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Urheberserie: Das Spiel der Kräfte ist aus der Balance geraten

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher

Zwar will der Komponist und Produzent Dr zunächst differenzieren, indem er erklärt, dass die Filmmusik derzeit bei den neuen Verwertungsformen noch nicht so stark unter Druck stehe. Doch das sei im richtigen Kontext zu sehen. Denn es gebe zwar Raubkopien von Spielfilmen auf DVD, aber die Urheber der Filmmusik seien schon bei den regulären DVD-Veröffentlichungen eher zu niedrig beteiligt. "Die Aushöhlung der Urheberrechte wirkt sich bei den Filmmusikkomponisten noch nicht so krass aus wie in der Popund Rockmusik in den vergangenen zehn Jahren."

Das werde sich allerdings ändern, fürchtet Wiegand, der als Vorstandsmitglied des CC Composers Club, Vorsitzender des Landesverbands Bayern des Deutschen Komponistenverbands DKV und als Mitglied des Aufsichtsrats der GEMA die Branche auch auf Verbandsebene begleitet. "Die Filmindustrie sieht sich erst jetzt den Problemen ausgesetzt, die die Digitalisierung mit sich bringt - also illegale Downloads und Streaming im Internet. Entsprechend wird die Situation mit Verspätung nun auch die Filmmusikkomponisten treffen."

Für Media-Komponisten, die im Gamesbereich arbeiten, zeige sich allerdings schon länger eine bedrohliche Entwicklung. Denn dort werde fast nur noch mit dem Buy-out der Rechte gearbeitet. "Ein Komponist muss alle seine Rechte abtreten und hat keine Chance, zum Beispiel über die Mitgliedschaft in einer Verwertungsgesellschaft an den Erträgen des Produkts angemessen beteiligt zu werden. Wenn man sich vor Augen führt, dass Games einen der großen Medienbereiche der Zukunft darstellen, ist es bitter, dass die Verwertungsgesellschaften hier leider schlecht aufgestellt sind." Das sei allerdings nicht Schuld der Verwertungsgesellschaften, sondern liege an den Games-Produzenten, die einfach "höchst ungern eine urheberrechtliche Beteiligung der Kreativen an ihren Produkten akzeptieren möchten".

Hinter all diesen Problemen stehe die zentrale, aber zugleich auch extrem schwierige Frage, wie künftige Vergütungsmodelle aussehen könnten. "Nicht zuletzt das Verhalten der Industrie in den vergangenen 20 Jahren hat dazu geführt, dass der Wert von Musik einfach nicht mehr geschätzt wird. In meinen Augen war es ein Fehler der Plattenfirmen, Musik in allen möglichen Formen feilzubieten, um sie irgendwie an den Mann zu kriegen. Das hat die Auflösung der Werthaltigkeit von Musik doch erst ausgelöst." Die Verbraucher seien immer mehr daran gewöhnt worden, dass sie Musik als Add-on bei anderen Konsumformen dazubekommen - und das dann auch noch kostenlos, klagt Weigand. "Es ist sehr schwer, aus dieser,Alles umsonst'-Haltung wieder heraus-zufinden. Das ist das Dilemma, in dem wir uns befinden."

Als einzige Chance für die Urheber sieht Weigand eine Verstärkung der Lobbyarbeit in Richtung Politik und Urhebergesetz gebung im Hinblick auf den sogenannten Dritten Korb. Allerdings seien die Kreativen schon beim Zweiten Korb "ziemlich schlecht weggekommen". Das begründet er mit den Kräfteverhältnissen. "Wir alle wissen doch, dass Google weltweit Think Tanks unterhält und ganz gezielt seit vielen Jahren öffentliche Meinungsbildung betreibt. Und damit haben sie Erfolg, wenn beispielsweise nun gängige Meinung ist, dass alle Inhalte für alle frei verfügbar sein müssen. Der Begriff von der,Freiheit des Internets' - für mich in der kritiklos propagierten uneingeschränkten Form eine ziemliche Dummheit - wird von Google ganz bewusst genährt." Und wenn man dann auf den Börsenwert von Google schaue und den mit den Anstrengungen der Kreativen vergleiche, sehe man, dass das Spiel der Kräfte nicht mehr funktioniert, "weil die Musikautoren und Musiker dem nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen haben".

Ein gutes Beispiel dafür erkannte Weigand beim GEMA-Google-Prozess in Hamburg, bei dem eine "Armada von Google-Anwälten, ausstaffiert mit gewieften Powerpoint-Präsentationen, gegen zwei GEMA-Anwälte in die Schlacht gezogen ist. Das spiegelt auch die realen Kräfteverhältnisse gut wider - und es zeigte, wer die eigentlichen Profiteure der digitalen Revolution sind." Zudem gibt der Komponist zu bedenken, dass viele Politiker durch ihre Kinder geimpft werden, wie cool YouTube sei, wo es doch alles umsonst gebe. "Es fällt uns unheimlich schwer, Politikern heute zu erklären, was die gute und wichtige Seite des Urheberrechts ist. Das ist für die meisten langweilig und schlicht nicht sexy. Und jetzt werden die Politiker auch noch von den Piraten links und rechts überholt, so dass sie in panischer Reaktion noch populistischer werden."

Diese Prozesse hätten reale Folgen für die Betroffenen: "Ich erlebe in meinem Umfeld bereits eine Entprofessionalisierung der Musik und ihrer Urheber." Er kenne viele Kollegen, die im Grunde von ihrer Arbeit nicht mehr leben könnten. Das betreffe dann in der Konsequenz auch die gesamte Infrastruktur - 70 Prozent der Musikstudios mussten in den vergangenen Jahren schließen. "Meine gesellschaftliche Vision fällt leider recht negativ aus: Ohne ein Gegensteuern fallen wir in ein Feudalsystem zurück, in dem die neuen Feudalherren - die Regierenden und die ein Prozent Vermögenden - über einen Pakt mitein - ander verbunden sind. Ich will jetzt nicht allzu kapitalismuskritisch wirken, aber wir sehen doch bereits heute eine unglaubliche Monopolisierung bei der medialen Präsentation von Inhalten."

Denn nach iTunes/Apple, Amazon, Spotify und YouTube sei auch schon bald Schluss mit den neuen Vertriebskanälen für Musik. "Es wird leider darauf hinauslaufen, dass das professionelle Musiksegment nur noch an der Spitze zu finden ist, wo dann auch weiterhin massive Verkaufszahlen erreicht werden." Das führe letztlich dazu, dass wie im Mittelalter ein gewisser Pool an Kreativität "herumwabere", in dem sich alle kreativen Menschen bewegen und aus dem dann von den Monopolisten - wie früher von den Fürsten - ab und an einer herausgezogen werde, um ihn zu vermarkten. Optimistisch könne ihn nur stimmen, so Weigand, wenn sich auch die gesellschaftliche Entwicklung drehen würde, wenn erkannt werde, dass die Schere zwischen Arm und Reich zu groß ist. "Es kann nicht sein, dass wir unsere gesamte Kultur rein monetären Aspekten opfern."

Und so lenkt er den Blick nach China: "Die Chinesen schätzen uns Europäer doch nicht nur deswegen so sehr, weil wir tolle Autos bauen, sondern auch, weil wir aus ihrer Sicht diesen kulturellen Höchststand erreicht haben. Und sie können es nicht fassen, dass wir unsere wertvollen Errungenschaften bei Künsten und Geisteswissenschaften so leichtfertig aufs Spiel setzen. Das wird vor Ort ganz anders gehandhabt." So baute China jüngst eine 20-stöckige Musikhochschule. "Dort wird massiv in Kultur investiert, weil sie realisieren, dass dies ein Vorsprung der Europäer ist, den sie aufholen wollen. Wir dagegen schließen unsere Musikhochschulen und lösen die Orchester auf." Hoffnung setze er allein darauf, dass man erkennt, "dass unsere Assets genau darin liegen: in geistigen Werten." Auch bei der Diskussion mit den Piraten könne es nur zu einem Wandel kommen, "wenn alle diese geistigen Werte als das größte Kapital begreifen, das wir haben."

Zur Person 1956 in München geboren, begann Dr. Ralf Weigand früh seine Musikkarriere. Nach einer Ausbildung an Klavier und Tenorhorn und im Chorgesang folgten ab 1980 erste LP-Veröffent - lichungen. Gleichzeitig schlug er eine Medizinerlaufbahn ein und war bis 1989 zudem als Arzt an der Universitätsklinik München tätig. Schließlich entschied er sich dafür, ausschließlich als Komponist und Produzent zu arbeiten. Er schrieb unter anderem Songs für die Sportfreunde Stiller, für Mike Olfield und Bananafishbones und komponierte für TV, Radio und Werbung. 1997 gründete Ralf Weigand seine Produktionsfirma Plan 1 Media.