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Thomas Hammerl denkt über "Systemumbau" nach

In einem Gastkommentar für MusikWoche macht sich Thomas Hammerl, Geschäftsführer Hammerl Kommunikation, Gedanken darüber, wie man die Corona-Krise auch als Chance begreifen könnte und macht konkrete Vorschläge.

29.05.2020 09:22 • von Dietmar Schwenger
Regt eine Neu-Verteilung des monetären Supports an: Thomas Hamerl (Bild: Thomas Hammerl Kommunikation)

In einem Gastkommentar für MusikWoche macht sich Thomas Hammerl, Geschäftsführer der Augsburger PR-Agentur Hammerl Kommunikation, Gedanken darüber, wie man die Corona-Krise auch als Chance begreifen könnte, und macht konkrete Vorschläge.

Der Text im Wortlaut:

Der (eventuell bis Ende 2020) bestehende Lockdown des fast kompletten Kulturbereiches ist für diese facettenreiche Branche eine Katastrophe. Es besteht die große Gefahr, dass Diverse(s) den "Kulturinfarkt" nicht überleben und deshalb die Vielfalt des Angebots minimiert wird. Während der Fortbestand der »systemrelevanten« Wirtschaft finanzielle Unterstützung vom Staat erhält, hat die lebensrelevante Kultur dort keinen adäquat hohen Stellenwert.

In jeder Krise steckt jedoch auch eine Chance! Sie könnte darin liegen, auf den kulturellen Sektor mit anderen Augen zu schauen als bislang. Vieles muss auf den Prüfstand. zum Beispiel die Diskrepanz zwischen den von staatlicher Seite mit viel Geld subventionierten Opern-/Theaterhäusern/Kulturorchestern auf der einen und einem bunten, vom Publikum viel stärker frequentiertem Kulturangebot privater Veranstalter auf der anderen Seite! Kurz: Es besteht die Gelegenheit zum historischen Systemumbau!

Der Ausgangspunkt wäre ein überkonfessioneller Thinktank - erst auf Regierungsebene, dann pro Bundesland und Kommune. Teilnehmer könnten Kulturschaffende und politische Entscheidungsträger sein. Dort sollten realistische Antworten auf Fragen gefunden werden wie: Welche Institutionen bekamen bislang wie viel Geld? Wo floss unverhältnismäßig viel Geld hin? Wo war es zu wenig? Wer/was ist in seinem Fortbestand gefährdet?

Nach der Analyse ist in dieser Arbeitsgruppe eine Diskussion zu führen - ohne Präferenzen für E(rnstes) oder U(nterhaltung). Ziel wäre es, den optimalen Kompromiss für ein gut durchdachtes Strategiekonzept im Sinne einer nationalen Kulturreform fernab elitärer Bevormundung zu finden.

Überlegenswerte ­Ansätze:

? Subjekt- statt Objekt-Förderung.

? Anstelle autoritär verteilter Budgets Neu-Verteilung des monetären Supports unter dem Aspekt der Gleichberechtigung für sämtliche Kulturinstitutionen = "Kultur für alle"!

? Erhebung einer "Kulturgebühr". Finanzierung: ein Prozentpunkt der Mehrwertsteuer. Oder: Reduktion der überzogenen Rundfunkgebühren für aufgeblasene Apparate im öffentlich-rechtlichen Bereich. Dort eingesparte Gelder kommen in den "Kultur-Pott"!

? Kulturgutscheine zur freien Verwendung für die Mittelschicht/Bedürftigen.

? Abschaffung horrender, intransparenter Gebühren bei Online-Ticket­agenturen!

? Gründung einer genreübergreifenden Interessenvertretung der kulturellen Branche (DKL = Deutsche Kultur Liga), der ähnlich der einflussreichen DFL (Deutsche Fußball Liga) als Repräsentant eines milliardenschweren Wirtschaftsfaktors bei der Politik ein Top-Stellenwert eingeräumt wird. Sollte es nach dem Muster der FIFA mal eine internationale, nicht korrupte (!) Kulturorganisation geben, könnte diese auf Agenten, Managements und VIP-Künstler einwirken, damit Eintrittspreise künftig günstiger kalkuliert werden können, und darauf plädieren, dass sie eine soziale Verantwortung für ihre Zunft haben, anstatt dem persönlichen Profit Priorität einzuräumen.

Die Suche nach der effizientesten Route aus der Krise muss intelligent-behutsam erfolgen. Vielleicht lässt sich dabei die Richtigkeit eines Ausspruches von Theodor Heuss beweisen. Der erste Bundespräsident der BRD sagte 1951: "Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht mit Kultur Politik!"

zur Person:Thomas Hammerl gründete seine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit im Jahr 2000, nachdem er sich von seinem Junior-Partner und der mit ihm ins Leben gerufenen Fima Servicecom getrennt hatte. Der gebürtige Augsburger ist gelernter Journalist mit den Spezialgebieten Pop/Rock und Film. Hammerl war zudem in Festanstellung unter anderem beim Jugendmagazin »Popcorn«, bei Radio RT 1 und Tele 5 beschäftigt.