Medien

Öffentlich-Rechtliche lavieren zwischen Quote und Kulturauftrag

Das Echo-Umfeld nutzten die Vertretung der Hansestadt Hamburg beim Bund, die Hamburger Kulturbehörde und das Reeperbahn Festival, um in Berlin ein bisschen Standortpolitik zu machen. Zum zweiten Mal veranstalteten sie unter dem Motto "Reeperbahn Festival - Echo Edition" einen Branchentreff mit Podiumsgespräch.

04.04.2013 14:40 • von Manfred Gillig
Hamburger treffen Berliner (von links): Dieter Gorny (Bundesverband Musikindustrie) Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Kultursenatorin Barbara Kisseler, Bernd Dopp (Warner Music) und Staatsrat Wolfgang Schmidt (Bild: MusikWoche)

Das Echo-Umfeld nutzten die Vertretung der Hansestadt Hamburg beim Bund, die Hamburger Kulturbehörde und das Reeperbahn Festival, um in Berlin ein bisschen Standortpolitik zu machen. Zum zweiten Mal veranstalteten sie unter dem Motto "Reeperbahn Festival - Echo Edition" einen kleinen, aber feinen Branchentreff mit Podiumsgespräch. Es drehte sich um "Musik in der Medienkrise".

Das Thema birgt Stoff für mehrere Diskussionsrunden. Und daher waren die Hanseaten klug beraten, das hochkarätig besetzte Panel sozusagen zweizuteilen. So sprachen Mark Löscher, Geschäftsführer der Hörstmann Unternehmensgruppe (HUG) (Melt!, "Intro"-Magazin, putpat.tv), Sebastian Zabel, Chefredakteur des "Rolling Stone", und Michael Brycz, Managing Director Warner Music Central Europe, über die Veränderungen im Printsektor, die mit der Digitalisierung einhergehen und sich auch auf die Art der Zusammenarbeit zwischen Medien und Musikfirmen auswirken.

Man schlussfolgerte: Der Aufwand bei den Medien ist dramatisch gestiegen, weil sie die Digitalisierung vorantreiben müssen (Löscher); Musikjournalismus findet nicht nur in der Musikpresse statt (Brycz); Popjournalismus steckt nicht in der Krise, höchstens die Darreichungsformen (Zabel); zwar wurden die Ausgaben der Musikfirmen für Printmedien zurückgefahren, nur Internet und Social Media alleine reichen aber nicht (Brycz). Woraufhin Prof, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie, festhielt, man dürfe eben Inhalte und deren Transportwege nicht gleichsetzen; man müsse "den Menschen die Musik dort geben, wo sie sie haben wollen".

Ins selbe Horn stieß Patricia Schlesinger, die Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR Fernsehen: "Wir müssen die Jugend im Netz ansprechen, wenn es um Förderung von neuer Musik geht." Damit waren die Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Dieter Gorny jedoch weitgehend erschöpft.

Patricia Schlesinger und Gorny gehörten zur zweiten Fraktion des Panels, die über den schwindenden Stellenwert der Musik in Funk und Fernsehen debattierte - weitere Mitglieder dieser Abteilung: Oke Göttlich, Geschäftsführer finetunes und Vorstandsvorsitzender des VUT - Verband unabhängiger Musikunternehmen, sowie Jochen Rausch, stellvertretender Hörfunkdirektor Westdeutscher Rundfunk (WDR) und Programmchef 1Live. Gleich zum Auftakt der Diskussion griff Moderator Jan Hendrick Becker ein Zitat von Dieter Gorny auf, der Anfang des Jahres im "Handelsblatt" einen neuen Fernsehkanal für die Jugend gefordert habe.

Gorny nutzte die Gelegenheit zur Richtigstellung, wie er es schon zuvor im Interview mit MusikWoche getan hatte: Das sei verkürzt wiedergegeben worden, sagte er. Aber: "Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen Generationenabriss, das Durchschnittsalter der Zuschauer liegt über 60, und ich glaube, dass das, was in den digitalen Kanälen wie Eins Plus oder ZDF Kultur passiert, sehr spannende Ansätze sind, um diesem Generationenabriss zu begegnen." Er glaube jedoch nicht, "dass ein Jugendkanal, also eine Verlängerung des KiKa nach irgendwohin, auch nur im Ansatz Erfolg hätte". Er glaube vielmehr, "dass Musik immer noch ein so starker Transporteur von kultureller Identität ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen gut beraten wären, ein musikbasiertes Programm zu erstellen, anstatt darüber zu diskutieren, ob es ein Jugendfernsehen geben muss".

Leider sah es nicht so aus, als ob Patricia Schlesinger ihm da folgen wollte. Für sie steht anscheinend fest: "Die Menschen suchen im Fernsehen immer weniger Musik. Junge Musik findet in den Castingshows und bei den Privaten statt. Aber in Castingshows oder bei Volksmusiksendungen ist Musik eher Beiwerk."

Was also wäre zu tun, um das trostlose Bild zu ändern? Oke Göttlich fand: "Öffentlich-Rechtliche und Private sollten mit mehr Risikofreude neue Formate ausprobieren." Auch Gorny forderte "Mut zu Neuem". Und Jochen Rausch, der mit 1Live seit langem zeigt, wie man erfolgreich Radio machen kann, ohne die Quote zum Maß aller Dinge zu machen, räumte bemerkenswert selbstkritisch ein: "Die Öffentlich-Rechtlichen stecken selber auch in der Krise. Die Quotenfixierung führt ins Nichts." Er störe sich schon am Begriff Jugend. "Die Zuschauer definieren sich nicht über Altersgruppen; Sendungen müssen als cool empfunden werden." Castingshows seien keine Musikförderung, betonte Rausch. "Wir müssen nach vorne schauen und nicht in den Rückspiegel. Wir müssen Orientierung geben." Die fehle zum Beispiel bei den Streamingdiensten, bei denen Rausch "den großen Wunsch, mit dem Radio zusammenzuarbeiten", erkennt. Da pflichtete Oke Göttlich bei: "Es geht um coole Kuratoren."

Moderator Becker konstatierte, dass das deutsche Repertoire im Radio zu kurz komme - aber wolle man denn wirklich noch mehr Schlagerkram hören? Jochen Rausch wies als Stimme der Vernunft darauf hin, dass er früher zwar strikt gegen eine Radioquote gewesen sei und dass es für 1Live auch keine obligatorische Quote gebe, wohl aber inzwischen eine freiwillige Selbstverpflichtung, um Newcomern und deutschsprachigem Repertoire eine bessere Chance zu geben.

Aus dem Publikum meldete sich Warner-Music-Chairman Bernd Dopp zu Wort: Der deutschsprachige Newcomeranteil sei im Radio extrem gering - während es in den Charts ganz anders aussehe. "Damit werden die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Auftrag nicht gerecht. Sie sollten nicht immer nur Hits spielen, sondern auch mal selbst Hits machen." Davon mochte indes Patricia Schlesinger nichts wissen: "Wir erfüllen unseren Auftrag", betonte sie. "Wir haben allerdings keinen ökonomischen Auftrag" - im Sinne der Musikwirtschaft, meinte sie.

Und im übrigen gebe es doch die Sendung "Titel Thesen Temperamente", in der regelmäßig junge Künstler vorgestellt würden. "Solche Beiträge bringen jedoch keine Quote", klagte sie, und "ja, das sind Inseln im Programm", sagte sie. Und das schien sie auch ganz in Ordnung so zu finden - womit sie die Kritik, die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten in Deutschland kämen ihrem Kulturauftrag nicht nach, letztlich nur bestätigte.

Dieter Gorny stellte daher zum Schluss fest: "Die Öffentlich-Rechtlichen sind auf E-Kultur fixiert, sie ziehen eine Demarkationslinie zwischen E und U." Genau deshalb, so ließe sich schlussfolgern, steckt die Musik in Deutschland in der Medienkrise. Oder wie es Gorny im MusikWoche-Interview im Hinblick auf den Kulturauftrag formuliert hatte: "Hier könnten sich die Öffentlich-Rechtlichen verdient machen, indem sie neue Musik, neue Kultur richtig ins Programm heben. Damit würden sie zudem ihren Anspruch auf digitale Kanäle begründen, der ja von der Politik oft kritisch gesehen wird."

Doch leider tun sie es nicht. Und zumindest Patricia Schlesinger will wohl auch lieber gar nichts tun.