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Urheberserie: Debatte um die künftige Vergütung von Kreativen

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher
Befürwortet die Kulturflatrate: Johannes Kreidler (Bild: leowee_polyester)

"Unser letztes Album vor dem Major-Deal,,Holiday In Catatonia', war finanziell eine reine Kamikaze-Aktion", sagt Sascha Eigner, Gitarrist der Band Jupiter Jones. "Wir haben uns extrem viel Geld von Freunden, Bekannten und unseren Familien geliehen, dazu noch einen großen Batzen von einer Bank. Wenn das schief gegangen wäre, hätten wir uns über Jahre hinweg verschuldet." Zwar entwickelte sich letztlich alles gut, aber es habe zwei Jahre gedauert, bis man durch die Verkaufserlöse genau so viel zurückbekommen habe, wie die Band investiert hatte.

"Den nächsten Schritt, also mehr Geld für Promotion und Marketing sowie ein höheres Studiobudget, hätten wir selbst nicht mehr leisten können. Wenn ich dann die Piratenpartei sagen höre, dass man Plattenfirmen abschaffen und alle Unkosten aus den Live-Einnahmen bezahlen könne, ist das totaler Blödsinn." Denn das Live- und das Tonträgergeschäft sind zwei völlig verschiedene Dinge, betont Sascha Eigner. "Wenn wir alle Investitionen für den Tonträgerbereich aus den Live-Einnahmen bezahlen wollten, müssten bei entsprechend hohen Ticketpreisen 3000 Leute zu jeder Show kommen." Auch lassen sich Erfolge im Netz nicht unbedingt in klingende Münze umwandeln, wie ein Beispiel aus den Anfangstagen von Jupiter Jones verdeutlicht.

Die Band stellte ihr Demo kostenlos ins Internet, was - unterstützt von Online-Fanzines - ein großer Erfolg wurde: Binnen zwei Jahren tätigten Fans über 100.000 MP3-Downloads. "Doch als wir dann unser erstes Album veröffentlichten, spiegelten die Verkaufszahlen das in keinster Weise wider. Das holte uns sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückt." Schon damals, vor etwa zehn Jahren, hätten die Leute viel zu wenig Musik gekauft. "Wir haben einerseits von den neuen digitalen Möglichkeiten profitiert, aber auch deren Auswirkungen auf die Künstler mitbekommen." Als Eigner 2007 sein eigenes Label gründete, erfuhr er von seinen Vertriebspartnern, dass die durchschnittlichen Verkaufszahlen zehn Jahre zuvor noch fünf- bis achtmal so hoch waren.

"Das spielt insofern eine große Rolle, weil viele sich nicht klar machen oder einfach nicht wissen, dass man als Label unglaublich viel Geld investiert. Der Prozess einer Albumaufnahme fängt schließlich bereits zuhause an, wenn man das erste Demo einspielt." Denn noch bevor man ins Studio geht, entstehe ein Rattenschwanz von Kosten wie Miete oder Essen. "Und eine Veröffentlichung bedeutet ja auch nicht, dass dann sofort Geld fließt. Das kann noch ein bis zwei Jahre dauern. Und wenn es dann so wenig ist, dass man - wenn man Glück hat - allenfalls die Kosten decken kann, ist es extrem schwierig, davon auch noch zu leben." Dabei brauche man als Musiker einen gewissen Enthusiasmus, um immer wieder von vorn anzufangen, denn man lebe im Grunde von der Hand in den Mund.

"Die Plattenfirmen sind alles andere als überflüssig. Denn wenn man professionell als Musiker arbeiten will, sollte man sich aufs Musikmachen konzentrieren können", betont Eigner. Man brauche einen freien Kopf und müsse sich auch mal vom Businesskram lösen können. "Und man sollte nie vergessen: Auch bei Plattenfirmen arbeiten Menschen, die von irgendetwas leben müssen. Ein Label - ob nun Major oder Indie - kann nicht immer nur investieren und investieren, irgendwann muss etwas zurückkommen."

Auch die GEMA sei alles andere als hinfällig für die Kreativen. "Ich wüsste nicht, wie ich sonst das Geld der Radiosender für unsere Musik bekommen sollte, wenn es die GEMA nicht gäbe." In den ersten Jahren seien das zwar nur ein paar Tausend Euro gewesen; diese hätten der Band aber geholfen, über die Runden zu kommen. "Ohne diese Einnahmen weiß ich nicht, ob wir solange ausgehalten hätten." Deswegen mahnt Eigner zur Besonnenheit in der aktuellen Debatte um die neuen GEMA-Tarife für die Clubs. "Da schreien so viele durcheinander und kaum einer hat einen Funken Ahnung, was er da sagt."

Nicht zuletzt liege dieses Halbwissen auch daran, dass die GEMA nicht genügend informiert. "Das muss man ihr in der Tat vorwerfen." Andererseits versuche die Gegenseite die Leute hinters Licht zu führen, sagt Eichner und zielt dabei vor allem auf die großen Onlinekonzerne ab. So suggeriere YouTube mit "Sprüchen" in den nicht abspielbaren Clips, dass daran die GEMA schuld sei. "Ich sage den Leuten dann immer, sie sollen bei einem anderem Anbieter wie tape.tv oder myvideo.de schauen - denn die haben Verträge mit der GEMA abgeschlossen." Aus all diesen Faktoren ergibt sich für Eigner ein zwiespältiges Bild für die Zukunft: "Die großen Bands werden weiter existieren können, aber für die kleinen wird es immer schwieriger, überhaupt Fuß zu fassen. Denn die Labels werden noch weniger Geld haben, neue Acts aufzubauen. Schon in den vergangenen Jahren mussten die Künstler den größten Teil der Aufbauarbeit selbst bestreiten."

Diese Aufbauarbeit läuft verstärkt über digitale Kanäle, von denen auch Johannes Kreidler, ein junger Avantgarde-Komponist, profitiert. "Ich bin 32 Jahre alt und habe den digitalen Wandel fast vollständig durchgemacht. Als Kind arbeitete ich noch mit Kassetten, später kaufte ich LPs, CDs und MP3s." Auch als Komponist ist er extrem glücklich darüber, dass man so viel Musik so leicht erhält und über Onlineradios völlig unbekannte Musik kennenlernen kann. "Als Konsument - und jeder Komponist ist auch ein Konsument - bin ich zunächst einmal beglückt über die digitalen Möglichkeiten. Als Musiker bin ich zudem erfreut darüber, dass man über das Netz Software zur Musikproduktion wie später auch neue Vertriebswege bekommen kann. Kurzum: Wenn man anfängt Musik zu machen, ist das Internet großartig."

Die Kehrseite sei, dass es dort einen riesigen Wettbewerb gebe. "Wenn man keinen Plattenvertrag hat, steht man automatisch in Konkurrenz zu all den anderen Künstlern ohne Vertrag. Und die Tantiemen, die man von der GEMA für seine Werke bekommt, sind nicht gerade hoch." In dem Bereich, in dem er tätig sei - also Klassik, Neue Musik und Avantgarde - hänge man natürlich an Subventionstöpfen. "Damit habe ich auch kein Problem - im Gegenteil, man sollte froh sein, dass es solche Institutionen gibt. Davon wird man nicht reich, aber für Urheber gibt es heute weitere Möglichkeiten - etwa Musik lehren, Texte über Musik verfassen oder Auftragsmusik komponieren."

In der Urheberrechtsdebatte vertritt Kreidler die Ansicht, dass eine Kulturflatrate die Lage verbessern könnte. Ob sich diese Idee wirklich realisieren lässt, will er allerdings nicht beschwören. "Dennoch sehe ich einen Vorteil, wenn man den Begriff Kulturflatrate ernst nimmt und bei der Verteilung der Gelder nicht entsprechend der tatsächlichen Klicks vergütet - was ohne Überwachung im Netz eh nicht möglich wäre." Stattdessen sollte die Vergütung verteilt werden wie die Gebühren beim öffentlich- rechtlichen Rundfunk. "Das heißt, es wird Musik gefördert, die man für wert hält, gefördert zu werden - so utopisch das auch klingen mag. Aber dadurch würde eine freie Kultur entstehen, die auf einer freien Verbreitung basiert. Eine ideale Lösung gibt es sicherlich nicht, aber uns muss klar sein, dass der Markt allein nichts mehr richtet."

Im Sinne des Allgemeinwohls sei es besser, wenn kulturell wertvolle Dinge frei verfügbar wären. "Deswegen hört die Produktion von solchen Kulturgütern ja nicht auf. Denn auch mit Kulturgütern lässt sich noch immer Geld verdienen - zum Beispiel mit Konzerten. Der Verkauf von Tonträgern gehört leider nicht mehr dazu. Mit der CD wurde so unglaublich viel Geld verdient - davon muss man sich einfach verabschieden."

Auch deswegen findet Kreidler die Verlagerung aufs Livegeschäft richtig. "Genauso halte ich es für völlig okay, wenn die GEMA von den Clubbetreibern zehn Prozent verlangt. Deswegen wird kein Club schließen müssen." Mit allgemeinen Prognosen ist er zwar vorsichtig, bleibt aber optimistisch. "Solange man noch jung ist, hat man nicht viel zu verlieren, sondern viel zu gewinnen. Deswegen sehe ich viele Chancen, bei einer gleichzeitigen großen Ungewissheit. Aber gerade diese Ungewissheit ist ja auch spannend."

Zur Person Die Musik des 1980 in Esslingen geboren Johannes Kreidler bezieht meist computergestützte Verfahren und elektroakustische Mittel ein. Der auch als Dozent tätige Komponist sorgte 2008 mit einer GEMA-Aktion für Aufsehen, als er für ein Stück von nur 33 Sekunden Länge Sounds aus 70.200 Werken zusammenführte.

Zur Person Sascha Eigner gehörte 2002 zu den Gründungsmitgliedern der Band Jupiter Jones, die nach Jahren der Selbstvermarktung für ihr Album "Jupiter Jones" einen Vertrag mit Sony Music unterschrieb. Eigner, der auch im Management der Band tätig ist, hat sich in der Öffentlichckeit immer wieder für die Urheber stark gemacht.