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Urheberserie: Wogegen sich Komponisten wehren müssen

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher

"Ich möchte nicht zu denen gehören, die immer nur jammern und stets dasselbe sagen", betont der Komponist John Groves als Präsident des CC Composers Club. "Es ist an der Zeit mit konstruktiven Argumenten zu arbeiten, um auch zu einem Ergebnis zu kommen." Dabei bezieht sich Groves vor allem auf die Debatte um die Position der Piratenpartei zum Copyright. Die Piraten hätten zwar verschiedene Missstände erkannt, aber das Problem sei bekanntlich, dass sie kein richtiges Programm haben. "Das wissen sie zwar auch, und sie versuchen nun, das krampfhaft zu ändern. Derzeit sind sie aber vor allem ideologisch aufgestellt. Doch auch bei den Piraten macht der Ton die Musik - und sie haben zwar viele Töne, aber wenig Musik." Deshalb stellt Groves klar: "Was die Urheber brauchen, ist Schutz, vor allem vor der Gier anderer Leute."

Er wolle zwar nicht über Werteverfall klagen, aber allein die Tatsache, dass ein Konzept auf dem Tisch liege, bei dem er als Berufskomponist seine Arbeit verschenken soll, sei "lächerlich". Das habe neben der politischen vor allem auch eine gesellschaftliche Dimension. Dabei will Groves die Digitalisierung nicht per se verdammen: "Sicherlich ist die Entwicklung des Internets eine faszinierende Sache. Ich halte mich für mein Alter für sehr netzfreundlich: Ich besitze ein iPhone, habe meine Daten in der Cloud und nutze Dropbox. Als Konsument mag ich auch Google und YouTube. Ich will kein alter Sack sein, der versucht, diese Dinge zu stoppen. Denn das kann man sowieso nicht." Aber die Gesellschaft brauche Regeln, und diese kämen nur sehr langsam voran, was man auch am GEMA-YouTube-Prozess gesehen habe. "Das dauert alles ewig, während sich die Technik rasant weiterentwickelt." Für Groves steht eines unumstößlich fest: "Die Urheber müssen für ihre Arbeit auch weiterhin bezahlt werden. Die Frage ist nur, wie wir das sicherstellen können. Es hat schon viele Modelle gegeben, wie etwa die Kriminalisierung der Endkonsumenten, wenn Kinder plötzlich Abmahnbriefe von Anwälten bekommen. Doch die Wirkung war verheerend, und man sendet damit ganz falsche Signale."

Groves betont, dass ein Geschäftsmodell, das auf dem Verschenken der Arbeit von anderen basiert, fragwürdig sei. "Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Geschäft, in dem es alles umsonst gibt, und einem, in dem man dafür bezahlen muss, ginge ich - unter der Voraussetzung, dass dies alle tun - in den Gratisladen. Aber moralisch bleibt die Erkenntnis, dass ich bezahlen sollte." Das Problem sei nun aber, dass die Piraten genau diese Gratispraxis anscheinend richtig finden. John Groves hält jedoch dagegen: "Man muss sich immer fragen: Woher kommt die Ware, und wie wird sie hergestellt? Denn ein professioneller Urheber produziert diese Ware beruflich."

Ein besonderes Problem sieht der CC-Präsident darin, dass die Debatte um zukünftige Geschäftsmodelle in einem wichtigen Punkt an der Realität vorbeigeht: "Auch die hohen EU-Gremien haben den Unterschied zwischen Musikurhebern und ausübenden Künstlern noch nicht begriffen. Denn die meisten Komponisten, die der Composers Club vertritt, sind keine ausübenden Künstler, sondern eben Komponisten. Wir können uns unser Studio nicht um den Bauch binden und musizieren gehen oder T-Shirts verkaufen." Selbst die Enquete-Kommission habe nur das wiederholt, was in der Presse immer wieder zu lesen war, dass nämlich die Künstler von ihren Live-Auftritten gut leben könnten. "Und wenn dann noch vorgeschlagen wird, die User sollten einen Betrag in der Höhe zahlen, die sie für richtig halten, sind wir gleich bei Straßenmusikern und Almosenkultur gelandet." Es sei dieser soziale und kulturelle Aspekt, bei dem die Piraten nicht weit genug dächten. "Sie haben halt einfach den Überschwang der Jugend."

In diesem Zusammenhang erinnert Groves daran, dass es bislang in jeder Generation Idealismus gab- wie am Anfang bei den Grünen oder davor bei den Hippies. Gerade weil auf die Idealisten irgendwann die Realisten folgen, ist Groves optimistisch: "Ich denke, dass man den Prozess der Deprofessionalisierung umdrehen kann und muss. Dazu gehört zweifellos auch eine Reform des Urheberrechts. Wir müssen es neu aufrollen und dabei die Vorteile, die eine Neufassung böte, auch anerkennen. Nur gegen die Annahme, dass geistiges Eigentum nichts wert ist, müssen wir uns mit aller Kraft wehren." Darüber könne man nicht diskutieren.

Groves bringt ein Beispiel: "Beruflich komponiere ich Auftragsmusik, unter anderem für die Werbung, aber ich schreibe auch Songs über die Liebe oder über meine Mutter - das ist Musik, die von Herzen kommt. Und ich möchte selbst bestimmen, was mit diesen Songs passiert. Das ist ein Grundrecht, das man uns nicht nehmen darf. Dafür kämpfe ich: für den Respekt vor geistigem Eigentum. Ich will nicht, dass der Song über meine Mutter dann an jemanden gerät, der damit macht, was er will." Im Gegensatz zu Lawrence Lessig, dem Gründer der Creative-Commons-Initiative, hielte Groves es nicht für richtig, wenn zehn Millionen Menschen auf YouTube den Song über seine Mutter als Hintergrundmusik für ein Video mit steppenden Katzen erleben könnten - ohne dass er dabei ein Mitspracherecht hätte. "Ein Kompromiss könnte so aussehen, dass die Erzeuger von User Generated Content leichter mit dem vorgefundenen Material umgehen könnten. Gleichzeitig aber müssen die Urheber Schutz genießen. Ohne diesen Schutz wird es immer Geschäftsleute geben, die diese schwache Gruppe ausbeuten werden. Das ist leider die harte Realität."

Groves sieht die GEMA als Verbündeten an - auch wenn die Verwertungsgesellschaft dringend eine Reform brauche, weil vieles bei der GEMA zu kompliziert sei. "Aber klar muss sein, dass sie nicht eine gesichtslose Behörde ist, sondern wir: die Urheber!" Um das Anliegen der GEMA zu artikulieren und damit die Öffentlichkeit zu erreichen, komme es auf die Kommunikation an, findet Groves: "Zugegeben, die GEMA braucht eine zeitgemäße Stimme, die ihr zu mehr Sympathie verhilft. Und sie muss flexibler und verständlicher werden. Allein ein Ausdruck wie,angemessene Vergütung' klingt zu bürokratisch. Obwohl diese Angemessenheit die Basis von allem ist, muss man doch nur vermitteln: Sei fair."

Zur Person John Groves leitet in Hamburg sein eigenes Unternehmen, Groves Sound Communications. Er arbeitet als Berater und ist Dozent an der Hamburger Texterschmiede, der Miami Ad School und der Donau- Universität in Krems. Zudem fungiert er als Präsident des Composers Club, als Vizepräsident der FFACE (Federation of Film & Audiovisual Composers of Europe), als Vorstandsmitglied von ECSA (European Composers & Songwriters Alliance); er ist Mitglied des Art Directors Club und im GVL-Beirat.

Sprachrohr der Auftragskomponisten: Der CC Composers Club Der 1989 gegründete CC Composers Club hat sich zum Ziel gesetzt, die Interessen der Auftragskomponisten, die er repräsentiert, auf nationaler und internationaler Ebene zu vertreten. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Kampf gegen unlautere Geschäftspraktiken wie die sogenannte Zwangsinverlagnahme oder die Forderung von Auftraggebern nach unbezahlten Entwürfen. Zudem vertritt der Verband seine Mitglieder gegenüber der GEMA bei Themen wie Abrechnung, Monitoring oder Verteilungsplan. Über Verhandlungen mit Verwerterverbänden will der CC gerechte Vergütungsregeln erreichen: "Der Berufsverband CC ist heute wichtiger denn je", teilt er mit. "Die Verwischung der Grenzen zwischen TV und Internet, die ständig wachsende Zahl immer kleiner werdender Spartensender, zunehmend schlechteres Meldeverhalten der Rundfunkanstalten sowie aus Brüssel diktierte Veränderungen in Urheberund Urheberwahrnehmungsgesetzen sorgen für erhebliche Einbrüche im Einkommen der Komponisten." Um die Position der Auftragskomponisten zu stärken, wurde 2006 die Federation Of Film And Audiovisual Composers In Europe (FFACE) als Verbund europäischer Auftragskomponistenverbände mit dem CC als Gründungsmitglied ins Leben gerufen.