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Musikwirtschaft lässt für Studie die Hosen herunter

Zum Auftakt des Reeperbahn Festivals stellten zahlreiche Verbände mit der Studie "Musikwirtschaft in Deutschland" eine Erhebung vor, die ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen Bedeutung des Musikgeschäfts zeichnen soll - von der Musikindustrie und den Musikverlagen über das Livegeschäft bis hin zum Musikalienmarkt und dem Musikunterricht.

24.09.2015 13:08 • von
Präsentierten das Zahlenwerk der Musikwirtschaftsstudie beim Hamburger Musikdialog im Vorfeld des Reeperbahn Festivals (von links): Carsten Brosda, Jörg Heidemann, Wolfgang Seufert, Florian Drücke, Moderator Jan Hendrik Becker, Jens Michow, Daniel Knöll und Lars Ingwersen (Bild: MusikWoche)

Zum Auftakt des Reeperbahn Festivals stellten zahlreiche Verbände mit der Studie "Musikwirtschaft in Deutschland" eine Erhebung vor, die erstmals branchenübergreifend ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen Bedeutung des Musikgeschäfts zeichnen soll - von der Musikindustrie und den Musikverlagen über das Livegeschäft bis hin zum Musikalienmarkt und dem Musikunterricht.

"Vorher hatten wir keine verlässlichen Daten", sagte Carsten Brosda als Bevollmächtigter des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg für Medien bei der Präsentation der Studie am 23. September 2015 im Hamburger Rathaus. Man habe aber eine gemeinsame Basis benötigt, um zum Beispiel beim Hamburger Musikdialog, der den Anstoß zu der Erhebung gab, "belastbar miteinander reden zu können". Brosda verwies auf die Zusammenarbeit der Organisationen der Musikwirtschaft und darauf, dass dieser Schulterschluss nun dabei helfen könne, gegenüber der Politik Argumente zu liefern, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen für die Musikwirtschaft zu verbessern.

Denn tatsächlich kommt die Studie zu interessanten Ergebnissen: "Die Musikwirtschaft wurde - auch von mir - nicht so groß wahrgenommen, wie sie tatsächlich ist", räumte denn auch Prof. Dr. Wolfgang Seufert vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena (IfKWJ) bei der Präsentation des von ihm erhobenen Zahlenwerks ein. Die Untersuchung beziffert die Bruttowertschöpfung der Musikwirtschaft für 2014 auf rund 3,9 Milliarden Euro und damit mehr als die Filmwirtschaft - "das hat mich wirklich überrascht" - erwirtschaftet von 127.000 Erwerbstätigen. Die Studie verweist auf rund 6,7 Milliarden Euro, die Konsumenten im Jahr 2014 für Musikveranstaltungen, Tonträger, Downloads, Musikalien und Instrumente sowie für Musikunterricht ausgegeben haben; rund fünf weitere Milliarden Euro flossen zudem in Reiseaktivitäten mit musikalischem Hintergrund. Mehr zu den ersten Ergebnissen der Studie lesen Abonnenten in MusikWoche, Heft 40/2015, im livepaper oder die Studie zum Download gibt es hier (BVMI) oder hier (VUT).

Seufert vermutet, dass die Musikwirtschaft in ihrer Bedeutung von der Öffentlichkeit deswegen nicht erfasst wird, weil sie aus vielen kleinen Firmen und "Microunternehmen" bestehe. An der Umfrage, auf der die Studie unter anderem beruht, hätten sich bei einer Rücklaufquote von 18 Prozent rund 1300 Unternehmen beteiligt, die zusammen rund die Hälfte des Umsatzvolumens der Branchen abbilden würden.

"Wir lassen hier die Hosen runter", sagte Lars Ingwersen vom Deutschen Musikverleger-Verband bei der anschließenden Fragerunde. Die Studie zeige, wo Umsatz- und Gewinnpotenziale liegen, aber auch, welche Kosten hier entstehen. "Für uns ist diese Studie eine Standortbestimmung." Denn die Daten des Statistischen Bundesamts zur Musikwirtschaft "stimmen hinten und vorn nicht". Mit "Musikwirtschaft in Deutschland" liege nun eine Basis vor, "der wir vertrauen können".

Zuvor hatten die Repräsentanten der beteiligten Verbände reihum der Hansestadt Hamburg und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gedankt, die die Studie mit jeweils rund 25.000 Euro gefördert und somit zusammen rund die Hälfte der anfallenden Kosten getragen hatten. Die andere Hälfte trugen als Auftraggeber der Studie die Verbände und Organisationen der Musikwirtschaft: der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT). der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft (bdv), der Verband der Deutschen Konzertdirektionen (VDKD), der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV), die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), die LiveMusikKommission sowie die Society Of Music Merchants (SOMM).

Jens Michow (bdv) nannte das Ausmaß der Reisetätigkeit, von dem die Städte profitieren würden, eine der wesentlichen Aussagen der Studie. Florian Drücke (BVMI) lobte die partnerschaftliche Zusammenarbeit der beteiligten Unternehmen und Wettbewerber in einer Branche, die nicht in dem Ausmaß gefördert werde wie die Filmwirtschaft und ohne ein Instrument wie die Buchpreisbindung auskommen müsse. Er hoffe darauf, dass die nun vorliegenden Zahlen auch bei der Diskussion ums Urheberrecht oder die aktuelle Debatte um den durchgesickerten Entwurf zum Urhebervertragsrecht helfen können.

Jörg Heidemann (VUT) bezeichnete die Studie als eine "endlich zeitgemäße Erfassung der Musikwirtschaft in ihrer Gesamtheit" und forderte, dass eventuelle Fördermaßnahmen die kleinteilige Struktur der Branchen berücksichtigen sollten. Daniel Knöll (SOMM) verwies schließlich auf die Bedeutung des aktiven Musizierens, denn ohne diese Art der Bildung werde auch in der Musikwirtschaft "nicht mehr viel passieren".