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Urheberserie: Hitmacher im Nebenberuf

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher

"Das Urheberrecht ist für Musikproduzenten heute viel wichtiger als noch vor zehn Jahren", erklärt Mike P. Viele Produzenten sind verstärkt selbst als Autoren aktiv oder gründen eigene Verlage, um an ihren Aufnahmen zu partizipieren. Damit reagieren sie auf einen gravierenden Umbruch in ihrem Berufsfeld: "Allein von den Vorschüssen der Plattenfirmen kann ein Produzent heute seinen Studiobetrieb nicht mehr aufrechterhalten", sagt Heisel. Die Produktionsbudgets der Musik labels schrumpften im vergangenen Jahrzehnt um fast 75 Prozent. So sind die Studiobetreiber gezwungen, sich neue Vergütungsquellen zu suchen - und das bedeutet für viele den Abschied von der Musik. Heisel nennt ein Beispiel: Axel Breitung produzierte in den 90er-Jahren Hit auf Hit für DJ Bobo oder Rednex. 2001 erhielt er einen Echo als Produzent des Jahres und war 2003 einer der Mitbegründer des mpag. Um seinen großen Studiobetrieb mit mehreren Mitarbeitern in Hamburg aufrechtzuerhalten, wandte er sich ab 2004 mehr und mehr der DVD-Produktion zu.

Heute verdient er sein Geld hauptsächlich mit Werbe- oder Imagefilmen und mit der Videoproduktion. "Es ist schade, dass wir einen solchen Menschen nicht mehr dabei haben", sagt Heisel. "Wie viele kreative Teilnehmer in der Musikwirtschaft muss der Produzent heute mehrere Standbeine haben. Oder er baut einen Künstler auf, von dem er über verschiedene Säulen partizipieren kann. Rein von der Tonaufnahme zu leben, ist für Produzenten aber immer schwieriger." Und oft helfen selbst weitere Standbeine nichts mehr. "Innerhalb der letzten Jahre hatten wir ein wahnsinniges Studiosterben", weiß der Verbandsvorsitzende Heisel. Bis zu 35 Prozent der Aufnahmebetriebe in Deutschland mussten schließen, sagt er. Rund ein Viertel der früher hauptberuflichen Produzenten können ihre Tätigkeit nur noch im Nebenberuf ausüben. "Wir verfallen in eine Situation wie in den 60er- und 70er-Jahren: Ein Produzent muss anderen Aufgaben nachgehen und kann sich nur noch abends und am Wochenende der Musik widmen."

Viele Studiobetreiber traf diese Umstellung umso härter, da sie in den 90er-Jahren noch von einer komplett anderen Situation profitierten. "Während des Booms der poporientierten Dancemusik schlossen Plattenfirmen meist Bandübernahmeverträge." So war der Produzent im Besitz der Master rechte und lizenzierte sie für bis zu 15 Jahre an die Labels. "Dadurch hatte er höhere Einkünfte", erläutert Heisel. "Die Neunziger waren ideale Zeiten für den Produzenten. Er war in der Wertschöpfung höher eingestuft." In den letzten Jahren habe ein Umdenken bei den Plattenfirmen stattgefunden: "Sie wollen wieder selbst die Master-Owner sein und nehmen die Künstler direkt unter Vertrag." Dem Produzenten bleibt die Auftragsproduktion, für die er heute höchstens mit bis zu vier Prozent an den Tantiemeneinnahmen beteiligt wird. "Und dieser Anteil wird dann oft noch mit dem Vorschuss verrechnet."

Nach Heisels Ansicht haben es sich die Produzenten teils selbst zuzuschreiben, dass sie vom Boom nicht langfristig profitierten: "In den 90er-Jahren war der Produzent plötzlich der Star. Der deutsche Dancesound war weltweit gefragt. Die Künstler aber hat man zu austauschbaren Individuen werden lassen. Irgendwie haben wir alle in den 90er-Jahren versagt, weil wir es nicht schafften, langfristig erfolgreiche Künstler aufzubauen." Das Verhältnis zwischen Produzent und Künstler stellt sich heute noch aus einem anderen Grund als schwierig dar: "Wenn es darum geht, den Produzenten nach dem Aufnahmeprozess an Einkünften partizipieren zu lassen, sträuben sich die meisten Künstler", beklagt Heisel. Der Produzent gehe oft in Vorleistung, finanziere die Aufnahmen mit. Aber von den folgenden Live-Einkünften sehe er selten etwas, obwohl viele Teile der Studioproduktion auch in die Livedarbietung einfließen.

In dieser Hinsicht seien die Künstler oft zu egoistisch. "Die Keimzelle allen Schaffens bilden der Künstler und der Produzent. Sie müssten stärker als Team auftreten." Erst der Produzent ermögliche es dem Musiker, seine Ideen zu realisieren und schließlich zu einem verwertbaren Produkt zu machen. Deshalb müsse ein Produzent versuchen, so viele Rechte wie möglich wahrzunehmen und so an der Verwertungskette der Musik stärker teilzuhaben. Eine starke Allianz müssten Künstler und Produzenten auch im Einfordern ihrer Urheberrechte in der Öffentlichkeit bilden. "Ich bin Sven Regener unendlich dankbar, denn er hat da was losgetreten", sagt Mike P. Heisel.

Wichtig ist ihm, dass sich nun eine junge Generation von Künstlern für das Urheberrecht ausspricht. "Größen der Achtziger wie Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer machen das zwar seit Jahren, aber irgendwann ist die Klinge nicht mehr scharf genug." Die Musikproduzenten allein hätten wenig Einfluss, da sie bis auf wenige Ausnahmen nicht in der Öffentlichkeit stehen. Dennoch war es ein Produzent, der sich 2010 als einer der ersten Kreativen in eine gerichtliche Auseinandersetzung mit YouTube stürzte. "Frank Peterson hat den Mut aufgebracht, gegen einen Konzern vorzugehen", sagt Heisel, der Peterson mit seiner Agentur betreut. "Er hat die Initiative ergriffen, weil er das Gefühl hatte, dass er nicht mehr das Sagen über seine Inhalte hat. Jeder Kreative sollte bestimmen können, was mit seinem Werk passiert."

Das Landgericht Hamburg sah das ähnlich und verlangte von YouTube die Sperrung der von Peterson beanstandeten Videos und eine Schadensersatzzahlung. Nachdem kürzlich auch die GEMA einen juristischen Teilsieg gegen das Google-Portal erreicht hat, hofft Heisel, "dass Urheber nun ein stärkeres Mitspracherecht und eine angemessene Vergütung bekommen". Jedoch hätte er sich mehr Unterstützung für Peterson gewünscht. Die damalige Zurückhaltung führt er unter anderem auf ein allgemeines Problem in der Branche zurück. "Kreative haben eine natürliche Weigerung, sich zu bekennen und sich zu organisieren".

Es gebe in der deutschen Musikwirtschaft keine richtige Künstlervertretung. "Das Problem ist, dass wir, die Verbände, nie mit einer einheitlichen Stimme sprechen, anders als zum Beispiel in der Buchbranche oder beim Film. Wir haben es nicht verstanden, gemeinsam für unsere Rechte einzutreten." Eine einheitliche Stimme sei jedoch nötig, um auch in Zukunft das Urheberrecht zu bewahren: "Wenn ich einen Traum hätte, wäre das ein Marsch auf Berlin: Die Kreativen müssen sich zusammenfinden und eine Aktion beispielsweise am Welttag des Geistigen Eigentums durchführen. 15.000 oder 20.000 Menschen, Autoren, Musiker und auch Produzenten, die für das geistige Eigentum eintreten. Regener hat es den Jungen signalisiert: 'Du hast nichts zu verlieren.' Die Künstler müssen verstehen, dass es Zeit ist, aufzustehen und für ihre Rechte zu kämpfen."

Zur Person Mike P. Heisel war seit den 80er-Jahren in führenden Positionen bei Sony Music, Columbia, Intercord und EMI tätig. Heute ist er mit seiner Agentur CMC als Medienund Musikmanager selbstständig. 2003 initiierte er die Gründung des Ver bandes der deutschen Musikproduzenten (mpag), als deren Vorstandsvorsitzender er bis heute fungiert. Seit 2007 ist Heisel zudem Aufsichtsratsmitglied der Initiative Musik.