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"Wie bringt man die Interessen der Nutzer und Künstler zusammen?"

29.11.2012 13:44 • von Norbert Obkircher

Sie haben die Studie über "Die Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien" im Juni 2012 vorgelegt. Sind deren Aussagen noch aktuell? Die Rahmenbedingungen haben sich seitdem nicht verändert, wenn man vom Markteintritt von Spotify in Deutschland absieht. Bei weltweit nur 15 Millionen Spotify-Nutzern, von denen über 80 Prozent den kostenlosen, werbefinanzierten Zugang wählen, ist der Dienst jedoch noch weit davon entfernt, die Masse der Musiknutzer zu versorgen. Nach wie vor führen illegale Beschaffungsarten digitalisierter Kulturgüter zu großen finanziellen Einbußen, nicht nur in der Musikbranche. Auch hört man aus dem Mund von Netzpolitikern immer noch die Meinung, dass illegaler Download nicht mit dem Diebstahl von Dingen im Laden vergleichbar sei, denn es würde ja hinterher "nichts fehlen", das Original sei ja schließlich noch da. Mit dem gleichen Argument könnte man sich auch in ein Livekonzert schmuggeln, und behaupten, der Künstler spiele doch sowieso, ob man dabei sei oder nicht. Aber die ökonomischen Auswirkungen ziehen ihrerseits auch verringerte Investitionen in den künstlerischen Nachwuchs nach sich, weil die Anschubkosten schlechter refinanziert werden können. Die knapperen Mittel werden zunehmend "auf sicher" investiert werden, also in bereits bekannte Künstler - langfristig ein Problem für die deutsche Musikkultur.

Welche Reaktionen gab es auf die Arbeit? Für uns war die Aufgabe, den wirtschaftlichen Schaden durch Urheberrechtsverletzungen im Internet abzuschätzen; eine spannende wissenschaftliche Arbeit, zu der bislang nur wenige Forschungsergebnisse vorliegen. Mit dem Thema der Arbeit sind wir natürlich zwangsläufig zwischen die Fronten geraten, uns schlug das Spektrum möglicher Reaktionen von Zustimmung über Ignoranz bis hin zum Verriss entgegen.

Sind Sie mit der bisherigen Resonanz zufrieden? Die politische und gesellschaftliche Diskussion um das Thema Piraterie trat ja spätestens mit der ACTA-Debatte in eine heiße Phase ein. Trotz der immensen ökomischen Relevanz, die Piraterie für die Kultur- und Kreativwirtschaft besitzt, wird die Diskussion oft emotional, wenig fundiert und parolenhaft geführt. Presse und Politik, auch wenn sie urheberrechtsfreundlich sind, argumentieren oft taktisch. Es ist bedauerlich, dass Presse und Rundfunk das Thema nicht aktiver aufgreifen und damit den Protagonisten eines unregulierten Internets die Deutungshoheit überwiegend allein überlassen. Demokratie im Web 2.0 ist eine Wunschvorstellung, die noch nicht wahr geworden ist: Wenige publizistische Organe üben mit einseitiger Information in Blogs oder Foren Meinungsmacht aus, ohne dass sie sich journalistischen Qualitätsnormen unterwerfen. Als Politologe und Medienwissenschaftler beobachte ich das mit Interesse, aber auch mit Sorge. Man könnte es eine Refeudalisierung nennen, wobei die neue Macht nicht mehr von Königs Gnaden ausgeht, sondern von wenigen, selbsternannten Feudalherren, die populistische Inhalte auf der Klaviatur des Web 2.0 am besten zu verbreiten in der Lage sind. Aber von einer einzelnen Untersuchung zu erwarten, sie würde kurzfristig zu einer Versachlichung der Debatte führen, wäre wohl vermessen.

Auftraggeber war das Medienboard Berlin-Brandenburg mit Unterstützung des G.A.M.E.-Verbands - warum haben Sie sich nicht auf Games beschränkt, sondern das ganze Spektrum untersucht? Die Aufgaben des Medienboard Berlin-Brandenburg umfassen neben der Filmförderung auch die Förderung der gesamten Kultur- und Kreativwirtschaft am Standort Berlin-Brandenburg. Unsere Aufgabe bestand streng genommen in der Ermittlung der Piraterieschäden in der Hauptstadtregion. Aufgrund der Datenlage mussten wir jedoch zunächst einen gesamtdeutschen Schaden bestimmen und diesen dann auf die Region herunterbrechen. Der Gamesmarkt hat zweifellos eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung für die Region. Aber er ist nur ein Teil der "Creative Industries".

War aus der Musikindustrie niemand involviert? Nein.

Sie haben die Ergebnisse anderer Studien verglichen und daraus Schlussfolgerungen gezogen, aber nicht selbst neue Daten erhoben. Worin liegt der Vorteil einer solchen Methodik? Ich möchte es weniger als Vorteil denn als Notwendigkeit bezeichnen. Die direkte Erhebung möglicherweise strafrechtlich relevanten Verhaltens ist zumindest problematisch. Eine Untersuchung, die das schon recht gut leistet, ist die sogenannte "Studie zur digitalen Content-Nutzung" der GfK (DCN-Studie 2011), die wir unter anderen auch verarbeitet haben. Wir gehen jedoch davon aus, dass auch sie den Umfang der Piraterie eher unter als überschätzt, weil bei den Befragten trotz aller Anonymitätszusagen des Instituts ein Restzweifel bestehen bleibt und illegales Verhalten aus Angst vor möglichen Repressalien eher heruntergespielt wird. Dieser Bias zieht sich auch durch unsere Arbeit hindurch, das heißt auch wir können nur Mindestwerte liefern. Aber uns ging es ergänzend dazu um die Frage, wie viele der illegal bezogenen Inhalte ohne die Möglichkeit des kostenlosen Bezugs gekauft worden wären, und folglich, wie viel Umsatz dadurch vernichtet wurde.

Wie sind Sie diese Frage angegangen? Hierzu spielt die sogenannte "Substitutionsrate" eine wesentliche Rolle. Wie wir alle wissen, wäre nicht jeder geklaute Song auch gekauft worden, manche landen vielleicht auch auf dem iPod, ohne jemals gehört zu werden. Die Ermittlung der Substitutionsrate ist das schwierigste Problem, dem wir uns auch stark gewidmet haben. Wir haben hierzu sehr viele Studien aller Ausrichtungen ergebnisoffen analysiert. Hierunter finden sich experimentelle Forschungsdesigns, bei denen das Downloadverhalten holländischer Studenten untersucht wurde, ebenso wie technische Analysen des Webtraffics, als in Schweden 2009 im Rahmen des IPRED-Gesetzes eine schärfere Sanktionierung illegaler Downloads in Aussicht gestellt wurde, was wiederum zum Aufstieg von Spotify in Schweden führte. Der Vorteil unserer Methode liegt also in der Zusammenführung vorhandener Informationen zu einem gebündelten Verständnis.

Welche Handlungsempfehlungen gaben Sie dem Medienboard auf Basis dieser Untersuchung? Ich bitte um Verständnis, dass ich die konkreten Empfehlungen aus Gründen der Vertraulichkeit hier nicht benennen kann. Wenn ich die Frage mal auf die Musikbranche beziehe, ist doch aber klar, dass wir in einer Zeit der Transition leben. Für viele Menschen ist die CD nicht mehr zeitgemäß, aber im Zeitalter der MP3 oder des flüchtigen Streams sind sie auch noch nicht angekommen. Der Wert des digitalen Guts wird gering geschätzt, woran natürlich die Piraterie ein gehöriges Maß an Schuld hat. Ein Unrechtsbewusstsein beim illegalen Download ist in den einst kaufstarken Altersgruppen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft nicht vorhanden. Die Frage ist, wie bringt man die Interessen der Nutzer und Künstler zusammen?

Vertritt die Piratenpartei die Nutzerinteressen? Die Piraten stehen auf dem Standpunkt, dass kulturelle Güter, wenn sie denn im Internet verfügbar sind, grundsätzlich kostenlos zu sein hätten, so zumindest das Statement von Bruno Kramm, dem Beauftragten für das Urheberrecht der Piratenpartei, auf den Medientagen München am 25. Oktober 2012. "Gute Inhalte" würden dann schon von der Community im Nachhinein durch finanzielle Zuwendungen welcher Art auch immer vergütet werden. Dazu möchte ich Prof. Albrecht Hesse, den juristischen Direktor und stellvertretenden Intendanten des Bayerischen Rundfunks, zitieren, der in derselben Diskussionsrunde auf "praktische Probleme" verwies und treffend formulierte, das sei, "wie wenn man vergessen hätte, in der U-Bahn einen Fahrschein zu kaufen, und dann beim Aussteigen sagt, weil man so schön gefahren sei, kaufe man sich jetzt noch einen Fahrschein".

Und was halten Sie von der Position der Grünen? Bei den Grünen sehe ich keine einheitliche Linie, manche fordern die sogenannte "Kulturflatrate". Dieses Konzept hinterlässt jedoch eine Reihe offener Fragen, zum Beispiel wie die Kosten eigentlich vergemeinschaftet werden sollen: Es wird eine nutzungsunabhängige Abgabe auf Breitbandanschlüsse ähnlich wie bei Fotokopierern und Leermedien gefordert. Aber die digitale Kopie einer MP3 ist nicht nur nicht vom Original unterscheidbar, sondern lässt sich auch ohne nennenswerten Zeitaufwand in beliebiger Anzahl verbreiten, wodurch wir es mit ganz anderen Dimensionen zu tun haben. Und würde man nicht gleichzeitig sämtliche exi stierenden Verwertungsmodelle ad absurdum führen? Wer würde noch bei iTunes, Amazon, Spotify Geld ausgeben, wenn der kostenlose Download legitimiert wäre? Aber auch die Verteilung der Gebühren auf die Künstler wäre höchst problematisch, wäre missbrauchsanfällig und würde datenschutzrechtliche Probleme mit sich bringen. Diese Fragen lassen für mich nur einen Schluss zu: Die Kulturflatrate ist nicht umsetzbar.

Wo sollte man aber dann den Hebel ansetzen? Unseres Erachtens sollte nicht der Nutzer im Mittelpunkt stehen, sondern die professionellen Verbreiter illegaler Inhalte, also Sharehoster und deren Strukturen, die sich mitnichten nur auf Südseeinseln befinden: Die Organisatoren und die technischen Dienstleister mit der nötigen Breitbandkapazität sitzen oft vor unserer Haustür und damit im Einflussbereich europäischer Wirtschaftspolitik. Aus Kreisen des VUT ist mit dem "A-B-C-Approach" ein interessanter Ansatz erarbeitet worden, der genau hier ansetzt. Auch aus Teilen der Musikwirtschaft wird gefordert, dass sie sich schneller und in stärkerem Maße an das digitale Zeitalter anpassen müsse. Dies ist sicher auch, aber nicht alleine richtig. Die Digitalisierung bringt es mit sich, dass nicht mehr der Besitz, sondern die zeit- und ortsunabhängige Nutzungsmöglichkeit zählt: Software-as-a-Service, Video-on- Demand, Musicstreaming, das sind Erlösmodelle, die in Zukunft mit Sicherheit an Bedeutung gewinnen werden. Dennoch: Auch in Schweden begann der Aufstieg von Spotify erst mit der massiven Drohung von Sanktionen für illegale Downloads im Jahr 2009. Man darf nicht nur an das Gute im Menschen appellieren: Zeitgleiche Veröffentlichung von Download und CD in länderübergreifenden One-Stop-Shops plus juristische Grenzziehung wären sicherlich hilfreich.

Welche Konsequenzen müssten die Ergebnisse der Studie aus Ihrer Sicht haben? Ich würde mich freuen, wenn wir ein klein wenig dazu beigetragen hätten, die Debatte etwas zu versachlichen, und wenn mehr Menschen klar geworden sein sollte, dass auch der Diebstahl geistigen Eigentums sehr wohl wirtschaftlichen Schaden verursacht.

Zur Person Dipl.-Pol. Dirk Martens, Gründer und Alleingesellschafter von House of Research, ist Autor einiger Fachveröffentlichungen und Gastdozent an der Popakademie in Mannheim. Er studierte Politische Wissen - schaften an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Instituten Ipsos Deutschland (das damals noch GFM-Getas hieß), Forsa und Trend Research. Hier war er in den Fach - gebieten empirische Sozialforschung, Marketing- und Medienforschung tätig. Seine Medienforschungskenntnisse vertiefte er als Leiter Research und Marketingservices beim Radiomarketingunternehmen Target Radio in Hamburg. Im Jahr 2000 gründete Martens mit House of Research GmbH ein Institut für Medien- und Marketingforschung, das er als geschäftsführender Gesellschafter leitet. Dirk Martens ist Mitglied im BVM (Berufsverband deutscher Markt und Sozialforscher e.V.) und in ESOMAR (European Society for Opinion and Marketing Research) sowie bei media.net berlin-brandenburg e.V.