften Häusern auf: Comedy-Star Luke Mockridge bei seiner "I'm Lucky, I'm Luke"-Tour (Bild: Brainpool/Willi Weber)

"Der Umbruch ist tatsächlich massiv vorhanden", sagt Wolfgang Teschner, Geschäftsführer Panta Management und Manager des überaus erfolgreichen Comedians und Puppenspielers Sascha Grammel. Er pflichtet bei, dass die Gründe für diesen Umbruch in kleiner werdenden TV-Flächen und Digitalisierung zu suchen sind. "Besonders im Bereich der Bildtonträger macht die Digitalisierung den allermeisten Acts sicher zu schaffen. Durch die fehlenden TV-Flächen ist es aber ebenso relativ schwer geworden, den guten Nachwuchs an das Publikum heranzuführen."

Zwar helfe die digitale Welt auch beim Aufbau von neuen Künstlern, doch sei dies gerade für Nachwuchs ein sehr langfristiges Unterfangen, betont Teschner. "Es wird also drauf ankommen, auf welche Art in Zukunft Comedy überhaupt an die Frau und den Mann gebracht werden kann. Welche Wege sind erfolgversprechend ? Streaming? YouTube? Netflix? Die harte Tour durch Live-Clubs?"

Er ist sich sicher, dass es ganz ohne Fernsehen auch in absehbarer Zukunft nicht gehen werde. Dabei könnte Teschner entgegen kommen, dass eingeführte Formate wie etwa die WDR-Sendung "Nightwash" auch in diesem Jahr fortgeführt wird. Am 2. März läuft die erste Folge der 19. Staffel der mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichneten Show. Die Nachfolge von Luke Mockridge übernimmt die Entertainerin Tahnee Schaffarczyk. Kritisch bleibt Teschner jedoch bei der Art und Weise, wie die TV-Sender Comedyprogramme zeigen.

"Hier ist immer wieder ein großer Fehler zu beobachten, der auch ganz sicher mit ein Grund für den bisherigen Rückgang im Bereich Bildtonträger ist. Wenn Comedy-Soloprogramme im Fernsehen gesendet werden, so zeigen diese in der Regel immer das gesamte Programm - aber keinen Best-of-Zusammenschnitt. Wo soll denn dann der Anreiz liegen für eine größere Käuferschicht, eine DVD zu kaufen oder das Programm zu streamen?"

Rückgänge digital kompensieren

Sandra Bromba, Head of Spassgesellschaft bei der Sony Music Commercial Division Sony Music, streicht indes das Potenzial heraus, das in der Digitalisierung liegt: "Der Wunsch nach Comedy-Unterhaltung ist nach wie vor ungebrochen. Die größte Herausforderung ist es, die fehlende TV-Fläche und den abnehmenden physischen Markt für unsere Künstler mit digitalen Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime Video aufzufangen."

Dennoch seien auch im klassischen DVD-Bereich noch Erfolge möglich, fügt Bromba an, die im August 2016 die Nachfolge von Felix Roth bei Spassgesellschaft angetreten ist. Sie verweist auf den "Durchstarter" Luke Mockridge, der mit seiner im November veröffentlichten DVD "I'm Lucky, I'm Luke" auf Gold-Kurs stehe. "Nach und nach schaffen unsere digitalen Partner neue Flächen: Wir sind hier unter anderem bereits mit Teddy Teclebrhan, Harry G und den Ehrlich Brothers platziert. Die Möglichkeiten des Comedy-Sektors sind im Digitalbereich und insbesondere im Streaming sicher noch längst nicht ausgeschöpft." Kritisch sieht sie jedoch, dass komplexe Rechtesituationen von TV-Sendern und Auftragsproduzenten es der Comedy-Branche oftmals erschwerten, die Künstler und ihre Inhalte in möglichst vielen Formaten stattfinden zu lassen - seien es physische Produkte, Downloads oder auf Streamingplattformen.

Zudem kann sie mit einem positiven Beispiel aufwarten. "Dass Comedy auch in diesen Zeiten des Umbruchs Erfolge feiert, zeigt der Entertainer Jean Pierre Kraemer: Mitte 2016 haben wir den 36-Jährigen bei der Spassgesellschaft unter Vertrag genommen, im Spätherbst spielte er seine erste Live-Show in seiner Heimatstadt Dortmund - innerhalb kürzester Zeit war die Westfalenhalle mit 9000 Plätzen ausverkauft."

Den Wandel in der Comedyvermarktung sieht auch Thore Vollert, Director of Marketing & Acquisitions bei Studio Hamburg: "Auch wenn Comedy im klassischen Sinne nicht unser Kerngeschäft ist, spüren wir den Wandel im Bereich der TV-Serie natürlich auch. Das Anbieten von hochwertigen Produkten für Fans sowie eine konsequente, umfassende Markenführung wie beispielsweise bei unseren sehr bunt gemischten Comedy-Bestsellern ,Neues aus Büttenwarder', ,Rick & Morty' oder auch ,Der Tatortreiniger' sorgen jedoch noch immer für eine besondere Wahrnehmung des physischen Produkts."

Entsprechend positiv ist seine Prognose: "Lachen ist Herzensangelegenheit, daher sind wir positiv gestimmt, dass Fans ihre Programme auch künftig gerne sammeln, anfassen und sich physisch ins Regal stellen wollen werden."

Physische Produkte bleiben wichtig

Alexander Stelkens, Geschäftsleitung des Kölner Anbieters WortArt, analysiert, dass der Wandel im Comedygeschäft nicht nur diesen Bereich betrifft: "Meiner Meinung nach gibt es keinen exklusiven Umbruch im Comedysegment, sondern in der Ausrichtung der Tonträgerindustrie und in der ganzen Entertainment-Branche." Er merke bei vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, die Unsicherheit, weil keiner wisse, wie sich die Märkte entwickeln werden - egal um welche Inhalte es sich handele.

"Ob Streaming die Umbrüche auffangen kann, ist noch abzuwarten. Die jüngsten Zahlen zeigen eigentlich, dass wir alle noch lange auf physische Produkte und Downloads angewiesen sind. Deshalb sollten wir diese Formate schützen, indem man sich beispielsweise für eine deutliche Anhebung der monatlichen Streamingabopreise einsetzt. Ein Download für 7,99 Euro oder eine CD für 11,99 Euro würden dann wieder mehr Käufer finden und wichtige Partner für die Auswertung unserer Inhalte stützen."

Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine andere Entertainmentsparte: "Die Games-Industrie verkauft heute noch ihre artverwandten Produkte für traumhaft hohe Preise und findet damit reißenden Absatz. Müsste das nicht gerade die Majorfirmen nachdenklich machen, ob sie wirklich den optimalen Auswertungs- und Preismix für ihre und damit auch für unsere Inhalte gefunden haben? Wir haben uns jedenfalls darauf eingestellt, indem wir einige neue Produktkategorien entwickelten, um für jeden Auswertungsweg das Passende anbieten zu können."

Als Repräsentant eines Majors betont Benjamin Wahlert, Head Of Special Projects/Senior Product Manager Polydor/Island bei Universal Music: "Für uns als Marktführer im Musik- und Tonträgergeschäft ist natürlich auch Comedy ein wichtiges Marktsegment." Der Bereich sei schon lange Teil des Universal- Portfolios und entsprechend tief in den Labelstrukturen verankert. "Viele große Künstler dieses Genres verlassen sich auf uns bei der Vermarktung ihrer Werke, darunter zum Beispiel Sascha Grammel, der gerade erst sein neues Programm 'Ich find's lustig' mit uns veröffentlicht hat."

Wahlert erklärt, dass Universal Music die eigenen Künstler häufig auch multidimensional betreue, das heißt, dass man nicht nur innovative Produkte für den physischen und digitalen Markt entwickele, sondern zum Beispiel auch das Merchandising übernehme oder Ideen für Liveshows in die Partnerschaft einbringe. "Universal Music verfügt über langjährige Erfahrungen im Artist Development und über ein riesiges Marketing- und Vertriebsnetzwerk. Mit diesen Assets schaffen wir auch für unsere Comedy-Künstler ein optimales Umfeld, in dem sie sich erfolgreich entwickeln können."

Im Hause MTS Live, wo man jüngst eine ausverkaufte Tournee der einstigen Monrose-Sängerin und heutigen YouTube-Stars Senna Gammour feierte, sei man für die voranschreitende Digitalisierung und die daraus resultierenden Änderungen der Rahmenbedingungen sensibilisiert, erläutert Ralf Ehrhardt, einer der drei Geschäftsführer von MTS Live in Münster.

"Dementsprechend nutzen wir die sich beinah wöchentlich neu ergebenden digitalen Möglichkeiten offensiv - auch, um dadurch schwindende TV-Flächen zu kompensieren oder dem sich ändernden medialen Konsumverhalten Rechnung zu tragen." Gleichzeitig bringe die digitale Welt ganz eigene, neue Themen hervor, die wiederum auch auf den Bühnen der analogen Welt erfolgreich funktionieren, wie es das Beispiel Senna Gammour zeige. Als Veranstalter weiß Ehrhardt: "Die größte Herausforderung ist es also, stets dran zu bleiben und die neuen Möglichkeiten und Trends in eine erfolgversprechende Strategie für unser Geschäft zu übersetzen."