Musik

Branchenumfrage zu South By Southwest in Austin: "Party, Fun und Alkohol"

01.01.1970 01:00 • von
Frage 1: Aus welchen Beweggründen und mit welcher Zielsetzung haben Sie SXSW besucht?

Dirk Schade, Manager Event & Festival der Popkomm: Wir nutzen SXSW zur Partnerpflege. Außerdem ist das Interesse an der Popkomm, Europa und Berlin in Nordamerika im Moment sehr groß.

Jörg Hacker, Managing Director Europe Bodog Music und Geschäftsführer thehackercompany: Ich wollte diverse Bands sehen, (vornehmlich) US-Businesspartner treffen und eine gute Zeit haben bei Sonne und Bier. Mission accomplished - as they say.

Jörg Tresp, Inhaber DevilDuck Records & Management: Die Motivation, Spaß zu haben und tolle, neue Bands zu entdecken, steht im Vordergrund. Klar treffe ich mich auch noch mit der einen oder anderen Band, Label oder Management, aber ich sorge dafür, dass sich das in Grenzen hält.

Henning Ahrens, Booking Manager/Agent bei Four Artists Booking: Neue Bands anschauen, bestehende Kontakte pflegen und neue Leute kennenlernen.

Jens Winkelmann, Product Manager Pop Warner Music: Bands, über die man wohl erst in zwei Jahren in Europa spricht, schon jetzt zu sehen. Die tolle Atmosphäre und das gute Wetter machen den Aufenthalt natürlich noch viel erträglicher.

Edgar Heckmann, Labelmanager Blue Rose Records: Die Beweggründe waren rein egoistischer Natur - die Firma bezahlt, und ich lasse es mir bei schönem Wetter, kühlem Shiner Bock und gutem Tex-Mex-Essen gutgehen. Nein, im Ernst - ich habe mir vor Jahren geschworen, dass ich, solange es Blue Rose gibt, in jedem Jahr nach Austin komme. Es ist zu etwas wie der zweiten Heimat geworden, zudem spielen sehr viele Künstler und Bands, die wir direkt unter Vertrag haben oder mit denen wir über Lizenz- und Vertriebsdeals nicht nur geschäftlich, sondern freundschaftlich verbunden sind. Es ist nirgends einfacher, neue Kontakte mit Musikern zu knüpfen und Leute, die man sonst nur über E-Mail oder Telefon kennt, auch persönlich zu treffen. Mit konkreten Zielen gehe ich schon lange nicht mehr aufs SXSW. In den ersten Jahren wollte ich jede Stunde mit einem neuen Meeting füllen und habe dadurch die Musik ziemlich vernachlässigt. Heute sitze ich bis gegen Mittag im Hotel und mache meine Tagesarbeit einschließlich eines Tagebuchs für unsere Website, ehe ich losziehe auf die Day Parties und Night Shows und ich dann ziemlich fertig, aber reicher an guter Musik, gegen 2.30 Uhr wieder im Hotel bin. Natürlich sind auch Termine und Shows dabei, wovon ich mir etwas verspreche und Visitenkarten griffbereit sind, aber ich gehe sehr oft auf Konzerte von Acts, die ich nicht für unser Label bekommen werde, die ich aber persönlich klasse finde und sehen möchte.

Dietrich Eggert, Geschäftsführer Harm's Way Managing & Consulting: Vor allem, um bei Konzerten einen Überblick der gegenwärtig angesagten Bands und Künstler aus (fast) der ganzen Welt zu bekommen, die sich alle für einige Tage in Austin versammeln. Darüber hinaus trifft man dann auch jede Menge alte und neue Bekannte aus der Musikbranche, bei denen man sich freut, sie mal wieder zu sehen und festzustellen, dass sie immer noch dabei sind. Ich habe SXSW auch in Hinblick auf die Aktivitäten für meine neue Firma besucht, bei der ich ab April als Gesellschafter und Geschäftsführer eingestiegen bin, um im Vorfeld unsere Geschäftsfelder zu präsentieren.

Immylou Coalminer, Betreiberin der Promotion- und Eventagentur Spiderwort Net: Zur Kontaktpflege mit Künstlern und Managements, was natürlich von Mal zu Mal mehr wird. Das Generieren neuer Aufträge und Auftraggeber steht aber an erster Stelle. Das Genießen des texanischen Frühlingswetters ist jedoch nicht untersagt. Außerdem mag ich Tex-Mex-Food. Als Veranstaltungsmanagerin stehe ich eben auf das Rundum-Paket.

Christian Gerlach, General Manager Karsten Jahnke und Geschäftsführer Reeperbahn Festival: Die SXSW ist für uns eine gute Anlaufstelle, um wichtige Branchenkontakte zu knüpfen, wertvolle neue Impulse mitzunehmen und eine eigene Bestandsaufnahme zu machen, wo wir international gerade stehen. Wenn man selbst Veranstalter eines derartigen Festivals ist, ist es darüber hinaus sehr wichtig, so etwas ab und an auch wieder als Besucher zu erleben.

Frage 2: Welchen Stellenwert hat für Sie SXSW im Vergleich zu anderen Branchenmessen und -festivals?

Dirk Schade: SXSW ist ein Musikereignis der Sonderklasse, was vor allem mit dem magischen Ort Austin und dessen Musikhistorie zu tun hat. Man muss es erleben. Allerdings entwickelt sich die Veranstaltung immer mehr in Richtung Musikparty mit Businessanhang". Die Anzahl der Künstler ist ins Beliebige angestiegen, und SXSW platzt aus allen Nähten. Es wird komplizierter, ernsthaftes Business zu betreiben und im musikalischen Dschungel neue, interessante Künstler zu entdecken. Um R.E.M. zu erleben, muss ich als Berliner nicht nach Austin fahren.

Jörg Hacker: Das ist die beste Musikmesse der Welt - vor allem im Bereich Alternative/Rock unschlagbar. Hohe UK-Quote, hohe US-Quote und eine echte Music/Gigmesse, während Midem eher vordergründig Business ist und Popkomm irgendwo dazwischen liegt und deutlich europa- beziehungsweise deutschlastiger ist. Ich gehe zu allen dreien - früher noch nach Miami zur WMC, nach Manchester zu In The City oder Toronto zur CMW. Aber mit Midem, Popkomm, SXSW ist man komplett ausgelastet fürs Jahr - die sind auch nicht zu dicht von den Terminen her. Der SXSW-Vibe ist erstklassig, da man viele Leute trifft, die alle entspannter sind als sonst - was die Atmosphäre in Austin, das Wetter sowie Essen und Trinken verursachen. Und mit einem Pass könnte man 800 Gigs sehen.

Jörg Tresp: Für mich hat SXSW einen hohen Stellenwert, zum einen im Gegensatz zu CMJ in New York, was ja eher USspezifischer und mit schlechteren Bandsverbunden ist, aber auch im Gegensatz zu Eurosonic und Popkomm. Die musikalische Qualität ist beim SXSW einfach um ein Vielfaches besser, das betrifft nicht nur die Fähigkeiten der Musiker, sondern vielmehr deren Eigenständigkeit.

Henning Ahrens: Die SXSW hat einen sehr großen Stellenwert, da man dort alle internationalen Kollegen trifft und vor allem neue Kontakte nach Japan und Australien knüpfen kann. Vom geschäftlichen Output und der Sinnhaftigkeit dieser Branchentreffen ist das Eurosonic/Noorderslag-Event in Groningen allerdings unerreicht.

Jens Winkelmann: Die SXSW ist wohl im Rock/Pop-Bereich die größte Live-Messe. Die Vielfalt sowie die enorme Anzahl der auftretenden Künstler ist einzigartig. Das Reeperbahn Festival ist auf einem guten Weg dahin, aber Austin bleibt unanfechtbar.

Edgar Heckmann: SXSW kann man mit keinem anderen Festival vergleichen, schon gar nicht mit Popkomm oder Midem. Es gibt zwar auch eine Trade Show, die ist aber so übersichtlich, dass ich immer in zehn Minuten durch bin. Das Herzstück der SXSW findet auf der Straße, in den Clubs, Parks und Kneipen statt. Da treffe ich Leute, mit denen ich Geschäfte machen möchte - Labels, Manager, Künstler - und vor allem Musikfans, die unsere Musik kaufen. Den Stellenwert kann ich nicht hoch genug werten; sicher auch eine Bestätigung dafür ist meine 14. Teilnahme seit 1995, als wir mit Blue Rose starteten.

Dietrich Eggert: Erfrischend an SXSW ist, dass es bei dieser Convention vor allem um Musik geht - sprich, sich abends möglichst jede Menge Bands und Künstler anzusehen und nicht die Abende bei langen Dinnersund Partys zu verbringen. Für mich war es das erste Mal bei SXSW, und ich fahre nächstes Jahr wieder hin. Die Menge an guter Musik in Austin war überwältigend, und das bestätigt mir selbst erneut, dass ich immer noch - und das mittlerweile seit Anfang der 80er-Jahre - tatsächlich in der richtigen Branche arbeite.

Immylou Coalminer: SXSW hat die größere Zahl an Americana und Countryesquem als Midem oder Popkomm - eine große Auswahl auch an mir Unbekanntem. Da ich hauptsächlich in diesem Bereich arbeite, bietet sich dieser Termin in Austin an. Und die Qualität dieses Genres und auch die Genuinität der Künstler liegt über dem Standard der europäischen Veranstaltungen, natürlich bedingt durch die größere Auswahlmöglichkeit. Und muss ich die Ohren mal freibekommen, dann gehe ich zu den netten Skandinaviern und amüsiere mich mit Metal und "Lone Star"-Bier.

Christian Gerlach: Die SXSW ist in vielen Dingen ein Vorbild und die Messlatte für unser Reeperbahn Festival, weil die Showcases und die daran angedockten Events den Kern dieses Branchenevents bilden.

Frage 3: Welche geschäftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse hat SXSW gebracht?

Dirk Schade: Wir konnten neue musikalische und geschäftliche Allianzen schmieden. Es ist natürlich auch wichtig, die Organisation und den Ablauf anderer Veranstaltungen zu erleben, um sich für den eigenen Laden inspirieren zu lassen.

Jörg Hacker: Ich schaue mir konkret künftig drei Bands für Bodog Music näher an - nachdem ich mich in Austin von deren Live-Eigenschaften überzeugen konnte. Zudem habe ich Kontakte zu verschiedenen Merchandisesektor als Berater über thehackercompany tätig bin.

Jörg Tresp: Konkret habe ich zwei Bands inklusive Management kontaktiert, die ich hier veröffentlichen möchte, sowie zwei Labels. Außerdem zwei meiner Bands (Kid Dakota und Say Hi) getroffen, ihre Shows gesehen und bei einem Bierchen in Ruhe mit ihnen geredet. Erkenntnis in diesem Jahr war vor allem, dass Hippie back ist, mit Bands wie zum Beispiel den Fleet Foxes und MGMT.

Henning Ahrens: Ich habe dieses Jahr leider nicht so viele gute neue Bands gesehen. Da war ein bisschen wenig am Start. Allerdings hatte ich eine gute Zeit mit vielen Geschäftspartnern, und ich habe eine paar sehr nette Kollegen kennengelernt. Leider war die Besucherzahl dieses Jahr für meinen Geschmack zu hoch. Teilweise waren die Schlangen vor den Clubs viel zu lang. Und wenn man zur Prime Time mehrere Bands schauen möchte, kann man das aufgrund der Wartezeiten vergessen. Die Veranstalter sollten in Zukunft mehr darauf achten, dass sich ausschließlich Personen akkreditieren können, die auch tatsächlich in der Branche tätig sind. Dann kann der Farmer aus Houston sich das nächste Jahr zu Hause volllaufen lassen.

Jens Winkelmann: Gute neue Kontakte, die hoffentlich bald Früchte tragen werden.

Edgar Heckmann: Die 2008er-Ausgabe der SXSW hat für mich vor allem die Erkenntnis gebracht, dass bei mir auch nach 14 Jahren immer noch keine Müdigkeit oder gar Langeweile an dieser Veranstaltung auftritt. Und die Erkenntnis, dass Rock mit den Spielarten Roots-Rock, Alt.Country oder Americana, also das, was wir auf Blue Rose veröffentlichen, noch immer den größten Anteil einnimmt. Und nicht zu vergessen die Tatsache, dass sich SXSW in den letzten sechs, sieben Jahren weg von einer reinen Musik- zu einer unübersichtlichen Massenveranstaltung gewandelt hat, bei der vor allem die Begriffe Party, Fun und Alkohol eine große Rolle spielen. Vom geschäftlichen Gesichtspunkt gesehen war SXSW 2008 so erfolgreich wie nie zuvor. Ich bin mit vier konkreten Signings nach Hause geflogen, die allesamt ganz großes Kino für Blue Rose bedeuten, allen voran die Deals mit James McMurtry und Blue Mountain. Aber auch die Neuentdeckungen The Band Of Heathens aus Austin und The Whipsaws aus Anchorage, Alaska, haben mich total begeistert. Außerdem liegen bei mir noch diverse CDs, die ein genaueres Studium wert sind.

Dietrich Eggert: Konkrete geschäftliche Ergebnisse gibt's noch nicht, dafür aber diverse Anknüpfungspunkte, aus denen sich etwas ergeben wird. Die beste Erkenntnis von SXSW für mich ist: Es gibt immer noch so viele großartige neue Bands und Künstler, dass ich mir um die Zukunft dieser Branche keine Sorgen mache.

Immylou Coalminer: Dieses Jahr sind es bisher drei neue Auftraggeber geworden (mit Nummer vier verhandle ich noch), des Weiteren habe ich einen neuen Vertrieb für einen anderen Kunden. Dann kommen neue Download-Plattformen und Services hinzu, die meinen Künstlern nützen. Und neue internationale Label -und Medienkontakte entstehen. Das Schöne ist, dass so was beim SXSW immer ganz entspannt und einfach läuft. Du beschäftigst dich mit einem Thema, suchst dir die dafür zuständigen Personen, sprichst mit ihnen - und der Rest geht wie von selbst. Manchmal stehst du dafür auch nur in der Schlange um eine Margarita im Jovita's an. Zusätzlich beschwingen aber auch die nette Stadt und das Gute-Laune-Wetter, sind wir dort versammelten Deutschen doch in der Regel just der schlimmsten Winter-Depression von der Schippe gesprungen.

Christian Gerlach: Wir sind mit sehr vielen neuen Impulsen und Ideen für unsere eigene Veranstaltung zurückgekommen und haben - häufig eher zufällig - interessante Menschen und neue, potenzielle Kooperationspartner getroffen. Es müssen aber auch nicht immer die internationalen Kontakte sein: Man findet hier außerdem die Zeit und den Rahmen, sich entspannt mit Kollegen oder Geschäftspartnern aus Deutschland bei einem Frühstück oder Bier auszutauschen. Und darüber hinaus haben wir selbstverständlich auch ein paar neue Künstler gesehen, die wir nun für unser Reeperbahn Festival 2008 angefragt haben.