Musik

Musikwoche-Dossier: US-Markt 2005

18.01.2006 15:19 • von Daniela Gutfleisch
10 4/2006 dossier.us-markt 2005 Millionenmarkt New York - Es war ein lebhaftes Jahr für die amerikanische Musikwirtschaft. Ein Major ging an die Börse, ein anderer erlangte durch den Einsatz zweifelhafter Technologien unfreiwillige Berühmtheit. Ein ehrgeiziger Jurist deckte unschöne Machenschaften auf, und eine Künstlerin, der man dies am wenigsten zugetraut hätte, lieferte das erfolgreichste Album ab. Doch unterm Strich bleiben wieder schockierend rote Zahlen und die Erkenntnis, dass die Branche das Internet immer noch nicht verstanden hat. US-Musikbranche hat ein durchwachsenes Jahr hinter sich 4/2006 11 us-markt 2005.dossier in roten Zahlen Dabei fing alles so gut an: Die Bilanz für 2004 wies erstmals seit Jahren wieder ein - wenn auch niedriges - Absatzplus aus. Der Leitmarkt der Musikindustrie mit seinen rund zwölf Millarden Dollar Umsatzvolumen lag auf Wachstumskurs. Während andere Kernmärkte in Europa und Asien noch mit ihren Krisen kämpften, war die Rocknation USA von der Musikkonsumverweigerung genesen, und man konnte sie als leuchtendes Beispiel und Hoffnungsschimmer für die anderen heranziehen. Doch weit gefehlt und zu früh gefreut: Der Aufschwung war keiner. Der US-Markt hatte sich 2004 lediglich ein wenig aufgebäumt, nur um sich danach noch tiefer in den Abschwung zu wirtschaften. Statt einen Schritt nach vorn machte das Business zwei Schritte zurück. Je nach Rechnungslegung betrug das Stückzahlenminus im Vergleich der Jahre 2005 und 2004 zwischen 7,2 und 9,1 Prozent. Die Absatzstatistiken sind noch nicht vollends erstellt, nicht alle Verkäufe über die diversen Absatzkanäle ausgezählt. Zudem verwirrend in der Statistik: Das Jahr 2004 hatte ungewöhnliche 53 Kalenderwochen. Endgültige Vergleichswerte sind daher erst mit dem Jahreswirtschaftsbericht des Tonträgerverbands Recording Industry Association of America (RIAA) zu erwarten. Doch nach den derzeit vorliegenden Zahlen des Charts-Ermittlers Nielsen SoundScan wurden 2005 in den USA 618,9 Millionen Alben verkauft. Das sind 47,8 Millionen oder 7,2 Prozent weniger als die 666,7 Millionen Einheiten aus dem Jahr davor. Seit dem Jahr 2000, dem bislang erfolgreichsten für die amerikanische Branche, sanken die Albumverkäufe somit um 21,2 Prozent, also ein gutes Fünftel. Dieses ernüchternde Ergebnis war jedoch schon seit Wochen abzusehen: Das ganze Jahr über bewegten sich die Absatzzahlen im Minus, und selbst im Saisongeschäft zwischen Thanksgiving und Weihnachten, das normalerweise für 40 Prozent des Jahresumsatzes gut ist, zog das Geschäft nicht an. Statt dessen wurden lediglich 20 Prozent aller Alben in den letzten sechs Wochen des Jahres verkauft. "Diese Feiertagssaison war wohl die mieseste in der Geschichte der Musikbranche", meinte Steve Bartels, President von Island Records. Und sein Kollege Jim Urie, President des Universal-Vertriebs UMVD, sagte: "Das ist irgendwie eine trostlose Hochsaison am Ende eines trostlosen Jahres." Die CD-Zahlen sind im Keller Das gilt vor allem für diejenigen 90 Prozent der Branche, die ihr Geld weiterhin mit dem Verkauf von physischen Tonträgern verdienen. Wer hingegen sein Geschäft mit digitalen Formaten macht, hatte 2005 durchaus Grund zur Freude. 352,7 Millionen Downloads wurden im vergangenen Jahr verkauft - 147 Prozent mehr als die 142,6 Millionen Tracks 3 12 4/2006 dossier.us-markt 2005 aus dem Jahr 2004. Dazu kommen noch die 16,2 Millionen in digitaler Form verkauften Alben - ein Plus von 195 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch das Klingeltongeschäft, das in den USA im Vergleich zu Europa und Asien nur schleppend in Schwung kam, entwickelte sich prächtig und machte rund 600 Millionen Dollar Umsatz. Zusammen genommen käme das US-Digitalgeschäft somit auf gut 1,1 Milliarden Dollar. Bei einem Gesamtvolumen des US-Musikmarkts von knapp zwölf Milliarden Dollar bestreiten die Plattenfirmen also bereits mehr als neun Prozent ihrer Umsätze mit digitalen Konfigurationen. "Die Verkäufe fallen deshalb so dramatisch ab, weil jeder auf die neuen Formate umstellt", bestätigt auch Larry Solters von Nielsen SoundScan. "Alle sprechen immer nur von den sinkenden CD-Verkäufen, dabei explodieren die Downloadverkäufe." Und wenn man dann noch die Arithmetik von Nielsen Sound- Scan als Schablone über die Bilanz legt, die aus zehn einzeln verkauften Downloads in der Theorie ein verkauftes Album macht, dann beträgt das Absatzminus nur noch 3,9 Prozent. Zusammen mit allen anderen Formaten wie Klingeltönen, Musikvideos oder DVDs, deren Verkauf der Charts-Ermittler statistisch überwacht, seien 2005 sogar mehr als eine Milliarde Einheiten zusätzlich zu den physischen Tonträgern abgesetzt worden - ein Plus von 22,7 Prozent. Doch angesichts der vergleichsweise niedrigen Margen beim Downloadverkauf ist diese Rechenweise irreführend und grenzt schon fast an Bilanzschwindel. Denn Fakt ist: Die Cash Cow ist vorerst immer noch das CDAlbum. Und dessen Zahlen sind im Keller. Ein Blick auf die Top Ten der Jahre 2000 und 2005 genügt, um die Krise zu verdeutlichen. Die zehn erfolgreichsten Alben vor fünf Jahren kamen zusammen auf 60,5 Millionen verkaufte Exemplare. Die Top Ten des vergangenen Jahres nur auf knapp 32,1 Millionen. Das entspricht einem Einbruch um 47 Prozent. Während die Boyband 'N Sync seinerzeit noch fast zehn Millionen Alben in einem Jahr verkaufen konnte, war es 2005 bei Mariah Carey gerade einmal die Hälfte. Damit ist die Popdiva, die für die meisten Beobachter längst abgewirtschaftet hatte und auf die kaum noch jemand einen Pfifferling gesetzt hätte, die erfolgreichste Musikerin des abgelaufenen Jahres. Ihr Album "The Emancipation Of Mimi" ist nun seit 40 Wochen in den Charts, meistens in den Top Ten. Ihre Single "We Belong Together" war 14 Wochen lang auf Platz eins der USSingles. Das gelang zuletzt Elton John mit seiner Lady-Diana-Ballade "Candle In The Wind 1997". Kein Song bekam so viel Airplay wie die Carey-Single, die 496.000 Mal gespielt wurde. Mehr als die kurven- Country ist und bleibt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Nashville (ml) - Das Country- Genre, für das die Musikbranche in Nashville überwiegend steht, kam im Jahr 2005 mit einem vergleichsweise blauen Auge davon. Das Absatzminus des Genres betrug lediglich 3,3 Prozent: Statt 77,9 Millionen wie im Jahr 2004 verkauften Labels und Handel nur noch 75,3 Millionen Country-Alben. Dank des branchenübergreifend größeren Minus wuchs jedoch der Marktanteil des Genres von 11,69 auf 12,70 Prozent. Dabei fehlen in dieser Statistik die CD-Boxen von Garth Brooks, die für 25 Dollar ausschließlich bei Wal-Mart im Angebot waren, und vermutlich bis zu 2,5 Millionen Einheiten verkauft haben. Dass die in Europa oft belächelte Nashville-Branche ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor ist, rechnete jüngst eine Untersuchung der Belmont University vor, die im Auftrag der Stadtverwaltung und der Handelskammer von Nashville die Wirtschaftskraft der Branche ermittelte. Das Musikbiz der Country- Metropole erwirtschaftet demnach jährlich rund 6,38 Milliarden Dollar. Die amtliche Standortbestimmung wies als direkte Ausgaben der Musikfirmen 2,64 Milliarden Dollar aus; zusammen mit den indirekten Ausgaben im Umfeld der Branche steigt der Wert auf 3,96 Milliarden Dollar. Zudem generieren Touristen, die wegen der Musik in die Hauptstadt des USBundesstaats Tennessee reisen, weitere 2,42 Milliarden Dollar an Umsätzen. Laut Bürgermeister Bill Purcell rangiert Nashville damit im inneramerikanischen Vergleich nur knapp hinter den Entertainmenthochburgen Los Angeles und New York und vor anderen US-Musikzentren wie Austin, Memphis, Seattle oder dem Bundesstaat Georgia mit seinen Musikstädten Atlanta, Athens und Marietta. Die Belmont-Studie fand zudem heraus, dass im Großraum Nashville 19.437 Arbeitsplätze direkt mit der Musikbranche verbunden sind. In diesen Jobs werden insgesamt 722 Millionen Dollar jährlich verdient - im Durchschnitt 37.200 Dollar pro Stelle. Zusammen mit den Arbeitsplätzen in der Tourismusbranche und anderen Bereichen, die von den Ausgaben der Musikwirtschaft profitieren, sind damit rund acht Prozent der Erwerbstätigen direkt oder indirekt von der Musik abhängig. Die Jobs verteilen sich dabei unter anderem auf 80 Plattenfirmen, 130 Musikverlage, mehr als 180 Tonstudios, 27 Musikmagazine und gut 5000 gewerkschaftlich organisierte Musiker. Die erfolgreichsten Tourneen 0 300 600 900 1200 1500 "Vans Warped Tour" 717,736 Eagles 725,598 Neil Diamond 750,21 Mötley Crüe 791,591 Rascal Flatts 807,899 Green Day 912,843 Kenny Chesney 1.131,330 Rolling Stones 1.209,430 Dave Matthews Band 1.211,430 U2 1.432,890 Zuschauer Quelle: "Pollstar" Die Zeiten sind spannend für diese drei Spitzenmanager der US-Branche (v.l.n.r.): Doug Morris (Universal), Howard Stringer (Sony) und Steve Gottlieb (TVT) 4/2006 13 us-markt 2005.dossier reiche Chanteuse verkaufte nur die Gruppe Green Day; doch deren 5,2 Millionen Exemplare des Albums "American Idiot" verteilen sich auf zwei Kalenderjahre, weswegen der Band in der Endabrechnung nur Rang vier bleibt. Majors geraten unter Druck Doch gemessen an den Verkaufserfolgen von einst sind solche Zahlen nur mittelprächtig. Keiner der Topseller erreicht mehr die Spitzen von vor fünf Jahren. Obendrein enttäuschen auch die neuen Veröffentlichungen von Stars, die in den Kalkulationen der Vertriebschefs fest eingeplant waren. Aktuelle Platten von Missy Elliott, Santana oder den Rolling Stones bewegten sich nur in der Region um 500.000 Verkäufe - eine Stückzahl, die sogar von einem Independent-Act wie Hawthorne Heights (Victory Records) selbst ohne Radioeinsätze mühelos überboten wurde. "Im Jahr 2004 gab es am Ende noch Veröffentlichungen von Superstars wie U2, Eminem oder Lil Jon. 2005 konnte da nicht mithalten", urteilt auch Lon Lindeland, bei Best Buy für den Musikeinkauf zuständig. Das Indielabel Victory sorgte einst für den Aufbau einer Nachwuchsband namens Death Cab For Cutie. Nach dem Wechsel der Gruppe zu Warner Music lagen die Erwartungen entsprechend hoch. Doch "Plans" blieb an der 400.000er-Schwelle hängen. Statt dessen setzten Newcomer- und Indie-Acts wie The Arcade Fire, Bright Eyes oder Interpol locker 250.000 Alben und mehr ab. Wenn selbst Soul-Götter wie Stevie Wonder mit ihrem neuen Album nicht unter den Top 200 auftauchen, wenn "Darkside Of Die US-Topseller des Jahres 2005 Interpret Titel Label Verkaufszahl* Mariah Carey "The Emancipation Of Mimi" Island Def Jam/Universal 4,97 50 Cent "The Massacre" Interscope Geffen A&M/Universal 4,85 Kelly Clarkson "Breakaway" RCA/Sony BMG 3,50 Green Day "American Idiot" Warner Bros./WMG 3,36 Black Eyed Peas "Monkey Business" IGA/Universal 3,04 Coldplay "X & Y" Capitol/EMI 2,62 Rascal Flatts "Feels Like Today" Lyric Street/Hollywood Rec. 2,511 Gwen Stefani "Love.Angel.Music.Baby" IGA/Universal 2,505 Kanye West "Late Registration" IDJ/Universal 2,41 The Game "The Documentary" IGA/Universal 2,28 Diverse "NOW! That's What I Call Music 20" EMI/Universal/Sony BMG/Zomba 2,1 The Killers "Hot Fuss" IDJ/Universal 1,9 Kenny Chesney "The Road And The Radio" RLG/Sony BMG 1,82 Jack Johnson "In Between Dreams" Universal Motown/Universal 1,76 Keith Urban "Be Here" Capitol Nashville/EMI 1,71 System Of A Down "Mezmerize" Columbia/Sony BMG 1,65 Carrie Underwood "Some Hearts" Arista/Sony BMG 1,64 Nickelback "All The Right Reasons" IDJ/Universal 1,6 Faith Hill "Fireflies" Warner Bros. Nashville/WMG 1,53 Ciara "Goodies" Zomba/Sony BMG 1,53 Gorillaz "Demon Days" Virgin/EMI 1,53 Sugarland "Twice The Speed Of Life" Universal Nashville/Universal 1,5 Toby Keith "Honkytonk University" Universal Nashville/Universal 1,4 John Legend "Get Lifted" Columbia/Sony BMG 1,38 Dave Matthews Band "Stand Up" RCA/Sony BMG 1,33 Eminem "Encore" IGA/Universal 1,3 Mike Jones "Who Is Mike Jones?" Asylum/WMG 1,29 Fall Out Boy "From Under The Cork Tree" IDJ/Universal 1,2 Usher "Confessions" Zomba/Sony BMG 1,2 Young Jeezy "Let's Get It: Thug Motivation 101" IDJ/Universal 1,2 * in Millionen verkauften Alben; vorläufige, zum Teil gerundete Angaben von Nielsen SoundScan 0 50 100 150 200 Jimmy Buffet 41,00 Neil Diamond 47,3 Dave Matthews Band 57,0 Kenny Chesney 61,8 Elton John 65,8 Eagles 76,8 Paul McCartney 77,3 Celine Dion 81,3 U2 138,9 Rolling Stones 162,0 Einspielergebnis* * in Millionen US-Dollar; Quelle: "Pollstar" Entwicklung der P2P-Nutzung Durchschnittliche Zahl von US-amerikanischen P2P-Nutzern, die zu jedem beliebigen Zeitpunkt online waren (in Millionen). Die Daten umfassen die Nutzerschaft in den Netzwerken FastTrack, Gnutella, eDonkey und DirectConnect. Quelle: BigChampagne 4 5 6 7 8 4,44 5,45 5,50 6,13 6,18 6,02 6,30 6,29 6,51 6,87 6,87 6,75 6,53 6,86 6,98 Dez. 2005 Nov. 2005 Okt. 2005 Sept. 2005 Aug. 2005 Juli 2005 Juni 2005 Mai 2005 April 2005 März 2005 Feb. 2005 Jan. 2005 Dez. 2004 Nov. 2004 Okt. 2004 3 Im Vergleich: Die Top Ten der Jahre 2000 und 2005 2000 2005 Interpret: Album Verkaufszahl * Interpret: Album Verkaufszahl* 'N Sync: "No Strings Attached" 9,9 Mariah Carey: "The Emancipation Of Mimi"4,97 Eminem: "The Marshall Mathers LP" 7,9 50 Cent: "The Massacre" 4,85 Britney Spears: "Oops! ... I Did It Again" 7,9 Kelly Clarkson: "Breakaway" 3,50 Creed: "Human Clay" 6,6 Green Day: "American Idiot" 3,36 Santana: "Supernatural" 5,9 Black Eyed Peas: "Monkey Business" 3,04 The Beatles: "1" 5,1 Coldplay: "X & Y" 2,62 Nelly: "Country Grammar" 5,1 Rascal Flatts: "Feels Like Today" 2,511 Backstreet Boys: "Black And Blue" 4,3 Gwen Stefani: "Love.Angel.Music.Baby" 2,505 Dr. Dre: "2001" 4,0 Kanye West: "Late Registration" 2,41 Destiny's Child: "The Writing's On The Wall" 3,8 The Game: "The Documentary" 2,28 Summe 60,5 32,05 (- 47 Prozent) * in Millionen Alben; Quelle: Nielsen SoundScan 14 4/2006 dossier.us-markt 2005 The Moon" von Pink Floyd dank Live8 fast eine halbe Million neue Käufer findet und wenn das über und über beworbene "How To Dismantle An Atomic Bomb" von U2 weniger Exemplare verkauft als eine Bestof von Guns N' Roses, dann wird deutlich, dass das Geschäftsmodell der Majorkonzerne Risse bekommen hat. Das lässt sich auch an den Marktanteilen der Firmen ablesen, wo die Independents inzwischen gemeinsam auf 18,1 Prozent kommen - mehr als EMI oder Warner. Kleine und mittlere Unternehmen kommen zwangsläufig ohne die großen Blockbuster aus und verdienen dank schlanker Strukturen und sparsamer Marketingpläne auch mit geringeren Verkaufszahlen Geld. Meist reichen da schon 25.000 Stück für einen ordentlichen Gewinn. Die Mitarbeiter bei den Majors seien alle "ganz fürchterlich unter der Fuchtel ihrer Shareholder" und müssten sich "jede Investition von oben absegnen lassen", damit die vierteljährlichen Ergebnisse nicht gefährdet werden, meint TVT-Chef Steve Gottlieb. "Bei diesem Vorgehen fehlt einem einfach die Zeit für das eine Album mehr, das damals U2 oder Bruce Springsteen zum Durchbruch verholfen hat." Den Majors gehe es nur noch um Platinkünstler, so Gottlieb. "Da hat doch bis auf ganz wenige Ausnahmen niemand mehr Lust auf Artist Development." Das neue Selbstbewusstsein der Indieszene äußerte sich Anfang 2005 in der Gründung des Verbands American Association of Independent Music (A2IM). "Die vier Majors stehen kaum noch für kulturelle Vielfalt", erklärt A2IM-President Don Rose. "Deren Klassikabteilungen wurden genauso an den Rand gedrängt wie ihre Jazz-Departments. Es gibt eben kaum noch Nischen, die von den Majors gepflegt werden. Sogar ein Künstler wie Tom Waits ist wieder zurück bei einem Indie." Produktflaute und starke Konkurrenz Doch auch wenn sich viele der kleineren Plattenfirmen schneller an die gewandelten Erfordernisse der digitalen Zeit angepasst haben, lassen sich die Absatzverluste der Branche nicht einfach mit dem altbekannten Indie-Major-Dualismus erklären. Für die meisten liegt der Fall klar: Es gab zu wenig attraktives Repertoire. Die Schuld am Abwärtstrend liege bei der "absolut gigantischen Jauchegrube aus wirklich grottenschlechten Bands", findet Don Van Cleave, Vorsitzender der Händlervereinigung Coalition of Independent Music Stores. Die Musikkundschaft gibt ihm Recht. Nur eine Handvoll Acts, die ganz oben in die Charts einstiegen, konnte ihre Position in den Folgewochen halten, geschweige denn verbessern. "Es gab schon lange nichts Neues mehr, was die Konsumenten begeistert hätte", sagt John Sullivan von der Handelskette Trans World Entertainment. "Es ist fast so, als bräuchten wir mal wieder ein neues Genre." Zur inhaltlichen Flaute gesellte sich 2005 stärker denn je die Konkurrenz durch andere Unterhaltungsprodukte. Das USGames- Geschäft legte um sechs Prozent zu, Microsoft brachte seine Xbox360 in den Handel, und Apple verkaufte 32 Millionen iPods. Da wird das Geld für CDs eben immer knapper. Doch aus Sicht der Top-Funktionäre der Branche sind dies nur Randerscheinungen. Die wahren Gründe für die Verluste seien viel eher in illegalen Downloads und der CD-Brennerei zu suchen. Nach Meinung der RIAA sind es die Nutzer der P2P-Netzwerke, die für die Umsatzverluste verantwortlich Top Ten Download Singles Interpret: Titel Anzahl Downloads * Gwen Stefani: "Hollaback Girl" 1,17 Mio. Kanye West: "Gold Digger" 1,09 Mio. Weezer: "Beverly Hills" 962.000 Kelly Clarkson: "Since U Been Gone" 960.000 Black Eyed Peas: "My Humps" 918.000 The Killers: "Mr. Brightside" 889.000 Fall Out Boy: "Sugar, We're Going Down" 831.000 Black Eyed Peas: "Don't Phunk With My Heart" 816.000 Lifehouse: "You And Me" 809.000 Green Day: "Boulevard Of Broken Dreams" 804.000 * Quelle: Nielsen SoundScan 0 200 400 600 800 785 763 681 656 667 619 2005 2004 2003 2002 2001 2000 Entwicklung des Albenabsatzes* * in Millionen Alben; Quelle: Nielsen SoundScan Überraschte 2005 mit ihrem Erfolgsalbum "The Emancipation Of Mimi": Mariah Carey 3 Universal Music & Video Distribution (Universal Music Group) Sony BMG Music Entertainment WEA (Warner Music Group) EMI Music Independentfirmen 31,71* (+7,2%) 25,61 (-10,0) 15,00 (+2,2) 9,55 (-3,6%) 18,13 (+4,4%) 29,59 28,46** 14,68 9,91 17,36 2004 2005 Handelsmarktanteile im Jahr 2005 * in Prozent der Albumverkäufe (Nielsen SoundScan); in Klammern die Veränderung in Prozent ** theoretische Summe der Marktanteile von Sony Music und BMG us-markt 2005.dossier Warner startet ruppig in die neue Zeit New York (ml) - Am 11. Mai 2005 sollte für die Warner Music Group (WMG) eine neue Zeitrechnung beginnen. Nachdem ein Konsortium unter Führung von CEO Edgar Bronfman jr. und der Investmentbank Thomas H. Lee Partners den Major vom Medienmulti Time Warner übernommen hatte, ging die Traditionsplattenfirma, die in ihrer bewegten Geschichte schon einige Besitzerwechsel erlebt hat, zum Teil in öffentlichen Besitz über. Mit einem Ausgabekurs von 17 Dollar pro Aktie ging die WMG in New York an die Börse. Was zum Schaulaufen der neuen Firmenleitung werden sollte, geriet jedoch bestenfalls zum Pflichtprogramm - und das auch noch mit schlechten B-Noten. Zunächst sollte die WMG-Aktie zwischen 22 und 24 Dollar kosten, doch diverse Analysten und letztlich auch die Konsortialbanken hielten diesen Preis für überbewertet. Statt den knapp 800 Millionen Dollar, die das Warner-Management eigentlich mit dem IPO erzielen wollte, kamen am Ende nur wenig mehr als 500 Millionen Dollar in die Kassen. Doch statt den Geldregen in den Ausbau des Geschäfts zu investieren, tilgte die WMG erst einen Teil ihrer bedenklich hohen Schulden und versorgte ein Dutzend ihrer Spitzenkräfte mit siebenstelligen Sonderboni. Dass das an der Basis nicht für Sympathiepunkte sorgte, darf nicht verwundern. Die Gruppe Linkin Park, einer der Topseller der Firma in den vergangenen Jahren, drohte sogar mit Abschied und boykottierte die IPO-Party. Vielen Beobachtern und Angestellten stieß sauer auf, dass der Neustart mit rund 1000 Entlassungen und einer Handvoll hoch bezahlten Neuverpflichtungen begann. "Wer als Eigentümer sein Unternehmen derart ausbluten lässt, verstößt vielleicht nicht gegen Recht und Gesetz. Das Ganze aber als Sanierung zu präsentieren, ist eine Frechheit", urteilte die "Financial Times Deutschland" damals. Unter anderem mussten Les Bider, der langjährige Verlagschef bei Warner/Chappell, Jason Flom, Leiter von Atlantic Records, und Sylvia Rhone, Chefin von Elektra, ihre Posten räumen. Die beiden Ostküstendivisionen Elektra und Atlantic wurden zusammengelegt - dem Erfolg hat es bislang nicht geholfen, das Westküstenlabel Warner Bros. Records bewegt sich weitaus besser am Markt. Analysten vermissten bislang den Investitionswillen. Aber nicht alle WMG-Nachrichten waren schlecht. Vom Tiefststand bei 14,70 Dollar pro Aktie hat sich das Unternehmen bis Jahresende wieder auf jenseits der 21-Dollar- Grenze erholt. Bronfman & Co. zahlten einst 2,6 Milliarden Dollar für den Major. Heute ist er gemessen am Börsenkurs rund 3,1 Milliarden Dollar wert. Auch die Bilanzen entwickeln sich zum Besseren: Im abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Umsatz der WMG um zwei Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar, die Verluste sanken von 1,4 Milliarden auf nur noch 169 Millionen Dollar. Besonders im Digitalgeschäft hat Warner mit sechs Prozent Umsatzanteil im Branchenvergleich die Nase vorn. Für die Entwicklung des Geschäfts von morgen wurden deshalb neue Abteilungen ins Leben gerufen: Bei Cordless Records erscheint Musik in trägerloser Form, und bei den Incubator-Labels Asylum und East West kümmern sich Major- Profis um den Indie-Nachwuchs. Und um nicht mit allen alten Traditionen zu brechen, hat Bronfman die Warner-Urgesteine Ahmet Ertegun (Atlantic), Jac Holzman (Elektra) und Seymour Stein (Sire) reaktiviert und ihnen Label- und A&R-Projekte zugewiesen. Die WMG-Dependance in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter der Leitung von Bernd Dopp fuhr im vergangenen Geschäftsjahr übrigens ein Traumergebnis ein. MARKUS LÖFFEL (MARK SPOON) 27. November 1966 - 11. Januar 2006 Anzeige Spart mit Investitionen: Edgar Bronfman jr. 16 4/2006 dossier.us-markt 2005 sind. Seit September 2003 geht der Branchenverband gegen individuelle Filesharer juristisch vor, rund 17.000 Menschen haben inzwischen Vorladungen der RIAA erhalten. Zudem setzte man sich gemeinsam mit dem Filmverband MPAA vor dem Supreme Court gegen die Tauschbörsenbetreiber Grokster und StreamCast durch. In der Folge gingen auch andere P2PDienste wie eDonkey, i2hub oder WinMX in die Knie. iMesh hat als erster ein legales P2P-System mit Lizenzen der Rechteinhaber gestartet, Mashboxx will demnächst nachziehen. Am Nutzeraufkommen in den als illegal eingestuften P2PNetzen hat das indes nichts geändert. Im Gegenteil: Zwischen Dezember 2004 und Dezember 2005 stieg die Zahl der Filesharer in den USA um 27 Prozent auf durchschnittlich knapp sieben Millionen, die zu jedem beliebigen Zeitpunkt in den Tauschbörsen online waren. Bei der RIAA glaubt man dennoch, dass die Klagen gegen Downloader eine eindämmende Wirkung auf die Onlinepiraterie hatten. Belegbar ist das nicht. In den letzten beiden Wochen des Jahres verkaufte die Branche 9,5 und 19,9 Millionen Downloads, nach Schätzungen der Marktforschungsfirma BigChampagne werden in P2P-Systemen wöchentlich 250 Millionen Songs verschoben. Da stellt sich die Frage, ob es klug ist, seine größten Fans und potenziellen Kunden mit Klagen zu verärgern. Digitalgeschäft vor der Explosion Fraglos unklug war Sony BMG. Der Einsatz der als Sicherheitsgefährdung eingestuften Kopierschutzsysteme XCP und MediaMaxx warf nicht nur ein äußerst schlechtes Licht auf den deutsch-japanischen Major, er erwies der gesamten Branche einen Bärendienst. Die Firma bot einer schrumpfenden Zielgruppe - den geschätzten CD-Käufern - ein mangelhaftes Produkt an und setzte sie damit zudem den Angriffen von Hackern aus. Erste Sammelklagen räumte Sony BMG inzwischen mit einem Vergleich aus der Welt, weitere Verfahren sind noch anhängig. Der Versuch, zahlenden Kunden den schwarzen Peter der Branchenkrise zuzuschieben wird den Major noch länger verfolgen und etliche Millionen kosten. Und weitere Kopierschutzexperimente wohl mittelfristig vereiteln. Unterm Strich scheint sich ein Trend zu verfestigen: Die CD als vorherrschendes Format nähert sich dem Ende ihres Marktzyklus; den Absatz stützende Ableger wie DVD oder DualDisc haben die Musikkunden nicht im breiten Umfang überzeugt. Gleichzeitig sind die neuen, digitalen Konfigurationen noch nicht in der Lage, eine Führungsrolle zu übernehmen. Die Zuwächse im Downloadsektor sind ermutigend, doch bis der Digitalmarkt den physischen auffängt, wird es wohl noch etwas dauern. Doug Morris, Chairman & CEO des unangefochtenen Marktführers Universal Music, bringt es auf den Punkt: "Das war ein Jahr, in dem man mit der Piraterie und dem Mangel an Superstar- Veröffentlichungen zu kämpfen hatte." Das Digitalgeschäft werde "die Branche explodieren lassen, aber es braucht seine Zeit". Wenn die Hochrechnungen basierend auf den Dezemberzahlen wahr werden, kann die US-Branche im Jahr 2006 zwischen 750 Millionen und einer Milliarde Downloads verkaufen. Wenn man dazu einen ebenbürtigen Mobilmarkt addiert, dann kratzt der digitale Marktsektor demnach bald an einem Umsatzanteil von 20 Prozent. "Das ist gerade eine echt tolle Zeit, um in diesem Geschäft zu sein", meint Morris. "Es ist unglaublich interessant, ein Teil dieser revolutionären Veränderungen zu sein." Magnus Lauster Ein Bürokrat räumt auf und setzt die Branche unter juristischen Druck New York (ml) - Dass sich in der Musikbranche nicht immer alle an die Spielregeln halten, hat dieser Wirtschaftszweig mit so ziemlich allen anderen Branchen gemeinsam. Wie solche Regelverstöße aufgedeckt werden, unterscheidet das Musikbiz indes in letzter Zeit ein wenig von anderen Industrien. Es ist vor allem der Ehrgeiz eines New Yorker Juristen, der in den USA die Rahmenbedingungen verändert. Eliot Spitzer, 1959 in der Bronx geboren, gilt seit Jahren als schärfster Hund unter den amerikanischen Wirtschaftspolizisten. Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats New York legte sich schon mit Versicherungen und Investmentfonds an, bevor er sich die Musikbranche vorknöpfte. Spitzer positioniert sich als Anwalt des kleinen Mannes, als Hüter der Verbraucherinteressen. In diesem Jahr will er Gouverneur von New York State werden. Sein Ermittlungsbüro deckte einen Bestechungsskandal im Radio auf: Seit Jahren war es schlecht gehütetes Geheimnis in der Branche, dass Plattenfirmen trotz eines expliziten Verbots über Mittelsmänner Einfluss auf die Programmgestaltung der Sender nehmen. Diese "Payola" genannte Praxis verschlang Unsummen, nahezu alle waren darin verstrickt und niemand gab es zu. Bis Spitzer und seine Kollegen genug Beweise gesammelt hatten, um die ersten Firmen vor Gericht zu bringen. Sony BMG war das erste Unternehmen, das sein Fehlverhalten eingestand, Besserung gelobte und dabei zehn Millionen Dollar für einen Vergleich bezahlte, der eine Klage Spitzers verhinderte. Warner Music widerfuhr wenig später dasselbe Schicksal; die Firma zahlte wegen ihres kleineren Marktanteils nur fünf Millionen Dollar. Beobachter erwarten, dass die außergerichtlichen Einigungen mit EMI und Universal nur noch eine Frage der Zeit sind. Während sich die Branche noch von den Auswirkungen der Spitzerschen Payola-Ermittlungen erholte, nahm der Generalstaatsanwalt bereits erneut Anlauf: Derzeit untersucht er, ob und inwieweit Plattenfirmen in ihren Verträgen mit Downloadhändlern Preisabsprachen getroffen haben. Vor allem eine Meistbegünstigungsklausel ist ihm ein Dorn im Auge. Die Lizenzverträge zwischen Rechteinhabern und Onlinevermarktern garantieren einzelnen Labels angeblich die exakt gleichen Bedingungen, die auch Mitbewerbern angeboten werden. Sollte eines der Labels bei den Lizenzverhandlungen mit den Digitalshops bessere Konditionen für sich herausschlagen, müssten diese demnach auch allen anderen Labels angeboten werden. Eine "signifikant den Wettbewerb verzerrende Preispraktik", wie Spitzer findet. Damit dürfte auch das Jahr 2006 juristisch spannend für die US-Branche werden. Versteht sich als Anwalt des kleinen Mannes: Eliot Spitzer