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O-Ton Josefine Cox: "Primär sind die Projekte"

29.04.2016 10:29 • von Jonas Kiß
Setzt auf Vertrauensbildung, Glaubwürdigkeit und Transparenz: Josefine Cox (Bild: Musik Bewegt)

Seit wann gibt es Musik Bewegt?

Wir sind gestartet mit der Organisationsgründung im April 2015. Die Gemeinnützigkeit bekamen wir dann im Oktober. Im Dezember 2015 sind wir mit der Plattform online gegangen, mit einem "leisen Lounge". Das heißt, wir haben es nicht an die große Glocke gehängt.

Wie ist die Idee entstanden?

Wir alle waren uns einig: In Musik steckt so viel Potenzial und emotionale Kraft. Wenn ein Künstler auf der Bühne steht und seine Fans motiviert, indem er sagt: Wenn jeder von Euch einen Euro gibt oder 50 Cent oder seine Pfandflaschen zurückgibt, dann kriegen wir viel zusammen und können so viel damit bewegen. So kam die Idee zustande. Letztendlich geht es bei der Plattform primär um die sozialen Projekte - und nicht, dass sich die Künstler in den Vordergrund stellen und das als Marketingtool oder ähnliches nutzen. Sondern darum, dass die Projekte mehr Aufmerksamkeit bekommen und viel mehr Unterstützer.

Wie kam es zum Kontakt mit den Künstlern?

Wir sind auf die Künstler zugegangen. Uns war wichtig, dass Musiker aus allen Genres dabei sind von Rock, Pop, Punk, HipHop bis Jazz und Klassik. Wir möchten eine Plattform und Anlaufstelle sein für Musiker, die sich sozial engagieren, für Unterstützer und Hilfsorganisationen. Gleichzeitig aber auch eine Maschine, die wir Künstlern zur freien Verfügung stellen, um auf ihre Herzensprojekte aufmerksam zu machen. Es ist eine enorme Bandbreite von Projekten - von Trauertherapie oder Musiktherapie, Unterstützung für Flüchtlinge oder für Tierschutz, und vieles mehr. Wir gehen auf die Künstler zu und fragen, ob und welches soziale Engagement sie bereits unterstützen, und auf unserer Plattform kann es dann transparent vorgestellt werden und aufgezeigt werden, was mit der Spende passiert. Oder die Künstler sagen: Ich würde gerne etwas tun, habe aber noch gar kein soziales Engagement. Dann können wir Vorschläge machen. Wir fragen wirklich spezifisch ab: Soll das international sein oder national oder ein regionales Projekt? Wollt Ihr da selbst vorbeischauen? Was liegt Euch wirklich am Herzen?

Was ist die Zielsetzung von Musik Bewegt?

Ziel ist, dass wir die Künstler, die Unterstützer und die Projekte zusammenbringen. Das gemeinsame Element ist die Musik: Dass Musiker inspiriert werden von Projekten, die sie bewegen. Dass die Fans bewegt sind von der Musik, aber auch die Projekte gut finden, sich über sie informieren, sehen, welche enorme Anstrengungen geleistet werden überall auf der Welt, ihren Horizont erweitern. Und das Verbindende geschieht dabei oft ohne Worte über die Musik. Und das möchten wir nutzen. Schön wäre, wenn man mit dieser Plattform eine Bewegung anstoßen könnte, dass Menschen sich mehr Gedanken machen, mehr Empathie füreinander entwickeln, sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Dass das Miteinander eine wichtigere Bedeutung findet. Wenn vielleicht auch erstmal nur in der Form, dass jemand sagt: Ich habe zwar kein Geld zum Spenden, aber kümmere mich mehr um die alte Dame in der Nachbarwohnung.

Wie wollen sie ihre Botschaft verbreiten?

Nützlich sind die Social-Media-Kanäle. Sobald etwa ein Künstler etwas zu einem Projekt postet, geht die Aufmerksamkeitsspanne auch bei uns auf der Seite hoch und Leute spenden. Und selbst, wenn es Kleinstbeträge sind. Auch eine Ein-Euro-Spende kann etwas bewegen. Es geht nicht um wenige einzelne, die viel spenden, sondern um viele kleine Spenden, die etwas bewirken können. Ein gutes Beispiel ist ein Tätowierladen in Leipzig, jeden Freitag spendet der seine Einnahmen für ein Projekt der Fantastischen Vier. Gleichzeitig postet er das auf seiner Seite und motiviert wiederum seine Kunden und andere Menschen. So ist das wie ein Schneeballsystem, dass Menschen auf Dinge aufmerksam werden.

Wie bringen sich die Musiker konkret ein?

Die Künstler sind meistens selbst mal vor Ort gewesen und sammeln Spenden - auch unabhängig von Musik Bewegt. Die Fantastischen Vier sind bei der "Counter Speech Tour" für Laut gegen Nazis persönlich dabei. Peter Maffay hat eine eigene Stiftung und weiß, was mit dem Geld passiert. Revolverheld haben ein eigenes Projekt mit den SOS Kinderdörfern und sind da auch vor Ort. Rolando Villazón ist stark involviert mit den Clowndoktoren. Oder Wolfgang Niedecken, der in Afrika bei den Kindersoldaten war. Die Künstler, die als Botschafter fungieren, sind für die Fans eine Art Vorbild.

Wie entwickelt sich die Zahl der Künstler?

Die wächst. Neu dabei sind jetzt Silbermond oder Kontra K. Manche der angefragten Künstler denken erst, man will die vor einen Karren spannen und ihren Namen nutzen. Aber so ist das nicht. Wir wollen, dass das eine Gemeinschaft wird, eine Anlaufstelle, wo Künstler ihr soziales Engagement vorstellen und das Projekt noch mehr Unterstützer findet. Dass Künstler sich in dieser Form gemeinsam auf einer Plattform zusammentun, ist neu, wunderbar und ein tolles Signal.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir finanzieren uns als gemeinnützige GmbH durch Förderer, die wir angefragt haben, unter anderem durch die GVL, und auch CTS Eventim haben wir für diese gute Sache gewinnen können. Wenn zum Beispiel Andreas Bourani ein Ticket über CTS Eventim verkauft, gibt es einen Link zu seiner Künstlerprofilseite, wo sein soziales Projekt vorgestellt wird, und die Menschen können dort auch spenden. Die Spender erhalten für jede Spende auch eine Spendenbescheinigung, die sie steuerlich geltend machen können. Ein anderer Förderer ist die Vodafone Stiftung Deutschland.

Wie entwickeln Sie die Webseite weiter?

Es wird auf der Startseite und den Unterseiten einen Neuigkeitenbereich geben, wo die Organisationen berichten können, wenn zum Beispiel eine Spende vollständig ist, und man melden kann, wo das Geld angekommen ist: Wir haben einen Brunnen gebaut, oder wir haben eine Tafel und zehn Stühle kaufen können und hier ist der Beweis dafür - dass man den Spendern transparent macht, was mit der Spende wirklich passiert. Auch sollen hierüber Aktionen vorgestellt werden.

Was planen Sie in Sachen PR?

Uns ist wichtig, dass wir glaubwürdig und vertrauensvoll wachsen können und nicht mit Hauruckaktionen Kampagnen fahren. Interviews wie dieses mit MusikWoche sind hilfreich. Wir waren auch gerade bei Flux FM, bei Radiosendern wollen wir längerfristig auch Aktionen starten, und wir wollen auch bei Konzerten in Erscheinung treten.

Schweben Ihnen auch Veranstaltungen in der Art vor wie das Charity-Dinner, dass es lange im Echo-Umfeld gab?

Das Galadinner war lange Zeit eine spezielle Sache. Wenn wir so etwas machen würden, würde ich gerne ein neues Konzept vorschlagen. Wäre es nicht viel motivierender und glaubwürdiger, dass etwa jeder, der gespendet hat, zu einem Charity-Abend eingeladen wird, und der Türsteher ist vielleicht Herbert Grönemeyer oder die Kellnerin Annett Louisan? Möglicherweise gibt es vielleicht irgendwann ein Musik Bewegt Festival, wo Künstler spielen, aber auch Spender, geflüchtete Menschen oder Projektverantwortliche eingeladen werden. Wir wollen auch auf Panels und Branchenkonferenzen dabei sein.

Wäre da das Reeperbahn Festival interessant?

Das wäre denkbar. Oder Präsenz beim Kulturforum oder bei der Deutschen Welle, die im Juni ein Panel veranstaltet. Erst soll die Musikbranche über uns erfahren. Die Endkunden erreichen wir eher über die Künstler. Wenn die Künstler selbst über die Projekte posten, hinter denen sie stehen, ist das glaubwürdiger, als wenn wir große Kampagnen fahren.

Zur Person

Nach dem Studium in International Business Management an der Cardiff University arbeitet Josefine Cox mehr als zehn Jahre in verschiedenen Design- und Strategieagenturen als Account Director und Brand Consultant. 2014 gründet sie die Design-Management- und Beratungs-Agentur JCOX.de. Sie hält zudem Vorträge und doziert im Bereich Service Design, Digital Brand & Customer Experience und Design Thinking. Gemeinsam mit Till Behnke, Frank Briegmann, Herbert Grönemeyer und Jörg A. Hoppe gründete Josefine Cox als geschäftsführende Gesellschafterin die Musik Bewegt Stiftung gGmbH. Für die Online-Spendenplattform entwickelte sie mit einem kleinen Kreativteam die Strategie und das Design-Konzept