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FYEO-Plattform: Auf der Jagd nach "Audio-Blockbustern"

ProSiebenSat.1 hat mit FYEO seine eigene Plattform im boomenden Audio-Bereich gestartet. Die wie Netflix-Serien geplanten Original-Hörspiele bieten Chancen für Filmproduktionsfirmen.

26.06.2020 11:19 • von Michael Müller
V.l.: Die FYEO-Hörspiele "Makel", "Ritus Modem" und "Lynn ist nicht allein" (Bild: FYEO)

Als sich die Audio-Plattform Spotify im Mai die mehrjährigen Exklusiv-Rechte an dem Podcast des Amerikaners Joe Rogan für 100 Millionen Dollar sicherte, war der nächste Meilenstein in diesem boomenden Unterhaltungsbereich erreicht. Der frühere Mixed-Martial-Arts-Kommentator und Stand-up-Comedian Rogan erlangte über die Jahre Berühmtheit, in dem er stundenlang Unterhaltungen wie mit dem Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders oder dem Tesla-Erfinder und Multimilliardär Elon Musk führte. Letzterer rauchte in Rogans Sendung einen Joint und verhalf so dem Podcast weltweit zum Gesprächsthema zu werden.

Jan Böhmermann und Olli Schulz als populärste deutsche Podcaster streamen ihre Laber-Sendung "Fest & Flauschig" auch exklusiv auf Spotify. Auf dem schwedischen Musikstreamingdienst ist ebenso der Podcast "Baywatch Berlin" von ProSieben-Moderator Klaas Heufer-Umlauf mit seinen befreundeten Producern Jakob Lundt und Thomas Schmitt immer weit oben in den Charts zu finden. Die Gespräche der drei waren so beliebt, dass ProSieben das Format kurzerhand während der Corona-Pandemie ins Fernsehprogramm beförderte. An einem Tag gelang dem Podcast sogar ein besserer Marktanteil in der Zielgruppe als der deutlich aufwendiger produzierten "Late Night Berlin" mit Heufer-Umlauf.

"Baywatch Berlin" gibt es auch auf der neuen Audio-Plattform von ProSiebenSat1, die am 23. April gelauncht wurde. Ihr Name ist: "For Your Ears Only" (FYEO) - leicht abgeändert angelehnt an den fantastischen Bond-Song "For Your Eyes Only". Die Mediengruppe RTL Deutschland ging mit ihrer Plattform Audio Now schon ein Jahr früher online. Ähnlich wie bei den "Streaming Wars" zwischen Netflix, Amazon Prime und Disney+ sowie den lokalen Anbietern wie TVNow oder Joyn gilt es auch hier, sich gegen übermächtig erscheinende Konkurrenten durchzusetzen.

Um sich aus dem stetig wachsenden Podcast-Markt herauszuheben, setzt der Director Content von FYEO, Tristan Lehmann, vor allem auch auf selbst ernannte "Audio-Blockbuster". Er strich bei der Konzeptentwicklung für die Plattform früh den Begriff "Hörspiel" aus seinem Sprachgebrauch. "Tatsächlich ist das ein Begriff, der in Deutschland stark mit kindlichen Inhalten verbunden wird: "Die drei ???", "Bibi Blocksberg" und "Benjamin Blümchen" - einfach, weil das so extrem populäre Formate sind", sagt Lehmann. "Bei der Suche nach einem passenderen Begriff entstand das Wort Audio-Blockbuster. Kein Wort, das ich ausprobiert habe, hat zu einem größeren Aha-Moment geführt. Es ist immer sofort klar, was wir machen wollen: starke Inhalte mit Anspruch." Ein Ziel sei es dabei, viel stärker das serielle Erzählen in den Podcast-Bereich zu bringen.

Zum FYEO-Start gab es 18 Originals, deren erste Episode User jeweils kostenlos hören können. Für den Rest muss ein monatliches Premium-Abonnement über 4,99 Euro abgeschlossen werden. Das Thriller-Hörspiel "Makel" mit den prominenten Sprechern Peter Lohmeyer, Heike Makatsch und Alice Dwyer, das in der Zusammenarbeit mit der Filmproduktionsfirma Czar entstand, gibt es dann zum Beispiel in Gänze auf die Ohren. Bei dem True-Crime-Format "Lynn ist nicht allein" wird den Hörern vorgegaukelt, es sei ein Podcast, dabei ist es gescripted wie ein Hörspiel. Um das Realitätsgefühl zu verstärken, gingen die Sprecher raus in die Natur und nahmen ihre Szenen on location auf. Jeden Monat sollen ungefähr zwei neue Originals auf FYEO hinzukommen.

Für den FYEO-Start eingeplant, dann aber auf den 18. Juni verschoben werden musste das achtteilige Mystery-Hörspiel "Ritus Modem", bei dem Memo Jeftic mit Till Kleinert und Jasmina Wesolowski die Bücher entwickelte. Als der Aufnahmeprozess in den letzten Zügen lag, ging Corona gerade los. Eine beteiligte Person der Produktion hatte in einem der Hochrisikogebiete Urlaub gemacht. Das komplette Produktionsteam ging daraufhin freiwillig in den Quarantäne-Modus. Nach der ersten Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel lagen die Aufnahmen dann weiter brach. Als sich die Situation etwas entspannte, konnten die fehlenden restlichen Sprechrollen aber aufgenommen werden.

"Ritus Modem" ist ein erstes hell funkelndes Juwel im Angebot der FYEO-Originals. Die Handlung spielt im Jahr 1997. Die Teenagerin Sarah (Muriel Wimmer) entdeckt das Internet über den Zugang ihres Vaters. Dort trifft sie den Chat-Teilnehmer D.L. (Tobias Nath), der reichlich mit Wissen gesegnet ist - vor allem im Bezug auf die Bewohner ihrer Kleinstadt. Er hilft ihr mit Informationen, erwartet aber auch eine Gegenleistung. Als sich Sarahs Mathematik-Lehrer umbringt, was D.L. vorhersagt, wird ihr der Chat-Partner aber immer unheimlicher. Dabei kombinieren die Macher gekonnt und lebendig das Coming-of-Age-Genre mit Mystery-Elementen und spielen mit bekannten Hörspiel-Elementen, die sie erzählerisch neu ausrichten.

Jeftic, der als Produzent die treibende Kraft hinter "Ritus Modem" ist, hat in Mainz seine kleine Produktionsfirma Memofilm, die sehr projektorientiert arbeitet und viele Dokumentarstoffe für das öffentlich-rechtliche Fernsehen entwickelt. Diese sind aktuell aufgrund des Coronavirus, der das Reisen einschränkt, allerdings ins kommende Jahr verschoben. Den Regisseur Kleinert, der 2014 mit seinem Horrorfilm "Der Samurai" auf der Berlinale Weltpremiere feierte, kennt er schon seit dem gemeinsamen Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB). Sie haben jeweils die Kamera beim Erstjahresfilms des anderen gemacht, freundeten sich über einen ähnlichen Filmgeschmack an.

"Die Hörspiele, die jetzt für FYEO produziert wurden, wären auch sehr gut für eine Serie geeignet gewesen", sagt Jeftic. Bei Hörspielen neige man automatisch dazu, eher dialoglastig zu schreiben. Das ist ein interessanter Aspekt, weil Hörspiele nicht wie Filme an Budgetgrenzen für aufwendige Actionszenen oder Spezialeffekte scheitern, da die Fantasie des Zuhörers das für die Produktion übernimmt. Mit leichten erzählerischen Anpassungen wäre so aus "Ritus Modem" eine nicht zu aufwendige Serie für die ProSiebenSat.1-Streamingplattform Joyn herzustellen. Dazu sagt Content-Chef Lehmann: "Es macht natürlich total Sinn, dass wir im Gesamtkonzern denken. Als wir angefangen haben, dass Thema Audio zu pitchen, habe ich immer gesagt: Was wir mit FYEO machen, ist wie ein Blanco-Dominostein. Den können wir sowohl vorne als auch hinten anlegen. Bei uns können Formate originär entstehen, wir können aber auch aus bestehenden Stoffen etwas im Audio-Bereich adaptieren. Es war nie so, dass wir gesagt hätten, dass wir speziell Stoffe für Bewegtbild entwickeln. Es ist aber denkbar."

"Ritus Modem" bearbeitet thematisch die 1990er-Jahre, was clever ist, weil die Hörspielreihe so einerseits die positiv besetzte Nostalgie des Jahrzehnts einer ganzen Generation mitnimmt, andererseits Entwicklungen wie das heute alles bestimmende Internet in seinen Anfangstagen untersucht. "Nicht die 1980er-Jahre, sondern die 1990er-Jahre sind eine Zeit, die unsere Generation extrem geprägt hat. Da ist der Film-, Comic- und Musikgeschmack entstanden. Ich glaube, dass die 1990er-Jahre vor allem eine sehr sorglose Zeit waren. Der 11. September 2001 war noch ein bisschen hin. Es war eine Jugend, in der einem vermittelt wurde: Es stehen euch alle Türen offen, ihr könnt alles werden, was ihr wollt, wenn ihr euch nur genügend Mühe gebt", erklärt Jeftic.

Hörspiele habe in Deutschland eine lange Tradition. Früher zogen sich die Menschen noch schick an, wenn sie sich vor den Radioempfänger setzten, um dem neuesten Hörspiel zu lauschen. In den 1980er-Jahren wurden die so genannten Kassettenkinder geprägt, die ihre Kindheit hindurch zum Einschlafen Hörspiele genossen. Damals entstand ein auditives Bedürfnis, was dann ein Jahrzehnt lang nicht bediente wurde. Erst mit dem Aufkommen der Podcasts, die aus den USA nach Deutschland herüberschwappten, gab es wieder eine Entsprechung, die unter anderem erklärt, warum die Wochenzeitung "Die Zeit" inzwischen ein gutes Dutzend Podcasts betreibt. Das Hörspiel "Ritus Modem" spielt aber auch durch das gelernte Wissen aus der Kassettenkinder-Zeit mit dem Hörer. Der Fokus der Geschichte liegt deutlich auf den heranwachsenden Protagonistinnen Sarah und Pia. Jungs kommen eher in der Form eines eindimensionalen Comic-Relief-Charakters vor. Kleinert, der neben der Arbeit am Buch auch bei einigen Dialogen Regie führte - die Hauptregie hatte Viola Löffler -, spricht in diesem Zusammenhang von einer "poetischen Gerechtigkeit". Er vergleicht "Ritus Modem" mit der Hörspiel-Klassiker-Reihe "TKKG", wo die einzige weibliche Figur der jugendlichen Gruppe auf die Eigenschaft "tierlieb" reduziert wurde und bei den gefährlicheren Abenteuern Zuhause bleiben musste. "Ich finde es wiederum auch ganz cool und fair, wenn es hier mal komplett umgekehrt läuft", sagt Kleinert im Bezug auf die Rollenverteilung in ihrem Hörspiel.

Auch ein spannender Aspekt ist die Rolle des Erzählers. Im klassischen 1980er-Jahre Hörspiel galt der als Freund der Protagonisten, der sich mit deren Sache gemein machte. In "Ritus Modem" merkt der Hörer dagegen schon früh, dass die Aussagen dieses Erzählers gewisse Widerhaken besitzen. "Bei uns gibt es notwendigerweise eine Erzählerstimme, um für den Hörer den szenischen Kontext herstellen zu können. Aus dieser Notwendigkeit haben sich für uns aber auch nochmal ganz neue erzählerische Möglichkeiten ergeben, die im weiteren Verlauf der Geschichte noch wahnsinnig wichtig werden", sagt Kleinert.

Jeftic und Kleinert loben die Zusammenarbeit mit FYEO: "Wir fühlten uns in unserem Geschmack respektiert und hatten inhaltlich viele Freiheiten. Wir haben wirklich die Geschichte geschrieben, die wir erzählen wollten." Offenbar ist das Ganze auch finanziell lukrativ. Die Hörspielproduktion sei dahingehend nicht so weit weg von der Fernsehproduktion. "Wir wurden von FYEO gut behandelt", sagt Jeftic, der auch schon für das junge Angebot funk von ARD und ZDF die Webserie "Girl Cave" drehte. Seine Produktionsfirma arbeitet bereits an weiteren Hörspielen für FYEO. Das eine ist ein Doku-Fiction-Podcast über die Geschichte der RAF, der ein Stückweit an die Machart der HBO-Serie "Chernobyl" angelehnt ist. Bei einem anderen Projekt schreibt auch wieder Kleinert mit.

Auch über die Hörspiele hinaus arbeiten Jeftic und Kleinert zusammen. "Ich produziere aktuell Tills zweiten Spielfilm "Turn on the Bright Lights" (AT). Da haben wir schon Entwicklungsförderung des Medienboard Berlin-Brandenburg erhalten", sagt Jeftic. Kleinerts erster Film "Der Samurai" reiste um die Festivalwelt, gilt in Deutschland aber immer noch nur als Horror-Geheimtipp. Sein großer Durchbruch könnte die Sky-Serie "Hausen" werden, die er als Creator und Head-Autor gemeinsam mit der Autorin Anna Stoeva entwickelte und die in diesem Jahr noch herauskommen soll. Die Hörspielszenen von "Ritus Modem", bei denen er Regie führte, empfand er als zweischneidiges Schwert. Die Regiearbeit sei es entspannt, sehr schnell und lade zum Herumspielen ein. Gerade die verhältnismäßig schmale Technik befreie.

"Ich muss es natürlich auch viel stärker in die Hände der Schauspieler geben. Anders als bei der klassischen Bildregie, wo ich durch das Szenenbild, die Kamerabewegung und -perspektive Einfluss nehmen kann, ist die Einflussnahme beim Hörspiel beschränkt auf das, was die Schauspieler im Moment tut und sagt. Das kann auf eine Art auch beängstigend sein", sagt Kleinert. Die Arbeit mit aufstrebenden Schauspielern wie Muriel Wimmer oder dem bekannten Synchronsprecher Tobias Nath, der in Kinofilmen etwa Ben Whishaw seine Stimme leiht, habe aber wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wenn es den Hörern gefällt, könnte die Geschichte auch weitergehen. Sie ist keineswegs auf eine Staffel angelegt, wie der große Cliffhanger in der letzten Episode unterstreicht. "Die Figuren haben wir lieb gewonnen und wünschen uns auch, mehr über sie zu erfahren", sagt Kleinert.