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BDKV prangert Flickenteppich der Corona-Verfügungen an

Wie der BDKV anmahnt, machen "widersprüchliche und unterschiedliche Corona-Verfügungen" der 16 Bundesländer einen Tourneebetrieb in Deutschland "weiterhin unmöglich". Die Veranstaltungswirtschaft erfahre zudem eine "Ungleichbehandlung im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen". So könne es nicht weitergehen.

30.06.2020 14:10 • von Frank Medwedeff
Ruft die Politik zu einheitlichem Handeln auf: Jens Michow (Bild: Klaus Westermann)

Wie der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) anmahnt, machen "widersprüchliche und unterschiedliche Corona-Verfügungen" der 16 Bundesländer einen Tourneebetrieb in Deutschland "weiterhin unmöglich". Die Veranstaltungswirtschaft erfahre zudem eine "Ungleichbehandlung im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen". So könne es nicht weitergehen, was auch der Vergleich mit anderen Nationen verdeutliche.

Während sich an Deutschlands Küsten die Strände zusehends mit Besuchermassen füllten, die Transportfahrzeuge der ÖPNV-Betriebe werktags wieder auf eine normale Auslastung zuliefen, vollbesetzte Flugzeuge gefüllt in Urlaubsdestinationen abheben können, und sich vielerorts die Bevölkerung unbeeindruckt von Mindestabstandsregelungen und Hygienekonzepten bewegen könne, liege die Veranstaltungswirtschaft weiterhin brach, wie der BDKV konstatiert.

"Der Wirtschaftszweig liegt völlig am Boden und sieht kein Licht am Ende des Tunnels", sagt BDKV-Präsident Jens Michow. "Wann Veranstaltungen bundesweit wieder zuverlässig geplant werden können, ist derzeit nicht absehbar. Wir gehörten zu den Ersten, die wirtschaftlich von der Krise betroffen waren, und werden wohl die Letzten sein, die eine Rückkehr zur Normalität erleben."

Der Verband habe bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass "ein wirtschaftlich auskömmlicher Veranstaltungsbetrieb unter Einhaltung der Abstandsreglungen nicht möglich" sei. "Selbst, wenn sich ein Veranstalter fände, der bereit wäre, unter Verlusten oder finanziert durch öffentliche Zuschüsse eine Tournee zu veranstalten: Die 16 unterschiedlichen, in sich und untereinander widersprüchlichen Landesverfügungen erlauben keine einheitliche Durchführung von Tourneeveranstaltungen", so der Verbandspräsident. Der "Flickenteppich der Verordnungen" habe nur zwei Gemeinsamkeiten: "Die Öffnung von Diskotheken und Clubs ist in allen 16 Bundesländern derzeit untersagt, und bei erlaubten Veranstaltungen sind Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten."

Bereits am 4. Juni 2020 habe der BDKV in seiner Veröffentlichung darauf hingewiesen, dass einheitliche Regelungen zwingend notwendig seien.

Nach Stand vom 29. Juni 2020 gelten indes folgende Unterschiede zwischen den Landesverordnungen, wie der Livebranchenverband zusammenfasst:

Acht Länder unterscheiden demnach Risiken innerhalb (weniger zulässige Teilnehmer) und außerhalb (mehr zulässige Teilnehmer) geschlossener Räume (Berlin, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Saarland). Sechs Länder koppeln laut BDKV höhere Teilnehmerzahlen an "unterschiedliche Formen der Registrierung oder Platzzuteilung" (Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Saarland).

Vier Länder schränken, wie der Verband aufführt, "Kapazitäten zusätzlich mit definierten Platzanforderungen" in Quadratmeter pro Besucher ein (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt). Das Spektrum der maximal zulässigen Teilnehmerzahl reiche dabei von 50 (Bayern) bis 1000 (Brandenburg, Sachsen, Thüringen) Teilnehmer innerhalb beziehungsweise 100 (Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt) bis 1000 Teilnehmer (Brandenburg, Berlin, Hamburg, Sachsen, Thüringen) außerhalb geschlossener Räume.

Aktualisierungen von Verordnungen erfolgen, wie der BDKV bemängelt, "mit so kurzem Vorlauf, dass bereits deshalb jede Tourneeplanung unmöglich ist". So erlasse zum Beispiel Hamburg erst am 30. Juni 2020 die ab 1. Juli gültige Folgeverordnung.

Allein Baden-Württemberg zeige aktuell einen Fahrplan für die nächsten Wochen auf: Dort seien innerhalb wie außerhalb geschlossener Räume ab 1. Juli 2020 Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen (Registrierung, Stehplätze) beziehungsweise 250 Personen (Registrierung, Sitzplätze) und ab 1. August dann 500 Personen (nur Registrierung vorgeschrieben) zulässig. "Auf einer solchen Basis ließe sich in der relevanten Größenordnung zumindest planen, wenn die Basis denn einheitlich wäre", stellt der BDKV fest.

Dass einheitliche Regelungen möglich seien, zeige indes der Blick ins benachbarte Ausland: "In keinem anderen EU-Land gibt es einen vergleichbaren Regelungs-Flickenteppich wie in Deutschland", so Michow. Dänemark etwa erlaube seit dem 22. Mai 2020 bereits 500 Teilnehmer auf Veranstaltungen innerhalb und außerhalb geschlossener Räume mit der Zusatzforderung von vier Quadratmetern (außerhalb) beziehungsweise zwei Quadratmetern (innerhalb) Platzbedarf pro Teilnehmer. Selbst Spanien lasse seit dem 25. Mai wieder Veranstaltungen zu mit bis zu 50 Teilnehmern innerhalb und 400 Teilnehmern außerhalb geschlossener Räumlichkeiten. In Frankreich erlaubten die für die Wiederöffnung von Konzerthäusern getroffenen Regelungen bereits wieder eine Tourneeplanung für Veranstaltungen.

Die Niederlande erlauben gar, wie der BDKV berichtet, als erstes EU-Land unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln bereits wieder "unbegrenzte (!) Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen, wenn die Besucher sich zusätzlich vor dem Betreten der Veranstaltung einem Gesundheitscheck unterziehen".

Währenddessen zerbreche die betriebliche und künstlerische Kulturlandschaft der Veranstaltungswirtschaft in Deutschland "an einem Flickenteppich unabgestimmter Regelungswerke".

Jens Michow merkt an: "Es macht mich ärgerlich, wenn ich heute in einer Hamburger Tageszeitung die Überschrift lese: 'Hamburg erlaubt Veranstaltungen mit bis zu 1000 Menschen'. Wenn man dann weiter liest, kommen die zahlreichen Einschränkungen: 'im Freien', 'mit festen Sitzplätzen', ansonsten sind auch im Freien nur bis zu 200 und in geschlossenen Räumen sogar nur 100 Personen erlaubt. Das erweckt den trügerischen Eindruck, dass auch die Veranstaltungsbranche auf dem Weg in die Rückkehr zur Normalität sei - mit Normalität haben solche Veranstaltungen aber absolut gar nichts zu tun."

Michow betont, dass der BDKV "alle dem Infektionsschutz dienenden Maßnahmen" akzeptiere. "Aber wir fordern die Ministerpräsidenten der Länder auf, sich endlich bei Veranstaltungsverboten und vertretbaren Lockerungen miteinander abzustimmen und sich im Interesse des Kulturbetriebs um Einheitlichkeit der Verordnungen zu bemühen."

"Von unserem Wirtschaftszweig ist die gesamte Musikwirtschaft abhängig. Davon leben über 150.000 Erwerbstätige und zigtausend ausübende Künstler und Musikautoren. Kommunen und Städte nehmen durch den Musiktourismus jährlich fünf Milliarden Euro ein", wie Michow aufzählt. "Ich würde mir wünschen, dass die Politik versteht, dass es hier nicht nur um die Zukunft der deutschen Konzert-, Tournee- und Festivalveranstalter geht, sondern dass ein großer Teil unseres Kulturbetriebs existentiell bedroht ist."