Musik

vote/quote: Nachrufe auf die CD verfrüht

Kürzlich prophezeiten zwei Lenker der Branche dem CD-Geschäft einen baldigen Absturz: Die CD sei so gut wie tot, meinten Alain Levy (EMI) und Ged Doherty (Sony BMG). Doch diese Einschätzung wollen viele ihrer Kollegen nur bedingt teilen.

01.01.1970 01:00 • von Knut Schlinger

Kürzlich prophezeiten zwei einflussreiche Lenker der Branche dem Geschäft mit herkömmlichen Tonträgern einen baldigen Absturz: Die CD sei so gut wie tot, meinten Alain Levy (EMI) und Ged Doherty (Sony BMG). Doch diese Einschätzung wollen viele ihrer Kollegen nur bedingt teilen.

"Die CD, wie wir sie heute kennen, ist tot", behauptete EMI-Musikchef Alain Levy kürzlich bei einer Rede vor der London Business School. 60 Prozent der heutigen CD-Kunden, so Levy, kaufen sich den Tonträger ohnehin nur, um ihn am heimischen Computer zu rippen und die Dateien auf einen Digitalplayer zu überspielen. Ins gleiche Horn stieß Ged Doherty, Leiter der britischen Niederlassung von Sony BMG. Er rechnet bis Ende 2010 im gesamten Musikgeschäft mit Einbußen in Höhe von 30 Prozent; die Zahl der verkauften Tonträger soll seinen Schätzungen nach bis dahin sogar um 50 Prozent sinken.

"Der Verkauf physikalischer Tonträger wird zwar weiterhin rückläufig sein, aber trotzdem auf unabsehbare Zeit die wichtigste Einnahmequelle der Musikindustrie bleiben", meint dagegen Frank Pagenkemper, Geschäftsführer von MFP. "Ich glaube definitiv nicht an das totale Aus des physischen Tonträgers, schon gar nicht bis 2010", sagt auch Hans Seelenmeyer, Inhaber der Marketing- und Vertriebsagentur Toolboxx. Bei der abgelaufenen Online-Umfrage auf musikwoche.de stimmten ihnen mehr als 80 Prozent der Teilnehmer zu. Sie alle glauben noch nicht an den nahen Tod der CD, nur gut 17 Prozent halten den Tonträger für ein Auslaufmodell.

Aber auch diese Position hat Fürsprecher: Im Hinblick auf die vielen Medienunternehmen, Telekommunikationskonzerne und Gerätehersteller, die um den erfolgreichsten Zugang zum Medienbudget der Konsumenten buhlen, meint Robbie-Williams-Manager Tim Clark: "Ein Blick auf die schiere Zahl der Unternehmen in diesen Geschäftsfeldern, ihre Größe und ihre Marketingbudgets reicht, um allen ganz eindeutig klar zu machen, dass wir kurz vor einem massiven Umbruch stehen. Die CD wird innerhalb von fünf Jahren Geschichte sein."

Zahlreiche weitere Stimmen zum Tod der CD von Branchenprofis wie Christoph Bornefeld-Ettmann, York Patrick Herpers, Hartmuth Siebert, Heike Völker-Sieber oder Martin Mills finden Sie im aktuellen MusikWoche-Dossier, Heft 48/2006, oder im livepaper.