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Zehn Jahre Alive: "Wer Musik nur noch halbherzig mitnimmt, hat keine Chance mehr"

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher

MusikWoche: Fassen Sie doch mal bitte die Unternehmensphilosophie bei Alive zusammen. Alfred Beck: Wir sind ein professioneller Entertainmentdienstleister mit einem sehr großen Verständnis von dem, was wir verkaufen, und großer Liebe dazu. Nils Zehnpfennig: "Denken wie ein Indie, handeln mit den Tools eines Majors" beschreibt uns sehr gut. Inhaltlich werden wir immer ein Independent bleiben, dessen Markenzeichen die Liebe zum Produkt ist. Unsere vertrieblichen und logistischen Strukturen sind aber auf dem Level eines großen, mittelständischen Unternehmens mit entsprechenden Kapazitäten. Das weiß der Handel beim Vergleich mit dem Wettbewerb zu schätzen.

MW: Wie kam es zur Gründung von Alive? Beck: Die Alive AG wurde im Jahr 2000 als Reaktion auf den Management-Buy-out der EMI-Logistik gegründet. Ziel war es, Vertriebs- und Marketingdienstleistungen für unabhängige Labels und Künstler anzubieten. Einer der Gründer, Rüdiger Fleige, war gleichzeitig Vorstand der Logistikfirma SoLog. Zusammen mit Christian Femerling und Josef Gauls hat er das EMI-Lager übernommen und in Eigenregie für Dritte fortgeführt. Ich bin 2001 zum Vorstand gestoßen, Nils kam 2003 als DVD-Verantwortlicher dazu. Zusammen mit Josef Gauls bilden wir heute den Vorstand des Unternehmens.

MW: Würden Sie sich heute immer noch für die Gesellschaftsform AG entscheiden? Beck: Dass Alive als Aktiengesellschaft gegründet wurde, ist der Euphorie von damals geschuldet. Der Ursprungsgedanke war, einen Vertrieb aufzusetzen, an dem sich einzelne Labels beteiligen können. Das hat aber so nie stattgefunden. Heute liegen die Anteile zu jeweils 50 Prozent bei Josef Gauls und bei mir.

MW: Wie hat sich das Unternehmen in zehn Marktjahren entwickelt? Beck: Als ich 2001 in die Firma kam, waren wir zu viert. Heute beschäftigen wir inklusive unserer Tochterfirma Enterlog 80 Mitarbeiter. Unser Umsatz ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen; im letzten Geschäftsjahr haben wir zehn Prozent zugelegt. Das hat auch damit zu tun, dass wir kontinuierlich Partner hinzu gewinnen; gleichzeitig wachsen die bestehenden Labels mit uns gemeinsam.

MW: Was haben Sie als schönsten Moment der Firmengeschichte in Erinnerung? Zehnpfennig: Ein Höhepunkt für mich war, als wir 2006 mit "Some times Happy, Sometimes Sad" Platz eins der DVD-Charts erobert haben. Als Independent muss man oft kämpfen, um in die vorderen Regionen zu kommen. Das gelingt uns immer öfter, aber Platz eins war schon etwas Besonderes. Beck: Ich habe den Film damals in der TVAusstrahlung bei RTL2 gesehen. Als ich den Titel in der Werbepause auf Verkaufsrang eins der Amazon-Charts gesehen habe, war ich stolz und glücklich. Gleichzeitig habe ich mich sofort gefragt: Haben wir genug Ware da, und wie verteilen wir das, wenn es nicht reichen sollte?

MW: Woran erinnern Sie sich weniger gern? Zehnpfennig: Es gab eine kurze, nervenzehrende Phase, in der die alljährliche Abstimmung mit den Banken während des Sommerlochs nicht so lief, wie wir es aus den Jahren zuvor kannten. Beck: Diese Phase war anstrengend, aber es ist niemand zu Schaden gekommen. Wir sind gestärkt daraus hervorgegangen und wissen heute, auf welche Partner wir uns verlassen können.

MW: Die Wurzeln von Alive liegen im Musikbiz, bis heute hat sich das Geschäft in Richtung Video verlagert. Wie kam es zu dieser Verschiebung? Beck: Der berufliche Hintergrund der Gründer lag im Musikbusiness, deshalb haben wir dort mit Paul Carrack und anderen Künstlern angefangen. 2002 kam mit Anke Engelkes "Ladykracher" unsere erste DVD auf den Markt. Die Zweigleisigkeit war ein sehr wichtiger Schritt für unser Unternehmen. Insbesondere durch Nils' Arbeit ist der Videoanteil seitdem stetig gewachsen. 2005 kippte das Umsatzverhältnis in Richtung Video. Heute machen wir rund 70 Prozent unseres Geschäfts mit DVD und Blu-ray, Musik macht etwa 30 Prozent aus.

MW: Bleibt es bei dieser Aufteilung, oder wird der Musikanteil noch weiter schrumpfen? Beck: Musik wächst bei uns ebenso wie das Videogeschäft - die Umsätze entwickeln sich also diametral zum Markt. Das Verhältnis ist in dieser Form schon relativ lange stabil und wird es auch vorerst bleiben. Wir betreiben das Musikgeschäft mit der gleichen Vehemenz und Begeisterung wie DVD. Wer Musik in der heutigen Zeit nur noch halbherzig mitnimmt, hat keine Chance mehr. Mag sein, dass wir in diesem Markt mehr kämpfen müssen als bei Video. Für uns und auch für unsere Wahrnehmung im Handel ist das Musikgeschäft aber extrem wichtig.

MW: Wie wichtig sind technische Tools wie VMI für Ihre tägliche Arbeit? Beck: Deren Bedeutung ist bei uns extrem groß. Wir haben als erster Indie ein eigenes VMI-System installiert, das uns hilft, die Menge der veröffentlichten Produkte im Blick zu behalten und zu steuern. Außerdem bieten wir ein B2BSystem, mit dem alle Labels die Verkaufsentwicklung und weitere Informationen über ihre Produkte nachvollziehen können. Unsere Tochterfirma Enterlog mit ihrer technischen In frastruktur ist eine wichtige Säule unseres Geschäfts und trägt dazu bei, unser Dienstleistungsangebot für Labels zu perfektionieren.

MW: Welche Rolle spielt der Digitalvertrieb? Beck: Die digitale Distribution ist für uns natürlich ein großes Thema, obwohl 80 Prozent der Umsätze im Musikbereich in Deutschland immer noch mit physischen Produkten gemacht werden. Wir arbeiten im digitalen Segment mit Zebralution zusammen, die unseren kompletten Katalog auf allen relevanten Plattformen verfügbar machen. Entscheidend für die Akquise neuer Partner ist aber eher eine gute Dienstleistung im physischen Bereich.

MW: Angesichts der Vielzahl an Vertrieben in der deutschen Musikbranche: Besteht hier noch Konsolidierungsbedarf? Beck: Es gibt tatsächlich viele Wettbewerber bei den Musikindies, mit denen wir aber in einem guten Verhältnis stehen. Die Konsolidierungsfrage regelt der Markt in aller Regel alleine. Wir bieten unser VMI-System auch Dritten zur Nutzung an, denn daran kommt heute auch ein Indie nicht mehr vorbei. Insgesamt kaufen acht Musikfirmen diese Dienstleistung bei uns ein, zum Beispiel Indigo, H'Art oder Zyx. Die ersten Barrieren, was Konsolidierung und Zusammenlegung angeht, sind insofern schon gefallen. In diese Richtung wird der Markt meiner Meinung nach weiterhin tendieren, ob es nun um Lagerung, VMI oder sonstige Services geht. Ein Thema ist auch, wie man der Retouren im stationären Handel Herr werden kann. Auch hier entwickelt sich unsere Tochter Enterlog ständig weiter und kann neue Ideen präsentieren.

MW: Wie bewerten Sie die Veränderungen in der deutschen Handelslandschaft? Beck: Die Konzentration des Handels in Deutschland ist ein Marktprozess, der kaum aufzuhalten sein wird. Ich selbst habe zwölf Jahre im Einzelhandel gearbeitet. Spannend wird sein, in welchem Umfang die existierenden Händler den Backkatalog weiter bevorraten. Man muss sehen, welche Genre-Abteilungen sich in den Outlets halten können und wo aufgrund wirtschaftlicher Zwänge eher ab - gebaut wird. Das Onlinebusiness wird an Bedeutung zulegen, weil es bei der Bereitstellung von Katalogtiteln Vorteile gegenüber stationären Läden hat.

MW: Wo könnte der deutsche Markt heute stehen, wenn HMV Mitte der Neunziger WOM gekauft hätte? Beck: Ich glaube nicht, dass sich der deutsche Markt grundlegend anders entwickelt hätte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der deutsche Markt für große Megastores geeignet ist, denn durch jahrzehntelanges Preismarketing ist der Konsument entsprechend konditioniert. Dussmann in Berlin, Beck in München oder die großen Saturn- Häuser machen es zwar vor, aber diese Konzepte lassen sich nicht so einfach in andere Städte transferieren. Die Konkurrenzsituation und die Einkommensstruktur der Bevölkerung ist zu unterschiedlich. HMV in Großbritannien geht es im Übrigen auch nicht besonders gut, wie man hört - und das, obwohl Virgin, Woolworth und andere die Segel gestrichen haben.